Leserbrief › 1942 zu Ausgabe › 389 13.09.06
Weltreiterspiele
Hallo, Herr Popken,
tja, der Fußball. Ich muß doch ganz dringend darauf hinweisen, daß es auch Leute gab, denen der Fußball so was von egal war. Nach diversen Abenden, die ich mit Kopfhörer auf den Ohren verbringen mußte, um teilweise bis zu sechsstündige Huperei der Autokorsos nicht permanent zu hören, bin ich vom Fußballgleichgültigen zum Fußballhasser aufgestiegen. Ganz abgesehen davon, daß ich schon Monate vorher mit diesem Schmarren belästigt wurde. Aus dem Bekanntenkreis mußte ich mir anhören, daß ich wohl nicht patriotisch wäre, somit habe ich nun ein paar Bekannte weniger.
Aber davon haben wir es ja gar nicht, sondern von den Weltreiterspielen, die ich mir auch nicht angesehen habe. Grund ist unter anderem die Verquickung von Geld und Sport. Wenn ich mir die Summen ansehe, die da dranhängen, wird mir schlecht und ich denke dann auch, daß ohne Rücksicht auf die Pferde agiert wird. Das zeigen ja schon Begriffe wie Rollkur und - man erinnert sich - Barren.
Damals wie heute wurden Experten eingesetzt, um zu klären, ob Barren oder die Rollkur schädlich, schmerzhaft, quälend sind. Damals ist nicht viel passiert, Herr Schöckemöhle ist ja auch immer noch im Geschäft wie viele ertappte Reiter auch. Diesmal wird auch nichts passieren. Die am meisten Betroffenen können nichts sagen.
Ein weiterer Punkt ist die Haltung. Dick bandagiert und eingedeckt stehen die Stars in den Boxen, haben aber seltsamerweise dauernd Verletzungen. So sicher scheint die Box nicht zu sein, oder? Meine Stute ist ganzjährig draußen und das einzige, was sie in sechs Jahren anbrachte, war ein Biß und eine kurze Lahmheit nach einer Schlägerei. Man kann sich übrigens auch gleich denken, wie diese Supertiere gezüchtet werden, aber das Thema hatten wir ja schon...
Und es wird nichts dazugelernt, viel schlimmer noch, viele Wochenend-Turnierreiter übernehmen die falsche Haltung der Stars. Da werden Pferde, die bisher ganz normal gehalten wurden, eingedeckt in die sowieso zu warme Box gestellt und nur noch zum Reiten (in der Halle natürlich!) rausgeholt oder - Wunder der Technik - aufs Laufband oder in die Führmaschine gestellt. Es ist ja nicht strafbar, ein Pferd verblöden zu lassen. Mein Pferd muß derweil Geländeunebenheiten überwinden und ohne Decke Regen, Wind und Sonne überleben. Es läßt sich allerdings von einer laufenden Kreissäge nicht aus der Ruhe bringen, während die Turniercracks beim Husten einer Maus kopflos davonstürmen.
Immerhin wurde diesmal etwas genauer bei der Gesundheit der Pferde hingeschaut und damit fielen schon einige aus. Richtig so! Trotzdem blieb eine Pferdeleiche zurück und wieder bei den Distanzreitern.
Und außerhalb der Reitszene? Nun, wie schon öfters erwähnt, hat der Reitsport außerhalb der Reitszenen einen katastrophalen Ruf. Das einzige, was von Außenstehenden noch einigermaßen gnädig angesehen wird, ist Dressur und Fahrsport. Galopprennen (ok, fällt hier weg, gehört aber auch zum Pferdesport), Springen und Distanzreiten werden ganz anders betrachtet, nämlich unter dem Verdacht der Tierquälerei.
Viele Turnierpferde leiden tatsächlich unter Magengeschwüren und viele werden nicht sehr alt. Ein Pferd mit 20 Jahren oder mehr ist da schon eine Sensation.
Und noch eine kleine unsportliche Anmerkung: wer sein Pferd Lord´s Classics wegen des Sponsors mit dem Namen Noltes Küchengirl straft, der hat es nicht anders verdient, als zu verlieren, so! Licorno
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