|  | | Gulliver zeigt das Taschenmesser |  |  |  |
| | Marjorie Smith ist in dieser Hinsicht weder naiv noch zaghaft. An einer Stelle ihres vorgestellten, vordergründig harmlosen Aufsatzes bezüglich des Umgangs mit Pferden sagt sie es bereits ganz deutlich:
| Wir Menschen leben in einer Gesellschaft, wo man uns manipuliert und ausnutzt. Durch unsere menschlich gefärbten Brillengläser fassen wir die Verwirrung des Pferdes und seine Handlungen zur Selbsterhaltung als ein weiteres Beispiel menschlicher "Bösartigkeit" auf und wir verhalten uns so, als wollte das Pferd "uns den Tag verderben".
Durch diese Fehlinterpretation verursachen wir eine Menge Ärger mit unseren Pferden. Pferde sind erstaunlich gutmütige Wesen. Sie sind treu und geradlinig. Wenn man sie klar und höflich bittet, scheinen sie mehr als gewillt, uns zu Diensten zu sein und gut mit uns auskommen zu wollen. Unfälle | | |
Diese Analogie zwischen der Gesellschaft der Menschen und der Gesellschaft der Pferde ist unmittelbar einleuchtend und bestechend, aber anscheinend überhaupt nicht naheliegend, denn sonst würden die politischen Implikationen der Pferdearbeit in jedem Buch und in jedem Video auftauchen. Andererseits ist diese Analogie nicht ganz neu, denn ist sie bereits einmal gezogen worden, allerdings auf eine ganz andere Weise und mit einer ganz anderen Intention, nämlich in einem Werk der Literatur, das zwar wenige - mich eingeschlossen - gelesen haben, das aber jedermann kennt, zumindest dem Namen nach: » Gullivers Reisen.
Dieses Buch ist seit seinem ersten Erscheinen 1726 im englischsprachigen Raum sehr populär und wird oft als Kinderbuch mißverstanden. Eigentlich ist es nämlich ein politisches Buch, das hochbrisante Themen, die nicht direkt angesprochen und diskutiert werden konnten, in eine phantastische Reisegeschichte zu unwahrscheinlichen Phantasiegesellschaften verpackt, um durch diese Verfremdung ungestraft aktuelle Mißstände anprangern zu können. Die erste Auflage wurde deshalb vom Verleger vorsichtshalber zensiert, erst 1735 kam eine unzensierte Fassung auf den Markt.
Die Methoden, die der Autor » Jonathan Swift anwendet, sind natürlich uralt, schon die alten Römer haben sich ihrer bedient und waren damit nicht die ersten. Immer dann, wenn man etwas nicht direkt aussprechen kann, greift man auf verschiedene alternative Methoden zurück, z. B. den Witz oder die Fabel oder die Satire, das Märchen, die Zukunftsvision, die Verfremdung, die Parodie usw.
| Inhalt
Der Protagonist, der Schiffsarzt Lemuel Gulliver, schildert seine Erlebnisse auf vier Reisen Anfang des 18. Jahrhunderts. Auf diesen Reisen machte er zunächst auf der Insel Liliput die Bekanntschaft der winzigen Einwohner. Diesen kann er unter anderem dadurch behilflich sein, dass er eine Feuersbrunst durch einfaches Pinkeln zum Erlöschen bringt. Auf der Insel Brobdingnag ist das Größenverhältnis umgekehrt; hier ist Gulliver der Zwerg: die Bewohner sind so riesig, dass ihn zum Beispiel eine Prinzessin auf einer ihrer Brustwarzen zu ihrem Vergnügen reiten lassen kann.
Er begegnet des weiteren den Bewohnern der schwebenden Insel Laputa, die die darunterliegende Insel Balnibarbi terrorisieren und ihr Leben einer überflüssigen (falschen) Bildung gewidmet haben. Auf der anliegenden Insel der Zauberer tritt er in Kontakt mit Verstorbenen (unter anderem Homer, Aristoteles) und lernt später die Nachteile der Unsterblichkeit (die Vorteile des Todes) kennen.
Schließlich, auf seiner letzten Reise, begegnet Gulliver den Houyhnhnms, rational agierenden Pferden, in deren Land Humanoiden leben (die Yahoos), die sich wie Tiere aufführen. Diese Pferde kennen nur die Kunst der Vernunft, kennen weder Not, Krankheit noch Krieg und halten die wilden Yahoos als Haus- und Lasttiere. Als Lemuel Gulliver auftaucht, stellen diese sich die Frage, ob Gulliver zu den Yahoos gehört oder ein Houyhnhnm auf zwei Beinen ist.
Wirkung
Die Intention des als misanthropisch einzustufenden Satirikers - der Autor war immerhin ein Priester, wenn auch ein deutlich politisch engagierter - ist, dem Leser zu zeigen, dass der Mensch als Gattung kein vernünftiges Geschöpf, sondern höchstens ein zur Vernunft fähiges Wesen ist. Gerade die Houyhnhnms der vierten Reise, die eigentlich "nur" Pferde sind, werden als unendlich viel weiser und friedliebender als der Mensch dargestellt. Daher ist dieses Werk eine unverblümte Satire auf die Gesellschaft zu jener Zeit - vor allem aufgrund der impliziten Kritik an den im frühen 18. Jahrhundert bestehenden Regierungsformen in Europa. Die fliegende Insel ist ein schwach verschleiertes England, das Irland (und Schottland) ausbluten lässt, und das Pinkeln auf das Königshaus des Deutschen (also Ausländers) Georg I. (Großbritannien) durchaus im übertragenen Sinne zu verstehen.
Das Werk ist pure Satire: Viel eher eine Streitschrift als ein frühes unpolitisches Werk der Science-Fiction, voller Seitenhiebe und Gehässigkeiten. Zum Lesen wird daher unbedingt eine kritische Originalausgabe empfohlen.
Als Gegenreaktion - man konnte dieses bekannte Werk nicht einfach "unterdrücken" - entstanden daher auch "entschärfte" Ausgaben, in denen die manchmal derben Episoden und gesellschaftskritischen Passagen ad usum Delphini aufbereitet wurden: es wurde solange zusammengestrichen und vereinfacht, bis aus dem brillanten, scharfzüngigen Werk der Weltliteratur ein Kinderbuch geworden war, das auch heute noch oft mit netten und lieblichen Illustrationen feilgeboten wird. » Gullivers Reisen | | |
Houyhnhnms sind die edlen, rationalen Wesen, wie Marjorie Smith sie vorstellt, während die Yahoos bösartige Naturwesen sind, die hier allerdings nicht die Pferde unterdrücken, sondern von diesen unterdrückt werden.
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