Magazin-Archiv
Galerie — Ausgabe 113
" Damit meinte er: was soll ich etwas malen, was ich schon kenne - das ist doch uninteressant. Diese Aufgabe ist extrem schwierig. Die letzten 25 Jahre im Leben Picassos sind dadurch gekennzeichnet, daß er nur sehr selten etwas zustande brachte, was die Qualität hat, die man von dem berühmtesten Künstler des Jahrhunderts erwartet. Stellen Sie sich einmal vor, Sie haben wunderbare Träume. Jetzt kommt die Welt und verlangt von Ihnen, daß Sie weiterhin wunderbare Träume haben. Wetten, daß Sie nicht mehr träumen? Die zwei Monate der Entstehung des Gemäldes Guerníca, das von vielen als das berühmteste Gemälde des gesamten Jahrhunderts bezeichnet worden ist, waren in dieser Hinsicht eine glückliche Zeit. Picasso hat immer alles aufgehoben und datiert. In diesem Falle existieren zusätzlich noch die Zustandsfotos von Dora Maar. Kunsthistoriker und Psychologen sind ebenfalls glücklich. Denn sie möchten doch alle gar zu gern wissen, wie das geht mit der Kreativität. Sie werden's aber nicht erhaschen, denke ich.
Pferde können nicht schreien. Das muß man sich immer wieder klarmachen. Wenn Pferde Schmerzen haben, können sie schon einmal stöhnen. Da muß es aber dicke kommen. Zweimal habe ich Pferde stöhnen hören: einmal bei einer Kolik und einmal bei einem Herzschlag mit anschließendem Todeskampf.
Picasso, Sterbendes Pferd, 80x103 cm Schwarze Kreide auf Leinwand, Barcelona, 1917 Barcelona, Museu Picasso, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Man kann deshalb Pferde quälen, ohne es zu merken. Jeder Hund hätte schon längst unerträglich gejault und mit Mimik und Gestik auf sein Leid aufmerksam gemacht. Jede Katze hätte sich mit Zähnen und Krallen gewehrt, daß das Blut in Strömen fließt - nicht das Blut der Katze, natürlich. Pferde leiden stumm. Deshalb würde man nicht unbedingt sofort darauf kommen, daß Pferde sich besonders gut dazu eignen, das Leiden zu veranschaulichen. Wenn es aber darum geht, ein unerträgliches Leiden zu zeigen, dem sich das Wesen nicht entziehen kann, das es noch nicht einmal (für uns Menschen verständlich) äußern kann, dann ist das Pferd vielleicht das perfekte Symbol. Was hat Picasso konkret mit Pferden verbunden? Soweit ich weiß, ist er nie geritten oder gefahren, hat nie ein Pferd besessen. Er ist aber schon im Vorschulalter von seinem Vater zu Stierkämpfen mitgenommen worden. Eines der ersten erhaltenen Gemälde stellt einen Picador (Stierkämpfer zu Pferd) in der Arena dar - Pablo war damals 7 oder 8 Jahre alt. 1901, im Alter von 20 Jahren, hat er zwei kleine Gemälde über den Stierkampf gemacht. Eines zeigt im Vordergrund ein alleingelassenes liegendes Pferd, dem die Gedärme heraushängen, und ein zweites, stehendes, gesatteltes Pferd, das von einem Mann am Kopf gefaßt wird und seine Gedärme hinter sich her schleift. Im Hintergrund eine Gruppe von Stierkämpfern, die sich um den Stier scharen. Das andere Gemälde zeigt einen Picador, der im Begriff ist, den Stier anzugreifen (oder umgekehrt). Im Vordergrund bäumt sich ein Schimmel auf, dem die Gedärme rausquellen. Dahinter liegt etwas Großes, Dunkles, was ein toter Rappe sein könnte. Beide Gemälde scheinen keinen tieferen Hintergrund zu haben und sind relativ realistisch. Sie zeigen aber bereits das Pferd als passiv leidendes Wesen, das von den Akteuren benutzt und weggeworfen wird. Im Jahr 1917 hat Picasso die große Kreidezeichnung auf Leinwand gemacht (siehe oben), die ein sterbendes Pferd darstellt. Es reißt den Kopf in die Höhe, aus der Brust quillt ein Strahl Blut, aus der Seite quellen die Gedärme hervor. Dieses Pferd ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Bezug zum Stierkampf muß künstlich rekonstruiert werden, aber selbst das gelingt nicht, denn das Pferd ist nicht gesattelt und gezäumt. Dieses Pferd ist einfach nur Kreatur, das sein Schicksal erleidet und sein Leid zum Himmel schreit.
