
| | | Heidi Keppel | | | | | Aktuell: Leistungsdruck Von › Heidi Keppel
Ich habe vorige Woche im Editorial der Pferdezeitung einen Text gefunden, den ich unbedingt kommentieren und mit einem persönlichen Tipp ergänzen möchte. Hier ist noch mal der Abschnitt, auf den ich speziell Bezug nehmen möchte:
| Möglicherweise interpretiere ich sogar die von mir als anstößig empfundenen Bilder falsch. Vielleicht ist es gar nicht gedankenlos oder grausam, wenn die Pferde geknebelt und abgeriegelt werden. Vielleicht geht es allen diesen Sportlern so wie ich jetzt geschildert habe, und sie enthalten sich deshalb eines Urteils darüber, was ihre Kollegen mit ihren Pferden machen. Wenn die klugen Köpfe, die behaupten, daß die Pferde durch Beschlag, Gebiß und Zäumung enorm behindert werden, recht haben, müßten ja eigentlich diejenigen einen sportlichen Vorteil haben, die ihren Pferden das nicht antun.
Jedenfalls scheint es keinerlei Vorschriften hinsichtlich der Zäumung zu geben. Einige Reiter sind mit mechanischer Hackamore geritten, die vermutlich keineswegs zärtlicher zu den Pferden und vielleicht auch nur ein allerletzter Ausweg ist, weil diese Pferde inzwischen auf jegliche Art von Gebissen allergisch reagieren - wer weiß? Wir sind nicht dabei, wenn es zu unschönen Szenen kommt. Sollte jemand durch einfühlendes Verhalten einen sportlichen Vorteil erreichen können, würden sicher alle diese Methode nachahmen, um den Vorteil wieder wettzumachen, das liegt auf der Hand.
Aber vielleicht kann man Pferde auf diese Art und Weise gar nicht zu sportlichen Höchstleistungen bringen? Alle diese Leute mußten mit ihren Pferden die Höchstleistung in einer bestimmten Sekunde erbringen, nicht vorher und nicht nachher. Daß ihnen das gelungen ist, ist wohl ein Beweis dafür, daß sie wirklich etwas von Pferden verstehen. Oder sollte ich mich täuschen?
Editorial 472: › Springen | | |
Es werden hier gleich mehrere Aspekte angesprochen, die mir persönlich sehr am Herzen liegen. Zum Einen die Art, wie man generell mit Pferden umgeht und welche ‚Hilfsmittel’ man dafür verwendet, zum Anderen die Leistung, die man von den Tieren verlangt, und die um jeden Preis erreicht werden soll.
Gerade wir Menschen, die wir ständig über wachsenden Leistungsdruck klagen, verlangen von unseren vierbeinigen Reitpartnern andauernd Höchstleistungen, zu denen diese in den seltensten Fällen freiwillig bereit sind. Verständlicherweise werden dadurch Zwangsmaßnahmen erforderlich, da es sonst nicht viele Möglichkeiten gibt, ein Pferd zur ‚Selbstquälerei’ zu animieren.
Schließlich wurde ja auch unter Menschen über viele Jahrhunderte die Sklaverei praktiziert, weil sie um einiges einfacher zu handhaben ist als eine positive Motivierung von freiwilligen Mitarbeitern. Diejenigen Betriebe aber, denen Letzteres gelungen ist, werden bestätigen können, dass die Leistung von erfolgsorientierten Freiwilligen oft bei weitem besser ist als das Ergebnis erzwungener Arbeit.
Ähnliches gilt selbstverständlich auch für Spitzensportler. Wer erfolgshungrig ist und sich dafür auch durchaus gerne selbst quälen will, wird mehr oder weniger problemlos Spitzenleistungen erbringen können, während weniger motivierte Sportler immer nur höchstens im Mittelfeld mitschwimmen werden, auch wenn sie von Trainern noch so sehr angetrieben oder gar mit unlauteren Dopingmitteln aufgeputscht werden.
Genau dieselben Bedingungen herrschen auch im Pferdesport, nur dass es meiner Ansicht nach unverantwortlich ist, andere Lebewesen mit gewaltsamen Methoden zu ‚missbrauchen’, um selbst Ruhm zu erlangen. Sicherlich gibt es auch Pferde, die regelrecht für den Leistungssport geboren zu sein scheinen, da sie nicht nur sämtliche dafür nötigen körperlichen Eigenschaften aufweisen, sondern auch noch mit einer ordentlichen Portion Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft gesegnet sind, aber die Mehrzahl der so genannten Sportpferde eignet sich nur bedingt für den Turniereinsatz.
Werden solche Tiere im wahrsten Sinne des Wortes trotzdem zu Höchstleistungen angespornt, bleiben auch bei vorübergehenden Erfolgen die letztendlichen Niederlagen in Form von erhöhter Verletzungs- und Krankheitsanfälligkeit nicht aus. Auch jede vermehrt auftretende Widersetzlichkeit bzw. die Entwicklung diverser Verhaltensstörungen sprechen für eine zumindest zeitweise Überforderung oder grundlegend falsche Ausbildungs- und Trainingsweise.
Ein generelles Umdenken ist hier unbedingt erforderlich, und zwar nicht nur in Bezug auf die Ausrüstungsgegenstände beim Reiten, denn selbstverständlich kann auch ein gebissloser Zaum auf brutale und damit schmerzbringende Weise verwendet werden! (Dies passiert aber nicht bei fachgerechter Anwendung – zumindest nicht bei dem von mir bevorzugten Sidepull – und ist bei vernünftigem Trainingsaufbau auch nicht nötig!)
Es ist vielmehr unsere ganze Einstellung zum Pferd gründlichst zu überdenken, denn aus dieser heraus entsteht unser grundlegendes Verhalten im Umgang mit unseren vierbeinigen Reitpartnern. Wer sein Pferd nur als Sportgerät betrachtet, das jederzeit beliebig austauschbar ist, wird sich auch wenig darum scheren, ob es durch das Reiten langfristig gesehen körperliche, geistige oder seelische Schäden davonträgt. Alle dafür sprechenden Zeichen werden dann einfach ignoriert, denn nur der rasche Profit zählt.
Aber sind Höchstleistungen und Gewinne wirklich so wichtig für unser Leben? Sollten andere Werte nicht viel mehr Bedeutung für uns haben? Wer zwingt Turnierreiter z.B. immer höher und weiter zu springen? Wäre es nicht genauso gut möglich, die Wertungen mehr in die Richtung ‚Stilspringen’ zu verschieben und damit die tatsächliche Harmonie zwischen Pferd und Reiter zu fördern? Dann würde man auch sehr rasch erkennen, wer sein Tier nur drillt und wer es tatsächlich versteht und mit ihm in pferdefreundlicher Art umzugehen weiß!
Dies ist aber nur eine von vielen Überlegungen, und mein heutiger Tipp soll diesbezüglich noch viel weiter gehen. Ich möchte Ihnen nämlich empfehlen, sich die Zeit zu nehmen, die Natur und das individuelle Wesen Ihres Pferdes näher kennen und respektieren zu lernen! Ich verspreche Ihnen, dass sich Ihr Horizont dadurch enorm erweitern wird und dass Sie auch noch einiges von Ihrem Pferd lernen können. Und vielleicht können Sie dann auch an der einfachen und unbändigen Lebensfreude Ihres vierbeinigen Freundes teilhaben, ohne diese unbedingt in irgendwelche fix vorgegebene Bahnen lenken zu wollen.
erschienen 20.04.2008
Siehe auch › Autoren-Messeseite
| |