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Bericht Zum Thema Lebensgeschichte · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 204.03 der Pferdezeitung vom 23.02.03
 Menü Hauptartikel 204
 Neubeginn mit Pit 
 Training  Veränderungen  Einreiten
   Neuanfang  Aufregungen  Krankheiten  Auszug
Inhaltsmenü
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Erstes Longentraining

    Neubeginn mit Pit   
    Boxenhaltung mit Konsequenzen   
von Copyright wie angegeben  Merle Stürenburg



Mittlerweile war es Sommer geworden. Der Sommer des Jahres 1998. Meine Schwester Leevke und ich hatten unsere Pferde auf einem kleinen Bauernhof untergebracht. Von unserer Herde mit ehemals fünf Pferden waren nur noch Smoky, der Wallach meiner Schwester, und Pit, mein zweijähriger Wallach, vorhanden.

Im Herbst des letzten Jahres waren sowohl meine Stute Cara, als auch die Stute meines Vaters auf tragische Weise gestorben ( Tod und Verwirrung). Finn, das Fohlen meiner Stute, hatte ich im Frühjahr verkauft. Die zunehmenden Schwierigkeiten, die er uns und sich selbst bereitete, waren wahrscheinlich von uns selbst hervorgerufen worden, da wir ihn nicht ausreichend erzogen, im Gegenteil sogar eher verwöhnt hatten. Er hatte sich dahingehend entwickelt, dass niemand von uns mehr mit ihm arbeiten konnte.

In diesem Frühjahr war Finn genau wie Pit zwei Jahre alt geworden. Wir hatten damit begonnen, die beiden anzulongieren. Bei Finn gestaltete sich dieses Vorhaben so, dass er mich an der Longe hinter sich über den Reitplatz zog oder einmal beim Ausschlagen Mara vor die Brust traf. Da er nicht nur unsere, sondern auch seine eigene körperliche Unversehrtheit gefährdete, hatten wir uns schweren Herzens zum Verkauf entschlossen.

Ich hatte eigentlich erwartet, dass Pit diese Trennung sehr schwer fallen würde. Er hatte lange Zeit mit Finn zusammen gestanden. Finn war, nachdem Pit von seiner Mutter getrennt worden war, die erste "Bezugsperson" für ihn gewesen. Wider Erwarten vermittelte er jedoch den Eindruck, mit der neuen Situation recht zufrieden zu sein. Pferde scheinen ihre früheren Herdenmitglieder nicht dauerhaft zu vermissen.

Ich arbeitete jetzt also nur noch mit Pit. Er ist zwar kein einfaches, aber ein überaus gelehriges Pferd. Diesem Umstand ist es wahrscheinlich zuzuschreiben, dass wir nicht aneinander verzweifelt sind. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt zwar eine vage Vorstellung davon, wie ich die Ausbildung meines Pferdes gestalten wollte, jedoch eigentlich kein Fachwissen vom Einreiten junger Pferde.

Allerdings stellte ich auch keine hohen Ansprüche. Ich wollte ihm, nach meinem Können, eine Grundausbildung zuteil werden lassen, mich mit ihm und seinen Eigenarten vertraut machen, ebenso wie er sich auf mich als seinen Menschen einstellen sollte.



Training


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Copyright wie angegeben
Wasser aus dem Schlauch
Zu unserem Trainingsprogramm gehörte auch das Putzen, das Angebundensein und das Stillstehen. Mein Pferd hat ein arges Problem mit diesem letzten Punkt. Zuerst einmal braucht er immer eine Beschäftigung. Mittlerweile hat er es sich abgewöhnt, an meiner Kleidung herumzukauen. Dafür nimmt er mit Vorliebe den Strick ins Maul und bearbeitet ihn.

Von einem anderen Pferd, das zu der Zeit auch bei diesen Bauern unterstand, hat er sich eine weitere Eigenart angewöhnt: manchmal sperrt er das Maul auf und spielt mit seiner Zunge, d. h. er streckt sie zu allen Seiten heraus oder verknotet sie auf seltsame Weise.

Besonders beliebt war bei ihm der Wasserschlauch. Auf dem Hof hatten wir einen Anbindeplatz, an dem wir die Pferde nach dem Reiten abspritzen konnten. Erst hatte ich mir Sorgen gemacht, er könne sich vor dem Wasser fürchten. Um Pfützen macht er, so weit es geht, tatsächlich einen großen Bogen.