Die Ursache für das Leid ist nicht dargestellt, sie ist für das Pferd ohnehin nicht erkennbar. Damit ist dieses Bild geeignet als Projektionsfläche für jegliche Art "
Picasso, Selbstbildnis, 27x21 cm Bleistift, Paris, 1921 Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google 1917 war Picasso 36 Jahre alt und in einer großen Krise. Eva, die erste Frau, die er meinte geliebt zu haben, war an Schwindsucht gestorben. Das ist ein Beispiel für menschliches Leid, für das niemand verantwortlich gemacht werden kann. Deshalb mag man sich fragen, ob das Pferd das Leid des Malers um die verlorene Geliebte zeigt. Es löst Betroffenheit aus und Mitleid und Nachdenklichkeit über die Tragik des Lebens. Das Bild steht daher in einem gewissen Bezug zu einer Bildgattung, die dem Betrachter die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führen soll: Memento Mori. "
" Picasso hatte damals schon seine spätere Frau Olga, Mitglied des Russischen Balletts, kennengelernt und deshalb die Truppe auf einer Spanienreise begleitet, die ihn nach Madrid und Barcelona führte. Möglicherweise hat er bei dieser Gelegenheit auch wieder einen Stierkampf erlebt.
1934 hat er in dem kleinen Schloß Boisgeloup, das er gekauft hatte, um trotz des Ehestreits weiterarbeiten zu können (die Anwälte seiner Frau Olga, die er 1918 geheiratet hatte, hatten das Atelier versiegeln lassen - immerhin ging es um viel Geld), eine Tuschezeichnung gemacht, die er nicht verkauft hat.
Picasso, Frau mit Kerze, Kampf zwischen Stier und Pferd, 31x40 cm Feder, Tusche und Bleistift auf Leinwand auf Holz, Boisgeloup, 24. Juli 1934 Paris, Musée Picasso, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Das beweist, daß die Arbeit ihm persönlich wichtig war. Die Experten des französischen Staates, die sich nach seinem Tode aus dem Erbe bedienen konnten und für das Musée Picasso die besten Stücke ausgewählt haben, haben dieses Bild auch für bedeutsam gehalten und deshalb ausgewählt. Das Bild zeigt ein kleines zusammenbrechendes Pferd mit emporgerissenem Kopf, in dessen offener Bauchhöhle ein gewaltiger Stier steht (bekanntlich sind die Stiere des Stierkampfes eher klein), dem seinerseits ein Schwert bis fast zum Knauf in den Rücken gestoßen ist. Im Hintergrund sieht man eine Frau mit einer Kerze, die zuschaut. Die Symbolik in diesem Blatt ist nicht schwer zu verstehen. Die Frau im Hintergrund ist Marie Therèse, seine junge Geliebte (Picasso war damals 53, sie 24), die Picasso seit 7 Jahren vor aller Welt geheim hielt und ihm im Oktober 1935 eine Tochter gebar (am Entstehnungsdatum also noch nicht schwanger). Der Stier ist er selber, das Pferd seine Frau, und der Stier macht das Pferd fertig.
Der Stier schaut etwas verwirrt, als verstünde er nicht, was er getan hat, er ist ganz Kraft und Animalität, das Pferd ist nur Leiden und schreit sein Leiden in den Himmel hinauf. Die junge Frau schaut interessiert und leicht amüsiert zu. Dasselbe Thema wird in mehreren Gemälden variiert.
