Zu unserem Trainingsprogramm gehörte auch das Putzen, das Angebundensein und das Stillstehen. Mein Pferd hat ein arges Problem mit diesem letzten Punkt. Zuerst einmal braucht er immer eine Beschäftigung. Mittlerweile hat er es sich abgewöhnt, an meiner Kleidung herumzukauen. Dafür nimmt er mit Vorliebe den Strick ins Maul und bearbeitet ihn.
Von einem anderen Pferd, das zu der Zeit auch bei diesen Bauern unterstand, hat er sich eine weitere Eigenart angewöhnt: manchmal sperrt er das Maul auf und spielt mit seiner Zunge, d. h. er streckt sie zu allen Seiten heraus oder verknotet sie auf seltsame Weise.
Besonders beliebt war bei ihm der Wasserschlauch. Auf dem Hof hatten wir einen Anbindeplatz, an dem wir die Pferde nach dem Reiten abspritzen konnten. Erst hatte ich mir Sorgen gemacht, er könne sich vor dem Wasser fürchten. Um Pfützen macht er, so weit es geht, tatsächlich einen großen Bogen.
Vom laufenden Wasser konnte er aber nicht genug bekommen. Er klemmte sich das Ende des Schlauches so geschickt zwischen die Vorderzähne, dass er direkt daraus trinken konnte.Der Wasserschlauch scheint seinem Spiel- und Knabbertrieb entgegenzukommen.
Auf dem Reitplatz machte ich Übungen im Führen und im Longieren. Schritt, Anhalten, Schritt, Antraben, Durchparieren zum Schritt, Wendung nach links oder rechts. Dazu gab ich die passenden mündlichen Befehle, um ihn auf das Longieren vorzubereiten. Anfangs arbeitete ich mit Leckerlies. Für eine besonders gelungene Aufgabe bekam er dann eine Belohnung. Das steigerte seine Motivation natürlich ungemein.
Nach einiger Zeit konnte ich diese Übungen sogar ohne Strick ausführen. Wahrscheinlich ist das kein besonderes Kunststück, aber dieser Erfolg wiederum steigerte nun meine Motivation ungemein. Mein Pferd lief aus freien Stücken hinter mir her, reagierte darauf, wenn ich plötzliche Wendungen vollzog oder unvermittelt stehen blieb. Ich hatte das Gefühl, dass wir einen guten Anfang gemacht hatten.
Dann begann ich mit dem Longieren. Ich hatte natürlich Ratschläge des Bauern bekommen. So arbeitete ich immer nur für einen Zeitraum von höchstens einer halben Stunde. Mir wurde erklärt, dass ich die Longe durch den inneren Gebissring ziehen und im äußeren einhaken sollte. Anfangs benutzte ich eine Trense des Bauern, dann bekam ich zum Geburtstag von meiner Schwester und meiner Mutter ein spezielles Ausbildungsgebiss geschenkt.
Auch an der Longe übte ich nun die drei unterschiedlichen Gangarten. Hier musste er lernen, nur auf meine Stimme zu hören. Er lernte erstaunlich schnell. Nur mit dem Anhalten hatten wir unsere Probleme. So tief und langsam ich ihn auch dazu aufforderte, manchmal ließ er sich gerne lang bitten.
Ein weiteres Spielchen, das er liebte, war folgendes: sobald er keine Lust mehr hatte, im Kreis um mich herum zu laufen, machte er einen kleinen Sprung nach außen, so dass er mit dem Kopf zu mir zum Stehen kam. Damit konnte er mich in den Wahnsinn treiben.
Das einzige, was mir einfiel, war, ihn mit Hilfe der Longe zu mir zu holen, mich wieder in die richtige Position zu bringen (also schräg hinter ihm) und dann von Neuem zu beginnen. Sollte ihm an dem Tag jedoch der Schalk im Nacken sitzen oder er einfach wirklich keine Lust auf mein Programm haben, dann spielte er so lange, bis ich nur noch darauf wartete, daß er eine kurze Zeit gut gelaufen war, um dann möglichst schnell abzubrechen.
|