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Pferdezeitung

Ratgeber

Mineralfutter fürs Pferd: Bedarf, Dosierung und die Grenzen der Schätzung

Der Bedarf ergibt sich aus dem, was das Grundfutter liefert. Ohne diese Zahl bleibt jede Dosierung eine Schätzung, und mehrere Ergänzer nebeneinander werden dann schnell zum eigentlichen Risiko.

Stand: · Beitrag im Nachschlagewerk der Pferdezeitung

Messlöffel mit graubraunem Mineralfutter wird über einem offenen Futtereimer abgestrichen, daneben der beschriftete Eimer des Herstellers (KI-generiertes Bild)
Die Dosierung folgt dem Grundfutter – und das steht auf keiner Verpackung. KI-generiertes Bild

Mineralfutter wird meist nach Gefühl dosiert, und das Gefühl orientiert sich an der Messschaufel des Herstellers. Die Frage, wie viel ein bestimmtes Pferd tatsächlich braucht, lässt sich so nicht beantworten, denn sie hängt an einer Größe, die auf keiner Verpackung steht: an dem, was das Grundfutter bereits liefert.

Der Bedarf ist eine Differenz

Die Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie beschreiben, welche Mengen an Mengen- und Spurenelementen ein Pferd je nach Gewicht, Alter und Arbeitsleistung benötigt. Das ist die eine Seite. Die andere ist der Gehalt des Grundfutters, und der schwankt erheblich: nach Standort, nach Düngung, nach Schnittzeitpunkt und nach Jahr.

Was zu ergänzen bleibt, ist die Differenz zwischen beidem.

Ohne eine Analyse des eigenen Heus ist diese Differenz nicht bekannt, sondern geschätzt. Für viele Betriebe ist das vertretbar, weil handelsübliche Mineralfutter auf durchschnittliche Grundfutter ausgelegt sind und mit Sicherheitsabständen arbeiten. Es heißt aber, dass die häufig gehörte Aussage, ein Pferd sei mit einem bestimmten Produkt bedarfsdeckend versorgt, streng genommen unbelegt ist, solange niemand das Heu untersucht hat.

Wann eine Heuanalyse sich rechnet

Bei einem einzelnen Freizeitpferd steht der Aufwand oft nicht im Verhältnis. Sobald mehrere Pferde aus derselben Charge gefüttert werden, ändert sich die Rechnung, weil die Kosten sich verteilen und der Nutzen sich vervielfacht. Ebenso bei Zuchtstuten, Jungpferden im Wachstum und bei jedem Pferd mit wiederkehrenden Problemen, die auf die Versorgung zurückgehen könnten.

Selen: der Fall, bei dem Schätzen am wenigsten trägt

Die Böden weiter Teile Mitteleuropas sind selenarm, und das schlägt bis ins Grundfutter durch. Ein in Deutschland gewachsenes Heu deckt den Selenbedarf eines Pferdes in der Regel nicht. Das allein wäre unproblematisch, denn dafür gibt es Ergänzer.

Der Unterschied zu anderen Spurenelementen liegt in der Spanne. Zwischen der Menge, die den Bedarf deckt, und der Menge, ab der Selen toxisch wirkt, liegt weniger Abstand als bei Kupfer oder Zink. Wer gleichzeitig ein Mineralfutter, ein mineralisiertes Kraftfutter und einen Leckstein anbietet, kann diese Spanne überschreiten, ohne es zu bemerken, weil keine der drei Packungen von den anderen weiß.

Bei konkretem Verdacht ist die Blutuntersuchung hier aussagekräftiger als bei den meisten anderen Elementen und deshalb der Weg, den eine Tierärztin ohnehin vorschlagen wird.

Warum sich Ergänzer stapeln

Der Vorgang ist immer derselbe und läuft schleichend ab. Ein Pferd bekommt ein Basis-Mineralfutter. Dann kommt ein Huf-Präparat dazu, weil das Horn schlecht ist. Später ein Fellzusatz vor dem Fellwechsel, ein Leckstein für die Box und ein mineralisiertes Müsli, weil das alte ausging.