Picasso, Frau mit Kerze etc., 31x40 cm, Ausschnitt Boisgeloup, 24. Juli 1934 Paris, Musée Picasso
Ein Gemälde aus dieser Serie zeigt ausnahmsweise einen schreienden, von einem Schwert durchbohrten Stier, der durchaus menschlich sein Leiden hinausschreit. Wenn wir in die Lesart fortfahren, ist also Picasso als Stier tödlich getroffen. Diese Lesart hat etwas für sich. Es gibt eine ganze Folge von Radierungen, die als Suite Vollard in den Handel gekommen ist. Diese Arbeiten sind in den Jahren 1930 bis 1937 entstanden. Ab 1933 taucht darin ein bärtiger Bildhauer mit einer schönen Geliebten auf.
Einige Darstellungen des Bildhauers mit seiner Geliebten gehören zu den innigsten Liebesdarstellungen zwischen Mann und Frau in der gesamten Kunstgeschichte.
Picasso, Ruhender Bildhauer mit Modell in den Armen und Kopfskulptur 19x27 cm, Radierung, Paris, 2. April 1933, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Es sind reine Strichzeichnungen, die auf den ersten Blick konventionell anmuten, schlicht, schmucklos. Man versteht gar nicht, wie diese einfachen Linien so zauberhaft wirken können. Durch Freiheiten, die er sich anderweitig mühsam erkämpft hatte, gelingt es ihm, Gefühle zu erzeugen, ohne daß man es eigentlich merkt. So ist zum Beispiel der Körper der Frau eigenartig gedrängt, wobei die wesentlichen optischen Reize verdichtet werden. Ebenso sind die Proportionen der Arme und Hände des Bildhauers ungleich und unrealistisch und können dadurch das Gefühl der innigen Liebesbeziehung erzeugen. Die Skulptur, also das Werk des Bildhauers, zeigt seine Geliebte. Tatsächlich hat Picasso gleichzeitig in Boisgeloup überdimensionale Kopfskulpturen von Marie Therèse gemacht, die ebenfalls nicht eigentlich die Verherrlichung der Geliebten zum Thema haben, sondern das überwältigende Liebeserlebnis an sich darstellen. Es würde hier allerdings zu weit führen, dies näher zu erläutern.
Ein paar Tage vorher entstand eine Radierung, die ebenfalls den Bildhauer, sein Modell und eine Skulptur darstellt. Allerdings ist diese Skulptur so ausgeführt, daß der Eindruck entsteht, es könne sich auch um ein wirkliches Geschehen handeln.
Picasso, Bildhauer mit Modell und Kampfszene mit Stier 19x27 cm, Radierung, 31. März 1933, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Am Boden liegt ein sterbendes Pferd, das den Kopf hochreißt, von hinten sieht man einen Stier in einer Haltung, die suggeriert, als würde er ein zweites Pferd gerade mit den Hörnern aufnehmen. Tatsächlich jedoch wendet er den Kopf ab, wodurch seine Aktion für das Pferd völlig ungefährlich wird. Der Stier ist ebenfalls unverletzt. Da der Bezug zum Stierkampf fehlt, wirkt diese Szene sehr irreal.
Im Blatt vom 18. Mai ist die Szene gedoppelt: es gibt zwei Frauen und zwei Männer, wovon der eine erkennbar das Bildhauer ist, also Picassos Alter Ego, der andere jedoch ein Minotaurus, also ein Mischwesen aus Männerkörper und Stierkopf.
