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Bericht Zum Thema Politik · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 373.06 der Pferdezeitung vom 21.05.06
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 Yahoos und Houyhnhnms 
 Führer  Gesellschaft  Yahoo!
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Grandville: Gulliver zeigt sein Taschenmesser    · Copyright wie angegeben
Grandville: Gulliver zeigt sein Taschenmesser  

    Yahoos und Houyhnhnms   
    Pferde als Argument der Politik   
von Copyright wie angegeben  Werner Popken

Teil 1:  Friedensarbeit
Teil 2:  Leichtigkeit


In den vergangenen beiden Wochen habe ich einen Aufsatz von Marjorie Smith vorgestellt, der ihre Sichtweise von Pferden und von der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch erläutert (» Getting Along with Horses). Aus diesem Aufsatz wurde klar, daß Marjorie Smith wenig Beziehung zum traditionellen Pferdesport hat. Sie ist als Propagandistin für die Barhuf-Bewegung bekannt geworden (» Barefoot for Soundness), und die Barhuf-Anhänger plädieren im Regelfall außerdem für eine pferdegerechte Haltung.

Mit der pferdegerechten Haltung ist es aber nicht getan - der pferdegerechte Umgang gehört dazu. Und hier trifft sich diese Bewegung mit einer anderen, die am einfachsten durch den plakativen Begriff des Pferdeflüsterers beleuchtet wird. Der Begriff » Pferdeflüsterer wurde durch ein Buch bekanntgemacht, dessen Verfilmung diesen Begriff um die Welt getragen hat, so daß er auch Menschen bekannt ist, die gar keine Beziehung zu Pferden haben (» Der Pferdeflüsterer).

So hat der Begriff sich etabliert. Die Vorstellungen, die das Buch und der Film in die Welt gesetzt haben, sind im Grunde falsch und schrecklich und haben mit der Sache eigentlich nichts zu tun. Die meisten Pferdefreunde haben sich vermutlich weder Buch noch Film zugemutet, und die anderen sind keine Pferdefreunde - insofern ist der angerichtete Schaden vermutlich eher gering. Der eigentlich mit dem Begriff intendierte Sachverhalt ist aber im Prinzip recht gut verstanden. Deshalb verwende ich diesen Begriff gern und bin davon überzeugt, daß ich mich damit gut verständlich machen kann.

In den USA gibt es eine ganze Reihe von einflußreichen Pferdeflüsterern - Marjorie Smith hat Tom Dorrance zitiert -, die ihrerseits Leute beeinflußt haben, die dann bei uns Einfluß ausgeübt haben, etwa » Monty Roberts und  Pat Parelli. Inzwischen gibt es auch bei uns viele Lehrer, die in diesem Sinne einflußreich sind, etwa  Klaus Ferdinand Hempfling,  Heinz Welz,  Michael Geitner, um nur die bekanntesten zu nennen. Ich vermute, daß der Buchmarkt, soweit er sich auf Kommunikation und Training bezieht, inzwischen bereits zur Hälfte von Pferdeflüsterern bedient wird, die andere Hälfte von Anhängern der klassischen Reitweise oder des Turniersports. Diese neue Art, mit Pferden umzugehen, mit Pferden zu arbeiten, Pferde zu verstehen, hat also einen großen Einfluß gewonnen und ist nicht mehr wegzudenken (» Pferdesprache). Deshalb haben die Ausführungen von Marjorie Smith bei vielen Lesern, die in dieser Richtung bereits vorgebildet sind, lediglich bestätigt, was sie ohnehin schon wußten.

Die beiden Bewegungen - Barhuf und Pferdeflüstererei - sind nicht identisch.  Fred Rai zum Beispiel, der nicht über die amerikanische Schiene zu seinem System gekommen ist, sondern auf eigene Faust und aufgrund eigener Erfahrungen, läßt seine Pferde beschlagen. Vermutlich ist er bisher mit Hufproblemen nicht so intensiv konfrontiert worden, daß er die komplexe Hufproblematik konsequent hätte durchdenken müssen. Die Anhänger der Barhuf-Methode haben sich dagegen meistens notgedrungen damit beschäftigt, weil ihre Pferde erheblich leiden mußten.

