
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen von Deckel zu Deckel gelesen und weite Strecken daraus sogar vorgelesen. Dieses Buch hat Gespräche angeregt, meinen Geist und meine Phantasie beschäftigt, grundlegende Fragen über meine Lebensführung aufgeworfen - was kann man mehr verlangen?
Umgekehrt: Was kann man von einem Buch erwarten, das eine Reise, besser gesagt: ein Leben über 11 Jahre in knapp 400 Seiten zusammenfaßt? Muß man sich nicht von vornherein auf eine Enttäuschung gefaßt machen? Müssen nicht weite Strecken - im buchstäblichen und übertragenen Sinne - ausgeblendet werden?
Selbstverständlich, es geht ja gar nicht anders. Deshalb wünschte ich mir, ich könnte jetzt einen Vortrag des Autors besuchen. Ich würde mit Sicherheit viel mehr Bilder in viel besserer Qualität sehen und auch viele Geschichten hören, denn man kann in einer Stunde Vortrag auch wieder ein ganzes Buch unterbringen, dabei aber eine andere Atmosphäre erzeugen, als das im Buch möglich ist.
Das Buch wiederum kann einen über längere Zeit begleiten. Ich habe es nicht in einem Stück gelesen, sondern jeden Tag ein bißchen mehr. So beschäftigte es mich immer wieder, und langsam hatte ich das Gefühl, daß ich den Autor besser kennenlernen würde. Anfangs blieb er nämlich ziemlich blaß und schemenhaft, aber das änderte sich spätestens, als Frauen ins Spiel kamen. Es ist nämlich nicht nur das Buch einer Reise, sondern es handelt auch von Beziehungen.
Der Autor ist sich dessen bewußt, daß er eine Reisebeschreibung abliefern will - irgendwann flicht er eine entsprechende Bemerkung ein, er habe sich bei der Lektüre einer Reisebeschreibung Notizen gemacht, was eine gute und eine schlechte Arbeit dieser Gattung ausmache. Er schreibt also reflektiert und im vollen Bewußtsein dessen, was er da tut. Nachdem er sich im ersten Teil so stark zurückgenommen hatte, daß man kaum wußte, wer da redet, wird er im zweiten Teil so offen und persönlich, daß ich mich manchmal gefragt habe, ob diese Offenheit nicht manchem Leser zu weit gehen könnte - zumindest scheint mir das für Reisebeschreibungen sehr ungewöhnlich zu sein. Und möglicherweise geht die Offenheit auch manchen darin vorkommenden Personen zu weit.
Da er aber mit den beiden Protagonistinnen weiterhin befreundet ist, darf man annehmen, daß diese jedenfalls soweit einverstanden sind. Einige Namen sind allerdings geändert worden; auf Reisen schließt man schnell Freundschaften, doch nicht jede Freundschaft trägt auf die Dauer, und so mußte der Autor manchmal vorsichtig etwas Unschönes beschreiben. Das fiel ihm offensichtlich schwer, wie er sich auch in der Beurteilung der Menschen und Länder enorm zurückhält, mehr als mir als Leser lieb war. Aber vielleicht muß das so sein, wenn man auf der Reise keinen Ärger bekommen und trotzdem mit sich selbst im Reinen bleiben möchte.
Aber vermutlich entspringt diese Haltung nicht dem Kalkül, sondern einfach seiner Persönlichkeit, denn zum Schluß charakterisiert er sich so:
| Ich bin ein zurückhaltender, schüchterner Mensch und genieße es gar nicht, vor einem Publikum zu stehen, im Gegenteil, es ist mir unangenehm, manchmal hasse ich es sogar. Ich mag den ganzen Öffentlichkeitsrummel eigentlich nicht, und doch muß ich zugeben, es hat auch etwas. Für kurze Zeit in einem Saal vor 800 oder 1000 Zuschauern der Held zu sein, das ist wie eine Droge. Manche Zuschauer himmeln mich an, sie haben Hemmungen, mich nach dem Vortrag anzusprechen. Dann geben sie sich einen Ruck, stellen ihre Frage und ich spüre, wie ihnen ein Stein vom Herzen fällt. Dabei hätte ich umgekehrt nicht den Mut, sie anzusprechen, und schon gar nicht, wenn es sich um eine hübsche Frau handelt. Andere Zuschauer bewundern mich dafür, was ich alles geleistet hätte. Dabei habe ich über all die Jahre nur das getan, was ich gern mache. Was hatte ich wirklich geleistet? Manche Zuschauer kommen mit ihren Kindern zum Vortrag. Ich selbst habe noch kein Kind großgezogen, bin nicht einmal fähig, eine Frau an mich zu binden.