Picasso, Bacchanal mit Minotaurus 29x37 cm, Radierung, 18. Mai 1933, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Der Bezug zum Werk des Bildhauers fehlt. Der Bildhauer ist eigentümlich schlaff, vermutlich schon stark betrunken, sein Geschlecht ist ebenfalls sehr schlaff, was verwunderlich scheint angesichts der Lüsternheit seiner Gespielin, die offensichtlich nicht befriedigt ist. Es stellt sich die Frage, ob die Trunkenheit das Desinteresse des Bildhauers bewirkt oder umgekehrt die Impotenz die Flucht in den Alkohol ausgelöst hat. Schließlich ist der Bildhauer nicht mehr der Jüngste und überhaupt übel drauf. Als Antipode erscheint der Minotaurus, der per definitionem die Vitalität und Animalität darstellt, entsprechend gelassen zuprostet und ganz im Hier und Jetzt die Situation beobachtet. Aber auch dieser ist nicht ungebrochen. Die ihm zugeordnete Schöne beachtet er nicht, obwohl sie sich quer über seinen Oberschenkel ausgebreitet hat, im Gegensatz zum Bildhauer, der seine Geliebte wenigstens im Arm hält. Da er an der Wand sitzt, könnte er, statt sich mit der Rechten aufzustützen, viel besser seine Freundin liebkosen. Aber das Tierwesen ist seltsam unbeteiligt, scheint nach innen zu gucken, ganz nüchtern den Ernst der Lage auszufühlen. Und die Lage scheint sehr ernst zu sein.
Picasso, Minotauromachie, 50x69 cm Radierung, begonnen am 23. März 1935, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Im Gegensatz zu den anderen Arbeiten scheint sie nicht einfach nur ein schneller genialer Wurf, sondern sie wurde längere Zeit überarbeitet mit überprüfenden Zustandsdrucken. Die zeigen aber, daß die Zeichnung ebenfalls sofort stand, im wesentlichen wurde die Radierung einfach nur verdichtet: er hat eine Menge Striche machen müssen, um die Hell-/Dunkelwirkungen erzielen zu können, die das Blatt sehr dramatisch machen. Seine Freundin war im dritten Monat schwanger, seine Frau wußte inzwischen davon und zog mit dem Sohn in ein Hotel, die Geliebte zu ihrer Mutter, die Scheidung wird eingeleitet. Picasso nannte diese Zeit " die schlimmste meines Lebens ". Im Februar malte er das letzte Bild für fast ein ganzes Jahr. In dieser Radierung kommen Pferd, Stier und Marie Therèse vor und noch ein paar andere Figuren. Die Szene spielt am Meeresrand, ein schmaler Streifen Festland ist zu sehen, dahinter das Meer mit einem Segelboot, ein tiefer Horizont mit dunklen Wolken. Die ganze linke Hälfte wird von einem kastenförmigen Gebäude eingenommen, das oben ein Fenster hat, aus dem zwei Mädchen herausschauen, die mit zwei Tauben spielen. Beide haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Marie Therèse. Ganz links steigt ein bärtiger Mann eine Leiter empor. Er ist nackt bis auf ein Lendentuch. Er schaut wachsam auf die Hauptfigur, ein kräftiger nackter Mann mit einem Kuhschwanz und einem riesigen Stierkopf, der einen Arm bis über die Bildmitte streckt und einem riesigen Sack auf dem Rücken trägt. Das ist offensichtlich der Minotaurus, und er scheint blind zu sein, was die Geste des ausgestreckten Arms erklärt. Der Mann auf der Leiter scheint Angst zu haben und nach oben zu fliehen. Direkt vor ihm steht ein kleines Mädchen mit einem Kleidchen und einem Hütchen und einem kleinen Blumenstrauß und hält eine Kerze hoch, so als wollte sie dem Minotaurus leuchten - aber nein, soweit ich das von der mir vorliegenden Abbildung beurteilen kann, fixiert sie ganz genau das Geschlecht des Minotaurus, und wiederum, wenn ich das richtig beurteilen kann, sieht das nicht besonders toll aus, ganz im Gegensatz zum gewaltigen Körper. Das Original ist 50x 70 cm groß und liegt mir natürlich nicht vor. Aber selbst die größte Reproduktion im Internet, die größer ist als mein Bildschirm, zeigt genau dasselbe. Zwischen dem Mädchen und dem Minotaurus bricht ein mickeriges Pferd zusammen, dem - man kann es kaum sehen - die Gedärme aus dem Bauch fließen. Hingestreckt auf dem Pferd ein weiblicher Torero mit den Zügen der schlafenden Marie Therèse, die Beine typisch bekleidet, der Oberkörper entblößt, der linke Arm wie im Schlaf um den Kopf gelegt, der rechte Arm ausgestreckt, in umgekehrter Richtung parallel zum ausgestreckten Arm des Minotaurus, wobei die Hand mit der anderen Hand des Minotaurus zusammenstößt, die dieser in einer Zeigegeste an seinen Kehlkopf hält (er muß wohl irgendwie den Sack halten). Diese Hand des Minotaurus und der dazugehörige Arm sind unangenehm klein, während der andere Arm mit der Hand übermäßig groß und aufgeblasen erscheint. Die rechte Hand der liegenden Toreadora hält einen Säbel, der wiederum direkt auf den Unterkiefer des Pferdes zielt. Dieses Bild ist, man merkt es schon an der Beschreibung, absolut konfus. Viele Interpretatoren haben versucht, einen Sinn in dieses Blatt hineinzulegen.
