
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch wirbt mit berühmten Namen und berühmten Gesichtern, auf dem Rücktitel und im Inhaltsverzeichnis:
| VORWORT DER AUTOREN EINLEITUNG
ETWAS ÜBER HENGSTE
GEBALLTE ERFAHRUNG Gespräche mit zwölf weltbekannten Pferdetrainern Neda Demayo Jean-Claude Dysli Richard Hinrichs Ingrid Klimke Fredy Knie jr. Peter Kreinberg Frederic Pignon und Magalie Delgado Mark Rashid Spanische Hofreitschule Ernst Bachinger und Johann Riegler Linda Tellington-Jones
FAZIT
DIE 10 WICHTIGSTEN FRAGEN FÜR HENGSTHALTER
AUTOREN
DANKSAGUNG | | |
Der Titel ist nicht unbedingt zugkräftig, denn die meisten Menschen machen um Hengste einen ganz großen Bogen, jedenfalls wenn sie erwachsen geworden sind. Insofern dürfte das Publikumsinteresse nicht besonders groß sein; ich mache da keine Ausnahme. Große Namen jedoch ziehen immer, auch bei mir. Was die aufgezählten Superstars zu verraten haben, macht neugierig. Insofern könnte das Buch doch zu einem Renner werden.
Selbst wenn man nicht beabsichtigt, sich jemals einen Hengst zuzulegen, könnte das Wissen um den richtigen Umgang mit Hengsten auch den normalen Alltag befruchten. So stellt sich denn auch heraus, daß die meisten der zitierten Fachleute keinen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Geschlechtern machen, zumindest nicht in Bezug auf die Ausbildung. Mark Rashid bringt es auf den Punkt:
| Am besten, man behandelt einen Hengst wie ein Pferd. a.a.O., Seite 130 | | | Die Autoren halten selber seit vier Jahren einen Hengst in einer Herde mit einem Wallach, der der Chef ist, und mehreren Stuten - sie wissen also, wovon sie reden. Sie betonen zum Ende des Buches und auch zwischendrin immer wieder einmal, daß die Hengsthaltung nicht für jedermann ist und durchaus gefahrenträchtig sein kann. Selbstverständlich kommt alles immer auf das Umfeld an - die Autoren verfügen zum Beispiel über reichlich Platz, während traditionell Hengste, besonders im Deckeinsatz, in strenger Einzelhaft gehalten werden.
Sie zählen eine ganze Reihe von Kriterien auf, die erfüllt sein sollten, bevor man sich an die Hengsthaltung macht. Der wichtigste Punkt scheint mir zu sein, daß die aufgezählten Fachleute Profis sind und alle Zeit des Tages für den Umgang mit ihren Pferden haben. Besonders bei der Spanischen Hofreitschule ist ja bekannt, daß sowohl die Reiter als auch die Pferde sehr viel Zeit, sechs lange Jahre in ihrer Ausbildung investieren und auch danach praktisch nichts anderes machen.
Von solchen Bedingungen kann ein normaler Pferdehalter natürlich nur träumen. Das einleitende Kapitel "ETWAS ÜBER HENGSTE" beginnen die Autoren mit Zahlen aus einem Vortrag des Generalsekretärs der Deutschen Reiterlichenvereinigung:
| Bevor wir zu den Hengsten kommen, möchten wir kurz einige allgemeine Aspekte der Pferdewelt in Zahlen darstellen. Manchmal ist es hilfreich, bekannte Zusammenhänge in statistische Werte zu kleiden. Es entstehen dabei unerwartete "Aha-Erlebnisse".
| | | Anzahl der Pferde in der EU im Jahr 2000 | 4.376.274 | | Pferde pro 1000 Einwohner in der EU im Jahr 2000 | 11,4 | | Pferde pro 1000 Einwohner in Deutschland im Jahr 2000 | 12,2 | | Pferde pro 1000 Einwohner in Dänemark im Jahr 2000 | 28,3 | | Pferde pro 1000 Einwohner in Portugal im Jahr 2000 | 2,5 | | Anteil der Frauen an den Reitern in Deutschland in Prozent | 86 | | Menschen, die angeben Interesse an Pferden zu haben in Deutschland im Jahr 2000 | 11.000.000 | | Durchschnittliche Zeit in Stunden, die ein Reiter täglich mit seinem Pferd verbringt | 3,2 | a.a.O., Seite 16 | | |
Diese 3,2 Stunden könnten vielleicht für die Art von Vertrauen, die die Fachleute aufbauen können, viel zu wenig sein. Unter den 11 Millionen Menschen, die Interesse an Pferden haben, könnten viele sein, die gar kein Geld haben und sich auch nie eins zulegen wollen, trotzdem aber als Käufer für dieses Buch infrage kommen, und wenn es auch nur zum Träumen wäre.
