Man kennt das von Schauspielern; wer einmal versucht hat, auf Kommando zu lachen oder zu weinen, weiß, wie schwierig das ist. Man kann natürlich so tun als ob, aber damit wird man niemanden täuschen, nicht einmal seinen Teddybär. Es geht nur durch Manipulation der eigenen Gefühlslage. Man muss Trauer oder Heiterkeit spüren, Verzweiflung oder Komik empfinden, sich in die entsprechende Stimmung hineinversetzen, die eigene Gefühlslage gehörig manipulieren, um diese glaubhaft verkörpern zu können. Ein gutes Gegenbeispiel ist die Lachkonserve, die ja eigentlich zum Heulen ist, von den Soap-Operas ganz zu schweigen. Diese Selbstmanipulation gelingt am besten mit Bildern, mit einem kleinen Gehirnfilm. Filme wenden sich ja weniger an den Intellekt als vielmehr an das Gefühl; durch die Bilder, die Musik und die Handlungen wird das eigene Gefühlsleben angeregt, man identifiziert sich emotional mit der Situation und vielleicht auch mit einzelnen Helden, erinnert sich an eigenes Erleben, an ungelebte Wünsche und nicht realisierte Fantasien, und dadurch werden unter anderem auch Mehr oder weniger starke Gefühle erzeugt, freigesetzt und manipuliert. Wer einen passenden Film auf Abruf im Kopf ablaufen lassen kann und dazu nicht erst ins Kino gehen muss, ist also im Vorteil. Es war im Fall des Tanzes eben nicht die Erklärung und auch nicht das Beispiel, sondern die Erzeugung der richtigen Gefühls, was die Lösung brachte. Der Schlüssel zum Ganzen war dennoch sehr wohl der Intellekt, denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, die angemessene Gefühlslage erzeugen zu wollen, wenn ich nicht vorher die Einsicht gehabt hätte, worauf es ankommt. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich diese Einsicht gewann. Möglicherweise lediglich durch das Auge, das heißt durch die Betrachtung von Flamencotänzern; diese Beobachtung allein erzeugte aber nicht direkt die richtigen Bewegungsabläufe und das richtige Gefühl, wie von Glasersfeld annahm, sondern lediglich die Erkenntnis, dass diese Tänzer ja nicht nur ihre Gliedmaßen in dieser oder jener Weise bewegen, sondern mit ihrem Tanz ihrerseits wiederum Gefühle beim Zuschauer hervorrufen. Diese Gefühle des Stolzes und der Kraft, der erotischen Prahlerei und des unbedingten Willens, die Partnerin zu beeindrucken, zu umgarnen, zu verführen, zu betören, heiß zu machen, das war es, worauf es beim Tanz ankam. Die Lösung bestand für mich also darin, mich in einen solchen Macho einzufühlen, mir vorzustellen, wie ein hormongepeitschter Gockel sich fühlen muss, die entsprechende Stimmung bei mir zu erzeugen, mich selbst also auch als Macho zu fühlen, und dann die einstudierten Bewegungen auszuführen, oder besser gesagt: Sie einfach kommen zu lassen, den Tanz sich selbst tanzen zu lassen, sich ganz zu vergessen und vollkommen im Gefühl aufzugehen. Darin besteht vermutlich auch der Reiz der Filme, sich nämlich in Figuren und Schicksale hineinzuversetzen, die einem im Grunde fremd sind; der Schauspieler identifiziert sich mit dieser Figur mehr oder weniger gut und stellt sie deshalb für uns mehr oder weniger glaubhaft und nachvollziehbar dar. Einfühlung ist also etwas ganz Landläufiges. Auch im Sport ist die Sache an sich ein alter Hut, denn für Sportler wird seit vielen Jahren ein sogenanntes mentales Training empfohlen, was im Grunde ebenfalls so etwas wie ein Gehirnfilm ist: | Das eigentliche mentale Training in der Sportpsychologie ist das wiederholte Sich-Vorstellen eines sportlichen Handlungsablaufes, ohne die Handlung aktiv auszuüben. In dieser Form des "Mentalen Trainings" wurden Methoden der Verhaltenstherapie, bei welchen Entspannungsübungen mit visuellen, auditiven, olfaktorischen, emotionalen und/oder haptischen Vorstellungen verbunden werden, an die sportpsychologischen Erfordernisse angepasst. Eine Verbesserung des Bewegungsablaufs in der bewussten intensiven Vorstellung soll eine Verbesserung des späteren tatsächlich ausgeführten Bewegungsablaufs bewirken. Die erzielte Wirkung hängt davon ab, wie lebhaft die Vorstellung gelingt, das heißt, wie gut es gelingt, sich in die Bewegung hineinzuversetzen und die inneren Prozesse nachzuempfinden. Für ein wirksames Training ist ein Wechseln zwischen mentalem Training und dem wirklichen Training wichtig, um die Handlung in der Vorstellung immer wieder mit der ausgeführten wirklichen Handlung abzugleichen. » mentales Training | | | Hierbei muss der Trainierende allerdings schon wissen, wie es sich anfühlt, um den Film erzeugen zu können. Es wäre ja schließlich äußerst unproduktiv, wenn durch das mentale Training völlig falsche Wirkungen vertieft und verfestigt würden. Das ist natürlich immer ein großes Problem: Wie gut konnte es mir beispielsweise gelingen, mich wie ein andalusischer Macho zu fühlen, wo ich doch ein norddeutscher Softie bin? Auch dazu musste ich auf fremde Vorstellungen zurückgreifen, auf alles das, was ich in meinem Leben über solche Leute und deren Befindlichkeiten erfahren hatte. Zurück zur Sitzschulung und zur DVD von Johann Riegler: Wir müssen also erst einmal wissen, worum es geht. Der Film setzt ebenfalls ganz klar auf die Wirkung von Einsichten. Eine wichtige Funktion hat insbesondere die medizinische Erläuterung in der Mitte der DVD. Dieser Teil enthält kein Pferd, keine Reiterin, keinen Johann Riegler, überhaupt keine Realität. Stattdessen sanfte Musik, eine wunderbare Computeranimation und die einschmeichelnde Stimme eines professionellen Sprechers.
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