Nachdem wir uns die Vorgeschichte und die persönliche Geschichte angeschaut haben, ist es nicht mehr so schwer, dieses Blatt zu verstehen.
Picasso, Minotauromachie, 50x69 cm, Ausschnitt Radierung, begonnen am 23. März 1935, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Es ist wie mit der Traumdeutung. Der Träumer versteht seinen Traum nicht, seine Freunde verstehen ihn auch nicht, aber für den Traumdeuter ist alles ganz einfach. Schon in der Bibel werden berühmte Träume erzählt und gedeutet. Nun werde ich mich also mal als berühmten Traumdeuter ausgeben und sage so: Der Bildhauer ist gespalten. Er ist insbesondere nicht mehr vital und entspricht gar nicht dem Bild des Bildhauers, sondern eher der Figur eines Lazarus. Er flieht vor der Vitalität des Minotaurus die Leiter hinauf. Der Minotaurus ist gebrochen. Er ist blind, was für einen Künstler das Todesurteil ist, er ist heimatlos, denn er trägt seine wenigen Habseligkeiten auf dem Rücken, er ist allein, denn seine Geliebte ist tot oder schläft und seine Frau ist ein häßliches, kleines Pferd, das sterben wird. Die schönen Mädchen im Turm sind unerreichbar und interessieren sich nicht für ihn, sondern für die unschuldigen Tauben - sie sind an Männern und Vitalität und Sexualität nicht interessiert. Das kleine Mädchen ist nun vollkommen unangemessen für ihn. Zwar starrt sie auf sein Geschlecht und hält die Kerze hoch und einen Blumenstrauß in der Hand, aber alles das macht nur noch deutlicher, daß sie kein Partner für ihn sein kann. Die Sexualität ist überhaupt kein Thema mehr, denn trotz der deutlich gezeichneten Muskelpakete wirkt sein Geschlecht wie gemeißelt und abgeschlagen. Der Minotaurus ist am Ende, als Künstler, als Mann, als Liebhaber. Nun ist die Situation wirklich ernst, und sie scheint unumkehrbar. Dem Blinden bleibt nur noch das Los des Vagabunden. Er ist vogelfrei. Soweit die Traumdeutung, die niemals nicht mit dem Traum selbst verwechselt werden darf. Damit will ich sagen: eine Bildbeschreibung oder Interpretation darf nicht mit dem Bild verwechselt werden. Das Bild bleibt und wirkt und ändert sich im Auge des Betrachters, weil der Betrachter sich ändert. Der Betrachter, der die Beschreibung anfertigt oder sich an einer Deutung versucht, verändert sich und damit auch die Beschreibung und die Deutung. Die Tiefe eines Traums oder Bildes ist im Regelfall mit Worten nicht auszuloten. Je mehr man schaut, desto mehr sieht man. Außerdem sollte man sich klarmachen, daß Worte niemals an die Fülle und Tiefe von Bildern heranreichen können.
Im übrigen erzeugen Worte selbst wiederum Bilder beim Empfänger, die ihrerseits unscharf sind und beliebig viele Assoziationen und Erinnerungen wecken können.
