
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist eigentlich ein B�chlein. Das Format ist klein (14,5x 20,5 cm, also A5), es ist nicht besonders professionell hergestellt (die Druckerei am Ort liefert so etwas als Brosch�re f�r Vereinsjubil�en ab), es hat nur knapp 50 Seiten und es ist reichlich teuer.
Daf�r hat dieses Buches es in sich - der Kollege Wolfram Wahrenburg empfahl es dringend, wie der Verlag stolz mitteilt, Pensionsstallbetreibern, privaten Pferdehaltern, Tier�rzten, Gutachtern und �bungsleitern. Anscheinend sehen das die Leser ebenso: Es ist erst in diesem Jahr herausgekommen und hat bereits seine zweite, korrigierte und erg�nzte Auflage erlebt. Der Verlag ist offenbar vom Erfolg �berrascht worden.
Das ist h�chst erfreulich. Die Autorin �u�ert ihre Hypothesen bereits seit Jahren �ffentlich und versucht, ihre Erkenntnisse den "Endverbrauchern" schmackhaft zu machen, was nicht einfach ist. Es handelt sich n�mlich um eine F�lle von Fakten, Vermutungen und komplizierten Zusammenh�ngen, die nicht jedermanns Sache sind. Am liebsten h�tte man es doch ganz einfach: Man kaufe dies oder das, und den Pferden geht es gut. Schlie�lich haben wir eine sehr entwickelte Futtermittelindustrie, die doch wissen m��te, was unsere Pferde brauchen.
Wenn unsere Pferde nicht krank werden w�rden, m��te man sich �ber nicht um diese Dinge k�mmern. So aber kommt man nicht umhin, sich mit Ern�hrungsfragen zu besch�ftigen. Es gibt dicke B�cher zu diesem Thema, sogar Computerprogramme, aber anscheinend werden die Probleme dadurch nicht gel�st. Auch diese B�cher liefern keine einfachen Rezepte. Es geht aber nicht nur um Futtermittel, die man kaufen kann, sondern auch um das, was auf unseren Weiden w�chst. Schlie�lich soll es ja noch Pferde geben, die Weidegang genie�en d�rfen.
Den Verkaufserfolg des Buchs mu� man wohl als Indiz verstehen: die hier angesprochenen Probleme sind dringend und weitverbreitet:
| In den vergangenen Jahrzehnten mussten Pferdehalter sich zunehmend mit Problemen auseinandersetzen, die in der Vergangenheit selten waren und dann zumeist auf eine fehlerhafte Pferdehaltung oder alte Pferde mit z.B. Tumoren zur�ckzuf�hren waren. Heute wird allerorts �ber extrem verfettete Pferde, Allergien, Hufrehe, Equines Metabolisches Syndrom, Cushing, aber auch Graskrankheit, Weidemyopathie und atypische Myoglobinurie diskutiert. Keineswegs treten diese Erkrankungen heute nur bei fehlerhaftem Weidemanagement oder ungenutzten Hobbypferden auf.
Einleitung, a.a.O., Seite 5 | | |
Das klingt dramatisch und beunruhigend. Wer betroffen ist, wird ein Lied davon singen k�nnen. Ein Buch �ber solche Themen verspricht, extrem �de und entsprechend schwer lesbar zu sein. Das ist �berraschenderweise nicht der Fall. Die Autorin liefert eine F�lle von Fakten, pr�sentiert diese aber so knapp und gedr�ngt, da� sich das Buch sehr aufregend liest. So hat man im Zusammenhang mit der Krebsforschung Gemeinschaften von Pflanzen und Pilzen untersucht, wobei die Pilze als krebsbek�mpfende Mittel f�r die Pharmaindustrie interessant sind. Manche Pflanzen leben mit fast einem Dutzend dieser � Endophyten zusammen, wobei die Pilze nicht nur als Parasiten angesehen werden d�rfen, sondern unter Umst�nden die �berlebensstrategie der Pflanzen unterst�tzen.
