Ratgeber
Pferdefutter: wie eine Ration aufgebaut wird und woran sie meist scheitert
Eine Ration wird von unten gebaut, nicht von oben: zuerst das Raufutter, dann die Lücke, die bleibt. Wer in der umgekehrten Reihenfolge anfängt, füttert am Bedarf vorbei.
Die meisten Rationen werden von oben gebaut. Zuerst wird ein Kraftfutter ausgewählt, dann ein Mineralfutter dazugestellt, und das Heu läuft nebenher, weil es ohnehin im Netz hängt. Diese Reihenfolge erklärt einen erheblichen Teil der Fütterungsprobleme, die in der Praxis auffallen.
Der Verdauungstrakt des Pferdes gibt eine andere vor.
Die vier Gruppen und ihre Rangfolge
Raufutter ist die Grundlage: Heu, Heulage, Weidegras, Stroh als Beifutter. Es liefert Struktur, beschäftigt das Tier über Stunden und hält die Dickdarmflora in Gang. Als Untergrenze gelten rund 1,5 kg Trockensubstanz je 100 kg Körpermasse und Tag, was bei Heu etwa 1,7 kg je 100 kg entspricht.
Kraftfutter ergänzt Energie, wo Raufutter allein nicht reicht: Hafer, Gerste, Mais, Mischfutter. Es ist eine Ergänzung, keine Basis, und für viele Freizeitpferde in leichter Arbeit ist es schlicht entbehrlich.
Saftfutter wie Möhren oder Futterrüben spielt mengenmäßig eine Nebenrolle und wird meist aus Gewohnheit gegeben.
Mineral- und Ergänzungsfutter schließen die Lücke zwischen dem, was Grund- und Kraftfutter liefern, und dem, was das Pferd benötigt.
Die Rangfolge ist entscheidend. Zuerst steht die Frage, wie viel Raufutter das Pferd bekommt und in welcher Qualität. Erst danach lässt sich sagen, was überhaupt zu ergänzen bleibt. Wer mit dem Kraftfutter beginnt, beantwortet eine Frage, die noch niemand gestellt hat.
Die Portionsgröße entscheidet mehr als das Produkt
Der Dünndarm des Pferdes kann pro Mahlzeit nur eine begrenzte Menge Stärke aufschließen. Als Orientierung werden etwa 0,3 bis 0,5 kg Stärketräger je 100 kg Körpermasse genannt, mit Spielraum je nach Futtermittel und Einzeltier. Was diese Kapazität übersteigt, wandert unverdaut weiter in den Dickdarm und stört dort die Mikroben, die eigentlich Fasern abbauen sollen.
Daraus folgt eine Regel, die banaler klingt, als sie ist: Drei kleine Mahlzeiten sind besser als eine große, und zwar unabhängig davon, welches Produkt im Eimer ist.
In der Praxis wird stattdessen fast immer über die Marke diskutiert. Ein hochwertiges Mischfutter in einer zu großen Portion ist für den Dickdarm dasselbe Problem wie ein billiges in einer zu großen Portion. Die Verpackung ändert daran nichts.
Hafer und der Rest
Hafer nimmt eine Sonderstellung ein, weil seine Stärke im Dünndarm besser aufgeschlossen wird als die von Gerste oder Mais. Deshalb gilt er als das unkomplizierteste Kraftfutter, und deshalb war er über Generationen der Standard.
Mischfutter haben andere Stärken: definierte Gehalte, mitgelieferte Mineralisierung, angepasste Zusammensetzung für Alter oder Leistung. Wer ein Mischfutter in voller Herstellermenge füttert, braucht in der Regel kein zusätzliches Mineralfutter, und genau dieser Punkt geht regelmäßig verloren, weil die volle Menge selten gefüttert wird. Eine halbe Portion Mischfutter liefert auch nur die halbe Mineralisierung.
