Árpád und seine Stammesbrüder
György Zala, Ungarn National-Denkmal, Budapest überlebensgroß, Bronze Aufnahme vom 11. Mai 2003
Vor zwei Wochen ( Ungarische Identität) habe ich geschildert, daß ich während der Busfahrt eine imposante Reitergruppe aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, die Rezeption im Hotel jedoch nicht wußte, wovon ich sprach, und auch ein amerikanischer Reiseführer mir nicht weiterhelfen konnte. Dort fand ich zwar eine Reiterskulptur, ich war mir aber sicher, daß ich viele gesehen hatte, fünf oder mehr.
Diese Skulptur war der mittlere Reiter: der legendäre Árpád, unter dessen Führung sieben magyarische Stämme das pannonische Becken gegen Ende des 9. Jahrhunderts in Besitz genommen haben. Árpád ist aber nur einer unter mehreren grimmigen Helden, die den Rückbezug auf die glorreiche Geschichte ermöglichen sollen.
Diese Skulpturengruppe ist mit Sicherheit das Hauptwerk des Bildhauers György Zala. Ich hatte noch nie etwas davon gehört.
Kommentar Von Werner Stürenburg
 |  |  |  | | Aufnahme von hinten links |  |  |  |
| Mit diesem Artikel möchte ich anregen, sich mit György Zala und dessen Hauptwerk näher zu beschäftigen. Ich denke, diese Arbeit sollte zum Bildungskanon gehören und mindestens so bekannt sein wie die "Bürger von Calais" von Rodin.
Diese Arbeit und Rodin überhaupt erscheint im Vergleich gehörig überbewertet, oder besser: György Zala ist nach meinem Dafürhalten eklatant unterbewertet.
Bei meinem Besuch habe ich über 50 Aufnahmen gemacht und diese in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind, zu einem Bildschirmschoner verarbeitet ( Heldenplatz). Sie können also meinen Spaziergang über den Platz, meine Entdeckungen, den Weg meiner Augen nachverfolgen.
Für den Zweck der Pferdezeitung ist das bereits mehr als genug; da geht es um Pferde in der Kunst, wobei die Pferde wichtiger sind als die Kunst und Kunst ohne Pferde nur ausnahmsweise einen Platz hat. Eine Abbildung der Bürger von Calais müßte eigentlich hier erscheinen, damit Sie wissen, wovon ich rede. Das verkneife ich mir aber, denn ich möchte möglichst viel von Zala zeigen, diesmal aber nicht wegen der Pferde. Die Skulpturen als solche finde ich bedeutend und interessant.
Landnahme
Als Bildhauer oder interessierter Laie würde man sicher noch mehr entdecken wollen, aber dazu braucht es Zeit. Man müßte immer wieder dort auf den Platz gehen, die Arbeiten auf sich wirken lassen und dann wieder genauer hinschauen. Vielleicht kann der Bildschirmschoner in ähnlicher Weise eine allmähliche Entdeckung fördern.
Nun könnte man einwenden, daß ein nationalistisches Kunstwerk mit politischer Absicht in Kulturkanon nichts zu suchen hat. Aber was ist der Unterschied zur Arbeit von Rodin? Sie ist ebenso politisch, sie ist nationalistisch, sie dürfte eigentlich nur die Franzosen interessieren, genauso wie der Heldenplatz nur die Ungarn interessieren dürfte. Oder etwa nicht?
Alle Nationen haben ihre eigenen Siege gefeiert und die Vergangenheit heraufbeschworen. Der Heldenplatz ist eine direkte Anspielung auf den Place de l'Ètoile in Paris. Warum sollten die römischen oder französischen zweckgebundenen Kunstwerke interessanter sein als die ungarischen?
Die Kunstexperten sind sich einig: In der Kunst zählt nur die Kunst und nicht die Politik oder der Nationalismus. Der Anlaß für die Schaffung dieses Kunstwerks darf uns nach dieser Meinung also nicht interessieren, die Pflege und Züchtung nationalistischer Gefühle ebensowenig. Das Werk alleine soll sprechen.