Pflanzen m�ssen sich n�mlich in der Natur ebenfalls durchsetzen und gegen allerlei Feinde wehren, z. B. gegen Fra�feinde. Deshalb sind manche Pflanzen ungenie�bar - sozusagen die ultimative Strategie gegen das Gefressenwerden. Diese Verbindung unterschiedlicher Organismen kennen wir ja auch von unserem eigenen K�rper: ohne eine Vielzahl von Fremdorganismen - zusammengefa�t unter den Begriff � Darmflora, k�nnten die meisten Lebewesen �berhaupt nicht existieren, weil sie die Nahrung nicht verwerten k�nnten.
| Das f�r die Pharmaindustrie interessante Spektrum an Wirtspflanzen reicht von Arzneipflanzen wie Wurmfarn und Schafgarbe �ber Eibe und Birke bis zur Robinie. Ob Endophyten daf�r verantwortlich sind, da� Robinien von Pferden mal unbeschadet gefressen werden, und dann wieder Hufrehe bis zum Ausschuhen auf allen vier Hufen verursachen? Bedenkt man, da� Gr�ser schon von Dinosauriern gefressen wurden, also eine uralte Anpassungsform sind, da� auch Endophyten als Symbionten eine uralte Anpassung sind, da� Pflanzen durch Wirkstoffe oft die Entwicklung und Fortpflanzung ihrer Fra�feinde (z. B. Verhinderung der Insektenentwicklung durch das pflanzlich hergestellte H�utungshormon Ecdyson u. a. in Eibe und Balsamtanne) steuern, und da� in der Serengeti nicht Raubwild die Populationsgr��e der Herden von Gnus und Zebras kontrolliert, sondern das Futterangebot, dann dr�ngt sich die Frage auf, ob resistenzf�rdernde Wirkstoffe in Gr�sern vielleicht die Gesundheit und Fortpflanzung von gro�en Pflanzenfressern regulieren, sozusagen als Populations- und Geburtenkontrolle zum Schutz des gesamten �kosystems Weidelandschaft. K�nnen Gr�ser Wirkstoffe enthalten, die je nach Dosis und Zusammensetzung auf den Stoffwechsel wirken, Vergiftungen und Allergien ausl�sen?
a.a.O., Seite 5 | | |
Es ist bekannt, da� wichtige Zusammenh�nge oft nur von Menschen erkannt werden k�nnen, die �ber den Tellerrand schauen k�nnen, die also Erkenntnisse mehrerer Fachgebiete zusammenbringen, die anderen Fachleuten verborgen bleiben m�ssen. Die Autorin ist Biologin von Hause aus, w�hrend Pferdefreunde sich normalerweise eher weniger f�r Pflanzen interessieren - insbesondere trifft das auf Tier�rzte zu, die sich bekanntlich mit den Krankheiten der Pferde besonders gut auskennen sollten. Wenn diese jedoch pflanzlich bedingt sind, stellt sich nur zu oft heraus, da� Tier�rzte in dieser Hinsicht wenig wissen.
Eines unsere Pferde verschied binnen 14 Stunden an einer pflanzlichen Vergiftung. Die renommierte Tierklinik mit mehreren Pferdespezialisten war absolut ratlos, weil ahnungslos. Ich war fassungslos, weil ich erwartet hatte, da� schon allein aufgrund der extremen Symptomatik binnen Sekunden eine entsprechende Einordnung und Therapie h�tte vorgenommen werden k�nnen. Desto konsternierter war ich angesichts der Hilflosigkeit der Fachleute, die dem Leiden des herrlichen Tieres nur hilflos zuschauen und schlie�lich nur noch zu einer Nott�tung raten konnten.
In einem Gespr�ch mit der Autorin wurde Jahre sp�ter anhand der Symptome die Anzahl der m�glichen Giftpflanzen auf zwei beschr�nkt. Ich war schwer beeindruckt, sie nicht - die Ignoranz der Tier�rzte bez�glich der Pflanzen war ihr nur zu gel�ufig. Die Autorin hat im Jahre 2002 zu diesem Thema eine entsprechende Brosch�re vorgelegt, die wegen des schwierigen Themas vermutlich keine gro�e Verbreitung gefunden hat: � Giftpflanzen und Pferde. Schon dieses Buch betont im Untertitel die �kologischen Zusammenh�nge: "Eine wechselseitige Anpassung". Aber wer m�chte sich schon gern mit diesen Themen befassen? Als Betroffener habe ich es mehrfach versucht, aber jedesmal bald aufgegeben.