Nun wollen wir uns natürlich der Pferde erfreuen, und darum ging es in dem erwähnten Aufsatz in erster Linie, weniger um Probleme und gar nicht um Hufe. Zweifellos hat es im Laufe der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Pferd immer wieder Menschen gegeben, die in der skizzierten Weise mit Pferden kommunizieren konnten und auf diese Weise "das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde" erleben durften. Niemand kann behaupten, die Wahrheit und Weisheit für sich gepachtet zu haben, und bestimmt gibt es viele verschiedene Wege, die zum gleichen Ziel führen. Außerdem hat jeder das Recht auf Irrtum und muß seine eigenen Erfahrungen sammeln und reifen dürfen. Schließlich sind sowohl wir Menschen als auch die Pferde alle hochgradig individuell, und deshalb wird man keine Patentrezepte verschreiben können.

Indem wir aber Pferde als Lebewesen und als uns verwandt ansehen, wandeln wir uns und unser Verhältnis zur Welt. Wer das Pferd als Mitgeschöpf begreift, kann es nicht wie ein Motorrad benutzen. Und indem wir über unsere Kommunikation mit Pferden reflektieren, denken wir auch über die Kommunikation zwischen Menschen nach. Wenn ich ein Pferd nicht unterdrücken will, weil es sich dann nicht so kooperativ verhalten kann, wie ich es wünsche, wenn ich also zwar die Führungsrolle übernehmen will und muß, aber nicht mit der "Boß"-Attitüde, sondern als "Erwählter", dann liegen die Parallelen zur menschlichen Gesellschaft auf der Hand.

Denn ich verhalte mich ja als Mensch und bin als Mensch konditioniert. Ich neige also dazu, die Verhaltensweisen, die ich als Mensch gelernt habe und ausübe, ohne darüber nachzudenken auch in meinem Umgang mit dem Pferd anzuwenden - das ist zunächst praktisch unvermeidbar. Wer der Boß ist und sein will, wird dies auch seinem Pferd gegenüber signalisieren und die entsprechenden Reaktionen ernten. Durch die Arbeit mit dem Pferd verändere ich mich aber möglicherweise und bekomme dadurch dann automatisch einen anderen Blick auf mich selbst und meine Rolle in der Gesellschaft, werde mich dort also dann ebenfalls entsprechend anders verhalten können und wollen.




Führer


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Grandville: Der Rat der Houyhnhnms · Copyright wie angegeben
Grandville: Der Rat der Houyhnhnms
An dieser Stelle muß ich aber eine wichtige Unterscheidung einführen, um die Gedankengänge von Marjorie Smith in das richtige Licht zu rücken. Zunächst fallen allgemein die Parallelen zwischen der Kommunikation von Individuen auf, von Pferd und Mensch bzw. Mensch und Mensch. Deshalb gibt es eine ganze Reihe von Pferdeflüsterern, Monty Roberts inklusive, die Kurse für Manager geben, um deren zwischenmenschliche Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern und letzten Endes deren Effizienz zu erhöhen.

Manager sind durch ihre Rolle in einer überlegenen Position, müssen diese aber überzeugend ausfüllen. Idealerweise sollten es die Untergebenen lieben, für ihren Vorgesetzten zu arbeiten und ihr Bestes zu geben, aber nur allzu oft gehen sie in stille Opposition und hintertreiben deren Absichten - ganz wie in der Pferdegesellschaft, wo der Führer, der die "Boß-Position" einnimmt, ungeliebt ist und die Gefolgschaft der Herde nur notgedrungen geleistet wird.

Ich weiß nicht, wie Manager im einzelnen von Pferdeflüsterern trainiert werden, aber offensichtlich ist, daß die Beziehung zwischen Vorgesetztem und Untergebenem die kleinste Einheit ist, die im Rahmen eines Unternehmens größere Dimensionen annimmt und auf die Gesellschaft insgesamt übertragen werden kann und muß, letzten Endes sogar auf die gesamte Welt. Dieser Schluß aber ist bisher nach meiner Kenntnis noch nirgendwo gezogen worden. Außer bei Marjorie Smith. Mehr noch: Marjorie Smith sieht die Beziehungen zwischen oben und unten nicht als naturgegeben und wertfrei, sondern sie wertet sie politisch.