Vom laufenden Wasser konnte er aber nicht genug bekommen. Er klemmte sich das Ende des Schlauches so geschickt zwischen die Vorderzähne, dass er direkt daraus trinken konnte.Der Wasserschlauch scheint seinem Spiel- und Knabbertrieb entgegenzukommen.

Auf dem Reitplatz machte ich Übungen im Führen und im Longieren. Schritt, Anhalten, Schritt, Antraben, Durchparieren zum Schritt, Wendung nach links oder rechts. Dazu gab ich die passenden mündlichen Befehle, um ihn auf das Longieren vorzubereiten. Anfangs arbeitete ich mit Leckerlies. Für eine besonders gelungene Aufgabe bekam er dann eine Belohnung. Das steigerte seine Motivation natürlich ungemein.

Nach einiger Zeit konnte ich diese Übungen sogar ohne Strick ausführen. Wahrscheinlich ist das kein besonderes Kunststück, aber dieser Erfolg wiederum steigerte nun meine Motivation ungemein. Mein Pferd lief aus freien Stücken hinter mir her, reagierte darauf, wenn ich plötzliche Wendungen vollzog oder unvermittelt stehen blieb. Ich hatte das Gefühl, dass wir einen guten Anfang gemacht hatten.

Dann begann ich mit dem Longieren. Ich hatte natürlich Ratschläge des Bauern bekommen. So arbeitete ich immer nur für einen Zeitraum von höchstens einer halben Stunde. Mir wurde erklärt, dass ich die Longe durch den inneren Gebissring ziehen und im äußeren einhaken sollte. Anfangs benutzte ich eine Trense des Bauern, dann bekam ich zum Geburtstag von meiner Schwester und meiner Mutter ein spezielles Ausbildungsgebiss geschenkt.

Auch an der Longe übte ich nun die drei unterschiedlichen Gangarten. Hier musste er lernen, nur auf meine Stimme zu hören. Er lernte erstaunlich schnell. Nur mit dem Anhalten hatten wir unsere Probleme. So tief und langsam ich ihn auch dazu aufforderte, manchmal ließ er sich gerne lang bitten.

Ein weiteres Spielchen, das er liebte, war folgendes: sobald er keine Lust mehr hatte, im Kreis um mich herum zu laufen, machte er einen kleinen Sprung nach außen, so dass er mit dem Kopf zu mir zum Stehen kam. Damit konnte er mich in den Wahnsinn treiben.

Das einzige, was mir einfiel, war, ihn mit Hilfe der Longe zu mir zu holen, mich wieder in die richtige Position zu bringen (also schräg hinter ihm) und dann von Neuem zu beginnen. Sollte ihm an dem Tag jedoch der Schalk im Nacken sitzen oder er einfach wirklich keine Lust auf mein Programm haben, dann spielte er so lange, bis ich nur noch darauf wartete, daß er eine kurze Zeit gut gelaufen war, um dann möglichst schnell abzubrechen.


Veränderungen


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Smokey muß auch was tun
Auch Leevke arbeitete viel mit Smoky. Meistens ritt sie auf dem Reitplatz. Dort machte sie ausdauerndes Dressurtraining, anfangs einige Male unter Anleitung des alten Bauern oder einer Frau, die eins der Pferde pflegte. Ihr Verhältnis mit Smoky verbesserte sich in dieser Zeit zusehens. Meiner Erinnerung nach nahmen die Auseinandersetzungen mit ihm durch das ausdauernde Training drastisch ab.

Schon in diesem Herbst kündigten sich einige tiefgreifende Veränderungen an. Das andere Mädchen, dessen Pferd bei den Bauern unterstand, kam immer seltener, so dass Leevke schon wieder mit niemandem gemeinsam ausreiten konnte. Das war schade, weil der Bauernhof unter anderem deshalb für Leevke so attraktiv gewesen war.

Dieses Mädchen kam nun in das Alter, in denen ihr Freunde, Freizeit und Schule wichtiger waren als die Zeit, die sie mit ihrem Pferd verbrachte. Sie suchte daher eine Reitbeteiligung für Ihr Pferd, und wurde auch schnell fündig.