Die Pferde wirken relativ ähnlich, aber das muß kein Nachteil sein: Der Bildhauer kann diese Ähnlichkeit beabsichtigt haben. In der Hauptgeschichte der letzten Woche kam ein Vierspänner mit Lipizzanern vor, die ein anderer mindestens so ähnlich waren ( Die Künste eines Csikós).
Da die Magyaren ein Reitervolk waren, werden die Pferde eine entsprechende Rolle gespielt haben, man wird gezüchtet haben, eine Ähnlichkeit bei Spitzenpferden wird sich auf diese Art und Weise damals genauso wie heute herausgebildet haben, und die Anführer haben selbstverständlich Spitzenpferden geritten. Soweit wirkt die Konstruktion glaubhaft.
Die Stammeshäuptlinge scharen sich um ihren Anführer und der Bildhauer kann von Glück sagen, daß es sich um eine ungerade Anzahl gehandelt hat. Sieben wirkt genau passend: Mehr wäre zuviel, fünf würden auch noch Eindruck schinden, drei wären schon etwas dürftig, jedenfalls im Vergleich zur fertigen Skulptur, wie sie vorliegt. Eine gerade Anzahl würde Probleme aufwerfen: Wie sollte man die Gruppe dann auf einen Anführer hin ausrichten?
Mit anderen Worten: Man kann sich die Sache gar nicht anders vorstellen. Das nehme ich als eines der Kennzeichen für große Kunst. Die Ausführung wirkt zwingend und nimmt gefangen.
Ein Anführer ist aber wichtig, selbst bei losen Verbänden, wie sie die magyarischen Stämme vermutlich gewesen sind, ähnlich wie die germanischen Stämme. Das liegt in der Natur der Sache. Bei unterschiedlichen Meinungen, die zu einer entscheidungsreifen Sache vorliegen, muß sich eine Meinung durchsetzen. Wichtiger ist allerdings die Erzeugung von Energie, die automatisch mit der Körung eines Führers bewirkt wird.
Eine Gallionsfigur wirkt sogar einigend. Sie trägt deshalb besondere Verantwortung, vor allen Dingen diejenigen, die keine eigene Meinung haben, schauen auf sie und erwarten von ihr Entscheidungen und die entsprechende Entlastung. Diese Mechanismen sind sehr gut bekannt und werden selbstverständlich von allen Führerpersönlichkeiten weidlich ausgenutzt.
Selbst im Internet, dem Paradebeispiel einer anarchischen Organisation, gibt es immer wieder Persönlichkeiten, die diesen Bedarf füllen; möglicherweise unwillig und ungern, aber doch im Bewußtsein ihrer historischen Rolle. Die bekannteste Figur ist vermutlich Linus Thorvalds, der Erfinder von Linux, der die letzte Entscheidung darüber hat, in welche Richtung sich Linux weiterentwickelt.
Seine Autorität begründet sich historisch und kraft seiner Kompetenz. So ähnlich stelle ich mir die Entwicklung der Machtpositionen in Stammesverbänden vor. Árpád wird also unter den Besten der Stämme der Beste gewesen sein. Kann der Bildhauer uns das vermitteln?
Die Anführer
Im Gegensatz zu den Pferden ist die Individualität bei den Stammesführern nicht zu übersehen. Es sind ohne Ausnahme gewaltige, entschlossene Burschen, mit Lust sind die Eigenarten der Persönlichkeiten herausgearbeitet.
Führerpersönlichkeiten sind sie alle, aber Árpád ist der Erste unter ihnen, allen anderen stünde diese Position nicht zu, und Árpád hat diese Rolle angenommen, die anderen scharen sich buchstäblich hinter ihn.
So also stellte man sich Ende des 19. Jahrhunderts die Vorfahren vor, von denen man gerne abstammen wollte. Die Einzelheiten sind natürlich frei erfunden, nur Weniges ist historisch überliefert. Noch nicht einmal das genaue Datum ließ sich feststellen, irgendwann zwischen 888 und 900 muß die Landnahme erfolgt sein (» When to Celebrate?).
Alle Reiter führen die Zügel eigenhändig links und sitzen frei, wie sich das gehört. Die Pferde halten sich ebenfalls vorbildlich.
