Magazin-Archiv // Ausgabe 529 · 2009
Weidelgrastaumelkrankheit und Schwingelgifte – Ausgabe 529
Allgemein bewirkt Ergovalin Unregelmäßigkeiten bezüglich der Fortpflanzung: verringerte Befruchtungsrate, Übertragen des Fohlens mit 370 Tagen und länger, Abort, Dystokie, Plazenta vergrößert und verdickt, rot verfärbt und nicht abgehend, ungewöhnlich schwer und stabil, Tod der Stute, abnormale Fohlenreife/-größe bei schlechter Bemuskelung, Fohlen oft um 90 bis 180° gedreht, Fohlenhufe zu weit entwickelt und schlechter Saugreflex, schlechte Immunität der Stute und des Fohlens mit zu niedriger Körpertemperatur des Fohlens, Milchlosigkeit der Stute und Fohlentod, Milch hat eine strohgelbe statt weiße Farbe und ist ölig, verminderte Prolaktin- und Progesteron-Werte. Fohlen wirken abwesend . Sehnen können verkürzt sein, die Knochen- und Lungenentwicklung können verspätet sein. Zähne können schon sichtbar sein. Kropf beim Fohlen kommt vor, Blutvergiftungen sind gehäuft. Bei guter Pflege und Gabe von Kolostralmilch über eine Nasenschlundsonde in der ersten Lebensstunde erholen sich die Fohlen. Bei Jährlingen fällt der um bis zu 57% verminderte Zuwachs auf. Zufütterung von bis zu 50% Kraftfutter kann die Symptome nur bei Jungpferden verbessern, nicht jedoch bei ausgewachsenen Pferden. Die Mutterkornalkaloide der Gräserendophyten wirken grundlegend auf den Hormonspiegel und also den Stoffwechsel der Weidetiere:
Wirkung der Schwingelgifte auf den Hormonspiegel Erhöht durch Ergotamintartratoder auch erniedrigt Tab. 3: Wirkung der Gifte des Rohrschwingels auf einige Hormone (, STRICKLAND ET AL. (2007) ), nach VANSELOW (2008, A) Weidelgrastaumelkrankheit Auch hier gibt es kaum Literatur über Pferde, dafür um so mehr über Rinder und Schafe. Bei Alpakas verursacht diese Vergiftung bleibende Schäden, wobei Jungtiere und Tiere mit einem Aufhellungsfaktor der Fellfarbe besonders gefährdet zu sein scheinen (COOPER & COLLIER (NO DATE) ). Die Symptome setzen erst nach längerer Fütterung ein, dann aber plötzlich. Pferde erholen sich nach Futterumstellung zumeist rasch und vollständig. Allgemein wird bei Weidetieren beobachtet (z.B. BOHNERT ET AL. (NO DATE) , COOPER & COLLIER (NO DATE) , PARSONS & BOHNERT (2003) , BOHNERT & MERRILL (2006) Plötzlich einsetzendes feinschlägiges Zittern (Head shaking, Übersensibilität, Desorientierung Gestelzter, steifer Gang, taumeln, stürzen fortschreitende Ataxie v.a. unter Bewegung Einbrechen in der Hinterhand, Krämpfe bis zur totalen Tetanie mit muskuloskeletalem Kollaps Lähmende Wirkung auf den Verdauungstrakt Die höchsten Lolitrem-Gehalte finden sich witterungsbedingt zu Beginn des Herbstes mit einem Maximum oft im August. Das Maximum kann aber auch z.B. im Oktober liegen. Bei geringer Nutzung des Grünlandes wird der Lolitrem-Gehalt durch Stickstoffdünger erhöht, bei sehr intensiver Nutzung wirkt Stickstoffdünger dagegen erniedrigend auf den Lolitrem-Gehalt. In den ersten regenreichen Tagen nach langer Dürre kann der Giftgehalt erhöht sein.