Die Begriffe "oben" und "unten" sind für menschliche Gesellschaften genauso anwendbar wie für Pferdegesellschaften. An Pferdegesellschaften lernen wir, daß an sich nichts Böses an einer solchen hierarchischen Ordnung ist. Im Gegenteil, die Autorin hat das sehr deutlich herausgearbeitet und ich wiederhole es hier noch einmal: Pferde brauchen anscheinend unbedingt jemanden oben, und den meisten Pferden ist es egal, an welcher Stelle der Hierarchie sie stehen, wenn sie nur wissen, welche Stelle es ist.

Möglicherweise ist das bei Menschen ebenso. Das würde jedenfalls die enorme Anziehungskraft von Führungspersönlichkeiten erklären, selbst wenn diese klar erkennbar nicht die nötigen Eigenschaften mitbringen. Beispiele aus der Geschichte gibt es zuhauf, und Historiker haben sich jahrhundertelang den Kopf zerbrochen, wie die unbedingte und leidenschaftliche Hingabe der Geführten oder Verführten an ihre Verführer und Verderber erklärbar ist.

Außerdem betont sie, daß Pferde, denen es wichtig ist, oben zu sein, die schlechteren Führer sind, weil ihre Führungsmethoden unangenehme Folgewirkungen in der Herde haben, während Pferde, die in eine solche Führungsposition "gewählt" werden, umgekehrt ausgeglichene Verhältnisse in der Herde bewirken. Nicht jeder Pferdebesitzer wird in der glücklichen Lage sein, solche Beobachtungen selbst gemacht zu haben; deshalb hier ein kurzer Einschub, auch als Erinnerung, denn ich habe an verschiedenen Stellen immer wieder auf diese Erlebnisse hingewiesen:

Zeit ihres Lebens bei uns habe ich mich immer über die noble Persönlichkeit unserer "erwählten" Leitstute  Cara gewundert und gefreut und fast ein ganzes Jahr lang die verzweifelten Versuch einer anderen Stute beobachten können, die ihr als "Boß" den Rang streitig machen wollte und damit keinen Erfolg hatte. Cara hat niemals auch nur den Ansatz erkennen lassen, sich auf einen Kampf einzulassen. Sie hat ihren Platz geräumt, aber die anderen Pferde haben immer nur sie anerkannt und nicht die Herausforderin; es gab nie auch nur einen Zweifel daran. Die Unruhe, die diese in die Herde gebracht hat, war allerdings für alle äußerst ungesund. Wir haben sie schließlich entfernen müssen.

Kennen Sie ein Beispiel aus der Geschichte, wo ein Tyrann und Diktator sein Volk glücklich gemacht hätte? Ich nicht. Wissen Sie, wie solche Episoden notwendigerweise ausgehen? Soweit ich sehen kann, entweder durch Mord oder natürlichen Tod des Diktators, wobei sich anschließend die Frage stellt, ob jemand anders sich in derselben Rolle aufschwingen will und kann, oder ob das Volk genug hat von den ungesunden Verhältnissen und Anstrengungen unternimmt, andere Strukturen einzuführen, die eine bessere Aussicht auf ein angemessenes Leben versprechen.

Selbstverständlich bedarf es nicht erst eines notorischen Tyrannen, um diese Frage zu stellen. Auch in Demokratien gibt es ungesunde Verhältnisse, genauso wie in vielen Unternehmen. Kann man mit den Methoden eines Pferdeflüsterers ein ungesundes System gesunden lassen? Sicher nicht, wenn man zu den grundlegenden politischen Einsichten überhaupt nicht durchgedrungen ist. Dann würde man allenfalls Hilfestellung zur Stabilisierung des korrupten Systems leisten. In vielen, wenn nicht den meisten Fällen wird gar nichts anderes gefragt sein.



Gesellschaft


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Gulliver zeigt das Taschenmesser · Copyright wie angegeben
Gulliver zeigt das Taschenmesser
Yahoo-Rauferei<br>Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels · Copyright wie angegeben
Yahoo-Rauferei
» Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels
Marjorie Smith ist in dieser Hinsicht weder naiv noch zaghaft. An einer Stelle ihres vorgestellten, vordergründig harmlosen Aufsatzes bezüglich des Umgangs mit Pferden sagt sie es bereits ganz deutlich:

Wir Menschen leben in einer Gesellschaft, wo man uns manipuliert und ausnutzt. Durch unsere menschlich gefärbten Brillengläser fassen wir die Verwirrung des Pferdes und seine Handlungen zur Selbsterhaltung als ein weiteres Beispiel menschlicher "Bösartigkeit" auf und wir verhalten uns so, als wollte das Pferd "uns den Tag verderben".

