| | | Meister der Reitkunst? Sattelmeister aus Celle |  |  |  |
In dieser Woche unterbreche ich die Publikation der Lebensgeschichte des Ausnahmepferdes Zivilist, um ein paar Reflexionen einzustreuen. In der letzten Woche haben wir gelesen, wie Crizzie ohne jede Probleme auf den Rücken ihres Pferdes kam und schrittreiten lernte. Alle Experten hatten ihr Angst gemacht, aber damit war sie bei ihren Freunden nicht angekommen. Denen traute sie freilich nicht, weil die ja ebenfalls keine Ahnung von Pferden hatten. Ahnung von Pferden - was soll das heißen? Wir haben das schon immer so gemacht, so ist es richtig, anders geht es nicht? Solche Argumente sind wohlfeil, aber fatal. Auf diese Weise wird Fortschritt verhindert. Nicht nur das, häufig werden auch Systemfehler verfestigt, Unrecht zementiert, Leid weiterhin verursacht, wo es vermeidbar wäre. Besser wäre es, immer wieder einmal einen Schritt zurückzutreten und die Voraussetzungen des eigenen Tuns und des zugrunde liegenden Verständnisses zu überprüfen, oder wie man heutzutage sagt, zu hinterfragen. Müssen Pferde wirklich Eisen im Maul tragen? Müssen Reiter wirklich treiben? Sind lange Übungen in ungesunder Atmosphäre, nämlich staubigen Reithallen, wirklich notwendig? Müssen Pferde lernen, sich entlang geometrischer Figuren zu bewegen? Muß man Pferde immer zurückhalten, muß man ständig beweisen, wer am längeren Hebel sitzt? Sind Pferde gefährliche und wilde Wesen, die gewaltsam unter Kontrolle gebracht werden müssen? Manchmal schon; nie werde ich vergessen, wie Leute, die es nun wirklich wissen sollten, nämlich Sattelmeister oder gar Obersattelmeister unserer hochgerühmten Landgestüte, die ihr Leben mit Pferden verbringen und dafür bezahlt werden, von hochbezahlten "Beschälern" durch die Bahn geschleift werden, als wären sie gar nicht da. Auch deren Nachwuchs, der anschließend von mutigen jungen Leuten, dem Nachwuchs der Züchter, unter dem Sattel vorgestellt wurde, machte einen durchaus gefährlichen und ungebärdigen Eindruck. Man wollte nicht glauben, daß diese Reitpferde werden wollen oder gar schon sind. Manch eines warf seinen Reiter auch während der Vorstellung ab. Wer möchte sein Leben auf dem Rücken solcher Tiere riskieren? Oder die unvergeßliche Szene, wie Klaus Ferdinand Hempfling den gefährlichen Hengst aus seinem Gefängnis im Militärgestüt in Spanien herausholt, umgeben von verängstigten Gestütssoldaten. Werden nicht allenthalben Pferde als "Verbrecher" beschimpft, gar als "Killer"? Haben nicht viele Pferdeleute Angst vor ihren Pferden? Ist es nicht tatsächlich gefährlich, zu reiten? Kommen nicht immer wieder erfahrene Leute vom Pferderücken direkt in den Sarg? Aber nein, versichern uns die Fachleute! Reiten ist wesentlich ungefährlicher als viele andere Sportarten (als ob es uns beruhigen könnte, daß man auf andere Weise noch eher zu Tode kommen kann). Man muß nur die entsprechende Vorsorge treffen! Helm, Weste, Sicherheitssteigbügel - habe ich noch etwas vergessen? Mit anderen Worten: Reiten ist gefährlich, denn man kann den Pferden nicht über den Weg trauen. Und warum ist das so? Liegt das in der Natur der Sache? Sind die Pferde einfach gefährlich und unsere Gegner? Oder sind sie einfach nur blöd und lassen sich von Kleinigkeiten ins Boxhorn jagen, geraten in Panik und werden dadurch erst gefährlich? Sind sie insbesondere deshalb so gefährlich, weil wir Menschen nicht absehen können, welche Kleinigkeit sie wann verrückt werden läßt? Oder sind wir es selbst, die die Pferde verrückt machen? Die Künste unserer Experten können wir auf den entsprechenden Veranstaltungen bewundern: Hengstparaden, Turnieren, Abendveranstaltungen, im Fernsehen. Man hat im allgemeinen nicht den Eindruck, daß diese Menschen ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Pferden pflegen; diese müssen vielmehr parieren, sonst setzt es was, und zwar in aller Öffentlichkeit, ganz ungeniert. Das Publikum ist damit ganz einverstanden, denn es sieht die Sache ja genauso. So muß es sein, so war es immer, so wird es auch immer sein. Wirklich? Ist es nicht vielmehr so, daß die Zukunft ziemlich sicher nicht der Vergangenheit gleichen wird? Ist es nicht unvermeidlich, daß alles sich weiterentwickelt, nicht nur die Technik, sondern auch unsere Beziehung zu unseren Tieren?
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