Ratgeber
Heu und Raufutter: wie viel ein Pferd täglich braucht
Die Raufuttermenge entscheidet über die Gesundheit des Verdauungstrakts stärker als jede Ergänzung. Wie viel nötig ist, wie lange Pausen dauern dürfen und was sich am Heu selbst erkennen lässt.
Bei der Fütterung wird zuerst über das Kraftfutter gesprochen und über Zusätze, und erst danach über das Heu. Diese Reihenfolge ist umgekehrt. Der Verdauungstrakt des Pferdes ist auf über viele Stunden verteilte Aufnahme faserreichen Materials eingerichtet, und die meisten Fütterungsprobleme, die in der Praxis auffallen, entstehen nicht durch ein falsches Müsli, sondern durch zu wenig Raufutter oder durch zu lange Pausen dazwischen.
Die Menge: was als Untergrenze gilt
Das Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig nennt in seinem Positionspapier zur Raufutterversorgung eine Mindestmenge von rund 1,5 kg Trockensubstanz je 100 kg Körpermasse und Tag. Da Heu nicht vollständig aus Trockensubstanz besteht, sind daraus in der Praxis etwa 1,7 kg Heu je 100 kg Körpermasse zu rechnen; bei feuchteren Heulagen sind es rund 2 kg.
Für ein Pferd von 600 kg bedeutet das gut zehn Kilogramm Heu am Tag.
Diese Zahl wird häufig als Zielwert gelesen, und das ist sie nicht. Sie ist die Grenze, unterhalb derer die Versorgung als nicht mehr ausreichend gilt. Pferde, denen Raufutter frei zur Verfügung steht, nehmen regelmäßig mehr auf, ohne dass daraus ein Problem entstünde, solange die Qualität stimmt und das Tier nicht zu Übergewicht neigt.
Warum das Wiegen den Unterschied macht
Portionen werden fast immer geschätzt, und die Schätzung liegt zuverlässig daneben. Ein Heunetz, das voll aussieht, kann je nach Pressung und Struktur zwischen vier und acht Kilogramm enthalten. Wer die Ration einmal über eine Woche abwiegt, kennt danach die eigene Portionsgröße und muss nicht mehr schätzen. Der Aufwand fällt genau einmal an.
Die Verteilung: das eigentliche Problem
Der Magen des Pferdes produziert Säure fortlaufend, auch dann, wenn nichts gefressen wird. Abgepuffert wird sie durch Speichel, und Speichel entsteht beim Kauen. Fällt das Kauen über längere Zeit aus, trifft Säure auf eine Schleimhaut, die nicht dauerhaft dafür ausgelegt ist. Ab etwa sechs Stunden ohne Raufutter steigt das Risiko für Reizungen deutlich an.
Damit verschiebt sich die Frage. Nicht die Tagesmenge allein entscheidet, sondern ihre Verteilung über 24 Stunden. Eine Fütterung, die morgens und abends je fünf Kilogramm vorlegt, erreicht die Tagesmenge und lässt trotzdem eine Nachtpause von zehn oder zwölf Stunden entstehen. Das ist der häufigste Fehler in Ställen mit fester Fütterungszeit, und er ist über die Menge im Futterplan nicht zu erkennen.
Engmaschige Heunetze, mehrere Vorlagestellen und eine späte Abendportion sind die üblichen Gegenmittel. Sie verlängern die Fresszeit, ohne die Menge zu erhöhen. Bei Pferden, die zu Übergewicht neigen, ist genau das der Punkt: Die Zeit soll steigen, die Kilogramm sollen es nicht.
Die Qualität: was sich ohne Labor beurteilen lässt
Eine Nährstoffanalyse liefert Zahlen, die sich anders nicht beschaffen lassen, und für Betriebe mit größeren Beständen lohnt sie. Für den Einzelfall entscheidet zunächst die Sinnesprüfung, und sie erkennt die Fehler, die praktisch am häufigsten vorkommen.