Durch diese Fehlinterpretation verursachen wir eine Menge Ärger mit unseren Pferden. Pferde sind erstaunlich gutmütige Wesen. Sie sind treu und geradlinig. Wenn man sie klar und höflich bittet, scheinen sie mehr als gewillt, uns zu Diensten zu sein und gut mit uns auskommen zu wollen.
 Unfälle

Diese Analogie zwischen der Gesellschaft der Menschen und der Gesellschaft der Pferde ist unmittelbar einleuchtend und bestechend, aber anscheinend überhaupt nicht naheliegend, denn sonst würden die politischen Implikationen der Pferdearbeit in jedem Buch und in jedem Video auftauchen. Andererseits ist diese Analogie nicht ganz neu, denn ist sie bereits einmal gezogen worden, allerdings auf eine ganz andere Weise und mit einer ganz anderen Intention, nämlich in einem Werk der Literatur, das zwar wenige - mich eingeschlossen - gelesen haben, das aber jedermann kennt, zumindest dem Namen nach: » Gullivers Reisen.

Dieses Buch ist seit seinem ersten Erscheinen 1726 im englischsprachigen Raum sehr populär und wird oft als Kinderbuch mißverstanden. Eigentlich ist es nämlich ein politisches Buch, das hochbrisante Themen, die nicht direkt angesprochen und diskutiert werden konnten, in eine phantastische Reisegeschichte zu unwahrscheinlichen Phantasiegesellschaften verpackt, um durch diese Verfremdung ungestraft aktuelle Mißstände anprangern zu können. Die erste Auflage wurde deshalb vom Verleger vorsichtshalber zensiert, erst 1735 kam eine unzensierte Fassung auf den Markt.

Die Methoden, die der Autor » Jonathan Swift anwendet, sind natürlich uralt, schon die alten Römer haben sich ihrer bedient und waren damit nicht die ersten. Immer dann, wenn man etwas nicht direkt aussprechen kann, greift man auf verschiedene alternative Methoden zurück, z. B. den Witz oder die Fabel oder die Satire, das Märchen, die Zukunftsvision, die Verfremdung, die Parodie usw.

Houyhnhnm und Yahoo<br>Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels · Copyright wie angegeben
Houyhnhnm und Yahoo
» Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels
Inhalt

Der Protagonist, der Schiffsarzt Lemuel Gulliver, schildert seine Erlebnisse auf vier Reisen Anfang des 18. Jahrhunderts. Auf diesen Reisen machte er zunächst auf der Insel Liliput die Bekanntschaft der winzigen Einwohner. Diesen kann er unter anderem dadurch behilflich sein, dass er eine Feuersbrunst durch einfaches Pinkeln zum Erlöschen bringt. Auf der Insel Brobdingnag ist das Größenverhältnis umgekehrt; hier ist Gulliver der Zwerg: die Bewohner sind so riesig, dass ihn zum Beispiel eine Prinzessin auf einer ihrer Brustwarzen zu ihrem Vergnügen reiten lassen kann.

Er begegnet des weiteren den Bewohnern der schwebenden Insel Laputa, die die darunterliegende Insel Balnibarbi terrorisieren und ihr Leben einer überflüssigen (falschen) Bildung gewidmet haben. Auf der anliegenden Insel der Zauberer tritt er in Kontakt mit Verstorbenen (unter anderem Homer, Aristoteles) und lernt später die Nachteile der Unsterblichkeit (die Vorteile des Todes) kennen.

Schließlich, auf seiner letzten Reise, begegnet Gulliver den Houyhnhnms, rational agierenden Pferden, in deren Land Humanoiden leben (die Yahoos), die sich wie Tiere aufführen. Diese Pferde kennen nur die Kunst der Vernunft, kennen weder Not, Krankheit noch Krieg und halten die wilden Yahoos als Haus- und Lasttiere. Als Lemuel Gulliver auftaucht, stellen diese sich die Frage, ob Gulliver zu den Yahoos gehört oder ein Houyhnhnm auf zwei Beinen ist.