Damit nahm eine neue Person ihren Einzug in den Stall. Besagte Frau, die eins der Pferde der Bauern geritten hatte, nahm ihren Abschied, die Gründe dafür weiß ich nicht mehr. Dem Seniorbauern ging es gesundheitlich immer schlechter. Er musste für lange Zeit ins Krankenhaus; sein Hausarzt hatte die Tumorwucherungen über lange Zeit hinweg nicht erkannt.

Im Winter 1998/99 hatten wir eine wahre Mauke-Epidemie. Jedes Pferd im Stall war befallen. Der Tierarzt verordnete, dass wir täglich die Fesseln waschen, die Mauke abknibbeln und daraufhin erneut die Fesseln waschen sollten. Für ihn war der Umstand, dass jedes unserer Pferde befallen war, nicht verwunderlich. Ich schnappte eine Bemerkung auf, dass es in allen Reitställen ähnlich sei.

Ich wunderte mich schon ein wenig. Wir hatten vorher noch nie mit dieser Krankheit zu tun gehabt, obwohl unsere Pferde im Winter auf ihrem Auslauf die meiste Zeit (freiwillig) knöcheltief im Matsch standen. Für Pit und mich war es allerdings eine gute Gelegenheit, das ausdauernde Stillstehen zu üben. Schon nach ein paar Tagen hatte er sich das Zappeln fast vollständig abgewöhnt, und das, obwohl die Prozedur sehr zeitaufwändig war.

Gegen Ende des Winters verstarb der Seniorbauer. Er hatte seine letzten Tage noch Zuhause verbringen dürften, war aber schon erschreckend ausgemergelt und schwach. Mit seinem Tod schien das Herz des Hofes gestorben zu sein. Sein Sohn und seine Frau litten sehr darunter. Niemanden von uns ließ das Ereignis unberührt.

Doch die Zeit verging und allmählich stellte sich wieder Normalität ein. Der Juniorbauer musste nun mit einer doppelten Belastung leben: nicht nur seine normale Arbeit, sondern auch noch der gesamte Hofbetrieb lastete jetzt auf seinen Schultern. Die Atmosphäre des Hofes veränderte sich immer weiter.


Einreiten


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Der Sattel liegt schon...
Im Sommer 1999 hielt ein neues Pensionspferd Einzug. Es war eine alte Stute, deren Besitzerin sie zwar nicht mehr ritt, aber dafür mit Hingabe pflegte und putzte. Das Mädchen, mit dem wir uns gut verstanden hatten, entschied sich dafür, sein Pferd zu verkaufen.

Nach einigem Überlegen übernahm die Reitbeteiligung den Wallach. Sie kam jedoch mit ihm nicht besonders gut zurecht. Seine vorherige Besitzerin war relativ sorglos mit ihm durchs Gelände geritten. Die beiden schienen ein gutes Team gewesen zu sein.

Das andere Mädchen konnte ihn schwer halten. Nachdem er ihr einmal durchgegangen und auf der Straße weggerutscht war, ritt sie ihn konsequent nur noch auf dem Platz, was meiner Meinung nach weder ihr noch dem Pferd gut tat.

Zu dieser Zeit begann ich auch, Pit langsam an das Gewicht eines Reiters zu gewöhnen. Nach einer Winterpause, in der wir auf dem Reitplatz wegen Eis und gefrorenem Boden nicht arbeiten konnten, führte ich meine Longier- und Führübungen weiter fort.

Ausserdem übte ich mit einigen Bodenstangen und Hütchen. Anfangs legte ich mich im Anschluss an unser Programm nur für einige Sekunden quer über seinen Rücken. Nach einiger Zeit wagte ich es, mich am Putzplatz auf seinen Rücken zu setzen.

Meiner Erinnerung nach versuchte ich auch ein paar Mal, mich auf dem Reitplatz für kurze Zeit auf ihn zu setzen. Der Juniorbauer hatte in seinem Leben schon einige Pferde eingeritten und empfahl mir eine andere Methode: draufsetzen, einmal durchstehen und fertig.

Ich hatte nicht den Mut dazu und auch keine genaue Vorstellung davon, wie ich es anders hätte tun sollen. Ich hatte eigentlich die Idee, ihn in kleinen Schritten immer mehr an mich auf seinem Rücken zu gewöhnen, war mir aber nicht sicher, ob die sanfte Methode die richtige sei.

