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Rasseportrait Zum Thema Westfale · Haltung, Charakter
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 5.99 der Pferdezeitung vom 02.03.99
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Haltung und Charakter

Das westfälische Warmblut unterscheidet sich vermutlich auch hinsichtlich Haltung und Charakter ebenso wenig von verwandten Rassen. Selbstverständlich wünscht jeder Pferdebesitzer ein umgängliches, verläßliches, nervenstarkes, leistungsbereites Pferd, das sogenannte Verlaßpferd. Die Realität sieht leider anders aus.

Viele Sportpferde verbringen heute ihr Leben zwischen Box und Reithalle. Noch in den fünfziger Jahren haben westfälische Olympiateilnehmer wochentags mit ihren Pferden auf dem Acker gearbeitet und am Wochenende mit denselben Pferden Turniere bestritten.

Heute spielt zwar die bäuerliche Bevölkerung im Reitsport noch eine große Rolle, aber die Städter haben eindeutig aufgeholt. Letztere besitzen üblicherweise keinerlei Weiden und müssen ihre Pferde in Reitställen unterbringen. Aber auch die Bauern (und das Landgestüt) haben sich wenig Gedanken über die Bedürfnisse von Pferden gemacht.

Früher mußten die Pferde jeden Tag arbeiten, kamen an die frische Luft und wurden körperlich stark beansprucht. Wenn man sich alte Fotos anguckt, sieht man ausschließlich ausgeglichene Pferde, die ohne Probleme von Frauen und Kindern beherrscht werden konnten.

Heute ist es eher umgekehrt. Die Pferde stehen den ganzen Tag in der Box, werden selten, aber auf jeden Fall kurzzeitig beansprucht und bereiten jede Menge Probleme. Viele Pferde sind oft krank, schwierig, manchmal sogar "gefährlich".

Als Herdentiere, die natürlicherweise ständig in Bewegung sind und als Überlebensmittel fast ausschließlich das Fluchtverhalten kennen, sind sie heute überwiegend in Gitterboxen untergebracht, die fatal an altertümliche Gefängnisse mit Einzelhaft-Folter erinnern.

Das Landgestüt betreibt daneben sogar noch Ständerhaltung, und bei näherer Betrachtung wird deutlich, daß die berühmten Deckhengste ein eher trauriges Leben haben. Im Herbst werden sie für die Hengstparaden trainiert und treten vielfach in Showprogrammen bei Turnieren und Messen auf, in der Decksaison stehen sie in der Box auf den einzelnen Stationen im Lande und müssen auf Befehl ohne weitere Umstände jede Stute bespringen, die vorgeführt wird.

Zwar gibt es seit vielen Jahren laute Stimmen, die diese Zustände in der modernen Pferdehaltung deutlich als Tierquälerei anprangern, aber bisher sind diese in die Kreise der Züchter, Reitvereine, Landgestüte und FN offenbar nicht vorgedrungen.

Natürlich spielt das Geld auch hier eine große Rolle. Jeder Besitzer, ob Züchter, Landgestüt, Turnier- oder Freizeitreiter, hat erhebliches Kapital in seine Pferde gesteckt. Würde man die Pferde in einer Herde halten, käme es sicherlich zuweilen zu leichten oder auch schwereren Verletzungen, die man sich nicht leisten kann.

Aber schon Einzelhaltung mit Paddock (nicht viel besser, aber zweifellos besser als gar nichts) ist zu teuer und risikoreich. Deshalb stehen die Chancen schlecht, daß sich an diesen Zuständen in absehbarer Zukunft etwas ändern wird.

Persönlichkeiten wie  Pat Parelli,  Monty Roberts oder Klaus Ferdinand Hempfling (und andere mehr) zeigen eindrucksvoll, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd aussehen soll und kann: das Pferd folgt dem Mensch auf Schritt und Tritt wie ein gut erzogener Hund (und ist glücklich dabei). Es fällt auf, daß seit etwa 20 Jahren gleichzeitig verschiedene Personen ähnliche neue Botschaften verkünden. Obwohl sie sich im einzelnen zum Teil erheblich unterscheiden, stehen die Gemeinsamkeiten in starkem Kontrast zu herkömmlichen Methoden und Anschauungsweisen.

In krassem Gegensatz dazu kann man auf jeder Vorführung traditioneller Züchterkreise erleben, wie die Pferde die Menschen hinter sich herschleifen. Bildhaft gesprochen "hängt an jedem Pferd ein Gestütsoberwärter". Das Pferd schleift den Menschen quer durch die Bahn, und das Publikum applaudiert auch noch dazu.

Diese Bilder sind schlicht skandalös. Pferde erscheinen dann nicht nur als gefährliche Wesen, sie sind tatsächlich gefährlich, weil sie nicht verstanden und damit mißhandelt werden.

Immerhin hat die Queen Anfang der achtziger Jahre Monty Roberts als Berater engagiert. Er schildert in seinem Buch sehr plastisch, daß die Gestütsbeamten sich bedroht fühlten und sogar vor Sabotage nicht zurückschreckten.

Die Botschaften der "Pferdeflüsterer" fallen vor allem bei Freizeitreitern auf fruchtbaren Boden. Es steht zu hoffen, daß die Spezialisten in den Landgestüten (und der FN), die bisher zur Freizeitreiterei ein eher gespanntes Verhältnis hatten, ähnlich wie die Queen bemerken, daß unsere Zeit ganz neue Erkenntnisse zu Pferden hervorbringt, die das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd völlig neu definieren.



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