Der Tod
Niki de Saint Phalle, Frankreich Der Tod, Ausschnitt Polyester, 1985 , 35x 76 cm, Aufl. 7 (Niki de Saint Phalle, Seite 123)
In den letzten beiden Beiträgen habe ich mich mit einem Künstler beschäftigt, bei dem viele Leute zweifeln, daß er Kunst produziert hat (› Bildgalerie, › Möbius). In dieser Woche beschäftige ich mich mit einer Künstlerin, die von vielen Experten ebenfalls scheel angesehen wird.
Beide haben zweifellos faszinierende Werke geschaffen, die viele Menschen beschäftigen. Ihre Werke sind vermutlich viel bekannter als die anerkannter Künstler, mit denen die großen Museen dieser Welt bestückt sind.
Ein Indiz für die Popularität Niki de Saint Phalles sind die Plagiate, die man vorzugsweise in Einrichtungshäusern und Dekorationsgeschäften oder auch bei eBay findet. Allerdings bezieht sich diese Bekanntheit im wesentlichen auf die Nanas. Das Frühwerk und die späten Arbeiten sind weniger bekannt.
Das größte Projekt ihres Lebens, der Tarotgarten in der Toskana, ist noch weitgehend unbekannt. Zur Finanzierung hat sie einzelne Monumentalfiguren verkleinert und in mehr oder weniger großen Auflagen herausgebracht. Es gibt sogar Schmuck und eine Parfümserie (» Niki de Saint Phalle: Armreif und Eau de Toilette "Snake in paradise", » Cosmetic Brand: Niki De Saint Phalle).
Die Künstlerin war stolz darauf, das Geld für das Projekt selbst verdient zu haben. Die Puristen haben ihr diesen Ausflug in den Kommerz allerdings verübelt.
Niki de Saint Phalle, 1930-2002 wurde am 29. Oktober 1930 als Cathérine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle in Neuilly-sur-Seine geboren; ihr Vater war Bankier. Im Jahre 1933 zog die Familie nach New York, wo das Mädchen in eine katholische Nonnenschule ging. Als Teenager arbeitete sie als Fotomodell; mit 16 war sie auf dem Titelblatt von Life, mit 22 auf dem Titel von Vogue.
Mit 18 heiratete sie den amerikanische Schriftsteller Harry Mathews. 1951 wird die Tochter Laura geboren, 1955 der Sohn Philippe. Inzwischen hatte sie als Therapie zu malen und zeichnen begonnen und lernte die Werke zeitgenössischer Künstler, unter anderem von Jean Tinguely, kennen. 1956 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz mit Gipsreliefs und Material-Assemblagen.
1960 läßt sie sich von Harry Mathews scheiden und lebt seither mit Jean Tinguely zusammen, der sich von Eva Aeppli scheiden läßt. 1971 heiraten die beiden, Niki wird Schweizer Staatsbürgerin. Die ersten Schießbilder entstehen, Aufstellungen in vielen Ländern folgen. 1964 entstehen die ersten Nanas in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Laura. 1973 erwirbt die Stadt Hannover drei monumentale Nanas, die de Saint Phalle breiten Kreisen in Deutschland bekanntmachen. Am 17. November 2000 wird sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Hannover ernannt. Ihr zu Ehren ist in Hannover auch eine Haupteinkaufsstraße, ein Teil der Passarelle, umbenannt (Niki-de-Saint-Phalle-Promenade).
1979 beginnt sie die Arbeiten für den Garten des Tarot in der Toskana, der 1996 eröffnet wird und sich seither zu einem touristischen Anziehungspunkt erster Güte entwickelt hat. 1991 stirbt Jean Tinguely. Niki de Saint Phalle stirbt am 21. Mai 2002 im Alter von 71 Jahren in San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien. Die bei ihrer Arbeit entstandenen Polyesterdämpfe hatten ihre Atemwege und die damit verbundenen Organe immer stärker zerstört. Ein Großteil Ihres künstlerischen Nachlasses befindet sich im hannoverschen Sprengel Museum.
Zu ihren bekanntesten Kunstwerken zählen, neben den Nanas in Hannover, der » Strawinsky-Brunnen vor dem Centre Pompidou in Paris. Nach dem Vorbild des Tarot Gartens gestaltete sie auch die Grotten in den Herrenhäuser Gärten von Hannover, die nach ihrem Tode fertiggestellt worden sind. (» Niki de Saint Phalle, » Hannover trauert um Jahrhundertkünstlerin und Ehrenbürgerin)
Kommentar Von › Werner Popken
Diese Kleinplastik heißt "Der Tod". Das Thema ist keineswegs verfehlt, der Totenkopf und die Sense sprechen für sich. Der Sensenmann ist normalerweise ein Gerippe, und zuweilen soll er auf einem Pferd sitzen. Hier ist er eine füllige Frau, eine Nana mit Totenkopf.
