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Editorial zu Ausgabe 472

 
W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
13.04.2008

Springen

Nach so langer Zeit wieder einmal Sport, Spitzensport, Springsport, genauer gesagt. Es ist schon toll, wie diese Pferde springen können, und so richtig deutlich wird das erst durch die Fotos. Im Foto wird die Dramatik eigentlich erst herausgearbeitet, das Unglaubliche faßbar. Wie kann es sein, daß so riesige Körper durch die Luft fliegen? Wie kann der Körper abheben?

Auf manchen Fotos sieht es aus, als ob die Pferde mit den Hinterbeinen fest am Boden stehen, aber durch die Serienschaltung, die die Abfolge der Bewegungen wieder nachvollziehen hilft, sieht man die einzelnen Phasen des Sprungs ganz deutlich, so etwa, wenn sie sich mit den Hinterbeinen vom Boden abdrücken, wenn sie parallel zum Boden mit angezogenen Beinen zu schweben scheinen, wenn sich der Körper nach unten neigt und die Vorderbeine schon dem Boden entgegengestreckt werden, wenn schließlich die vorderen Hufe durch die Last des schweren, nachfolgenden Körpers so abgebogen werden, daß das Fesselbein fast den Boden berührt, die Hinterbeine schließlich nachfolgen und den Vorderkörper fast zum Stolpern bringen.

In Wirklichkeit spielt sich das alles so schnell ab, daß man so gut wie gar nichts mitbekommt. Natürlich, die Stange fällt oder nicht, das bekommt man schon mit, man nimmt auch charakteristische Bewegungsabläufe wahr, etwa die aufsteigende Phase, vielleicht auch die Schwebephase, aber schon die Landung und der Übergang zum normalen Galopp gehen, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, unter.



Wahrnehmung

Es ist ja nicht nur so, daß wir wegen der Geschwindigkeit der Abläufe nicht wahrnehmen können, was wirklich passiert, es sind auch zu viele Eindrücke. Auf einem Foto kann man ganz genau den Ausdruck des Pferdekopfes studieren, man kann sich den Reiter anschauen und wahrnehmen, was in ihm gerade vorgeht, wie er sich fühlt, aber im Wettbewerb, bei voller Geschwindigkeit, kann man das nicht. Man sieht nur Reiter und Pferde.

Nimmt man sich aber nun die Zeit und betrachtet ein Bild in aller Ruhe, läßt es auf sich wirken, fühlt sich hinein, kann man dann sagen, daß man die Situation richtig und vollständig erfaßt hat? Vermutlich nicht. Mir ist schon aufgefallen, daß die Reiter recht einsam sind, was ja nicht verwundert, weil sie ja gegeneinander konkurrieren. Aber was es mit der allgegenwärtigen Werbung auf sich hat, wurde mir erst klar, als ich die Internet-Seite des Teilnehmers studierte, den ich in meinem Artikel als einzigen näher vorgestellt habe. Die Werbung auf seiner Schabracke war nicht zu übersehen, aber erst das Nichtausgesprochene, die Hintergrundinformationen, die ich mir zusammenreimen konnte, ergaben für mich ein Bild, das den Reiter in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich die Situation korrekt erfaßt habe. Wie leicht interpretiert man etwas in eine Situation hinein, und wie leicht liegt man dabei schief? Und selbst wenn ich alles wüßte - könnte ich diesen Menschen verstehen? Vermutlich nicht - denn ich verstehe mich ja selber nicht. Das wiederum könnte damit zusammenhängen, daß meine Selbstwahrnehmung beeinträchtigt ist. Andere habe vielleicht ein viel klareres Bild von mir als ich selbst. Welches trifft nun zu? Oder schließen die sich gar nicht aus, können sogar widersprüchliche Wahrnehmungen gleichermaßen gültig sein?



Prügel

Es ist so leicht, jemanden zu verurteilen. Als ich über den Turnierplatz geschlendert bin, habe ich mich gefragt, warum die Teilnehmer das alles machen. Ein ungeheurer Aufwand und so wenig Freude, so wenig Befriedigung, so wenig Begeisterung! Ich habe versucht, zu verstehen, was einen dazu bewegen kann, diese Opfer zu bringen. Fast niemand war mir bekannt; nur zu einem Teilnehmer hatte ich einmal ganz kurzen Kontakt, den konnte ich ein bißchen einschätzen. Warum tat er sich das an? Würde ich das auch tun, wenn ich in seiner Lage wäre?

Am Ende bin ich ganz still geworden und habe mich eines Urteils enthalten. Abgesehen davon, daß es mir gar nicht zustehen würde, hatte ich das Gefühl, daß ich nicht urteilen könnte. Wahrscheinlich kann ich noch nicht mal verstehen, worum es dabei geht. Daß der Umgang mit Pferden Freude bereiten kann, ist keine Frage, und daß das Springen für Pferd und Mensch Spaß machen kann, ist auch klar. Selbst der Wettbewerb als solcher ist ja nicht verkehrt, er stimuliert und regt an. Welche Opfer jemand bringen mußte, welche Arbeit er geleistet hat, welche Willenskraft er entwickeln mußte, um an einem solchen Turnier teilnehmen zu können, kann ich gar nicht ermessen.

Möglicherweise interpretiere ich sogar die von mir als anstößig empfundenen Bilder falsch. Vielleicht ist es gar nicht gedankenlos oder grausam, wenn die Pferde geknebelt und abgeriegelt werden. Vielleicht geht es allen diesen Sportlern so wie ich jetzt geschildert habe, und sie enthalten sich deshalb eines Urteils darüber, was ihre Kollegen mit ihren Pferden machen. Wenn die klugen Köpfe, die behaupten, daß die Pferde durch Beschlag, Gebiß und Zäumung enorm behindert werden, recht haben, müßten ja eigentlich diejenigen einen sportlichen Vorteil haben, die ihren Pferden das nicht antun.

Jedenfalls scheint es keinerlei Vorschriften hinsichtlich der Zäumung zu geben. Einige Reiter sind mit mechanischer Hackamore geritten, die vermutlich keineswegs zärtlicher zu den Pferden und vielleicht auch nur ein allerletzter Ausweg ist, weil diese Pferde inzwischen auf jegliche Art von Gebissen allergisch reagieren - wer weiß? Wir sind nicht dabei, wenn es zu unschönen Szenen kommt. Sollte jemand durch einfühlendes Verhalten einen sportlichen Vorteil erreichen können, würden sicher alle diese Methode nachahmen, um den Vorteil wieder wettzumachen, das liegt auf der Hand.

Aber vielleicht kann man Pferde auf diese Art und Weise gar nicht zu sportlichen Höchstleistungen bringen? Alle diese Leute mußten mit ihren Pferden die Höchstleistung in einer bestimmten Sekunde erbringen, nicht vorher und nicht nachher. Daß ihnen das gelungen ist, ist wohl ein Beweis dafür, daß sie wirklich etwas von Pferden verstehen. Oder sollte ich mich täuschen?

 
Chefredakteur und Herausgeber
 
 




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©1999-2008 · ISSN 1437-4528 · Statistik:  Übersicht
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