Es ist immer das gleiche: Frage ich beim Einführungsgespräch zu einem meiner Reitkurse die unglaublich bunte Runde ab, warum sie sich für diesen Lehrgang entschieden haben, so stellt sich heraus, daß die wenigsten wissen, was sie tatsächlich erwartet. Auf jeden Fall wollen sie anders reiten als bisher.
Auch die Vorgeschichten ähneln sich verblüffend, so zum Beispiel die von Anja und Ulrike. Ihre Einstellung zum Pferd, ihre Vorstellungen über Freizeitreiten, ihre Meinung über konventionelles Reiten und ihre Erfahrungen mit solchen Reitern und Reitlehrern, sie alle sind typisch und eine Wiederholung gleicher oder ähnlicher Einstellungen, Vorstellungen, Meinungen, Erfahrungen und Erlebnisse vieler Generationen von Kursteilnehmern.
Anja meint: "Eigentlich bin ich ja nur, wie man so schön sagt, Feld-, Wald- und Wiesenreiterin. Mein Pferd soll auch zu nichts gezwungen werden. Es hat zwar etliche und auch etwas unangenehme Macken, aber mit denen konnte ich bislang leben. Wenn ich so sehe, was die bei uns im Stall alles mit ihren Pferden anstellen und was dabei herauskommt, dann nehme ich lieber das kleinere Übel in Kauf. Dressur oder so was brauche ich nicht. Ich finde sie auch langweilig, und überhaupt, so was paßt nicht zu mir. Abgesehen davon: Mein Pferd ist viel zu spinnerig dazu. Das könnte ich nie dazu kriegen. Was ich eigentlich will, weiß ich noch nicht so genau. Mal sehen, was der Kurs so bringt."
Die Runde nickt zustimmend, und ich mache mir Notizen.
Ulrike: "Ich war mal in den Ferien in England. Da habe ich auf Dartmoor-Ponys mit dem Reiten angefangen. Das war toll. Zu Hause kaufte ich mir ein Pferd und nahm Unterricht. Mit der Reiterei, die man mir dann beibrachte und als 'Englisch Reiten' bezeichnete, will ich nichts mehr zu tun haben. Bei dieser 'Kraftmeierei', so wie ich sie erlebte, habe ich nur mich und mein Pferd abgequält. Ich bin mit meinem Pferd herumgezogen und habe es immer wieder woanders versucht. Was dabei herausgekommen ist, werdet Ihr ja bald erleben. So langsam habe ich die Lust am Reiten verloren. Ja, und nun will ich es hier noch mal versuchen, bevor es ganz zu spät ist. Vielleicht ist es wirklich was Neues."
Wie traurig! Jede Reitart hat doch eigentlich das Ziel, Pferd und Reiter in humaner Weise zu bestmöglicher Harmonie zusammenzuführen. Demzufolge müßte es doch keine guten oder schlechten, sondern nur andere Reitarten geben. Meine Entscheidung dürfte doch nur heißen: "Ich habe mich für diese oder jene Reitart entschieden, weil sie mir persönlich mehr liegt."
Der Traum, die Lebenserfüllung im Partner Pferd zu finden, wurde und wird immer wieder für viele zum Alptraum. Leider. Es ist die Folge der Erstarrung in schablonenhaftem Denken derjenigen, die es eigentlich besser wissen müßten.
Warum, so muß man sich bei dieser Entwicklung fragen, wachen diejenigen, die landauf landab für die Schulung von Pferd und Reiter verantwortlich sind, nicht endlich aus ihrer Erstarrung auf? Eher das Gegenteil ist der Fall. Sehr oft richten sich vielmehr ihre Aktivitäten in unsachgemäßer Weise gegen alles, was anders ist.
Dabei ist anderes Reiten in der Regel absolut nichts Neues. Häufig handelt es sich nur um eine den heutigen Verhältnissen angepaßte Rückbesinnung auf jahrhundertealte Erfahrungen, die auf gesicherten Erkenntnissen beruhen.
Es bleibt doch nicht verborgen, was heute alles im Umgang mit Pferden geschieht. Da wird Geduld durch kommerziell bedingte Zeitrafferausbildung, Sensibilität durch grobe Kraft mit mechanischen Hilfsmitteln ersetzt. Individualität, Charakter und Ästhetik werden ignoriert. Das Pferd wird zum Sportgerät degradiert.
Allein über die Auswirkungen solchen Denkens und Handelns ließe sich ein Buch mit erschreckend vielen Seiten schreiben. Erfreulicherweise aber werden die kritischen Stimmen in ihren eigenen Reihen nicht nur immer lauter, sondern auch gehört. So dürfte eine Neuorientierung nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Hoffentlich, denn es wird höchste Zeit.
All diese Überlegungen und viele andere mehr kommen immer wieder in den so fruchtbaren Diskussionsrunden eines Lehrgangs zur Sprache, eine unschätzbare Hilfe für meine praktische und theoretische Arbeit. Oft bemerkt niemand, daß es längst Nacht geworden ist. Der nächste Tag wird mit Spannung erwartet. Er wird mit Lernen vollgestopft werden müssen. Es ist ein Kampf gegen die Zeit.