Das Pferd wird meistens (wie bei Dürer, › Ritter, Tod und Teufel) als Klepper dargestellt, als abgemagerte, heruntergekommene Schindmähre. Das Pferd scheint hier aber ebenso wie die Reiterin gut im Futter zu stehen. Die Künstlerin hat hier eine Verkleidung gewählt, die an Ritterspiele erinnert. Der Umhang ist blau und mit Sonne, Mond und Sternen verziert, das Pferd ist schwarz.
Ein Tarotspiel ist ähnlich aufgebaut wie ein Skatblatt. Diese Sammlung nennt man die "Kleine Arkana". Das läßt schon vermuten, daß es auch eine "Große Arkana" gibt. Diese umfaßt 22 Karten; der Tod ist die 13. Karte der Großen Arkana. Das Tarotspiel wird gern zum Wahrsagen benutzt. Die Seite » Tarot bietet eine erste Einführung.
"Der Tod" ist mit Sicherheit im Zusammenhang mit dem Tarotgarten zu sehen. Da der Tarotgarten alle 22 Karten aus der Großen Arkana darstellt, mußte der Tod ebenfalls realisiert werden. Üblicherweise stellt der Bildhauer kleinere Modelle her, wenn eine Großplastik produziert werden soll. Manchmal wird von diesen Modellen sogar eine Auflage gemacht.
Niki de Saint Phalle hat daraus eine Methode entwickelt, um nämlich das Geld zu verdienen, das das Projekt verschlungen hat. Die fertigen Figuren sind mit Mosaiken verkleidet und glänzen deshalb meistens, haben jedoch eine sehr kleinteilige Oberfläche, wirken also anders, wenn man sie von Nahem betrachtet. Bei einem Modell kann man das natürlich nicht so realisieren, da gelten andere Bedingungen. Schon vom Material her könnten die Unterschiede nicht größer sein. Die Kleinplastik ist aus Kunststoff, die Großfiguren sind über Gerüsten aus Stahl und Drahtgeflecht errichtet.
Esoterik
| | | | Moderne japanische Darstellung () |  |  |  |
| Der Tod als Frau ist keineswegs so neu, wie ich angenommen hatte:
| [...] Auf dieser Karte sieht man eine Darstellung des Todes als Knochenmann mit Sense. Die ältesten bekannten Karten zeigen einen auf einem Pferd sitzenden Sensenmann. Die Zahl 13 hat den Charakter einer Unglückszahl, abgeleitet von den 13 Personen, als Jesus zusammen mit den 12 Aposteln das letzte Abendmahl feierte.
Das Pferd gilt ebenfalls als ein Todessymbol. Die griechische Göttin Hekate, die in der Spätantike mit der Unterwelt (Tartaros) in Verbindung gebracht wurde, wo sie an Stelle der Proserpina herrschte, wird oft Hippos (griechisch: "Pferd") genannt. Man stellte sie sich dreigestaltig vor, weil sie den Schlüssel zu drei Reichen besass: Himmel, Erde und Schattenreich.
Die Darstellung des Todes als Skelett findet sich schon in der hellenistischen Kunst. Die älteste mittelalterliche Abbildung ist das Gerippe einer Frau auf dem Campo-Santo in Pisa. [...] » Ihre Tarot-Karte: Tod | | |
Bei den meisten Darstellungen des Todes als Reiter wird dieser auf einem weißen Pferd dargestellt, ähnlich wie Dürer seinen Ritter dargestellt hatte. Die Sense fehlt, dafür trägt der Tod eine Rüstung und eine schwarze Fahne. Auf dieser ist eine weiße Rose dargestellt, ähnlich der lippischen Rose, die jedoch rot ist. Lediglich auf einer modernen japanischen Zeichnung habe ich sowohl Fahne als auch Sense gefunden.
Vor dem Tode sind alle gleich, der gemeine Mann genauso wie der Kardinal oder der Kaiser (siehe » Death). Die Karte 13 der Großen Arkana bedeutet aber im Regelfall nicht, daß jemand sterben muß. So viel wird ja nicht gestorben - der Tod ist im übertragenen Sinne gemeint. Und da kann der Tod durchaus positiv sein:
| Diese Tarot-Karte bedeutet: Erlösung von irgendwelchen Fesseln. Erlösung, Er-Lösung als Gnade. Veränderung. Ablösung von alten Lebensformen.
Fürchten Sie sich nicht! Dies ist eine sehr positive Karte. Lösen Sie sich von allfälligen Vorstellungen, die Sie mit dieser Karte verknüpfen mögen. Wir neigen sozusagen natürlich dazu, die Karte "Der Tod" misszuverstehen.
Stellen Sie sich vor, alles, alle Aspekte in Ihrem Leben würden auf immer und ewig an Ihnen hängenbleiben. Stellen Sie sich vor, alte ausgediente Gewohnheiten, welche für Sie nicht mehr stimmen und Sie eigentlich auch losgelassen haben, würden einfach hartnäckig an Ihnen kleben bleiben, einfach weil es ein Stück Leben von Ihnen war. Jeder erwachsene Mensch hat genügend Lebenserfahrung, dass er schon die leidliche Erfahrung machen musste, dass sein Nichtmehrwollen, sein Loslassen von irgendwelchen negativen Aspekten zwar ein notwendiger Anfang ist - aber: Ob der Aspekt nun wirklich von ihm lässt ... dies ist eine Gnade, sozusagen eine Gnade Gottes, worüber er selber keine Macht hat. Der alte, nicht mehr stimmige Aspekt muss wirklich sterben! Tod! Tod auf Aspektebene. Tod auf Teilpersönlichkeitsebene.