Wirkung

Die Intention des als misanthropisch einzustufenden Satirikers - der Autor war immerhin ein Priester, wenn auch ein deutlich politisch engagierter - ist, dem Leser zu zeigen, dass der Mensch als Gattung kein vernünftiges Geschöpf, sondern höchstens ein zur Vernunft fähiges Wesen ist. Gerade die Houyhnhnms der vierten Reise, die eigentlich "nur" Pferde sind, werden als unendlich viel weiser und friedliebender als der Mensch dargestellt. Daher ist dieses Werk eine unverblümte Satire auf die Gesellschaft zu jener Zeit - vor allem aufgrund der impliziten Kritik an den im frühen 18. Jahrhundert bestehenden Regierungsformen in Europa. Die fliegende Insel ist ein schwach verschleiertes England, das Irland (und Schottland) ausbluten lässt, und das Pinkeln auf das Königshaus des Deutschen (also Ausländers) Georg I. (Großbritannien) durchaus im übertragenen Sinne zu verstehen.

Das Werk ist pure Satire: Viel eher eine Streitschrift als ein frühes unpolitisches Werk der Science-Fiction, voller Seitenhiebe und Gehässigkeiten. Zum Lesen wird daher unbedingt eine kritische Originalausgabe empfohlen.

Als Gegenreaktion - man konnte dieses bekannte Werk nicht einfach "unterdrücken" - entstanden daher auch "entschärfte" Ausgaben, in denen die manchmal derben Episoden und gesellschaftskritischen Passagen ad usum Delphini aufbereitet wurden: es wurde solange zusammengestrichen und vereinfacht, bis aus dem brillanten, scharfzüngigen Werk der Weltliteratur ein Kinderbuch geworden war, das auch heute noch oft mit netten und lieblichen Illustrationen feilgeboten wird.
» Gullivers Reisen

Houyhnhnms sind die edlen, rationalen Wesen, wie Marjorie Smith sie vorstellt, während die Yahoos bösartige Naturwesen sind, die hier allerdings nicht die Pferde unterdrücken, sondern von diesen unterdrückt werden.



Yahoo!


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Yahoo-Arschkriecherei · Copyright wie angegeben
Yahoo-Arschkriecherei
Gulliver erklärt europäische Politik<br>Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels · Copyright wie angegeben
Gulliver erklärt europäische Politik
» Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels
Yahoo? Yahoo! Falls Sie sich mal gefragt haben, was das bedeutet. Houyhnhnm bedeutet in deren Sprache "Vollkommene Natur". Gulliver wird von den Houyhnhnms zunächst als eine Art Haustier gehalten, wobei darüber gestritten wird, ob seine Natur mehr den Yahoos ähnelt oder mehr den Houyhnhnms. Schließlich kommen die Houyhnhnms, deren Sprache kein Wort für den Begriff "Lüge" besitzt, zu dem Schluß, daß er wohl doch mehr ein Yahoo ist und verstoßen ihn. In der Sprache der Houyhnhnms gibt es überhaupt keine Begriffe für negative Werte; diese werden dadurch bezeichnet, daß man sie mit dem Wort Yahoo kombiniert (» Yahoo).

Zurück in der Heimat, kommen ihm die Zeitgenossen wie die bösartigen Yahoos vor, er meidet seine Familie und verbringt statt dessen viele Stunden des Tages damit, mit seinen Pferden zu sprechen. Dieser letzte Teil der Reisen ist am meisten diskutiert worden, und man hat sogar vermutet, daß sich darin seine spätere Geisteskrankheit ankündigt (a.a.O.). In der englischen Sprache wird der Begriff Yahoo als » ruffian: "verrohter Mensch", Grobian, Lümmel, Raufbold, Rohling, » thug: Gangster, Rowdy, Strolch, Verbrecher, Schläger verstanden (a.a.O. Cultural Influences).

Die englische Wikipedia beschreibt den Begriff "Yahoo" wie folgt:

Yahoo is a vile and savage creature, filthy and with unpleasant habits, resembling human beings far too closely for the liking of Lemuel Gulliver, who finds the calm and rational society of the Houyhnhnms far preferable. Hence the term "Yahoo" has become a general term of insult, much along the lines of "cretin."
» Yahoo (literature)


Eigenartige Zeiten, wo ein auf Erfolg ausgerichtetes Unternehmen sich einen solchen Namen zulegt, wo das Kokettieren mit niederen Instinkten Erfolg verspricht. Gerade erst hat eine finnische Musikgruppe mit solchen Methoden einen überwältigenden Sieg davongetragen. Was sagt uns das über uns und unsere Gesellschaft?