Und doch habe ich auch Verantwortung. Die Verantwortung meinen Zuschauern gegenüber, deren Träume ich lebe, die mich beneiden, die ich unbewußt motiviere und inspiriere, ihre eigenen Träume zu leben. a.a.O., Seite 378 | | |
Das ist für mich so nicht ganz richtig: Er lebt zwar nicht meinen Traum, aber sein Leben erlaubt mir, Abstand zu meinem eigenen Leben zu bekommen, zu erkennen, daß auch dieses entworfen werden will und kann, daß es die Träume und Visionen sind, die die Zukunft schaffen.
Wie selbstverständlich gelingt es ihm, Interesse an den Ländern und Landschaften, den Menschen und ihren Problemen zu wecken, die er beschreibt. Davon hatte ich keine Ahnung, die Lektüre legt nahe, daß ich mich bei Gelegenheit mal näher damit beschäftige - wenn ich die Zeit erübrigen kann. Im übrigen dient Reisen ja auch dem Zweck, Abstand zu gewinnen. Aus der Ferne, im Kontakt mit dem Fremden, erlebt man sich selbst und seine Herkunft in einer Weise, wie das Zuhause gar nicht möglich wäre. Auch die Lektüre des Buches ermöglicht einen solchen Abstand und gern stimmt man dem Autor zu, der sich glücklich schätzt, in einem so friedlichen und reichen Land geboren zu sein, in das er jederzeit wieder zurückkehren kann.
Nein, ich habe keine Lust bekommen, ihm nachzueifern, der amerikanischen Kontinent wäre kein Thema für mich, weder der Norden noch der Süden. Aber das Thema des Reisens zu Pferd ist schon sehr interessant. Die beiden Frauen, zwischen denen er sich wiederfindet, werden schließlich von ihm zusammengebracht, und diese überlegen, ob sie nicht zu zweit den Osten Europas per Pferd erkunden wollen. Das wäre schon eher etwas für mich.
Günter Wamser besinnt sich resigniert wieder auf sein ursprüngliches Ziel: Alaska. Er war drauf und dran gewesen, dieses Ziel fallen zu lassen, nach 11 langen Jahren. Und wenn er in Alaska angekommen ist? Vielleicht arbeitet er dann Reittouren aus; er hat das schon für andere gemacht, er hat schon einen eigenen Betrieb gehabt, aber vielleicht bleibt er doch auf Achse - Pardon: auf Hufen - und setzt seine Reise in Asien fort. Wer weiß?
So wie er heute nicht weiß, was morgen sein wird, ist er sich auch nicht sicher, ob er lieber allein oder zu zweit reiten möchte. Manchmal hat man den Eindruck, die Tiere seien ihm wichtiger als die Menschen. In ein paar Wochen bricht er wieder auf, wieder in Begleitung einer jungen Frau, mit der er letztes Jahr im Herbst schon die ersten Erfahrungen gesammelt hat, als die Beiden neue Pferde für den Rest der Reise gesucht und gefunden haben. Waren es in Argentinien halbwilde Criollos, so sind es jetzt ehemals wilde Mustangs. Und vermutlich wird es in ein paar Jahren auch darüber ein Buch geben. Man kann sich jetzt schon freuen und bis dahin die Reise online verfolgen.
Außerdem kann man bei Barbara Kohmanns Termine für weitere Vorträge erfahren und auch ein preiswertes Magazin erstehen. Vielleicht ist er ja in ein paar Jahren wieder zurück und beglückt sein Publikum, weil er wieder einmal seine Reisekasse auffrischen muß. Die USA sind vermutlich nicht ganz so billig. Anhand seiner Internetpräsenz können Sie auf dem laufenden bleiben.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: ich habe mich immer wieder über die wunderbare Aufmachung dieses Buches gefreut. Ein schönes Buch! Und noch etwas: es ist keine Anleitung - man erhält keine konkreten Hinweise, wie man so etwas macht. Alleine darüber könnte Günter Wamser sicher ein dickes Buch schreiben.
Es ist natürlich auch keine Anleitung zum Umgang mit Pferden. Vielleicht schreibt er eines Tages mal seine Sicht der Dinge auf. Aber auch in dieser Hinsicht ist er vermutlich zu bescheiden und erkennt gar nicht, was er zu sagen hat. Auf jeden Fall bedeuten ihm die Tiere unglaublich viel. Sie sind nicht Mittel zum Zweck, sondern seine besten Freunde.
erschienen 02.03.08
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