Die Gifte bleiben auch in Produkten aus Gräsern mehr oder weniger erhalten. Pellettierung von Grünmehl und Produkten daraus zerstört die Gifte nicht. Rohrschwingel infiziert zu 90% Tabelle 4: Messungen von Giftgehalten in Grasprodukten. Quelle: ROBERTS ET AL. (2002) Allgemein sind Rasengrassorten (z.B. Gärten, Parks, Golfgreens, Bolzplätze, Straßenbegleitbegrünung ) erheblich resistenter und ggf. giftiger als Futtergrassorten . Gärten und Parks sind gesetzlich privilegiert, d.h. hier gelten Bundessorten- und Saatgutrecht und Bundesnaturschutzgesetz nicht . Damit ist der Weg auch für giftige Gräser nach Deutschland nicht versperrt. das landwirtschaftliches Saatgut wird im Zuge der Globalisierung heute aus Kostengründen oft in Übersee (DEUTSCHER BUNDESTAG, DRUCKSACHE 15/5087 VOM 14.03.2005) ). Falls es zu minimalen Verunreinigungen mit den dort verwendeten, z.T. erheblich giftigeren Grassorten und deren Endophyten käme, wäre das kaum festzustellen jedoch verheerend, denn solche resistenten Weidelgrassorten zeigten unter deutschen Verhältnissen gemessen eine bis zu vierfache Überschreitung der Schwellenwerte . Die Gräser sehen identisch aus. Ohne Labormessungen sind sie nicht zu identifizieren. Es ist sinnvoll und empfehlenswert sich beim Saatgutproduzenten über dessen Saatgut zu informieren, denn einzelne deutsche Produzenten bieten endophytenfreies Saatgut speziell für die Pferdehaltung an. Das Saatgut wurde im firmeneigenen Labor auf mögliche Infektion getestet. Garantien sind jedoch wegen der hohen Gefahr von Verunreinigungen nach der Aussaat nicht möglich, weshalb es sinnvoll erscheint, über die unkritische Verwendung von fraglichen Grasarten in der Pferdehaltung nachzudenken.
Vorbeuge, Nachweis und Behandlung Die Gräserzusammensetzung, Nutzung und Bewirtschaftung des Graslandes entscheiden neben Umwelteinflüssen, ob und wieviel Gifte vorhanden sind. Die Gefahr steigt mit bestimmten Resistenzen der Gräser und Bedingungen, unter denen diese unter Streß geraten. Beispielsweise fördert rücksichtslose Überweidung bei Dürre giftige Gräser und verdrängt weniger resistente Sorten und Arten. Rücksichtsvoller Umgang mit artenreichen Grasländern, auch unter Verzicht des höchst möglichen Ertragsoptimums, ist daher nicht nur nachhaltig sondern auch wirtschaftlich in Erwägung zu ziehen. Lysergsäure ist ein Abbauprodukt der Mutterkornalkaloide und wird von Pferden im Urin ausgeschieden . Diese Substanz ist ein Grundbaustein auch des LSD . Ihr Nachweis sollte in Laboren, die in der Drogen- und Dopingfahndung aktiv sind, kein Problem sein. Prolaktin wird durch Ergovalin so zuverlässig erniedrigt, daß von DELORME ET AL. (2007) vorschlagen wird, dieses Hormon als Schnelltest für den Vergiftungsnachweis zu nutzen. Bei geschlachteten Rindern mit Vergiftungssymptomen wurde bis zu 210 ppb Lolitrem B im nierennahen . Die Halbwertzeit dieses Giftes im Fettgewebe und eine mögliche hormonelle Wirkung wurde bisher nicht untersucht. Die folgende Tabelle zeigt, welche Stoffe in welchen Substraten nachweisbar sind:
