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Editorial zu Ausgabe 473

 
W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
20.04.2008

Erkenntnis

Wie kann man etwas wissen? Es gibt Erfahrungswissen: man hat es immer schon so gemacht, es funktioniert, und es gibt logisches Wissen: Mathematik, zum Beispiel, etwas, das sich rein gedanklich ergibt und nicht aus der Erfahrung ableiten läßt, und dann gibt es noch die Wissenschaft, aber das ist eigentlich keine Erfahrung, sondern eine Methode. In diesem Sinne ist der Begriff "Erfahrungswissenschafft" widersinnig.

Wissenschaft sammelt zwar auch Erfahrungen, aber lediglich in Bezug auf Hypothesen, die ein Erklärungsmodell anbieten, das zu den Beobachtungen paßt und widerlegt werden kann, nämlich durch neue Beobachtungen, die das bisherige Erklärungsmodell außer Kraft setzen.

Was ist dann nun der Pferdesport? Ganz zweifellos Erfahrungswissen. Man hat es schon immer so gemacht, es funktioniert, und deshalb macht man es weiter so. Mit anderen Worten: Es wird sich nie ändern.



Wandel

Aber das stimmt auch nicht, denn alles ist stets im Wandel, insbesondere wir selbst, alles wiederholt sich und doch auch nicht, denn alles ist immer wieder neu und insofern wiederholt sich nie etwas. Es ist undenkbar, daß wir unsere Pferde so traktieren könnten, wie vor der Erfindung der klassischen Reitkunst. Auf der anderen Seite sind unsere Methoden vielleicht so sehr verschieden nicht, aber verfeinert. Die Menschheit war schon immer brutal und ruchlos, wer will da richten, ob Hitler, Stalin oder andere Massenmörder schlimmer waren als Dschingis Chan, Karl der Große, Alexander der Große oder sonstige Massenschlächter?

Trotz aller Greuel auch der modernen Kriegführung bis hin zu Massenvernichtungsmitteln und Selbstmordattentätern haben wir doch den Eindruck, daß die Menschheit sich ganz allmählich fortentwickelt, so wie auch die Wissenschaft sich sehr schwergetan hat und der Fortschritt entsetzlich langsam vonstatten geht, aber dafür unaufhaltsam. Die Schreckensnachrichten reißen nicht ab und werden das auch in Zukunft nicht tun, aber für viele Menschen wäre es undenkbar, selber an solchen Machenschaften beteiligt zu sein.



Hoffnung

Deshalb halte ich es nicht für unwahrscheinlich, daß die Vision des Alexander Nevzorov, daß künftige Generationen auf unsere Methoden, mit Pferden umzugehen, mit Abscheu reagieren werden, so wie wir frühere Sklavenhaltergesellschaften für unzweifelhaft verabscheuungswürdig halten, sich verwirklicht - im Grunde ist das nur logisch. Dabei darf man sich meines Erachtens allerdings keine Illusionen machen. Das Ausmaß an Unrecht, Unglück und Unheil ist vermutlich zu jeder Zeit viel größer, als wir uns das vorstellen können.

Im Grunde kann man das gar nicht verstehen. Denn will nicht jeder vor allen Dingen glücklich werden? Das Glück aber scheint in so weiter Ferne zu liegen, so unerreichbar zu sein, daß die meisten Leute sich mit falscher Münze zufriedengeben und froh sind, wenn sie Spaß haben, und wenn der Spaß auch noch so schal sein sollte. Dumm nur, daß es nicht nur die Abwesenheit von Glück ist, die zu schaffen macht, sondern die Anwesenheit von Unglück. Das sollte doch eigentlich ein Antrieb sein, die Verhältnisse zu ändern. Das Unglück zu vermindern, wäre ja schon eine Menge.



Pferde

Ist es nicht ein Glück, daß es überhaupt Pferde gibt? Manche Pferde bieten nun selber wieder ein Bild des Unglücks, aber viele Pferde scheinen doch ganz edle Wesen zu sein, deren Ausstrahlung die ihrer Besitzer mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Wieviel Mühe macht man sich, das Pferd optimal herauszubringen - wendet man dieselbe Mühe auch auf die Menschen an? Es gibt diese Strömung zweifellos, die den Adel der Pferde durch den Umgang des Menschen auf diesen abfärben lassen möchte. » Rudolf G. Binding und seine » Reitvorschrift für eine Geliebte fällt mir dazu beispielsweise ein.

Sind möglicherweise die Pferde die besseren Menschen? Wenn ich mir die geknebelten und gequälten Pferde vom letzten Wochenende anschaue, habe ich den Eindruck, daß diese wissen, daß sie einen Preis zahlen, der ihren Wesenskern nicht betrifft. Zwar werden sie für eine gewisse Zeit gequält, aber danach werden sie in Ruhe gelassen und anständig gepflegt. Ja, manchmal habe ich den Eindruck, sie wüßten, daß sie den Menschen dienen, um diesen Erfahrungen zu ermöglichen, die notwendig sind, um das Menschsein entwickeln zu können.

 
Chefredakteur und Herausgeber
 
 




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