Reihenfolge im Trog
Raufutter vor Kraftfutter. Wenn zuerst Heu vorliegt, ist der Magen nicht leer, wenn das Kraftfutter kommt, die Aufnahme verlangsamt sich, und es wird mehr Speichel gebildet.
Die verbreitete umgekehrte Praxis stammt aus dem Stallablauf: Kraftfutter zuerst, weil es schneller ausgegeben ist und weil die Pferde danach ruhig sind, während das Heu verteilt wird. Das ist organisatorisch nachvollziehbar und physiologisch die schlechtere Variante.
Umstellungen brauchen Zeit
Die Dickdarmflora passt sich an ein Futter an, und diese Anpassung dauert Tage bis Wochen. Ein abrupter Wechsel, ob anderes Kraftfutter, andere Heucharge oder erster Weidegang, trifft eine Mikrobenwelt, die auf das Vorherige eingestellt ist. Deshalb wird über sieben bis vierzehn Tage angemischt, und zwar auch dann, wenn das neue Futter objektiv das bessere ist.
Bei Heu wird diese Regel fast immer ignoriert, weil ein Chargenwechsel nicht wie eine Umstellung aussieht. Er ist einer.
Was sich mit einer Küchenwaage klären lässt
Ein Punkt zum Schluss, der weder Produkt noch Theorie betrifft: Kaum jemand weiß, wie viel die eigene Schaufel fasst. Dieselbe Messschaufel liefert bei Hafer, bei pelletiertem und bei extrudiertem Futter drei deutlich verschiedene Gewichte, weil die Schüttdichte auseinandergeht. Wer seine Portion einmal wiegt, korrigiert damit häufiger eine Ration, als es die Umstellung auf ein teureres Futter täte.
Der Vorgang dauert zwei Minuten und wird trotzdem selten gemacht, vermutlich weil er nichts kostet und deshalb nach nichts aussieht.
Häufige Fragen
Woraus besteht eine Pferderation?
Aus vier Gruppen: Raufutter als Grundlage (Heu, Heulage, Weidegras), Kraftfutter als Energieergänzung (Hafer, Gerste, Mischfutter), Saftfutter in kleineren Mengen (Möhren, Rüben) und Mineral- beziehungsweise Ergänzungsfutter zum Schließen der Nährstofflücke. Die Reihenfolge ist keine Aufzählung, sondern eine Rangfolge: Ergänzt wird, was das Raufutter nicht liefert, nicht umgekehrt.
Wie viel Kraftfutter darf eine Portion enthalten?
Als Orientierung gelten rund 0,3 bis 0,5 kg Stärketräger je 100 kg Körpermasse pro Mahlzeit, mit deutlicher Streuung je nach Futtermittel und Pferd. Größere Einzelportionen überfordern die Verdauung im Dünndarm, sodass Stärke in den Dickdarm gelangt und dort die Mikroben stört. Wer viel Kraftfutter braucht, verteilt es auf mehrere Mahlzeiten statt auf zwei große.
Ist Hafer besser als Mischfutter?
Hafer ist das Getreide, dessen Stärke ein Pferd am besten im Dünndarm aufschließt, und deshalb das unkomplizierteste Kraftfutter. Mischfutter hat andere Vorteile: definierte Gehalte, integrierte Mineralisierung, angepasste Zusammensetzung. Die Wahl entscheidet weniger als die Menge – eine zu große Portion Hafer richtet mehr Schaden an als eine passende Portion Mischfutter.
In welcher Reihenfolge wird gefüttert?
Raufutter vor Kraftfutter. Wer zuerst Heu vorlegt, sorgt dafür, dass das Kraftfutter langsamer und mit mehr Speichel aufgenommen wird und nicht auf einen leeren Magen trifft. Die verbreitete umgekehrte Reihenfolge, erst Kraftfutter und danach Heu, hat sich aus Stallabläufen ergeben, nicht aus der Verdauungsphysiologie.
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden
- Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig: Positionspapier zur Raufutterversorgung bei Pferden (PDF)