| | | Reitkunst mit einem Kaltblüter |  |  |  |
| Es geht nicht darum, jemanden anzuklagen oder zu beschuldigen. Die Art und Weise, wie herkömmlich mit Pferden umgegangen wird, ist durchaus verständlich. Noch vor 100 Jahren galt das Pferd als im Kriegswesen unentbehrlich. Unsere heutigen Reitpferde wurden in dieser Zeit vornehmlich als Pferde für das Militär gezüchtet. Die Bauern hatten ganz andere Bedürfnisse, und die wenigen Leute, die privat oder beruflich Reitpferde einsetzten, richteten sich mehrere weniger nach der Militärkultur. Dort aber mußten die Pferde so abgerichtet werden, daß jeder beliebige Soldat sie sofort verwenden konnte; sie waren nichts als Mittel zum Zweck. Die Soldaten wiederum, die in der Regel zuvor mit Pferden noch nie etwas zu tun hatten, mußten in möglichst kurzer Zeit so gedrillt werden, daß sie auf dem Pferd ihren Zweck erfüllten - sie waren ja auch nichts anderes als Mittel zum Zweck, nämlich zum Zweck der Kriegführung. Wurde der Reiter oder das Pferd abgeschossen, so mußte der nächste Reiter, der seines Pferdes verlustig ging, ohne weiteres mit dem nächsten Pferd, das seinen Reiter verloren hatte, weitermachen können. Ich stelle mir das so vor wie heute den Autoverleih. Wo auch immer ich auf dieser Welt strande und auf einen Selbstfahrer angewiesen bin, halte ich Ausschau nach einem Autoverleih. Dort muß ich nachweisen, daß ich im Besitz eines gültigen Führerscheins bin - mehr nicht. Dann erhalte ich den Schlüssel und die ungefähre Angabe, wo ich das dazugehörige Auto auf dem Parkplatz finden kann, und werde entlassen. Ich erwarte, daß das Auto meine Fähigkeiten nicht übersteigt, und der Verleih traut mir umgekehrt zu, daß ich mit dem Auto problemlos umgehen kann und es unbeschädigt nach Gebrauch wieder abliefere. So stellen sich viele Leute das Reiten vor. Man lernt irgendwann und irgendwie, mehr oder weniger wie in der Fahrschule, mit dem Pferd umzugehen, und dann kann man sich auf jedes beliebige Pferd irgendwo auf der Welt setzen und losreiten. Das ist offensichtlich eine falsche Erwartung, jedenfalls dann, wenn man den Blick über den Tellerrand erhebt und sich die vielfältigen Reitweisen auf der ganzen Welt anschaut. Sie sind offensichtlich sehr unterschiedlich, aber trotzdem ist jede für sich höchst erfolgreich und in ihrem Kulturkreis entsprechend geachtet. In einem aber gleichen sich diese verschiedenen Reitweisen durchaus: nämlich in der Mißachtung des Pferdes. Diese Mißachtung des Pferdes ist keine neue Erfindung. Im Gegenteil nehme ich an, daß das Pferd in primitiven Kulturen viel stärker noch als Gegenstand betrachtet wird als bei uns, wo Pferde mitunter beträchtliche Summen kosten und schon deshalb mit Samthandschuhen angefasst werden. Fotos von Reiterspielen aus Gegenden dieser Welt, die Pferde noch sehr stark im Alltag einsetzen, schockieren regelmäßig durch Aufnahmen, die den ganz normalen und äußerst brutalen Umgang mit Pferden dokumentieren (ich brauche Ihnen diese Fotos sicherlich nicht vor Augen zu stellen, da Sie diese bestimmt hinreichend kennen). Und selbst die sogenannte klassische Reitkunst, die von vielen Leuten heute als die Rettung und das Heil angesehen werden, wovon beispielsweise Leute wie Nevzorov profitieren, ist nichts weiter als auf die Spitze getriebene militärische Anforderung an das Pferd und letzten Endes lächerlich, wenn man es genau betrachtet. Warum um Himmels willen sollte ein Pferd so etwas tun wollen oder müssen? Nun gut, es gibt auch Menschen, die meinen auf der Spitze tanzen zu müssen und es mag auch ein großer Genuß sein, sich ein Ballett anzuschauen, aber es wäre doch vollkommen verfehlt, wenn wir nun von unseren Kindergärten und Schulen verlangen würden, alle Kinder nach den Idealen des klassischen Balletts ausbilden zu müssen. Das wäre doch vollkommen absurd! Es muß auch nicht jedes Kind ein Fußballstar werden oder Rekorde auf der Eisbahn oder im Wasser erbringen, nur weil es einige Leute gibt, die das wollen und schaffen. Es reicht, wenn die Kinder sich körperlich ertüchtigen und Spaß an der Bewegung haben. Wenn Kinder Fußball spielen, dann darum, weil sie Lust darauf haben. Es muß nicht in Arbeit und schon gar nicht in Quälerei ausarten. Warum soll das bei den Pferden anders sein? Warum reicht es nicht, daß Pferde sich bewegen, so wie es ihnen gefällt? Warum reicht es nicht, daß Menschen mit Pferden so umgehen, daß es ihnen gefällt und den Pferden auch noch? Warum unterziehen sich Menschen einer jahrelangen disziplinierten Ausbildung, um sich dann von anderen Menschen beurteilen zu lassen? Was treibt diese Menschen? Angeblich soll es ja für Pferde so unglaublich schädlich sein, wenn sich ein Mensch auf deren Rücken setzt. Die Vertreter der Zwangstheorie werden nicht müde zu betonen, daß Pferde nicht dazu geschaffen wurden, Menschen auf ihrem Rücken zu tragen. Dieses Argument fand ich schon immer sehr schwach und im Grunde sogar komisch. Sind Menschen dazu gemacht worden, ihre Kinder mit sich herumzuschleppen? Eigentlich nicht, denke ich. Trotzdem ist es kein Problem, seine Kinder mit sich herumzuschleppen, noch dazu angesichts der Tatsache, daß diese Kinder zunächst ja sehr leicht sind und ganz allmählich erst schwerer werden, der Körper sich also ganz gemächlich an das zunehmende Gewicht gewöhnen kann. Aber selbst wenn man dazu keine Gelegenheit hat, weil man etwa als Onkel urplötzlich damit konfrontiert wird, ein Kind beliebigen Alters tragen zu müssen, stellt das normalerweise kein Problem dar. Kinder sind vergleichsweise so leicht, daß man sie in jeder beliebigen Stellung stundenlang herumschleppen kann. Warum sollte es Pferden, die doch so groß und so stark sind, Beschwerden bereiten, uns zu tragen?
| |