
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Die Autorin hat bereits ein Buch über Akupressur vorgelegt, das in der Pferdezeitung 1999 besprochen worden ist. Nun also die Erweiterung für den Fachmann - denn mit Nadeln wollen wir doch nicht operieren, wenn wir nicht selbst Fachmann werden wollen.
So nehme ich dieses Buch zunächst wahr als Hintergrundinformation, um möglicherweise aufgrund dieser Lektüre fachmännische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dem entspricht der Anspruch der Autorin, formuliert im Vorwort "Gedanken zu diesem Buch" (S. 8):
| | Die gesamte Lehre der TCM in einem Buch dieses Umfangs zu vermitteln kann nicht gelingen. Ich hoffe jedoch, dass ich Ihnen mit diesem Buch die chinesische Heilkunst und die Anwendbarkeit für Ihr Pferd etwas näher bringen kann und wünsche viel Spaß bei der Lektüre. | | |
Die chinesische Medizin hat einen ganzheitlichen Ansatz. Ganzheitliche bedeutet für die Chinesen, daß
| | alles Leben Bestandteil des Universums ist, sich in permanenter Abhängigkeit und einem ständigen Kreislauf befindet. Zudem betrachten die Chinesen ein Lebewesen immer als Einheit von Körper und Geist und in Abhängigkeit zu seiner Umwelt. (Vorwort) | | |
Dieser Ansatz ist der westlichen Denkweise fremd. Wir möchten gerne alles positiv haben. Die Chinesen betrachten das Positive immer im Zusammenhang mit dem Negativen, beides sind zwei Seiten derselben Medaille.
Auf Seite 19 befindet sich die bekannte Figur, die die Einheit von Yin und Yang symbolisiert: die weiße Fläche geht aus der schwarzen hervor, die schwarze aus der weißen, und dort, wo die beiden Flächen jeweils am größten sind, erscheint das Gegenteil als Keimzelle.
So ist Yin zwar im westlichen Sinne "negativ": dunkel, statisch, Nacht, starr, chronisch, kalt, Winter, Yang "positiv": Herr, aktiv, Tag, beweglich, akut, heiß, Sommer, aber aus der Aufzählung geht schon hervor, daß die eine Eigenschaft nicht ohne die andere denkbar ist, die eine sich aus der anderen definiert, beide also gleichwertig sind.
Ein Problem liegt aus chinesischer Sicht vor, wenn Yin und Yang nicht ausgeglichen sind. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Lebenskraft Qi, die es in der westlichen Lehre überhaupt nicht gibt. Nach chinesischer Meinung kann ohne Qi "keine weitere vitale Substanz gebildet werden." (S. 20). Für den Westen ist der Körper eine Maschine, die mehr oder weniger gut funktioniert und deren Regeln noch nicht vollständig bekannt sind.
| | In der chinesischen medizinischen Lehre muß der Arzt also nicht nur mit dem allgemeinen Begriff Qi umgehen. Er kann nur erfolgreich behandeln, wenn er in der Lage ist, die unterschiedlichen Formen und Funktionen von Qi im Körper und in den zugehörigen Organ zu beurteilen. Zum Beispiel kann eine Bronchitis des Pferdes durch einen Mangel an Lungen-Qi entstehen. Möglicherweise ist aber ebenso das Nieren-Qi betroffen, und es müssen zusätzliche Akupunkturpunkte zur Stärkung des Nieren-Qi genadelt werden, sonst tritt keine Heilung ein. (S. 21) | | |
Da der Körper aus herkömmlichen chemischen Grundstoffen besteht und nach allgemeinen physikalisch-chemischen Grundsätzen arbeitet, ist für den westlichen Menschen im Prinzip unverständlich, warum es Leben gibt. Wir können zwar feststellen, daß etwas lebt, was das Leben aber eigentlich auszeichnet, wissen wir nicht. Wenn etwas stirbt, verändert sich der Organismus, obwohl die chemischen Grundstoffe sich nicht ändern. Was sich ändert, ist unbekannt.
"Der Tod tritt ein", sagt die Sprache, die Chinesen würden vielleicht sagen: Die Lebenskraft verläßt den Körper, und das entspricht für mich der Seele, die die westliche Welt entwickelt hat.
Ein Begriff wie Seele scheint im Chinesischen nicht zu existieren. Der Begriff Shen wird mit Verstand, Geist oder Bewußtsein auf übersetzt (S. 27), aber vielleicht ist es ein Übersetzungsproblem. "Seele" kann man als Übersetzer heute wahrscheinlich nicht mehr nehmen, der Begriff ist für Fachleute und Leser sinnleer geworden.
Damit wird die Schwierigkeit deutlich, ein komplettes Weltsystem zu übertragen. Die Autorin bemüht sich, die chinesische Vorstellungswelt deutlich zu machen. Als Leser stelle ich mich dabei innerlich ständig auf den Standpunkt der Chinesen, den ich eigentlich gar nicht verstehen kann.