Picasso, Minotaurus, eine Stute und ihr Fohlen im Wagen ziehend, 51x65 cm Radierung, Juan-les-Pins, 5. April 1936, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Man muß sich also davor hüten, Worte für Wahrheit oder auch nur Eindeutigkeit zu nehmen. Das als Warnung - wir sind auf Worte angewiesen, wenn wir kommunizieren wollen, aber wir tun gut daran, die Grenzen der Kommunikation zu erkennen. Im April 1936 radiert Picasso den Minotaurus auf der Wanderschaft am Meeresstrand. Der Minotaurus zieht einen zweirädrigen Karren, auf dem eine Stute liegt, notdürftig festgebunden, der Hals hängt herunter, die Zunge heraus, die Augen gebrochen, die Hinterbeine in die Luft gestreckt. An einem Bein ist eine Laterne befestigt, die leuchtet, obwohl es Mittag ist. Der Bauch der Stute, man ahnt es schon, ist offen, man kann Gedärm erkennen, und wenn ich nicht beim Titel gestutzt hätte, hätte ich es übersehen - das Blatt heißt: "
Minotaurus, eine Stute und ihr Fohlen im Wagen ziehend
". In der Tat: zwischen den Stäben des Wagenkastens kann man das Fohlen entdecken. Es ist noch ganz schwach, gerade erst geboren. Ist es also in diesem Falle kein Gedärm, was da quillt, sondern die Nachgeburt? Das muß wohl so sein, denn jetzt wird deutlich, daß dieses Undefinierte, Unstrukturierte zwischen den Beinen angesiedelt ist und nicht wie zuvor aus der Seite heraus nach unten sackt. Dementsprechend dürfte die Stute nicht im Sterben liegen, sondern von der Geburtsarbeit erschöpft sein? Warum darf sie sich nicht ausruhen? Warum hat der Minotaurus es so eilig? Ein Zweig ist am Wagen befestigt, und er hat Blätter. Der Minotaurus guckt sich um, er scheint sehen zu können. Man sieht auch ganz deutlich seinen Hodensack. Das Fohlen ist da, aber der Stute geht es schlecht. Der Minotaurus schleppt sie auf seinem Karren mit sich herum, er ist vital und unschuldig und hält ungeduldig Ausschau. Wonach? Ich lehne mich jetzt mal ein bißchen aus dem Fenster: nach der Geliebten, die der Minotaurus verloren hat, weil sie Mutter geworden ist. Sie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Ein Minotaurus kann nicht Vater werden. Das kann man sich einfach nicht vorstellen. Deshalb ist er einsam und unterwegs. Das Blatt ist entstanden in Juan-les-Pins, wo er mit Marie Therèse und der gemeinsamen Tochter Maya Urlaub machte. Tatsächlich hatte Picasso kurz vorher Dora Maar kennengelernt, die für die nächsten 10 Jahre seine Gefährtin sein sollte. Die Verbindung zu Marie Therèse hat Picasso bis an sein Lebensende, also die nächsten 37 Jahre, eifersüchtig gehütet. Immer wieder hat er ihr versichert, daß sie seine große Liebe ist. Alle anderen Frauen in seinem Leben mußten das akzeptieren. Das ist die Vorgeschichte zum berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts. Aus diesem Bildinventar der vergangenen Jahre hat Picasso geschöpft, als er Guerníca malte.
Man erkennt es nicht auf den ersten Blick, aber zur Not helfen die Skizzen. Das Pferd leidet, das ist schon mal klar, die Skizzen machen es überdeutlich.
