Leserbrief › 1237 zu Ausgabe › 259 19.03.04
Leserbrief zum EDDYtorial
Ja, es ist richtig, dass ich durch den Umgang mit EDDY gelernt habe, anders und mehr wahrzunehmen. Richtig ist auch, dass der "gebildete" Mensch in der Regel gar nicht anders kann, als mit einer Theorie an die Wirklichkeit heranzugehen und zu testen. Aber das ist aufgrund meiner Erfahrung nicht der geeignete Weg, um zu einer objektiven Sicht zu kommen.
Die Frage, was Realität, Wahrheit oder wie auch immer man es nennen möge ist, kann niemals aus Büchern gelernt oder von Philosophen, Theologen oder sonstigen Geisteswissenschaftlern beantwortet werden.
Um etwas wahrhaftig zu verstehen, müssen wir unbefangen beobachten. Aber der Geist darf dabei nicht von Meinungen, Urteilen und Bewertungen beeinflusst sein. Wenn wir beurteilen, rechtfertigen oder gar verurteilen, können wir nicht klar sehen. Und wir können es auch nicht, wenn unser Verstand unaufhörlich schwatzt.
Es gehört wohl zu den schwierigsten Dingen in unserer zivilisierten Welt, auf etwas ganz einfach zu schauen und die gewonnenen Eindrücke wertfrei wirken zu lassen. Weil unser Geist so kompliziert ist, haben wir offenbar die Fähigkeit verloren, Dinge einfach nur wahr zu nehmen, sie so zu sehen, wie sie tatsächlich sind.
Bereits in der Schule haben wir gelernt, A mit B zu vergleichen. Der Kodex des Verhaltens, welcher der Gesellschaft entspricht, in der wir aufgewachsen sind, beruht auf permanentem Vergleichen. Und in dem Augenblick, wo wir mit dem eigenen Wissen anfangen zu prüfen (und zu vergleichen), ist es mit der Objektivität vorbei, denn dann wird selbst etwas Neue nach alten Begriffen sortiert und gedeutet.
Wie aber können wir frei sein, wo doch unser Verstand von dem Augenblick der Geburt an durch unsere Kultur in den engen Grenzen der Ichbezogenheit geformt wird? Seit Generationen sind wir geformt durch Nationalität, Religion, Dialekt, Erziehung, Literatur, Kunst, Konvention, wirtschaftlichen Druck, und, und, und.
Wenn also jemand EDDY sieht und sagt: "Das ist ein irischer Tinker." dann ist das bereits Ausdruck von Befangenheit. Das reine Bezeichnen der Rasse des Pferdes und das damit verknüpfte Wissen um diese Tierart, engt den Geist so ein, dass quasi das Wort zwischen dem Beobachter und dem neutralen Sehen von EDDY steht.
Um EDDY wahr zu nehmen, muss man ihn unbefangen und ganzheitlich betrachten. Man muss die Mächtigkeit seiner 800 kg-schweren Erscheinung und den majestätische Körperbau auf sich wirken lassen, man muss das Gehabe und die Ausstrahlung eines Alphatieres, den Hauch von Würde und Unnahbarkeit spüren, man muss den sanften Blick und die freundliche Mimik erkennen und: man muss ihn mit der Hand empfindsam berühren, um die Seidigkeit seines Fells zu spüren, um die Wärme seines Körpers zu fühlen, um das Pulsieren des Lebens unter seinem Fell zu empfinden - Worte allein helfen nicht, dieses Pferd zu erfassen.
Achtsamkeit ist das Schlüsselwort!
Wenn wir etwas sehen und verstehen wollen, müssen wir unsere ganze Aufmerksamkeit dafür hingeben, müssen mit Herz und Verstand dabei sein, müssen uns im Hier und Jetzt befinden. In der Gegenwart zu leben bedeutet, das Wahrgenommene unmittelbar zu empfinden und auch das tiefe Entzücken, das damit verbunden ist.
Dieses achtsame Wahrnehmen bedeutet aber auch, nicht die eigene Ich-bezogene Welt des Sehens und Erlebens auf ein anderes Lebewesen zu projizieren, sondern offen zu sein für die Sicht- und Ausdrucksweise des anderen. Aus dieser vorurteilsfreien Zuwendung, diesem Hinfühlen und Hinspüren mit allen Sinnen ergibt sich automatisch eine Wertschätzung des Gegenüber. Und eine gegenseitige Wertschätzung ist die Grundlage für Vertrauen.
Ungeteilte Aufmerksamkeit, vorurteilsfreie Wertschätzung und gegenseitiges Vertrauen sind die Grundregeln für (Art-übergreifende) Kommunikation - so einfach und doch so schwer zu realisieren.
Es geht also nicht um Fragen, Antworten und Wissen; denn Wissen, das man nicht anzuwenden weiß, ist eigentlich nichts wert. Es geht darum, alle Sinne zu schärfen und nicht nur oberflächlich zu betrachten, sondern insbesondere auch intuitiv wahr zu nehmen.
Es geht darum, dass ein Mensch sich einfach natürlich verhalten soll und es geht darum, dass die Natur mit dem nötigen Respekt be- und geachtet werden will - so jedenfalls würde es EDDY formuliert haben.
Norbert Kaiser
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