Magazin-Archiv
Die Barr-Affäre – Ausgabe 353
So geschehen in der sogenannten Barr-Affäre, die im Vorfeld der Weltreiterspiele 1990 in Stockholm die Welt erschütterte. Paul Schockemöhle traktierte seine Pferde mit Stangen, um sie zu höheren und . Horst Lorenz, Filmemacher aus Hamburg, hatte diese Praxis jahrelang miterlebt, weil er die Videos für Auktionen und sonstigen Verkauf produzierte, wobei natürlich ohne Hilfsmittel gesprungen wurde. Als sein Auftraggeber das Verhältnis aufgrund finanzieller Streitigkeiten beendete, spielte Lorenz entsprechende Aufnahmen, die er vermutlich ohne Auftrag und vielleicht schon mit der Absicht zukünftiger mißbräuchlicher Verwendung angefertigt hatte, der Presse zu. Jedermann verstand dies als Racheaktion. Die Sache wurde dadurch hochgekocht, daß Günther Jauch den Paul Schockemöhle und Dr. Reiner Klimke als Pferdeexperten sowie den Tierschützer Wolfgang Apel zu einem Gespräch ins Sportstudio einlud. Jauch regte sich furchtbar auf, die Pferdeleute standen als Tierquäler da, und zwar auch im Ausland. Die Schweden, die zu den Weltreiterspielen eingeladen hatten, wollten die Deutschen ausladen, der damalige DOKR-Geschäftsführer Dr. Hanfried Haring, heute Geschäftsführer der FN, mußte sechs Stunden verhandeln, bis die Sache vom Tisch war. Natürlich war das Barren nichts Neues und keinesfalls eine Erfindung von Paul Schockemöhle; schon Gustav Rau hatte sich wiederholt mißbilligend darüber geäußert. Deshalb stellten sich viele Leute hinter Schockemöhle, u. a. auch der schwedische Trainer, der daraufhin sofort abgelöst wurde: Die Empörung in der Öffentlichkeit war einhellig. Die FN ließ nach den Weltreiterspielen, auf denen die Deutschen vier Gold-, vier Silber- und vier Bronzemedaillen gewannen und damit die mit Abstand erfolgreichste Nation wurde, Untersuchungen über das Schmerzempfinden der Pferde anstellen (man glaubt es kaum!) und verabschiedete neue Richtlinien, die definierten, wann man mit welchen Mitteln in welcher Stärke Hilfen durch Stangen geben durfte. Diese Technik wurde dann mit einem neuen Etikett versehen, damit man sich vom absetzen konnte: es hieß nun . Touchieren ist im Training erlaubt, Barren nicht. So gesehen muß man Horst Lorenz dankbar sein. Er hat etwas ins Rollen gebracht, was ohne seinen Ärger bestimmt Jahre oder Jahrzehnte so weitergegangen wäre. Im Jahr 1993 verabschiedete die FN zudem die
"Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes"
, eine Anleitung zum verantwortungsbewußten Umgang mit dem Pferd, die inzwischen in 100.000 Exemplaren verbreitet wurde. Die Affäre wirft natürlich ein bezeichnendes Licht auf diejenigen, die mit solchen Methoden gearbeitet haben. Ich bin mir sicher, daß die absolut kein Unrechtsbewußtsein gehabt haben. Dabei wird man sich nicht nur darauf berufen haben, daß man das schon immer so gemacht hat; wer Pferde quälen will, wird schon eine Rechtfertigung finden. Die erste ist immer, daß es sich gar nicht um Quälerei handelt, sondern um . Es ist eben alles eine Frage der Definition. Aber nicht nur mit primitiven herkömmlichen Mitteln wie Stangen, Sporen, Gebissen wurden und werden Pferde gequält, sondern auch mit Drogen. Das klingt immer so verboten, doch inzwischen wissen wir ja, daß so gut wie alles als Droge aufgefaßt werden kann. Amerikanische Studenten haben sich sogar mit Wasser zu Tode getrunken. Es handelt sich allgemein gesprochen um chemische Mittel, die die Befindlichkeit des Pferdes ändern. Zum Beispiel Schmerzmittel. Was ist daran verkehrt? Wenn ein Pferd Schmerzen hat, sind wir doch verpflichtet, ihm zu helfen, oder etwa nicht? Doch, schon, aber dann sollten wir das Pferd schonen, damit die Ursache der Schmerzen beseitigt werden kann, und nicht etwa weiter sportlich einsetzen. Zwar spürt es dann den Schmerz durch die Einnahmen der Medikamente nicht mehr, aber da die Schmerzen lediglich Signale sind, die das Pferd dazu bewegen, sich so zu verhalten, daß der Körper wieder gesunden kann, mißbrauchen wir das Pferd und ruinieren seine Gesundheit, wenn wir lediglich die Symptome unterdrücken. Rechtsanwalt Graf von Westphalen hat neulich darauf hingewiesen, daß Doping nicht nur bei sportlichen Wettbewerben, sondern auch im normalen Verkaufsgeschehen eingesetzt wird und hier wie dort eindeutig als Betrug gelten muß, also nicht einfach als entschuldbares Kavaliersdelikt zu werten ist. Wer hätte das gedacht? Muß man eine sportliche Karriere nun auch immer unter kriminellen Aspekte betrachten? Kann man heute überhaupt noch sportlich erfolgreich sein und trotzdem ehrlich bleiben? Natürlich. Zum einen wird niemand gezwungen, kriminell zu werden. Zum andern kann man jederzeit die Regeln ändern. Welche Auswirkungen eine Regeländerung auf den Sport insgesamt haben kann, wird im Formel-1-Rennsport sehr deutlich. Plötzlich siegen völlig andere Leute mit anderen Maschinen. So einfach ist das. Wenn die Ausübung eines Sports regelmäßig von Skandalen begleitet ist, ist es vermutlich höchste Zeit, sich über die Regeln Gedanken zu machen und diese zu ändern. Im Laufe der Geschichte des Pferdesports haben wir mehrfach davon gelesen, daß Reiter unter extremen körperlichen Schmerzen litten und von ihren Ärzten für den entscheidenden Ritt fit gespritzt wurden. Diese Leute gelten als Helden. Aber in Wirklichkeit ist so etwas pervers. Natürlich möchte jeder gewinnen und hat erheblich investiert, um dabeisein zu dürfen. Es ist enttäuschend, wenn man im entscheidenden Moment zurücktreten muß, wegen eigener Probleme oder denen des Pferdes. Die Versuchung, dem Schicksal etwas auf die Sprünge zu helfen, ist groß. Hier ist Charakterstärke gefragt. Oder klare Regeln. Es kommt natürlich immer darauf an, wer sich die Wirklichkeit mit welcher Brille anschaut und welche Interessen dieser hat. Es gibt viele Experten, die die durchschnittliche Lebenserwartung eines Sportpferdes von weit unter zehn Jahren als Beleg dafür ansehen, daß Pferde als Mittel zum Zweck gelten und verheizt werden. Was natürlich für die Züchter nicht uninteressant ist, denn dadurch ergibt sich ganz automatisch eine entsprechende neue Nachfrage.
Pflügen im 19. Jahrhundert Symbol für Wohlstand und Bildung Standesgemäß repräsentieren Ohne Hintergeschirr und Bremse Portrait eines edlen Reitpferdes Vermutlich vom selben Besitzer Inhaltsverzeichnis Ausgabe der Pferdezeitung vom 01.01.06