Yahoo!
Das Wort stammt aus dem Buch Gullivers Reisen von Jonathan Swift und beschreibt ein nur dem Aussehen nach menschenähnliches Wesen mit tierischem Verhalten. Die Firmengründer David Filo und Jerry Yang bezeichneten sich scherzhaft als Yahoos. Später wurde das Wort als Backronym umgedeutet zu "Yet Another Hierarchical Officious Oracle".
» Etymologie von Unternehmensnamen

» Houyhnhnm spricht man "Whin-hin-ems". Obwohl diese Pferde einen so starken Eindruck auf den Autor machen, daß er nach seiner Rückkehr lieber mit seinen Pferden spricht als mit seinen Mitmenschen und den Pferdegeruch dem seiner Frau vorzieht, kann man nicht schließen, daß mit der Gesellschaft der Houyhnhnms eine ideale Gesellschaft beschrieben worden ist. Zwar haben diese keinen Ausdruck für schlechte Dinge, aber es gibt durchaus eine Hierarchie, die sich an den Farben orientiert, und deshalb an eine Kastengesellschaft erinnert. Diejenigen Pferde, die andere bedienen müssen, sind zwar auch ungeschickter, aber die strikte Ausrichtung an der Vernunft hat auch Konsequenzen, die heute wie damals allgemein mißbilligt werden. So wird über das Lebensrecht nach rein rationalen Gesichtspunkten entschieden. Wer zu alt oder zu krank ist, wird getötet.

Da man annimmt, daß Swift auch gegen die Sklaverei war, muß man wohl die Beschreibung der Houyhnhnm-Gesellschaft ebenfalls als kritische Stellungnahme werten. Im übrigen läßt sich nicht erkennen, daß spezifische Erkenntnisse über die Natur der Pferde in diese Satire eingeflossen sind. Die Pferde können sprechen, Walzer tanzen, Flöte spielen, aber eigentliche Pferde scheinen sie nicht zu sein. Swift benutzt die Pferde lediglich, um eine Distanz zur menschlichen Gesellschaft zu schaffen, genauso wie er in den Geschichten in Liliput das Größenverhältnis benutzt, um auf bestimmte Sachverhalte aufmerksam zu machen.



Politik


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Wenn Europäer die Houyhnhnms heimsuchten <br>Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels · Copyright wie angegeben
Wenn Europäer die Houyhnhnms heimsuchten
» Quintanilla: Illustrations Gulliver's Travels
Im Gegensatz dazu projiziert Marjorie Smith nicht irgendwelche Vorstellungen über Menschen auf Pferde, sondern benutzt Erkenntnisse über Pferde, um auf menschliche Sachverhalte hinzuweisen. Die politischen Analysen entstehen parallel zu den Einsichten über Pferde, diese werden lediglich dazu benutzt, den Blick für die menschlichen Verhältnisse zu schärfen.

Marjorie Smith lebt in den » USA, und die USA nehmen im neuen Jahrtausend eine ganz einzigartige Stellung in der Welt ein. Sie ist über ihre Arbeit zur Barhufpflege mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden und sieht ihr Land nicht aus einem engen, lokalen Blickwinkel, sondern im gesamten Weltzusammenhang. Die Probleme, unter denen die gesamte Welt und vor allen Dingen die entwickelten Industriestaaten leiden, werden natürlich auch und besonders in den USA deutlich, und sie hat sich einen eigenen Reim darauf gemacht.

In der vorletzten Woche erwähnte ich bereits, daß Marjorie Smith auf ihrer Barhufseite sogleich auf eine politische Widerstandsbewegung hinweist (» NoNAIS Protect Traditional Rights to Farm). Es geht dabei um das Vorhaben der US-Regierung, sämtliche Tiere elektronisch kennzeichnen zu lassen. Davon profitiere vor allem die Großindustrie, während die kleinen Leute fürchten müßten, auf der Strecke zu bleiben.