Fünf Tage dauert ein Lehrgang. Fünf Tage müssen genügen, um zu überzeugen,
- daß Reiten ohne Zwang und ohne Kraft möglich ist, daß dazu aber unbedingte Konsequenz nötig ist,
- daß ständiges Geradeausreiten bei hingegebenem Zügel falsch verstandenes Freizeitreiten ist,
- daß durch "Pseudo-Theorien" das Pferd eher geschädigt als geschont werden kann,
- daß füttern und pflegen, lieb und nett sein nicht genügen, um Zufriedenheit, Gelassenheit, Gehorsamkeit, Bereitschaft und Vertrauen des Pferdes zu gewinnen.
Fünf Tage müssen genügen, damit wenigstens ein Hauch von alldem erkennbar wird. Und tatsächlich: Fünf Tage genügen, um diese Überzeugung einzupflanzen. Nehmen wir nur einmal Anja. Anja, die zu Beginn noch alles, was an Schul- bzw. Dressurreiten erinnern könnte, ablehnte, ist dabei, die neu erlernte Lektion Schulterherein, mit dem für sie neuen Sitz und gleichfalls neuer Körperhaltung sowie neuen Bewegungshilfen, vorzureiten. Ihr Kopf ist hochrot. Die anderen schauen ihr zu. Beifall kommt auf. Einen Dressurrichter würde es zwar noch nicht vom Hocker reißen, aber ihr Lehrer ist vollauf zufrieden.
Wenn man überlegt, daß Anja am ersten Kurstag ihr Pferd beim Aufstellen nicht einmal in der Reihe halten konnte! Es raste los oder stieg, wenn man versuchte, es festzuhalten. Jetzt ist es viel zu beschäftigt, um "spinnerig" zu sein. Dieses intelligente Pferd hatte endlich etwas zu tun, wozu es sein Gehirn gehörig einsetzen mußte. Allmählich dämmert es Anja.
Die Stimmung ist trotz aller Aufmerksamkeit gelöst und heiter. Anja ist verblüfft. Aber auch die anderen können es kaum fassen, wie sehr sich ihre Pferde doch in den wenigen Tagen geändert haben. Schließlich war ja nicht nur Anjas Pferd am Anfang "schwierig", so schwierig, daß man als Lehrer häufig auf der Hut sein mußte, um sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit zu bringen.
Auch der "neue" Sitz bei "neuer" Körperhaltung kommt gut an. Man braucht im Trab nicht mehr nach jedem zweiten Trabtritt aus dem Sattel hochzukommen. Leichttraben ist "out". Warum? Darüber später. Man kann sitzen bleiben, und manche können es schon, ohne besonders durchgerüttelt zu werden. Am besten geht es im Jog, einer Variante des Trabes.
So sind die Tage wie im Fluge vergangen. Der neue Sitz, die neue Art der Hilfengebung, die neue Gangart "Jog", die neue Zügelführung, die Erklärung der Seitengänge - warum? Wie sollen sie aussehen? Wie wird's gemacht? -, das Schulterherein, der Travers, die Traversale - alles neu, neu, neu .
Die Abschlußbesprechung gleicht der vom letzten Einführungskurs und vielen anderen vorher. Man will so, wie jetzt angefangen, unbedingt weitermachen. Termine für einen Fortbildungskurs werden erörtert. Leider geht wieder mal nichts, das Jahr ist schon ausgebucht. Dann eben später. Man will "am Ball bleiben". Und es ist mehr als erstaunlich: Sie bleiben fast alle dabei. Sie tauchen in den Fortbildungskursen immer wieder auf.
Dabei muß ich an Elke denken. Man nannte sie später "das Himmelfahrtswunder". Ihr schöner Araberkreuzling gebärdete sich in den ersten Kurstagen wie ein kleiner Teufel. Der Kurs wurde durch die beiden recht ungewollt "aktiviert", so daß bei Elke öfter die Tränen kamen und die vorzeitige Abreise anstand. Sie durfte dann doch bleiben, wenn auch einige Übungen für sie ausgesetzt werden mußten. Elke war sehr still. Erst bei der Abschlußbesprechung meldete sie sich. Es ging um einige Notizen, die sich die Teilnehmer machen wollten. Elke, die offensichtlich ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen besitzt, hatte ein tägliches Gedächtnisprotokoll gefertigt, und ließ die anderen daran teilhaben.
Hiernach übte sie dann zu Hause eisern. Am Ende eines späteren Fortbildungskurses - es war der Himmelfahrtstag - sollte jeder Teilnehmer mit einer kleinen Vorführung etwas von seinem Erlernten zeigen. Und da geschah das "Himmelfahrtswunder": Mit traumhafter Sicherheit und federleichten Bewegungen zeigten die beiden ihre Kür. Eine Lektion ging fließend in die andere über. Ein Medley aus Elementen des altklassischen und des kalifornischen Westernreitens.
Das Publikum und meine Lehrgangsteilnehmer waren lautstark begeistert. Mir verschlug es die Sprache. Später hörte man immer wieder von ihren Erfolgen auf Freizeitreiter-Turnieren. Elkes Pferd glänzte vor allem durch sein ausgeglichenes Verhalten bei Geschicklichkeits-Wettbewerben. Na bitte!
Nicht jeder hat ein so phänomenales Gedächtnis wie Elke. Aber auch sie hätte gern mehr als ihr Protokoll.
Darum - zum Nachlesen, zum Vertiefen und zum Weitermachen - dieses Buch!
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