Für mich als Leser sind diese technischen Einzelheiten und philosophischen Hintergründe eher belanglos. Wenn denn die Methode wirkt, soll es mir egal sein, warum das der Fall ist. Ich habe mich einmal wegen Tinnitus behandeln lassen, aber es hat nichts genützt. Ich habe also keine Meinung zur Akupunktur.
Die Autorin hat offenbar gute Erfolge, und davon liest man natürlich gern. Auf mich wirkt eine technische Aufzählung ermüdend. Ich will auf keinen Fall die Technik selbst erlernen, daher bin ich eher am zweiten Teil des Buches interessiert, wo es um die Praxis geht. Seite 97-99:
| Praxis-Beispiel: Immunsystem stärken In einem Reitstall grassiert seit Wochen eine Atemwegsinfektion. Eine Besitzerin, deren Stute seit zwei Tagen schlecht frißt und matt in der Arbeit ist, aber noch kein Fieber hat, will die Abwehrkräfte ihres Pferdes unterstützen. Die 9-jährige Stute steht im Pi-Typ. Es wird einmal Lu 7, Ni 3 und Di 4 akupunktiert, danach eine Woche lang Lu 7, MP 6, Ma 36 und Di 4 akupressiert. Das Pferd bekam keine Infektion und brauchte keine weitere Behandlung. Praxis-Beispiel: Rückenmuskelverspannungen nach geistiger Überlastung Livius, ein fünfjähriger, für den Dressursport sehr gut veranlagter Wallach, sollte für ein großes Turnier vorbereitet werden. Obwohl der im Fei-Typ stehende Livius alle Lektionen sehr schnell begriffen hatte, fiel ihm das konzentrierte Durchhalten während einer Dressuraufgabe schwer. Der Reiter hatte deshalb zweimal pro Tag eine halbe Stunde mit ihm gearbeitet und die Aufgabe immer wieder geübt. Nach einer Woche trabte Livius nur noch mit schleppender Hinterhand und verlor an Appetit. Das ständige Wiederholen der Dressuraufgabe stellte für das Pferd eine geistiger Überforderung dar, auf die es mit körperlichen Symptomen reagierte. Livius wurde einmal in BI 10 akupunktiert. BI 10 (Tian Zhu) liegt an der Austrittstelle des Blasen-Meridians aus dem Gehirn. Er stellt einen Sammelpunkt des Qi dar. Dadurch kann er die Konzentration und das Gedächtnis anregen. Der Punkt liegt seitlich am Hals auf dem Atlasflügel des I. Halswirbels, eine Handbreit unterhalb des Mähnenkammes. TCM-Diagnose: der Punkt leitet Wind aus und klärt das Gehirn. Er ist der Punkt des Meeres, des Qi. Er löst Stagnationen im Blasen-Meridian. Westliche Diagnose: Schmerzen und Schwindel im Kopf mit Sehstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und HWS-Syndrom. Bei Schmerzen der tiefen Rückenmuskulatur wird BI 10 angewendet, weil er einen Stau im Blasen-Meridian, der in der Rückenmuskulatur verläuft, lösen kann. Zur Überraschung des Reiters verschwand die Hinterhandproblematik innerhalb von vier Tagen. Die Akupunkturbehandlung wurde dreimal wiederholt. Da Livius im Fei-Typ steht, wurde beim letzten Mal Lu 7 akupunktiert. Livius bekam mehr Zeit in der Ausbildung und geht heute erfolgreich in Dressurprüfungen der Klasse S. Dieses Beispiel macht deutlich, warum Vorbeugung und Gesunderhaltung zusammen zu nehmen sind. Ohne die Akupunktur wären die Rückenschmerzen und die Schwäche der Hinterbeine zum Problem geworden. Eine klinische Untersuchung hätte sich auf die schmerzhaften Körperpartien konzentriert und Livius wäre ein Rückenpatient geworden. (S. 98/99) | | |
Akupunktur, Akupressur, TCM sind also Methoden, die zumindest dann versucht werden sollten, wenn andere Methoden nicht helfen. Das brauche ich wohl nicht gesondert betonen: wer keinen Rat und keine Hilfe mehr findet, findet unkonventionelle Methoden von allein.
Dieses Buch kann dazu dienen, die chinesischen Methoden bereits im Vorfeld hinzuzuziehen. Wer gar nicht erst krank wird, muß auch nicht geheilt werden. Die chinesische Medizin kann zerstörte Organe nicht wiederherstellen, aber vielleicht die Zerstörung verhindern.
Angeblich wurden im alten China die Ärzte solange bezahlt, wie die Menschen gesund blieben. Wurde der Mensch krank, bekam der Arzt kein Geld. Das Prinzip gefällt.
erschienen 01.06.03
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