Diese Einschätzung der Situation, daß ausschließlich die Interessen der Großen auf Kosten der Kleinen gefördert werden, wird auch bei uns immer populärer. Nach dem Zusammenbruch des » Sozialismus und dem endgültigen Sieg des » Kapitalismus wird immer deutlicher, daß die schrankenlose Entwicklung des Großkapitals die Errungenschaften der letzten Jahrhunderte in kürzester Zeit beiseite fegen und dies vielleicht sogar schon besiegelt sein könnte. In der Rezension einer Studie, die 1999 erschienen ist, lesen wir über » Theo Sommer, ehemals Chefredakteur der Zeit:

[...] sieht [er] die Gefahr, dass sich der Sieg des Kapitalismus über den Sowjetsozialismus als Pyrrhussieg entpuppen könnte, "wenn ein ungezügelter Kapitalismus im Überschwang seines Triumphes die Idee der Sozialpflichtigkeit des Eigentums beiseitefegte und nur noch vor dem Goldenen Kalb des shareholder value tanzte".
Rezension » Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe

Für Marjorie Smith sind diese Gefahren ganz konkret. Im Gegensatz zu Theoretikern beschäftigt sie sich mit Menschen und entwickelt aus dieser Erfahrung heraus ihre Einsichten und Forderungen. Auf ihrer Barhufseite gibt sie einige wenige Fakten über sich selbst preis und bietet dort etwas unscheinbar einen Link auf eine Seite, in der sie ihren abweichenden politischen Standpunkt erläutert.

Dieser Aufsatz besteht aus zwei Teilen. Der erste ist ein Brief an ihren Bruder. Zeitlich folgt er dem zweiten Teil, der ihre politischen Erfahrungen und Konzepte entwickelt. Der Brief an den Bruder hat offensichtlich einen Anlaß. Dem Bruder geht es nicht gut. Er fühlt sich schlecht, und er schiebt die Schuld dafür sich selbst in die Schuhe. An dieser Stelle setzt Marjorie Smith an und entwickelt ihre politische Theorie. Diese ist eine Kritik der amerikanischen kapitalistischen Gesellschaft. Ähnlich wie Swift übt sie eine Fundamentalkritik.

Kritik am herrschenden System ist nichts Besonderes - praktisch jeder hat etwas daran auszusetzen. Viele sind auch der Meinung, daß das System von Grund auf falsch ist und die Probleme sich nur verschärfen können. Die meisten, die sich Gedanken machen, haben auch ganz konkrete Vorstellungen davon, was geändert werden muß, damit sich alles zum Guten wendet. Leider können sie nichts bewirken. Bis auf das Wahlrecht hat einfache Bürger nichts zu melden. Also fragt man sich, warum die Regierung und die Verwaltung nicht in der Lage sind, die Patentrezepte anzuwenden, die überall wohlfeil angeboten werden. Außerdem sollten wir doch auch genügend kluge Köpfe im Land haben, die Regierung und Verwaltung anständig beraten können.

Eine der Antworten auf diese Fragen lautet, daß das System korrupt ist und sich nicht selbst stabilisieren kann. Der » Kommunismus behauptete sogar, die grundsätzlichen Probleme des Kapitalismus verstanden und nachgewiesen zu haben, daß der Kapitalismus an seinen eigenen Problemen notwendigerweise zugrunde gehen müsse. Im Grunde hat » Karl Marx das schon erwartet, und seit mehr als 100 Jahren konnte man verblüfft beobachten, daß sich diese "wissenschaftliche" Voraussage nicht verwirklichen wollte. Im Gegenteil, Kommunismus und Sozialismus sind zusammengebrochen, der Kapitalismus hat triumphiert.

Vielleicht wird erst dadurch eine unvoreingenommene und grundlegende Kritik möglich. Solange Kommunismus und Sozialismus als Schreckgespenst existierten, konnte eine Gesellschaftskritik, die sich auf die eigene Gesellschaft bezog, als unzulässig gebranntmarkt werden ("geht doch nach drüben"). Nun aber wird deutlich, daß unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten hausgemacht sind. Es gibt keine militärische Bedrohung mehr, aber trotzdem gibt es genug Kriege. Die gesellschaftliche Produktivität steigt unaufhörlich, aber trotzdem wächst die Armut unaufhaltsam. Die Wirtschaft verdient mehr denn je, trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit immer weiter. Die Bosse schanzen sich immer höhere Vergütungen zu, während die Arbeitnehmer immer mehr Abstriche hinnehmen müssen, die Regierung reformiert unaufhörlich, und hinterher sind die Probleme noch größer als vorher. Kann das denn alles richtig sein?