Lolitreme, Ergotalkaloide Tabelle 5: Substanzen und die Substrate, in denen sie nachweisbar sind, aus VANSELOW (2009, A) . Quellen: DELORME ET AL. (2007) , STRICKLAND ET AL. (2007) , STUEDEMANN ET AL. (1998) Besser als der Nachweis im vergifteten Tier wäre schon vor der Fütterung eine Messung der möglichen Giftbelastung . Wie eine statistisch korrekte Probe aus Heu zu nehmen ist und wohin man Proben zur Analyse schicken kann, geben beispielsweise BOHNERT & MERRILL (2006) Dr. Renate Vanselow (Foto Falls mit giftigem Grünfutter zu rechnen ist muß im Vorfeld die Aufnahme der Gifte aus dem Darm in die Blutbahn unterbunden werden . Man verwendet dazu Giftbindemittel (z.B. Hefewandbestandteile, Bierhefe, Aluminiumsilikate, Bentonite, Klinoptilolite, Diatomeenerde ). Übersichten über in der Viehhaltung gebräuchliche Giftbindemittel bieten HUWIG ET AL. (2001) und speziell zu Endophytengiften EVANS & DAWSON (2007) . Ivermectine wirken sich günstig auf die Behandlung der Vergiftung aus, ohne daß geklärt wäre, warum . Mutterkornvergiftung wird allgemein mit Papaverin behandelt . Bei tragenden Stuten hat sich zur gezielten Vermeidung von Geburtskomplikationen und Milchlosigkeit Domperidon bewährt . Die genaue Dosierung findet man bei CROSS ET AL. (1999) . Sogar die Kosten für die Behandlung sind genau ermittelt worden (JENNINGS ET AL. (NO DATE) : Die Autorin bietet unter der Adresse unter anderem biologisch-ökologische Beratungen zur Beweidung mit Pferden an.
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1 Leserresonanz zu Ausgabe 529 vom 17.05.09 Nachweis Pathogenität von Lolium perenne an Zuchtstuten Hallo, es gibt jetzt eine wiss. Studie, die die Giftigkeit von Mutterkornalkaloiden durch Endophyten in deutschem Weidelgras an Vollblutstuten belegt, durchgeführt in Argentinen: Lezica, F.; Filip, R.; Gorzalczany, S.; Ferrano, G.; de Erausquin, G.; Rivas, C. & G. Ladaga (2009) Prevalence of ergot derivates in natural ryegrass pastures: Detection and pathogenity in the horse (Verbreitung von Ergot-Derivaten in natürlichem Deutschen Weidelgrasfutter: Nachweis und Pathogenität beim Pferd), Theriogenol. 71:422-431. Pferdeheilkunde, Nr. 25, S. 524-525 Ich zitiere aus dem Bericht über diese Studie in der "Die Korrelation zwischen Wetterdaten und dem Auftreten von Toxikosen wurde statistisch ausgewertet. Stuten mit Toxikosen wiesen verlängerte Tragezeiten, Embryonalverluste, Dystokie, schwache Euterentwicklung, verzögerte Uterusinvolution und unterdrückte ovarielle Aktivität auf. Fohlen zeigten Fehlen des initialen Atmungsreflexes, Haut- und Nabelveränderungen, Sehnenkontrakturen, Fehlstellungen, Blindheit, Gedeihstörungen, testikuläre Atrophie sowie reduzierte Serum-Immunglobulingehalte. Alle Weideflächen des Gestüts waren kontaminiert mit Deutschem Weidelgras, welches häufig mit Endophyten infiziert ist."
Es wurden Daten zwischen 1997 und 2002 von 500 Stuten ausgewertet. Über 50% des Weidelgrases war infiziert mit Endophyten.
"Es konnte eine signifikant lineare Korrelation zwischen dem Anteil an endophytenhaltigem Gras und dem Auftreten von Toxikoseerscheinungen bei Stuten und Fohlen festgestellt werden."
Giftgehalte wurden nicht gemessen, da die verwendete Methode eine Nachweisgrenze von 1 ppm hatte und die Giftgehalte offenbar unterhalb dieser Grenze lagen. Pferde reagieren auf geringste Giftgehalte deutlich unterhalb 1 ppm. Statt dessen wurden Reaktionsversuche an isolierte Rattenuteri mit dem endophytenhaltigen Gras durchgeführt, die eindeutig waren und dosisabhängig steigerbar waren. Viele Grüße, Renate Vanselow