Utopien und Dystopien sollen selbstverständlich den Blick auf die Gegenwart lenken. Die Gegenwart bietet reichlich Grund zur Entwicklung pessimistischer Szenarios. Ein Beispiel aus der letzten Jahren ist der Roman "Die Geschichte der Magd" (engl. » The Handmaid's Tale) der kanadischen Schriftstellerin » Margaret Atwood. In den USA haben christliche Fundamentalisten die Macht übernommen und die Republik von Gilead errichtet. Eine kleine Schicht von Machthabern regiert nach biblischen Grundsätzen. Fast alle Bürger sind entrechtet und in die sogenannten Kolonien, weitgehend verseuchte Gebiete, abgeschoben. Politische, religiöse, sexuelle Abweichler werden hingerichtet und öffentlich zur Schau gestellt. Selbstverständlich wird auch Abtreibung mit dem Tode bestraft (» Todesstrafe).
Aus nicht näher geklärten Gründen sind fast alle Machthaber unfruchtbar. Ein Ritual, das in der Bibel zweimal erwähnt wird, soll diesem mißlichen Umstand abhelfen. Einem Ehepaar wird eine züchterisch geeignete Magd zugeordnet. Der Ehemann soll mit dieser unter Aufsicht der Ehefrau ein Kind zeugen, was dann als das ihre angesehen wird. Die Situation wird von der Heldin der Geschichte, der Magd, ähnlich geschildert wie der sogenannte Natursprung bei Pferden, vielleicht mit dem Unterschied, daß sowohl der Ehemann als auch die Magd der Prozedur zugestimmt haben.
Auch die Situation der Unfruchtbarkeit ist keineswegs Utopie bzw. Dystopie. Man will herausgefunden haben, daß bestimmte Stoffe in unseren Verpackungsmitteln, z. B. Weichmacher, in die Nahrungsmittel übergehen und damit in den Nahrungskreislauf gelangen, wie Hormone wirken und für die zunehmende Unfruchtbarkeit von Mensch und Tier verantwortlich sind (Risiko Babyflasche).
Bei Huxley werden die Menschen für die Reproduktion gar nicht mehr gebraucht. Die meisten Frauen sind ohnehin sterilisiert. Die wenigen anderen benutzen Verhütungsmittel. Reproduktion ist eine Sache des Labors. Sexualität ist eine reine Frage des Vergnügens geworden. Eine erstaunliche Vision, 30 Jahre vor der Erfindung der Pille, die ihrerseits entsprechende Verhaltensänderungen hervorgerufen hat, ganz ohne staatliche Indoktrination.
Die Reproduktionsmethoden der neuen Machthaber in den USA sind gegenüber den von Huxley geschilderten freilich primitiv; die Gefahren, die von derlei rückwärts gerichtetem Denken ausgehen, sind jedoch ganz real. "Die Geschichte der Magd" ist 1981 erschienen und porträtiert in einigen Figuren prominente Gestalten der politischen und religiösen Szene in den USA der damaligen Zeit (» Tammy Faye Bakker, » Phyllis Schlafly, » Jerry Falwell). Diese Situation hat sich keineswegs geändert. Viele fundamentalistische Gruppen versuchen z. B. im neuen Jahrtausend, die Evolutionstheorie aus den öffentlichen Schulen der USA zu verdrängen. Statt dessen soll die Schöpfungsgeschichte der Bibel gelehrt werden (» Streit um Evolutionstheorie, » Kreationismus-Debatte, » Kreationisten in den USA).
Daß den Christen angesichts der Probleme, die durch die moderne Wissenschaft aufgeworfen werden, schlecht wird, kann man nachvollziehen. Wem würde da nicht schlecht? Die Frage ist nur, wie man sich zu dieser Problematik stellt, welche Dimensionen diese hat, wie man damit umgeht, von welcher Grundlage aus man das tut. Können wir hinter unsere eigene Einsicht zurück? Vermutlich nicht. Worum geht es also wirklich?
Als der Roman von Huxley erschien, wurde die » Eugenik schon 50 Jahre lang diskutiert. Der Begriff war 1883 von » Francis Galton geprägt worden, der seinerseits als enger Verwandter » Darwins durch dessen Abstammungslehre beeinflußt worden war. Nach Darwin geht es angeblich um das Überleben der für den Lebenskampf Geeignetsten. Die Eugenik beschäftigt sich nicht mit der Ausmerzung der schlechten Exemplare, wie das angeblich auch die Natur vollbringt, sondern mit der Förderung der Guten.
| Eugenik oder Eugenetik (gr. eugenes wohlgeboren) ist die historische Bezeichnung für die Anwendung der Erkenntnisse der » Humangenetik auf Bevölkerungen. Der Begriff wurde 1883 vom britischen Anthropologen Francis Galton (1822-1911), einem Vetter ersten Grades von Charles Darwin, geprägt. Galton verstand unter Eugenik eine Wissenschaft, deren Ziel es ist, durch "gute Zucht" den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern.
Durch Begünstigen der Fortpflanzung "Gesunder" durch frühen Eheschluss und der Unterstützung hoher Kinderzahlen einerseits sowie das Verhindern der Fortpflanzung "Kranker" durch Empfängnisverhütung andererseits sollten die Erbanlagen in der Bevölkerung langfristig "verbessert" und erblich bedingte Krankheiten vermindert werden. » Rassenhygiene | | |
Klingt doch einleuchtend, oder? So kann man den Begriff "Zucht" definieren. Oder allgemeiner: "Erwünschte" Eigenschaften werden gefördert, "unerwünschte" zurückgedrängt. Die Anführungszeichen stehen dafür, daß die Meinungen darüber, was als erwünscht oder unerwünscht zu gelten hat, auseinandergehen können.
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