Der Bauer nahm daher die Ausführung in die Hand. Im späten Frühjahr hatte ich begonnen, Pit mit Sattel zu longieren, damit er sich auch daran schon gewöhnen konnte. Der Mann schwang sich nun einfach auf Pits Rücken, der natürlich sofort begann, wie wild zu buckeln. Einige Male bekam er einen kräftigen Schlag mit der Gerte, wenn er versuchte, den Bauern abzuwerfen.

Unbarmherig wurde er vorwärtsgetrieben. Schritt sollte er gehen, geradeaus und selbstverständlich nicht buckeln. Nach einigen Runden Theater waren sowohl Pferd als auch Reiter total verschwitzt. Pit hatte für einige Meter nicht mehr gebuckelt. Daraufhin saß der Bauer wieder ab.

Nach diesem einen Mal habe ich lange Zeit niemand anderen mehr auf Pit reiten lassen. Ich hatte ja selbst nicht den Mut dazu gehabt, den Schritt zu gehen, ihn wirklich zu reiten (also nicht bloß im Stand auf ihm zu sitzen). Also konnte ich es auch nur mir selbst vorwerfen, daß diese erste Reiterfahrung für ihn jetzt so ausgesehen hatte.

Ich zog immer eher den sanften Umgang vor. Zu sehen, wie er geschlagen wurde, machte mir meine Entscheidung dafür, mich nicht zu überwinden und es einfach selbst zu wagen, noch schmerzlicher. Ich weiß natürlich nicht, wie es bei mir ausgesehen hätte, aber so etwas wollte ich auf jeden Fall nicht noch einmal sehen.


Neuanfang


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Pit ist ein Reitpferd geworden
Nach ein paar Tagen überwand ich mich deshalb und ritt ihn selbst. Zwei Runden Schritt ging er ganz brav und ruhig. Ich redete die ganze Zeit beruhigend auf ihn ein und achtete darauf, daß ich ihn weder mit meinen Schenkeln noch den Zügeln unnötig durcheinander brachte. Und er machte keine Anstalten, mich abzuwerfen!

Zu früh gefreut. Plötzlich schoß er los im Galopp und buckelte einige Sekunden. Ich nahm automatisch die Zügel an und klammerte mich mit den Beinen fest. Kein Problem, Rodeo durchgestanden. Und das, ohne ihn zu schlagen. Dazu hatte ich natürlich in dem Moment auch weder das Instrument noch die Muße.

Nach diesem kleinen Anfall schien er sich jedoch zufrieden zu geben. Ich hatte das Gefühl, mich bewährt zu haben. Nachdem er diese Buckelrunde mit mir veranstaltet hatte, war im Gegenteil meine Scheu vor dem Reiten auf ihm noch weiter geschwunden. Solche Pferde hatte ich doch früher auch schon geritten. Wieso sollte ich mich jetzt vor meinem eigenen fürchten?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es dauerte auf jeden Fall mehrere Wochen, bis er erneut einen Versuch startete. Ansonsten war er sehr gelehrig und ausgeglichen. Wir arbeiteten in unserem bisherigen Tempo und meinen "sanften" Methoden weiter.

Planlos, vielleicht auch auf die falsche Art und Weise, aber für mich und ihn auf der Basis meines Kenntnisstandes und meinem Gefühl nach die einzig mögliche Methode. Und so völlig verkehrt war es wahrscheinlich auch nicht, denn wir konnten eigentlich ganz gut miteinander kommunizieren.

Ich übte mit ihm wiederum die Übergange von einer Gangart zur nächsten, Wendungen, Einsatz der Zügel-, Gewichts- und Schenkelhilfen an Bahnfiguren, etc. so gut ich es eben vermochte. Im frühen Herbst schon hielt es mich nicht mehr auf dem Reitplatz.

Ich bin eben doch eher der Typ Geländereiter, obwohl ich den Sinn und die Notwendigkeit der Übungen auf dem Platz einsehe. Gemeinsam mit meiner Schwester machte ich vereinzelte kurze Ausritte in die Umgebung. Smoky war dabei ein guter Lehrmeister. Solange Pit sich an ihn halten konnte, war er zufrieden.

Eine weitere Eigenart, die er besaß (und die teilweise auch heute manchmal noch durchkommt) war, dass er sehr oft stehenblieb. Wenn er in der Ferne etwas Ungewöhnliches, Beunruhigendes oder Interessantes entdeckte, blieb er erst einmal auf der Stelle stehen und schaute.