Picasso, Guerníca, 350x777 cm Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937 Öl/Leinwand, Madrid, Prado, Großbild steht aus -Gründen nicht zur Verfügung; bitte recherchieren Sie selbst, z.B. mit Google Aber auch die anderen Figuren der Minotauromachie sind alle da: neben dem sterbenden Pferd der unschuldige Minotaurus, die Figur, die die Leiter emporflieht (auf einer Skizze mit Bart), der ausgestreckten Arm mit dem Licht (diesmal von einer Frau gehalten, die aus dem Fenster des Turms herausschaut), nur alles seitenverkehrt - und mithin durchaus seitenrichtig, denn eine Radierung zeigt die ursprüngliche Zeichnung auf der Platte seitenverkehrt. Aber die Aussage ist völlig verändert. Es geht nicht mehr um private Dinge, es geht nicht um Mann und Frau, nicht um Beziehungen, nicht um Kreativität, nicht um Vitalität oder Sexualität, nicht um Picasso und nicht um Marie Therèse. Es geht um Schrecken und Tod, Grausamkeit und Gefahr, und in diesem Zusammenhang ist vollkommen klar, was vorher auch schon so gesehen, aber nicht so deutlich gemacht wurde: niemand ist schuldig, alle sind Opfer. Es ist nicht mehr nur das Pferd, das leidet - bis auf den Stier ist alles blankes Entsetzen und Horror. Aus der privaten Tragödie wird eine öffentliche. Kein Hinweis auf Deutsche oder Spanier, kein Flugzeug, kein Maschinengewehr, keine Uniform, keine Brücke, keine Kirche, kein Rathaus, kein Markt, kein Hinweis auf das 19. Jahrhundert, keine Anklage, denn es ist niemand da, der angeklagt werden könnte. Die einzige Andeutung auf einen Krieg besteht in der zerbrochenen Figur des Kriegers, die aber deutlich als Skulptur dargestellt ist. Insofern muß das abgebrochene Schwert ebenfalls als Teil der Skulptur und nicht als Überrest eines echten Schwertes gelesen werden. Dieser Krieger hat eher einen Bezug zur Antike als zur Neuzeit. Das einzige Requisit aus dem 19. Jahrhundert ist die elektrische Birne, die angeblich im Spanischen bombia heißt, was wie die Verkleinerungsform von Bombe (bomba) klingt (allerdings nicht im normalen Wortschatz). : Eine informierte Leserin machte mich darauf aufmerksam, daß es "bombilla" heißt, was wiederum einfach Glühbirne bedeutet. Deshalb fand das normale Wörterbuch dieses Wort nicht. Aber die Sache ist noch interessanter: sie besitzt das maßgebende spanische Wörterbuch, und dieses notiert unter "bomba" zwei Bedeutungen: 1. Militärisch: die Bombe 2. Lampenglocke. Das Wort selbst also hat schon die Doppelbedeutung, die hier Sinn macht.
Offensichtlich ist dieses Bild ein einziger Protestschrei, allerdings bleibt offen, wem dieser Schrei gilt. Das Bild ist also nicht als platte Propaganda zu mißbrauchen, sehr zum Leidwesen der Ideologen. Es nimmt nicht Partei, insbesondere nicht für die rechtmäßige Regierung Spaniens im Bürgerkrieg. Und das alles mit Figuren, die Picasso für sein persönliches Drama entwickelt hatte. So ein Bild kann man sich nicht ausdenken. Hier offenbart sich die Schöpferkraft als Geheimnis, die selbst dem Produzenten, dem Künstler, Geheimnis bleibt. Im Alter hat Picasso es oft genug gesagt: "
" Viele Psychologen und Kunsthistoriker haben bereits Bücher über dieses Gemälde geschrieben, und zweifellos werden noch weitere folgen. Fast 65 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Gemälde nichts von seiner Wucht und Kraft verloren. Die Wirkung eines solchen Bildes kann man aufgrund von Abbildungen nicht ermessen. Man muß ein Bild immer in Bezug auf den Raum sehen, in dem es hängt. Ich kenne eine Abbildung aus dem Spanischen Pavillon der Weltausstellung. Das sieht nicht gut aus. Auch in New York, wo das Gemälde immerhin 40 Jahre gehangen hat, war es offenbar fehl am Platze. Ein Museum kann ein sehr steriler Ort sein - was leider der Regelfall ist. Nun ist das Bild endlich da, wo es hin sollte. Hoffen wir, daß es seine Wirkung dort entfalten kann. Nun hat es zweifellos bereits seine Wirkung entfaltet, allerdings über Abbildungen. Immerhin gilt es als das berühmteste Gemälde des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie kann man ein fast 8 Meter langes Bild abbilden? Notgedrungen muß ein sehr kleiner Maßstab gewählt werden. Das hat der Wirkung offenbar keinen Abbruch getan. Die Wirkung der Bildzeichen, der Formerfindungen ist unabhängig von der Größe. Oder anders gesagt: die Formen sind alle dermaßen groß konzipiert, daß sie sowohl im Original als auch in einer sehr starken Verkleinerung überzeugen können. Das ist bei Schlachtengemälden von Rubens oder David oder anderen Schinkenproduzenten nicht der Fall. Schon im Original ist man unangenehm berührt, in der Reproduktion bleibt nichts übrig. Das Bild von Picasso aber geht auf jeden Fall unter die Haut.
