Im Gegensatz dazu projiziert Marjorie Smith nicht irgendwelche Vorstellungen über Menschen auf Pferde, sondern benutzt Erkenntnisse über Pferde, um auf menschliche Sachverhalte hinzuweisen. Die politischen Analysen entstehen parallel zu den Einsichten über Pferde, diese werden lediglich dazu benutzt, den Blick für die menschlichen Verhältnisse zu schärfen. Marjorie Smith lebt in den » USA, und die USA nehmen im neuen Jahrtausend eine ganz einzigartige Stellung in der Welt ein. Sie ist über ihre Arbeit zur Barhufpflege mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden und sieht ihr Land nicht aus einem engen, lokalen Blickwinkel, sondern im gesamten Weltzusammenhang. Die Probleme, unter denen die gesamte Welt und vor allen Dingen die entwickelten Industriestaaten leiden, werden natürlich auch und besonders in den USA deutlich, und sie hat sich einen eigenen Reim darauf gemacht. In der vorletzten Woche erwähnte ich bereits, daß Marjorie Smith auf ihrer Barhufseite sogleich auf eine politische Widerstandsbewegung hinweist (» NoNAIS Protect Traditional Rights to Farm). Es geht dabei um das Vorhaben der US-Regierung, sämtliche Tiere elektronisch kennzeichnen zu lassen. Davon profitiere vor allem die Großindustrie, während die kleinen Leute fürchten müßten, auf der Strecke zu bleiben. Diese Einschätzung der Situation, daß ausschließlich die Interessen der Großen auf Kosten der Kleinen gefördert werden, wird auch bei uns immer populärer. Nach dem Zusammenbruch des » Sozialismus und dem endgültigen Sieg des » Kapitalismus wird immer deutlicher, daß die schrankenlose Entwicklung des Großkapitals die Errungenschaften der letzten Jahrhunderte in kürzester Zeit beiseite fegen und dies vielleicht sogar schon besiegelt sein könnte. In der Rezension einer Studie, die 1999 erschienen ist, lesen wir über » Theo Sommer, ehemals Chefredakteur der Zeit:
| [...] sieht [er] die Gefahr, dass sich der Sieg des Kapitalismus über den Sowjetsozialismus als Pyrrhussieg entpuppen könnte, "wenn ein ungezügelter Kapitalismus im Überschwang seines Triumphes die Idee der Sozialpflichtigkeit des Eigentums beiseitefegte und nur noch vor dem Goldenen Kalb des shareholder value tanzte". Rezension » Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe | | | Für Marjorie Smith sind diese Gefahren ganz konkret. Im Gegensatz zu Theoretikern beschäftigt sie sich mit Menschen und entwickelt aus dieser Erfahrung heraus ihre Einsichten und Forderungen. Auf ihrer Barhufseite gibt sie einige wenige Fakten über sich selbst preis und bietet dort etwas unscheinbar einen Link auf eine Seite, in der sie ihren abweichenden politischen Standpunkt erläutert. Dieser Aufsatz besteht aus zwei Teilen. Der erste ist ein Brief an ihren Bruder. Zeitlich folgt er dem zweiten Teil, der ihre politischen Erfahrungen und Konzepte entwickelt. Der Brief an den Bruder hat offensichtlich einen Anlaß. Dem Bruder geht es nicht gut. Er fühlt sich schlecht, und er schiebt die Schuld dafür sich selbst in die Schuhe. An dieser Stelle setzt Marjorie Smith an und entwickelt ihre politische Theorie. Diese ist eine Kritik der amerikanischen kapitalistischen Gesellschaft. Ähnlich wie Swift übt sie eine Fundamentalkritik. Kritik am herrschenden System ist nichts Besonderes - praktisch jeder hat etwas daran auszusetzen. Viele sind auch der Meinung, daß das System von Grund auf falsch ist und die Probleme sich nur verschärfen können. Die meisten, die sich Gedanken machen, haben auch ganz konkrete Vorstellungen davon, was geändert werden muß, damit sich alles zum Guten wendet. Leider können sie nichts bewirken. Bis auf das Wahlrecht hat einfache Bürger nichts zu melden. Also fragt man sich, warum die Regierung und die Verwaltung nicht in der Lage sind, die Patentrezepte anzuwenden, die überall wohlfeil angeboten werden. Außerdem sollten wir doch auch genügend kluge Köpfe im Land haben, die Regierung und Verwaltung anständig beraten können. Eine der Antworten auf diese Fragen lautet, daß das System korrupt ist und sich nicht selbst stabilisieren kann. Der » Kommunismus behauptete sogar, die grundsätzlichen Probleme des Kapitalismus verstanden und nachgewiesen zu haben, daß der Kapitalismus an seinen eigenen Problemen notwendigerweise zugrunde gehen müsse. Im Grunde hat » Karl Marx das schon erwartet, und seit mehr als 100 Jahren konnte man verblüfft beobachten, daß sich diese "wissenschaftliche" Voraussage nicht verwirklichen wollte. Im Gegenteil, Kommunismus und Sozialismus sind zusammengebrochen, der Kapitalismus hat triumphiert. Vielleicht wird erst dadurch eine unvoreingenommene und grundlegende Kritik möglich. Solange Kommunismus und Sozialismus als Schreckgespenst existierten, konnte eine Gesellschaftskritik, die sich auf die eigene Gesellschaft bezog, als unzulässig gebranntmarkt werden ("geht doch nach drüben"). Nun aber wird deutlich, daß unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten hausgemacht sind. Es gibt keine militärische Bedrohung mehr, aber trotzdem gibt es genug Kriege. Die gesellschaftliche Produktivität steigt unaufhörlich, aber trotzdem wächst die Armut unaufhaltsam. Die Wirtschaft verdient mehr denn je, trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit immer weiter. Die Bosse schanzen sich immer höhere Vergütungen zu, während die Arbeitnehmer immer mehr Abstriche hinnehmen müssen, die Regierung reformiert unaufhörlich, und hinterher sind die Probleme noch größer als vorher. Kann das denn alles richtig sein?
| |