Nach ein paar Sekunden, je nachdem, was er gerade erspäht hatte, konnten wir unseren Weg fortsetzen. Wenn ihn seine Entdeckung sehr beunruhigt, fühle ich, wie sein Herz beginnt, ganz kräftig zu puckern. Eigentlich ist er ein kleiner Feigling, auch wenn er noch so gross und imposant tut.


Aufregungen


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Die beiden Schwestern mit ihren Pferden...
Vielleicht liegt das auch daran, daß er ein hochgezüchtetes Tier ist. Bei einigen Anlässen kann er sich maßlos aufregen, wie etwa, als wir an einer Weide mit Jungbullen vorbeireiten wollten. Smoky lief souverän vorne weg. Pit beäugte die zwei Tiere, die in etwa einem Kilometer Entfernung auf ihrer Weide standen, äusserst misstrauisch.

Er blieb stehen und ich fühlte, wie sein Herz auf besagte Art und Weise zu schlagen begann. Daraufhin entschloss ich mich, abzusitzen und ihn an der Weide vorbei zu führen. Wenn nicht nur Smoky sondern auch ich gelassen vor ihm her liefen - so dachte ich -, würde er erkennen, dass ihm keine Gefahr drohte und uns einfach folgen.

Nun wurden auch die Jungbullen auf uns aufmerksam. Erst schauten sie nur interesssiert. Dann jedoch stürmten sie plötzlich los, geradewegs auf uns zu. Ich habe selten Bulllen in solcher Bewegung gesehen. Normalerweise scheinen sie eher träge zu fressen, als sich für andere Lebewesen zu interessieren.

Smoky blieb ganz ruhig und gefasst. Pit hingegen geriet nun vollends in Panik. Er sprang seitlich in die Büsche, machte eine Kehrtwendung auf der Hinterhand und raste in die entgegengesetzte Richtung davon. Natürlich konnte ich ihn nicht halten (wäre ich nicht abgestiegen, hätte ich wahrscheinlich eine bessere Chance gehabt).

Nach einigen Schrecksekunden lief ich sofort hinter ihm her. Er lief nicht weit, nur ca. einen Kilometer. Ohne seine Herde (damit meine ich hauptsächlich Smoky; soviel kann ich mir auf meine Beziehung zu ihm leider nicht einbilden) wollte er ja eigentlich auf keinen Fall in der großen bösen Welt unterwegs sein.

Er schien hoch erfreut, mich wiederzusehen und kam direkt zu mir gelaufen. Seither traut er auch Kühen nicht über den Weg. Der Arme hat eine traumatische Erfahrung gemacht.

Die Atmosphäre im Stall veränderte sich immer mehr ins Negative. Leevke und ich wurden von den beiden anderen Frauen arg gerügt, wenn wir die Pferde nach dem Reiten oder im Dunkeln noch auf die Weide liessen (vor allem bei kalten Temperaturen und ohne Decke).

Auch mit der Zeitaufteilung, wer wann den Reitplatz oder die Weide nutzen durfte, gab es arge Probleme. Die Pferde gemeinsam auf die Weide zu schicken, kam natürlich nicht in Frage (sie könnten sich ja gegenseitig verletzen). Wir fühlten uns immer unwohler und zunehmend unter Druck gesetzt.

Ich machte die ganze Situation natürlich nicht besser, indem ich für lange Zeit so gut wie gar nicht mehr mit einer der Beiden sprach, anstatt eine Auseinandersetzung mit eventuell folgender Klärung zu riskieren.


Krankheiten


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Ein ungleiches Paar...
Im Winter 1999/2000 wurde es wieder ganz dramatisch. Zum einen bekam Smoky furchtbaren Husten. Er hatte eine Heuallergie entwickelt. Er bekam zwar das Heu nun immer befeuchtet, wurde aber nicht wirklich vom Husten befreit. Ausserdem wurde er immer dünner und sah kränklich und unzufrieden aus.

Hinzu kam, dass Pit fast gestorben wäre. Auch diese Krankheit kam plötzlich. Ich war am Nachmittag des vorherigen Tages am Stall gewesen. Erst am nächsten Tag erfuhr ich vom Bauern, dass Pit die Nacht beinahe nicht überlebt hätte.