Gerade weil diese Arbeiten Picassos nicht plakativ, sondern geheimnisvoll und verschlossen sind, privat und erschütternd, greifen sie das Herz und Gemüt des Betrachters in ganz anderer Weise an als etwa die Arbeit des , die zwar beeindrucken mag, aber doch distanziert und fremd erscheint.
Picasso, Guerníca, 350x777 cm, Ausschnitt Paris, 1. Mai - 28 . Juni 1937 Öl/Leinwand, Madrid, Prado
Weil Picasso sein eigenes Leid, sein eigenes Schicksal, sein eigenes Erleben verbildlicht, indem er auf seine eigene Erfahrung und seine eigene Figuren zurückgreift, können wir zu dieser Dimension Kontakt aufnehmen. Es ist wie mit den Träumen: mein eigener Traum erschüttert mich. Erzähle ich ihn weiter, ist es nur noch eine Geschichte für den anderen, er mag den Kopf schütteln, aber er berührt ihn nicht. Das Bild aber erschüttert sowohl den Künstler als auch den Betrachter, denn es wird sein eigener Traum, das Bild lebt in ihm fort. Ein anderer großer spanischer Künstler, Francisco de Goya, hat in anderen kriegerischen Zeiten, als nämlich Napoleon Spanien verwüstete, eine erschütternde Folge von Radierungen gemacht und betitelt: die Schrecken des Krieges. Diese sind ganz handfest, da wird vergewaltigt und gemordet, mit der Folge einer relativ leichten Distanzierung: damit habe ich natürlich gar nichts zu tun. Die, die so etwas machen, sind ganz anders und völlig unverständlich. Das ist so wie heute mit dem Fernsehen. Die Greuel in Israel oder Jugoslawien oder Vietnam flimmern jeden Abend über den Bildschirm und lassen an konkreten Einzelheiten nichts vermissen, aber sie bewirken nichts, denn die Redaktion haben damit nichts zu tun, das ganze Geschehen ist für uns unverständlich. Wir würden niemals irgend etwas dergleichen tun. Diese Art von Distanzierung ist bei Picasso nicht möglich. Es gibt keine Täter, es gibt nicht die Anderen, von denen ich mich distanzieren kann. Die Hölle ist da, und sie ist in mir. Das ist schwierig und muß deshalb erläutert werden. Goethe soll einmal gesagt haben: es gibt kein Verbrechen, das ich nicht auch hätte begehen können. Wer kann das von sich sagen und was bedeutet das? In diesem Sinne sind wir Menschen ungeteilt: jeder hat an allem Anteil. Das Böse ist auf der Welt genauso wie das Gute. Deshalb haben wir Anteil am Bösen genauso wie am Guten. Das ist schwer zu tragen. Wer möchte das schon gerne zugeben? Auch die Theologen hatten zuweilen damit große Probleme. Wie konnte es sein, daß Gott das Böse überhaupt zuließ? Sie kamen zu dem Schluß, daß Gott das Böse ebenso gewollt haben muß wie das Gute. Im Angesicht des Bösen und des Guten hat der Mensch sich zu entscheiden. Dabei haben diejenigen schlechtere Karten, die das Böse in sich selbst, den sogenannten Schatten, nicht sehen wollen. Denn dann kann der Schatten machen, was er will, und so richtet derjenige, der nur das Gute will, ungewollt und unbemerkt das Böse an.