Das Pferd rechts in der Mitte hat ein gewaltiges Hirschgeweih an die Trense montiert (im Ausschnitt anlegen Bildrand sichtbar) - man fragt sich, wie sich das Gebammsel im Kampfgetümmel oder beim Galopp verhalten hat. Es ist auf jeden Fall dekorativ und möglicherweise sogar furchterregend.
Einige Fürsten jedenfalls wirken auf mich furchterregend, andere wiederum kann ich mir besser am österreichischen Hofe vorstellen. Die Wildheit und Urtümlichkeit nimmt entgegen dem Uhrzeigersinn ab, und so lese ich die Skulptur auch, so bin ich um sie herumgegangen: Von der Mitte aus gegen den Uhrzeigersinn.
Die Ursprünge des ungarischen Volkes sind unklar. Einige Quellen behaupten, sie seien aus der Gegend des Iran gekommen, andere nehmen an, daß sie ursprünglich jenseits des Ural gesiedelt haben.
Bekannt ist, daß die ungarische Sprache in Europa keinerlei Verwandtschaft hat mit Ausnahme des Finnischen. Die Finnen sehen aber (zumindest heute) deutlich anders aus als die Ungarn. Das wird damit erklärt, daß die Völker sich auf der Wanderschaft entsprechend vermischt haben mit der ansässigen Bevölkerung.
Die Namen der sieben Stämme sind bekannt (» The Magyars), man nimmt an, daß es etwa eine halbe Million Menschen war, die neue Siedlungsplätze suchte. Natürlich war die Gegend schon besiedelt, etwa 200.000 Menschen sollen dort gelebt haben, die sich schnell mit den Ungarn vermischt haben.
Wie üblich, war der Anlaß der Völkerwanderung ein entsprechender Druck von der anderen Seite: dort wurden sie angegriffen, sie mußten weichen. Die Ungarn hatten Jahrhunderte unter Fremdherrschaft gelebt und offenbar gelernt, wie man ein Staatswesen aufbaut. Im Gebiet des heutigen ungarischen Staates errichteten sie ihren ersten eigenen Staat.
Nach der Legende wurde der Pakt zwischen den Stämmen mit Blut besiegelt. Im Jahre 902 organisierte Árpád die erste ungarische Nationalversammlung, ein "Parlament" in Pusztaszer, das 34 Tage tagte und teilweise zu Pferd abgehalten wurde (» They Rode into History on Horseback). Ein ungarische Präsident konnte also sagen: "Wir hatten schon ein Parlament, bevor wir Stühle hatten!"
Griechische Händler haben Árpád als weisen Mann bezeichnet, der Regierungsfähigkeiten besitze. Er starb 907 und wurde in Óbuda oberhalb einer Quelle beerdigt, die einen kleinen Fluß speist, der durch das heutige Buda fließt. Die genaue Stelle ist unbekannt.
Die Landnahme führte nun keineswegs direkt zu einem friedlichen Leben; dazu waren die Zeiten zu unsicher, Einfälle anderer Völker kamen häufig vor. Außerdem waren die Ungarn keine Bauern und hatten Probleme, seßhaft zu werden. So haben sie immer wieder Raubzüge nach Westen und Süden unternommen und hatten einmal sogar ganz Europa von Spanien bis zum Balkan im Griff.
Ihre militärische Taktik war berühmt: sie waren leicht bewaffnet, überzogen den Gegner mit einem Schauer von Pfeilen, zogen sich dann zurück, um anschließend wieder anzugreifen und die Gegner weiter zu dezimieren. Diese Taktik wurde dann aber bekannt, die Gegner stellten sich darauf ein, und schließlich blieb den Ungarn nichts anderes übrig, als denselben Weg zu nehmen, den das übrige Europa unter Christentum und Feudalismus nahm (» Conquest).
Die ungarische Militärtaktik überlebte aber bis in die Neuzeit. Maria Theresia führte die Husaren ein, die daraufhin auch von den anderen europäischen Armeen übernommen wurden. Die Husaren trugen eine ungarische Uniform und waren leicht bewaffnet, damit sie schnell zuschlagen und sich wieder zurückziehen konnten. Die Husaren bildeten die leichte Kavallerie.
Quellen
Abbildungen
© Werner Stürenburg
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