Träumen kann man mit diesem Buch freilich sehr gut, es werden wahnsinnig viele schöne Geschichten erzählt, in deren Mittelpunkt natürlich die Helden dieses Buches stehen, die weltberühmten Pferdefachleute, von denen einige mehr oder weniger auf Hengste abonniert sind, und wenn nicht, sind es in diesem Buch natürlich trotzdem die Hengste, die ihre Heldenrolle zu spielen haben. Jede Menge Hintergrundinformationen - was Sie schon immer über die Stars wissen wollten - und grundlegende Einsichten über die Arbeit mit Pferden füllen Seite um Seite dieses Buches. Natürlich gibt es auch wunderschöne Fotos, an denen man sich ebenso berauschen kann.
Die ständige Ausrichtung am Hengst, die den Titel des Buches geschuldet ist, ist vielleicht ein bißchen irreführend. Vieles wird hier auf Hengste gemünzt, das für Pferde, Tiere, Lebewesen allgemein gleichermaßen gültig sein dürfte. Ein Beispiel, zugleich als Leseprobe aus dem Kapitel mit Jean-Claude Dysli:
| Gefährliche Situationen wie eine Hengstattacke kann man zum Beispiel provozieren, wenn man unkontrolliert seinem Ärger und seiner Wut Luft macht. Hengste verstehen das nicht, empfinden die Reaktion als ungerechtfertigt und werden zornig. Wiederholt sich das, kann es zum Muster werden und der gelehrige Hengst fängt immer an, sich aufzubauen, wenn ihm irgendwas nicht paßt. Das kann sich bis zum Angriff steigern.
"Ein Hengst lernt nie etwas unter Druck und Stress. Sie lernen nur in der Ruhe und über ständiges konsequentes Wiederholen. Haben sie es einmal im Kopf, dann werden sie es richtig machen." a.a.O., Seite 47 | | |
Meine Skepsis, ob der normale Pferdebesitzer - Hengst hin oder her -, aus diesem Buch etwas mitnehmen kann, ist nicht unbedingt grundsätzlicher Art. Fachleute sind eben Fachleute, und selten merkt man das deutlicher, als wenn man ein Seminar mit diesen Fachleuten besucht. Die können es natürlich, und die Seminarteilnehmer können es nicht. Um die Pointe etwas deutlicher herauszuarbeiten, möchte ich den Gegenstand etwas verschieben.
Nehmen wir einmal an, ich bewundere seit frühester Jugend Filmschauspieler und träume davon, selber einer zu sein. Nun ist es mit heutigen technischen Mitteln gar nicht so schwer, selber Filme zu drehen, auch auf professionellem Niveau; nehmen wir weiter an, ich bin Mitglied eines Teams, bestehend aus Regisseur, Kameramann usw., so daß einem geplanten Film nicht mehr viel im Wege steht. Meine schauspielerischen Fähigkeiten müssen zum Beispiel entwickelt werden; also buche ich ein Seminar bei einem berühmten Filmschauspieler. Werde ich anschließend ein guter Schauspieler sein? Vermutlich nicht.
Ich habe schon deshalb keine so besonders gute Chance, weil für mich die Schauspielerei nur ein Traum und allenfalls ein Hobby ist, während der Profi nichts anderes tut und sich mit nichts anderem beschäftigt und das schon seit Ewigkeiten. Die ganze Angelegenheit sitzt ihm gewissermaßen in den Knochen, während sie für mich nur ein unpassendes Kostüm ist, das mir nicht sitzt und in dem ich mich nicht wohl fühle. Genaueres habe ich im Tip dieser Woche › Nichts tun ausgeführt.
Um Sie aber nicht ganz zu entmutigen, will ich mich beeilen und hinzufügen, daß es natürlich begnadeter Laienschauspieler gibt, die frisch von der Straße weg überzeugende Leistungen abliefern, die Profis gar nicht möglich sind, eben weil sie Profis sind. So gesehen könnten die Geschichten der berühmten Hengstbändiger Ihnen Kraft, Zuversicht, Selbstbewußtsein, Mut, Vertrauen, Einfühlungsvermögen, Beobachtungsgabe und nicht zuletzt Leidenschaft schenken, für die Arbeit mit und ohne Pferden, mit und ohne Hengsten. Zutrauen würde ich das dem Buch schon. Viel Vergnügen!
erschienen 28.09.08
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