Gutes Heu riecht aromatisch und nicht muffig oder stechend. Es ist grün bis grüngelb, nicht ausgeblichen. Es lässt Halme und Blätter erkennen, statt zu einer strukturlosen Masse zerfallen zu sein. Und es staubt beim Aufschütteln kaum. Wer beim Öffnen eines Ballens eine Staubwolke sieht, sollte dieses Heu nicht ohne Bedampfen verfüttern, unabhängig davon, was eine Analyse zum Energiegehalt sagen würde.
Der Schnittzeitpunkt bestimmt das Verhältnis von Struktur und Energie: Früh geschnittenes Heu ist energiereicher und blattreicher, spät geschnittenes strukturreicher und energieärmer. Beides hat seinen Platz, nur nicht bei jedem Pferd. Für ein Sportpferd im Training gilt eine andere Antwort als für einen leichtfuttrigen Robustponyhengst, der ohnehin zu viel wiegt.
Was beim Wechsel passiert
Heu ist ein Naturprodukt und unterscheidet sich von Charge zu Charge, teils erheblich. Ein neuer Lieferant, ein anderer Schnitt oder ein anderes Jahr ändern Energiegehalt und Struktur, ohne dass sich an der vorgelegten Menge etwas ändert. Pferde, die über Wochen in denselben Zustand kommen, obwohl die Ration auf dem Papier gleich geblieben ist, haben oft schlicht ein anderes Heu bekommen.
Deshalb gehört ein Chargenwechsel behandelt wie eine Futterumstellung: über mehrere Tage anmischen, nicht von einem Tag auf den anderen. Das gilt für den Wechsel von Heu zu Heulage besonders, weil dort zusätzlich der Wassergehalt springt.
Ein Nebenaspekt, der selten mitbedacht wird: Wo Heu knapp und teuer ist, wird die Ration nicht offen gekürzt, sondern durch Kraftfutter ergänzt. Das Pferd bekommt seine Energie, die Fresszeit sinkt trotzdem. Auf dem Futterplan sieht diese Ration vollständig aus, und im Magen ist sie es nicht.
Häufige Fragen
Wie viel Heu braucht ein Pferd pro Tag?
Als Untergrenze gelten rund 1,5 kg Trockensubstanz Raufutter je 100 kg Körpermasse. Weil Heu nicht vollständig aus Trockensubstanz besteht, entspricht das etwa 1,7 kg Heu je 100 kg Körpermasse, bei feuchteren Heulagen rund 2 kg. Ein 600-kg-Pferd liegt damit bei gut 10 kg Heu täglich. Das ist ein Minimum, kein Zielwert: Pferde nehmen bei freier Verfügbarkeit regelmäßig mehr auf.
Wie lange darf eine Fresspause sein?
Der Pferdemagen bildet fortlaufend Säure, unabhängig davon, ob gefressen wird. Wird die Pause zu lang, fehlt der Speichel, der die Säure abpuffert. Ab etwa sechs Stunden ohne Raufutter steigt das Risiko für Reizungen der Magenschleimhaut deutlich. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Tagesmenge, sondern ihre Verteilung über 24 Stunden.
Woran erkennt man gutes Heu ohne Laboranalyse?
An Geruch, Farbe, Struktur und Staub. Gutes Heu riecht aromatisch und nicht muffig, ist grün bis grüngelb statt ausgeblichen, lässt einzelne Halme und Blätter erkennen und staubt beim Aufschütteln kaum. Diese Prüfung ersetzt keine Analyse der Nährstoffgehalte, schließt aber die Fehler aus, die praktisch am häufigsten vorkommen.
Ist Heulage ein gleichwertiger Ersatz für Heu?
Als Raufutter ja, in der Handhabung nicht. Heulage enthält mehr Wasser, weshalb die Frischmasse höher angesetzt werden muss, und sie ist nach dem Öffnen des Ballens deutlich empfindlicher. Wer wechselt, ändert außerdem den Energiegehalt der Ration, ohne dass sich die Menge im Netz sichtbar verändert.
Quellen
- Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig: Positionspapier zur Raufutterversorgung bei Pferden (PDF)
- Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Pferdehaltung und Fütterung