Fünf Produkte, die einander niemand zugeordnet hat, und in vieren davon stehen Zink, Kupfer, Selen und Vitamin E.

Das Ergebnis ist keine Überdosis im dramatischen Sinn, meistens jedenfalls nicht. Es ist eine Versorgung, über die niemand mehr Auskunft geben kann, und eine Ausgabe, die sich vervielfacht hat, ohne dass ein Effekt zuzuordnen wäre. Wer ergänzt, sollte deshalb einmal alle Etiketten nebeneinanderlegen und die Gehalte addieren. Der Vorgang dauert eine halbe Stunde und beendet die Frage regelmäßig.

Was sich am Pferd ablesen lässt und was nicht

Stumpfes Fell, brüchiges Horn, schlechte Bemuskelung: Diese drei werden am häufigsten als Beleg für einen Mineralstoffmangel angeführt, und alle drei sind unspezifisch. Sie treten ebenso bei Energiemangel auf, bei Parasitenbelastung, bei Zahnproblemen und bei schlichter Überlastung im Training. Wer daraufhin ergänzt und eine Besserung sieht, hat damit nicht gezeigt, dass ein Mangel vorlag, denn im selben Zeitraum ändert sich meist auch die Jahreszeit.

Verlässlich ist der umgekehrte Weg: erst die Ration rechnen, dann ergänzen, was fehlt. Das ist weniger befriedigend als ein Produkt, das ein sichtbares Problem adressiert, und es ist die einzige Methode, die eine Antwort liefert statt einer Vermutung.

Ein Punkt bleibt dabei offen, und er wird selten benannt: Die GfE-Empfehlungen beschreiben den Bedarf gesunder Pferde unter definierten Bedingungen. Für ein altes Pferd mit eingeschränkter Nährstoffaufnahme oder für ein Tier mit Stoffwechselerkrankung sind sie der Ausgangspunkt, nicht die Antwort.

Häufige Fragen

Braucht jedes Pferd ein Mineralfutter?

Nicht automatisch. Entscheidend ist, was das Grundfutter liefert und wie viel Kraftfutter dazukommt. Ein Pferd, das eine volle Menge eines mineralisierten Kraftfutters erhält, ist über dieses bereits versorgt; ein Pferd, das ausschließlich Heu und wenig oder kein Kraftfutter bekommt, ist es in aller Regel nicht. Der Mangelfall ist die zweite Gruppe, und die ist groß.

Warum ist Selen in Deutschland ein Sonderfall?

Weil die Böden über weite Teile Mitteleuropas selenarm sind und das Grundfutter diesen Mangel abbildet. Zugleich ist die Spanne zwischen Bedarf und Überversorgung bei Selen enger als bei den meisten anderen Spurenelementen. Beides zusammen macht Selen zu dem Element, bei dem sich Schätzen am wenigsten lohnt und eine Blutuntersuchung am ehesten.

Kann man mehrere Ergänzungsfutter gleichzeitig geben?

Möglich ja, sinnvoll selten. Mineralfutter, mineralisiertes Kraftfutter, Leckmassen und Spezialpräparate enthalten überwiegend dieselben Elemente. Nebeneinander gegeben addieren sie sich, ohne dass das auf einer der Verpackungen steht. Wer ergänzt, sollte die Gehalte aller Komponenten zusammenrechnen und nicht jede für sich betrachten.

Wie erkennt man einen Mineralstoffmangel am Pferd?

Meist gar nicht, jedenfalls nicht früh und nicht eindeutig. Stumpfes Fell, brüchiges Horn oder schlechte Bemuskelung werden regelmäßig als Mangelzeichen gedeutet, haben aber ebenso oft andere Ursachen, von der Energieversorgung bis zum Parasitenstatus. Verlässlich ist die Rechnung über die Ration, ergänzt durch eine Blutuntersuchung bei konkretem Verdacht.

Quellen

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