Ideen


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Grandville: Gulliver und Houyhnhnm · Copyright wie angegeben
Grandville: Gulliver und Houyhnhnm
Grandville: Gulliver und Yahoo · Copyright wie angegeben
Grandville: Gulliver und Yahoo
Grandville: Gulliver nimmt Abschied · Copyright wie angegeben
Grandville: Gulliver nimmt Abschied
Die alten Rezepte haben offenbar ausgedient. Wir können aus den Ansätzen der Vergangenheit nichts lernen. Alles, was man daraus entnehmen konnte, hat uns nicht weitergebracht. Neue Ideen braucht das Land, braucht die Welt, und vermutlich werden die Schwierigkeiten noch bis ins Unermeßliche steigen müssen, bevor eine grundsätzliche Wandlung stattfinden kann, weil niemand grundsätzliche Änderungen will. Die Not ist einfach noch nicht groß genug.

Die Fachleute haben versagt, es fällt ihnen nichts mehr ein, jede Maßnahme verschlimmert die Situation. Außenseiter, Amateure wie » Götz Werner bringen frische Ansätze ins Spiel, die die grundlegenden Probleme korrekt beschreiben und brauchbare, radikale Ansätze in die Diskussion werfen (» Unternimm die Zukunft). Aus dem Bericht eines engagierten Zeitgenossen über eine Podiumsdiskussion konnte ich entnehmen, daß seine Ideen keineswegs die eines Einzelnen sind, sondern bereits europaweit in verschiedenen Ausformungen diskutiert werden (» Professor Götz W. Werner).

Werner hat bewiesen, daß er wirtschaftlich erfolgreich handeln kann. Es geht ihm aber um viel mehr als nur um wirtschaftlichen Erfolg (» „Dem Leben einen Sinn geben.“). Interessanterweise wird in seiner Drogeriekette dm ein unautoritäres Führungskonzept gepflegt:

Es beruht auf den Grundwerten von Verständnis und Respekt: anstelle der Anweisung setzt man bei dm auf den Dialog.
» Götz Werner

Genau diese Grundsätze hatten wir bei Marjorie Smith als Grundlage der Arbeit mit Pferden kennengelernt. Selbstverständlich geht sie auch mit Menschen so um. Marjorie Smith geht es in ihrer Arbeit aber nicht um die Reform der Wirtschaft und der Arbeitsmarktprobleme, sondern um die Situation des einzelnen und um den Frieden.

Wie jeder einzelne Mensch seine Position in dieser Welt verstehen und verbessern kann, zeigt sie in ihrem Brief an den Bruder, den ich in der nächsten Woche vorstellen will. Danach sind wir dann reif für ihre Friedensarbeit.

Ich hoffe, Sie haben es bis hierher ausgehalten und bemerkt, daß ich immer wieder den Bezug zu den Pferden habe herstellen können. Wer mit den Pferden anständig arbeitet, wird auch mit Menschen anständig umgehen. Wer versteht, wie man mit Pferden umgehen muß, wird auch verstehen können, wie man mit Menschen umzugehen hat.

Durch die Arbeit mit den Pferden können wir also etwas lernen, was uns selbst unmittelbar nützt. Und dafür müssen wir den Pferden danken.

wird fortgesetzt




Quellen / Verweise


  1. » Getting Along with Horses
  2. » Barefoot for Soundness
  3. » Pferdeflüsterer
  4. » Der Pferdeflüsterer
  5. » Monty Roberts
  6. » Pferdesprache
  7.  Unfälle
  8. » Gullivers Reisen
  9. » Jonathan Swift
  10. » Yahoo
  11. » ruffian
  12. » thug
  13. » Yahoo (literature)
  14. » Etymologie von Unternehmensnamen
  15. » Houyhnhnm
  16. » USA
  17. » NoNAIS Protect Traditional Rights to Farm
  18. » Sozialismus
  19. » Kapitalismus
  20. » Theo Sommer
  21. » Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe
  22. » Kommunismus
  23. » Karl Marx
  24. » Götz Werner
  25. » Unternimm die Zukunft
  26. » Professor Götz W. Werner
  27. » "Dem Leben einen Sinn geben."
  28. » Grandville
  29. » Luis Quintanilla: The Illustrations for Gulliver's Travels
  30. » Gulliver's Travels by Jonathan Swift
  31. » Travels into Several Remote Nations of the World by Lemuel Gulliver
  32.  Friedensarbeit, Wie Pferde uns helfen, bessere Menschen zu werden
      Ausgabe 371 · Teil 1
  33.  Leichtigkeit, Wie man mit Pferden umgehen sollte
      Ausgabe 372 · Teil 2



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