 |  |  |  | | George Stubbs: Radierungen aus der 'Anatomie des Pferdes' |  |  |  | In der letzten Woche war bereits von den anatomischen Studien die Rede, die Stubbs beschäftigt haben und schließlich als Buch publiziert wurden.
Leonardo da Vinci hatte solche Studien getrieben und nach ihm viele andere. Es war aufregend, die Gründe dafür zu entdecken, daß die Oberfläche so und nicht anders aussah, weil darunter dieses und jenes sich befand.
Es ist nämlich gar nicht so leicht, korrekt zu sehen. Das kann man schnell feststellen, wenn man sich hinsetzt und ohne Übung ein Porträt malen oder zeichnen will. In den meisten Fällen kommt dabei eine üble Karikatur heraus.
Wie kann das sein? Schließlich haben wir doch alle Augen, um zu sehen, und wir sehen doch ganz deutlich, daß die Fratze nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Warum können wir nicht automatisch so zeichnen, wie wir sehen?
Der Grund ist nicht leicht zu finden. Wir sehen nämlich nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn. Und das Gehirn verzerrt die Wahrnehmung. Als Folge werden manche Bereiche viel größer wahrgenommen, als sie in Wirklichkeit sind.
Deshalb ist ein typischer Fehler, daß das Gesicht zu groß und der Schädel darüber zu klein ist. Das Porträt wirkt also wie ein Neandertaler. Ein anderes Beispiel: das Auge wird schematisch wahrgenommen und deshalb als Mandel gezeichnet. Tatsächlich ist das Auge aber sehr unregelmäßig geformt. Das Schema bewirkt einen toten Ausdruck.
Stubbs hat um diese Gefahren gewußt und sich bemüht, die Tatsachen herauszuarbeiten. Das war mit Sicherheit nicht einfach und ziemlich aufwendig. Man muß sich das einmal vorstellen: wenn man so ein Pferdegerippe zeichnen will, muß man erst einmal eines haben.
Das ist nicht unbedingt die Aufgabe des Malers, auch nicht die des Metzgers, aber irgendwer wird das schon machen können. Und dann setzt sich unser Maler also hin und zeichnet die Knochen ab, einen nach dem anderen. Der Anatom hat hoffentlich die Knochen alle wieder richtig zusammengesetzt.
Manche Hufschmiede haben das Modell eines Hufes dabei, um die Mechanik deutlich machen zu können. Hier aber steht das gesamte Skelett vor Augen. Ich weiß noch, wie fasziniert ich als kleiner Junge von Pferden war und wie ich mich bemüht habe, die Stellung der Knochen in den Vorderbeinen und Hinterbeinen zu verstehen, damit ich Pferde korrekt zeichnen konnte.
 |  |  |  | | George Stubbs: vollendete Studie für die fünfte anatomische Tafel |  |  |  | Manche dieser Knochen kann man aber gar nicht sehen, weil sie unter dicken Fleischpaketen verborgen sind.
Als ich selbst ein Pferd sein wollte, hat mich verwirrt, daß meine Ellenbogen nach hinten weisen, während die Vorderbeine des Pferdes ganz klar nach vorne geknickt sind.
Daß der Ellenbogen des Pferdebeines ganz dicht am Rumpf sitzt, kann man nur verstehen, wenn man sich den Oberarm dazudenkt.
In der anatomischen Zeichnung sieht man sehr schön auch das Schulterblatt. Hätten Sie gewußt, daß das Schulterblatt so aussieht und genau da angebracht ist?
Die Gegenüberstellung von Skelett und bemuskeltem Körper oben erinnert ein wenig an die modernen Methoden der Computergrafik. Um dreidimensionale Objekte darzustellen, fängt man mit einem Drahtmodell an und versieht dieses anschließend mit einer Oberfläche.
Die zugrundeliegende Idee ist dieselbe: wenn ich verstanden habe, wie es darunter aussieht, kann ich den oberflächlichen Schein besser darstellen. Soweit klar: Fleiß, Nüchternheit und Pedanterie sind die Voraussetzung für solches Schaffen.
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