|  | | Grandville: Gulliver zeigt sein Taschenmesser |  |  |  |
In den vergangenen beiden Wochen habe ich einen Aufsatz von Marjorie Smith vorgestellt, der ihre Sichtweise von Pferden und von der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch erläutert (» Getting Along with Horses). Aus diesem Aufsatz wurde klar, daß Marjorie Smith wenig Beziehung zum traditionellen Pferdesport hat. Sie ist als Propagandistin für die Barhuf-Bewegung bekannt geworden (» Barefoot for Soundness), und die Barhuf-Anhänger plädieren im Regelfall außerdem für eine pferdegerechte Haltung.
Mit der pferdegerechten Haltung ist es aber nicht getan - der pferdegerechte Umgang gehört dazu. Und hier trifft sich diese Bewegung mit einer anderen, die am einfachsten durch den plakativen Begriff des Pferdeflüsterers beleuchtet wird. Der Begriff » Pferdeflüsterer wurde durch ein Buch bekanntgemacht, dessen Verfilmung diesen Begriff um die Welt getragen hat, so daß er auch Menschen bekannt ist, die gar keine Beziehung zu Pferden haben (» Der Pferdeflüsterer).
So hat der Begriff sich etabliert. Die Vorstellungen, die das Buch und der Film in die Welt gesetzt haben, sind im Grunde falsch und schrecklich und haben mit der Sache eigentlich nichts zu tun. Die meisten Pferdefreunde haben sich vermutlich weder Buch noch Film zugemutet, und die anderen sind keine Pferdefreunde - insofern ist der angerichtete Schaden vermutlich eher gering. Der eigentlich mit dem Begriff intendierte Sachverhalt ist aber im Prinzip recht gut verstanden. Deshalb verwende ich diesen Begriff gern und bin davon überzeugt, daß ich mich damit gut verständlich machen kann.
In den USA gibt es eine ganze Reihe von einflußreichen Pferdeflüsterern - Marjorie Smith hat Tom Dorrance zitiert -, die ihrerseits Leute beeinflußt haben, die dann bei uns Einfluß ausgeübt haben, etwa » Monty Roberts und Pat Parelli. Inzwischen gibt es auch bei uns viele Lehrer, die in diesem Sinne einflußreich sind, etwa Klaus Ferdinand Hempfling, Heinz Welz, Michael Geitner, um nur die bekanntesten zu nennen. Ich vermute, daß der Buchmarkt, soweit er sich auf Kommunikation und Training bezieht, inzwischen bereits zur Hälfte von Pferdeflüsterern bedient wird, die andere Hälfte von Anhängern der klassischen Reitweise oder des Turniersports. Diese neue Art, mit Pferden umzugehen, mit Pferden zu arbeiten, Pferde zu verstehen, hat also einen großen Einfluß gewonnen und ist nicht mehr wegzudenken (» Pferdesprache). Deshalb haben die Ausführungen von Marjorie Smith bei vielen Lesern, die in dieser Richtung bereits vorgebildet sind, lediglich bestätigt, was sie ohnehin schon wußten.
Die beiden Bewegungen - Barhuf und Pferdeflüstererei - sind nicht identisch. Fred Rai zum Beispiel, der nicht über die amerikanische Schiene zu seinem System gekommen ist, sondern auf eigene Faust und aufgrund eigener Erfahrungen, läßt seine Pferde beschlagen. Vermutlich ist er bisher mit Hufproblemen nicht so intensiv konfrontiert worden, daß er die komplexe Hufproblematik konsequent hätte durchdenken müssen. Die Anhänger der Barhuf-Methode haben sich dagegen meistens notgedrungen damit beschäftigt, weil ihre Pferde erheblich leiden mußten.
Nun wollen wir uns natürlich der Pferde erfreuen, und darum ging es in dem erwähnten Aufsatz in erster Linie, weniger um Probleme und gar nicht um Hufe. Zweifellos hat es im Laufe der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Pferd immer wieder Menschen gegeben, die in der skizzierten Weise mit Pferden kommunizieren konnten und auf diese Weise "das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde" erleben durften. Niemand kann behaupten, die Wahrheit und Weisheit für sich gepachtet zu haben, und bestimmt gibt es viele verschiedene Wege, die zum gleichen Ziel führen. Außerdem hat jeder das Recht auf Irrtum und muß seine eigenen Erfahrungen sammeln und reifen dürfen. Schließlich sind sowohl wir Menschen als auch die Pferde alle hochgradig individuell, und deshalb wird man keine Patentrezepte verschreiben können.
Indem wir aber Pferde als Lebewesen und als uns verwandt ansehen, wandeln wir uns und unser Verhältnis zur Welt. Wer das Pferd als Mitgeschöpf begreift, kann es nicht wie ein Motorrad benutzen. Und indem wir über unsere Kommunikation mit Pferden reflektieren, denken wir auch über die Kommunikation zwischen Menschen nach. Wenn ich ein Pferd nicht unterdrücken will, weil es sich dann nicht so kooperativ verhalten kann, wie ich es wünsche, wenn ich also zwar die Führungsrolle übernehmen will und muß, aber nicht mit der "Boß"-Attitüde, sondern als "Erwählter", dann liegen die Parallelen zur menschlichen Gesellschaft auf der Hand.
Denn ich verhalte mich ja als Mensch und bin als Mensch konditioniert. Ich neige also dazu, die Verhaltensweisen, die ich als Mensch gelernt habe und ausübe, ohne darüber nachzudenken auch in meinem Umgang mit dem Pferd anzuwenden - das ist zunächst praktisch unvermeidbar. Wer der Boß ist und sein will, wird dies auch seinem Pferd gegenüber signalisieren und die entsprechenden Reaktionen ernten. Durch die Arbeit mit dem Pferd verändere ich mich aber möglicherweise und bekomme dadurch dann automatisch einen anderen Blick auf mich selbst und meine Rolle in der Gesellschaft, werde mich dort also dann ebenfalls entsprechend anders verhalten können und wollen.
| |