Nach dieser kurzen Darstellung können Sie vielleicht erahnen, wie schlimm das Leben wäre ohne diese Lebenserneuerungsfunktion des Sterbens. Furchtbar wäre es ohne diese Funktion des Sterbens von altem Leben, von zB alten Gewohnheiten, die früher zwar einmal gut waren, jetzt aber vorbei sind. Wir würden lauter alte Gewohnheiten, alte Ansichten und vieles mehr mit uns herumschleppen, einfach weil sie einmal zu uns gehörten. Furchtbar!
Fruchtbar wird es aber, wenn die alten, nicht mehr stimmigen Aspekte, Gewohnheiten, usw. absterben und den Platz freigeben für etwas Neues. Sehr schön sagt dies Werner Bergengruen: Immerdar enthüllt das Ende sich als strahlender Beginn.
Das Kleine, das Kleinliche muss absterben, bevor etwas Grösseres entstehen kann!
Also: Fürchten Sie sich nicht. Freuen Sie sich auf das Weggehen von etwas, das ohnehin vorbei ist. Beachten Sie im Hintergrund der Karte zwischen den zwei Pfeilern die strahlende Sonne! "Die Sonne" ist eine weitere Tarotkarte und bedeutet: Das Neue, das Reine, das Leichte, das Lichte. Eine schöne Verheissung.
Nehmen Sie die Zeit dazwischen, die Zeit des Nichts, die Zeit zwischen dem Alten und dem Neuen geduldig auf sich. Lassen Sie das Leben geschehen, lassen Sie das Leben erneuern. Lassen Sie den Jungbrunnen sprudeln - in sich. » Lexikon der Esoterik | | |
Das Werk
Bei Niki de Saint Phalle hat der Tod (oder sollte ich sagen: die Todin?) durchaus etwas Erschreckendes, Furchterregendes, trotz der bunten Farben und heiteren Formen.
Der Schädel läßt keinen Zweifel: Gnade ist von dieser Figur nicht zu erwarten. So ist denn auch rings um das Pferd alles umgestürzt, man darf annehmen: niedergemetzelt.
Zwar entbehren die blinde Schlange und der Vogel nicht der Komik, und der Verdacht kommt auf, daß diese beiden vom allgemeinen Sterben verschont geblieben sind, aber der didaktische Hinweis auf die Unparteilichkeit des Todes, der üblicherweise durch hochstehende weltliche und kirchliche Figuren eingebracht wird, fehlt hier. Das Gelumpe am Boden wirkt eigenartig beliebig.
Nur das Pferd spielt seine Rolle perfekt. Festen Schrittes geht es seinen Weg, schaut offen geradeaus und läßt sich von nichts aufhalten.
Hatte die Künstlerin keine klare Vorstellung von der Rolle des Todes? Im Internet stellt sie vor der Abbildung der fertigen Skulptur folgenden Betrachtung an:
Tod, Karte Nr. XIII.
Das große Mysterium des Lebens. Ohne Tod wäre das Leben ohne Bedeutung. Tod, der GROSZE SCHNITTER, läßt neue Blüten sprießen.
Die Todeskarte ist eine Karte der Erneuerung. Sich des Todes bewußt zu sein ist ein Weg, sich nicht von den Eitelkeiten des Lebens gefangennehmen zu lassen. (Meine Übersetzung)
| Death Card No. XIII
The great mystery of life. Without death, life would have no meaning. Death the GREAT REAPER, allows new blossoms to grow.
The card of death is a card of renewal. Being aware of death is a way of not being caught up by the vanities of life. › Beinhaus | | |
Also doch: Der Tod als Voraussetzung für neues Wachstum, aber auch als Mahner im Leben: Bedenke, daß du sterben mußt! Diese Botschaft hört man selten. Der Tod ist in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen, kann seine Rolle als Mahner kaum wahrnehmen. Dabei hat sich das Leben selbst in keiner Weise geändert. Wir werden geboren und müssen sterben, und das wird vermutlich auch so bleiben.
Die Konsequenzen dieser Einsicht sind erheblich. Wenn man des Todes gewärtig ist, wird man anders leben. Menschen, die dem Tod geweiht sind, erleben die kurze Zeitspanne, die ihnen noch vergönnt ist, völlig anders als die Zeit davor, die unbegrenzt schien. Dabei läuft die Uhr für alle unerbittlich, bis Gevatter Hein einen jeden von uns abholt. Nichts im Leben ist sicher, es sei denn der Tod.
Quellen / Verweise
Fotos © › Werner Popken
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