Nur also ein weiterer Versuch, diese wichtige Thematik an die �ffentlichkeit zu bringen; dabei erweist sich, da� die Autorin �ber die neuesten Forschungen gut informiert ist und ihre Erkenntnisse entsprechend belegt; ein Beispiel:
| 1.1 Zusammenh�nge zwischen Giften in Gr�sern und Hufrehe
[...] Fr�her vermutete man, ein zu hoher Eiwei�gehalt des Futters w�rde Hufrehe ausl�sen. Diese Vermutung best�tigte sich nicht. Statt dessen konnte nachgewiesen werden, da� Fruktane, in hoher Dosis gef�ttert (ab 7,5g Fruktan pro 100 kg Lebendgewicht bei einmaliger F�tterung), nach Ausl�sung verheerender Abbauprozesse im Darm Hufrehe bei Pferde verursachen k�nnen (HUNTINGTON & POLLITT 2002, POLLITT & VAN EPS 2002 ).
a.a.O., Seite 6 | | |
Die Forschung erarbeitet also, wie zu erwarten, neue Erkenntnisse. Dar�ber und �ber weitere Hypothesen, die best�tigt oder widerlegt werden m�ssen, berichtet die Autorin knapp und informativ, wobei sie durchaus eigene Einsch�tzungen einstreut. Trotz der schwierigen Thematik ist das Buch �u�erst spannend und interessant, was meine Zitate hoffentlich deutlich machen konnten. Es ist in diesem Sinne eine leichte Lekt�re, die zudem noch anregt.
Es f�llt mir deshalb leicht, mich meinem Kollegen anzuschlie�en und diesem Buch die Resonanz zu w�nschen, die es verdient hat. Das Inhaltsverzeichnis:
| Giftige Gr�ser auf Pferdeweiden | | 1 | Wohlstandserkrankungen - Hypothesen, Fakten, Verbraucherschutz | 5 | | 1.1 | Zusammenh�nge zwischen Giften in Gr�sern und Hufrehe | 5 | | 2 | Hypothese I: Fruktane | 6 | | 2.1 | Fruktane | 6 | | 2.2 | Fruktangehalte in Gr�sern | 6 | | 2.3 | Ursachen hoher Fruktangehalte in Gr�sern | 8 | | 2.4 | Hufrehe durch Fruktane | 10 | | 2.5 | Genetische Disposition f�r Hufrehe? | 11 | | 2.6 | H�ufigkeit der Ursachen f�r Hufrehe | 16 | | 2.7 | Zeitfaktor Hufrehe durch Fruktane | 18 | | 3 | Hypothese II: Giftige Resistenzen in Gr�sern | 19 | | 3.1 | Vergiftungen durch Gr�ser - ein altes Problem | 19 | | 3.1.1 | Entdeckung der Zusammenh�nge zwischen Gras und endophytischem Pilzsymbiont | 19 | | 3.1.2 | Verteilung der Gifte im Pflanzenk�rper | 20 | | 3.1.3 | Betroffene Grasarten und -sorten | 22 | | 3.1.4 | Vorkommen und Zusammensetzung der Gifte | 24 | | 3.1.5 | Schwellenwerte f�r klinische Erkrankungen | 25 | | 3.1.6 | Symptome der h�ufigsten Vergiftungen | 25 | | 3.2 | Labore und Analytik | 29 | | 3.3 | Systemische Zusammenh�nge mit modernen Wohlstandserkrankungen | 30 | | 3.4 | Abbauwege der Gifte im Tier und Anwesenheit in Geweben | 32 | | 3.5 | Patente und L�sungsans�tze der Saatgutindustrie | 33 | | 3.6 | Saatgut in Deutschland: Rechtliche Situation | 33 | | 3.7 | Globaler Saatgut- und Fufterhandel | 34 | | 3.8 | Mykotoxin-Bindemiftel | 36 | | 3.9 | Management gegen Vergiftung | 37 | | 3.10 | Verbraucherschutz und Produkthaftung | 38 | | | Literaturverzeichnis | 39 | | | Anhang: Literatur zu Nachweisen der Gifte und Endophyten | 42 | | | Register | 46 | Die Homepage der Autorin: � Biologie der Pferde
erschienen 29.06.08
| |