Er hatte hohes Fieber, Husten und mochte sich kaum bewegen. Der Tierarzt hatte noch in der Nacht alles Mögliche für ihn getan, und er hatte sie tatsächlich überlebt. Fast einen Monat musste er nun auf Anordnung des Tierarztes in seiner Box stehen, um sich auszukurieren. Der Tierarzt erschien acht mal, und schickte eine Rechnung über 1400 Mark.

In der Zeit, in der er Boxenruhe verschrieben bekommen hatte, konnte ich nichts anderes tun, als ihn zu pflegen. Mit der Zeit ging es ihm auch wieder besser. Je mehr Energie er bekam, desto weniger konnte er es jedoch im Stall aushalten. Es war eine harte Zeit für ihn, vor allem, wenn die anderen hinaus durften.

Er begann mit zunehmenden Kräften, in seiner Box zu randalieren und riss sich bei einer Gelegenheit (auf welche Art auch immer) eine ca. einen Zentimeter lange Wunde unterm Kinn, die der Tierarzt umständlich nähte. Pit blieb sowohl bei dieser Prozedur als auch beim Ziehen der Fäden erstaunlich ruhig.

Nach Ablauf der Zeit durfte ich wieder anfangen, ihn zu bewegen: das hieß, dass ich anfangs Spaziergänge mit ihm machte, erst nur für zehn Minuten und dann immer ausgedehnter. Langsam aber stetig erholte er sich wieder - und hatte natürlich überhaupt keine Lust, sich immer nur im Schritt bewegen zu dürfen, wenn er schon endlich die Box verlassen durfte.

Da es Frühling wurde, nutzte ich die Spaziergänge, um ihn ein wenig grasen zu lassen. Er sollte sich langsam wieder an diese Nahrung gewöhnen. Auf der Weide des Bauern wuchs natürlich nicht genug Gras, um die Pferde zu ernähren. Sie war mehr dazu gedacht, die Tiere stundenweise (und einzeln natürlich) laufen zu lassen. Aber in Leevke und mir war ein Entschluss gereift.

Anfang Mai wollten wir Pit und Smoky wieder auf unsere eigene Weide bringen. Wir hatten das Gefühl, dass sie in einem ordentlichen Stall zwar gut behütet und gepflegt, aber immer unglücklicher wurden.


Auszug


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Smokey mag den Schlauch ebenfalls...
Natürlich spielte in unserer Entscheidung auch unser eigenes Unwohlsein eine Rolle. Im Nachhinein überlege ich, ob die Umstände, dass es sowohl Leevke und mir als auch unseren Pferden in der Stallgemeinschaft immer schlechter ging, nicht in Zusammenhang standen.

Wir setzten unseren Plan auch in die Tat um. Zwar hatten wir noch keine Ahnung, wie und wo wir den nächsten Winter verbringen wollten, aber wir vertrauten auf unser Glück. Für den Sommer zumindest hatten wir usere große Weide an der Blutwiese. Notfalls wollten wir sie dort in Offenstallhaltung überwintern lassen. Erst einmal fühlten wir einfach nur eine große Erleichterung.

Wir hatten mündlich gekündigt und sattelten eines schönen Frühlingstages unsere Pferde wie zu einem Ausritt. Diesmal ritten wir jedoch zu unserer Weide. Pit und Smoky schienen ihr Glück kaum fassen zu können.

Ein Moment ist mir sehr stark in Erinnerung geblieben: Pit erkundete unseren kleinen Offenstall, in dem mein Vater ihn einst arg gebeutelt gefunden hatte ( Krankheit und Neuzugang). Er ging hinein, schnupperte einmal in die Runde, schien zu registrieren, dass er sich in einem Stall befand, machte auf dem Absatz kehrt und lief sofort wieder hinaus.

Ich hatte das Gefühl, dass er seine gerade wiedergewonnene Freiheit auf keinen Fall wieder verlieren wollte. So ging es auch mir. Nun war ein neuer Abschnitt zu Ende. Wir hatten etwas erfahren und gelernt, aber noch nicht verarbeitet.



Quellen


  1.  Tod und Verwirrung, Hauptgeschichte
  2.  Krankheit und Neuzugang, Hauptgeschichte



Abbildungen
©  Werner Popken



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  Lobback · Gerten
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