Ratgeber
Kaltblutrassen: die schweren Pferde und ihr Bestand heute
Kaltblut ist keine Rasse, sondern eine Gruppe, die über den Körperbau und die Arbeitsveranlagung definiert wird. Fast alle deutschen Vertreter gelten heute als gefährdet.
Der Begriff hält sich hartnäckig als Temperamentbeschreibung, und er meint nichts dergleichen. Kaltblut bezeichnet eine Zuchtrichtung: schwere, breit gebaute Pferde mit kräftigem Fundament, die über Jahrhunderte auf Zugleistung selektiert wurden. Ein Kaltblut kann lebhaft sein und ein Vollblut gelassen. Die Gruppe wird über den Bau definiert und über die Arbeit, für die dieser Bau entstand.
Woran sich ein Kaltblut erkennen lässt
Auffällig ist zuerst die Masse im Verhältnis zur Höhe. Kaltblüter sind nicht in erster Linie groß, sondern schwer: breite Brust, kräftige Kruppe, starke Röhrbeine, häufig ein ausgeprägter Behang an den Fesseln. Der Kopf ist meist grob, der Hals kurz und tief angesetzt. Der Rumpf trägt Zugkraft, nicht Wendigkeit.
Das ist kein Schönheitsurteil, sondern Funktionsbeschreibung. Ein Pferd, das einen beladenen Wagen aus dem Stand anziehen soll, braucht Gewicht, das es in den Zug legen kann, und ein Fundament, das diese Last aushält. Genau darauf wurde selektiert, und zwar so lange, wie es dafür einen Markt gab.
Die deutschen Rassen und ihr Status
In Deutschland werden das Rheinisch-Deutsche Kaltblut, das Süddeutsche Kaltblut, das Schleswiger Kaltblut, das Schwarzwälder Kaltblut und das Pfalz-Ardenner Kaltblut als eigenständige Rassen geführt. Im süddeutschen Raum kommt der Noriker hinzu.
Sie alle erscheinen in den Gefährdungskategorien der Roten Liste einheimischer Nutztierrassen, die das Informations- und Koordinationszentrum für Biologische Vielfalt herausgibt. Das Schwarzwälder Kaltblut wird derzeit als Beobachtungspopulation eingestuft und steht damit vergleichsweise günstig da; das Rheinisch-Deutsche Kaltblut gilt als vom Aussterben bedroht. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen hat das Schleswiger Kaltblut zweimal zur Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres erklärt, 1988 und 1996.
Zwei Auszeichnungen in acht Jahren für dieselbe Rasse sagen etwas über den Verlauf.
Warum eine ganze Gruppe zugleich schrumpft
Die Ursache ist bei allen dieselbe und liegt außerhalb der Zucht. Kaltblüter waren Arbeitsgerät. Als in der Landwirtschaft ab den 1950er Jahren Traktoren die Feldarbeit übernahmen, entfiel die Aufgabe, für die diese Pferde gehalten wurden, innerhalb einer Generation fast vollständig. Anders als bei Reitpferderassen konnte kein Freizeitmarkt die Lücke füllen: Ein Pferd von siebenhundert oder achthundert Kilogramm ist teurer im Unterhalt, aufwendiger im Beschlag und für die meisten Reitzwecke schlicht nicht das passende Tier.
Was blieb, sind Erhaltungszucht, Zugsport, Forstarbeit in schwierigem Gelände und Repräsentation. Das trägt Bestände, aber es trägt sie knapp. Förderprogramme der Länder für bedrohte Nutztierrassen sind für viele Betriebe der Grund, warum die Zucht überhaupt weiterläuft.
Was das Register dieser Seite führt und was nicht
Das Zuchtregister umfasst 24 Rassen und darunter keine einzige echte Kaltblutrasse. Schwerere Typen sind vertreten, etwa der Tinker mit seinem Behang und dem kräftigen Fundament oder das Fjordpferd, und beide werden im Sprachgebrauch gelegentlich als Kaltblut bezeichnet. Zuchtsystematisch sind sie es nicht. Der Tinker ist ein Robustpferd irischer Herkunft, das Fjordpferd ein norwegisches Gebirgspferd; beide sind auf Vielseitigkeit unter dem Sattel und vor dem Wagen gezogen, nicht auf schwere Zugarbeit.
Diese Unterscheidung wirkt akademisch, bis es um Bestandszahlen geht. Wer Kaltblutrassen zählt und dabei Robustponys mitzählt, erhält ein zu freundliches Bild einer Gruppe, deren Lage tatsächlich prekär ist.
Der Behang, über den niemand spricht
Ein Detail am Rande, das in Rasseportraits selten vorkommt und für Halter erheblich ist: Der dichte Fesselbehang, der die schweren Rassen kennzeichnet, ist pflegeintensiv und bei einigen Linien mit chronischen Hauterkrankungen der Unterschenkel verbunden. Beim Rheinisch-Deutschen Kaltblut ist die chronisch progressive Lymphödematose Gegenstand eigener Untersuchungen zur Erblichkeit gewesen. Wer ein schweres Pferd mit starkem Behang hält, hat damit eine tägliche Aufgabe, die bei einem kurzhaarigen Warmblut nicht anfällt.
Häufige Fragen
Welche Kaltblutrassen gibt es in Deutschland?
Als eigenständige deutsche Kaltblutrassen werden das Rheinisch-Deutsche Kaltblut, das Süddeutsche Kaltblut, das Schleswiger Kaltblut, das Schwarzwälder Kaltblut und das Pfalz-Ardenner Kaltblut geführt; der Noriker wird im süddeutschen Raum ebenfalls dazugerechnet. Alle stehen in den Gefährdungskategorien der Roten Liste einheimischer Nutztierrassen.
Was unterscheidet ein Kaltblut von einem Warmblut?
Nicht die Temperatur, sondern Bau und Veranlagung. Kaltblüter sind schwer, breit, kurzbeinig im Verhältnis zur Masse und auf Zugleistung gezüchtet; Warmblüter sind leichter und auf Reitleistung selektiert. Die Begriffe beschreiben Zuchtrichtungen, keine Blutlinien im wörtlichen Sinn und auch kein Temperament.
Warum sind Kaltblüter so selten geworden?
Weil ihre Aufgabe verschwunden ist. Kaltblüter wurden für Zug- und Feldarbeit gezüchtet, und diese Arbeit übernahmen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts Traktoren. Eine Rasse, deren Verwendungszweck entfällt, verliert ihre wirtschaftliche Grundlage; die verbliebenen Bestände werden heute überwiegend durch Erhaltungszuchtprogramme und Förderprogramme der Länder getragen.
Führt das Zuchtregister dieser Seite Kaltblutrassen?
Nein. Das Register umfasst 24 Rassen, darunter Robustpferde und schwerere Typen wie den Tinker oder das Fjordpferd, aber keine echte Kaltblutrasse. Wer Bestandsdaten zu einer der deutschen Kaltblutrassen sucht, findet sie bei den zuständigen Zuchtverbänden und in der Roten Liste der einheimischen Nutztierrassen.
Quellen
- Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung / IBV: Einheimische Nutztierrassen in Deutschland und Rote Liste gefährdeter Nutztierrassen (PDF)
- Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: Zucht und Haltung bedrohter Haus- und Nutztierrassen