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Heidi Keppel
 
 
Aktuell: Freizeitsünden
Von   Heidi Keppel

Vorige Woche habe ich in meine Artikelserie über die Hufe einen aktuellen Tipp eingeschoben, bei dem ich das herkömmliche Leistungsdenken vieler Turnierreiter in Frage gestellt habe. Damit habe ich sicherlich vielen Pferdefreunden ganz aus dem Herzen gesprochen, doch heute möchte ich dieses Thema noch um eine Stufe erweitern und auch auf die Mängel in der Freizeitreiterei näher eingehen.

Unsere vierbeinigen Reitgefährten haben nämlich nicht nur als Sportpferde einiges zu erleiden, auch als Freizeitpferde können sie sich häufig nicht an einem angenehmen bzw. pferdegerechten Leben erfreuen. Oft lassen schon die Haltungsbedingungen sehr zu wünschen übrig, denn immer noch gibt es viele Leute, die meinen, dass einem Pferd ein kleiner Sandauslauf genügt, wenn es einen Offenstall zur Verfügung hat und hin und wieder ein wenig geritten wird.

Natürlich muss es nicht sein, dass ein Pferd unter diesen Umständen krank wird oder Verhaltensstörungen entwickelt, aber von einem wirklich glücklichen Leben kann hier auch keine Rede sein. Vielmehr wird sich das Tier langweilen und nach einer saftigen Weide und Abwechslung sehnen, denn die meisten Pferde sind nun mal Lebewesen, die gerne fast den ganzen Tag aktiv sind, wenn ihnen diesbezüglich der richtige Anreiz geboten wird. Nur so kann sich auch ihr ganzer Körper optimal entwickeln, gesund bleiben und reiterlich belastbar werden.

Und damit möchte ich auch gleich auf das Hauptproblem in der Freizeitreiterei zu sprechen kommen, denn hier werden zwar meist keine Höchstleistungen von den Tieren gefordert, aber es entstehen sehr häufig einseitige Belastungen für die Pferde, welche sich körperlich, geistig und/oder seelisch schädigend aus sie auswirken, während sie von den jeweiligen Reitern oft gar nicht bewusst registriert werden.

So müssen etwa viele Freizeitpferde unter drückenden Sätteln, falsch angepassten Zäumen, schmerzenden Gebissen und nicht fachgerecht verwendeten Hilfszügeln, aber auch unter schlecht sitzenden Reitern mit bisweilen äußerst grober Hilfengebung leiden. Bei manchem Freizeitreiter klopfen die Schenkel aus mangelndem Gleichgewicht ganz unbewusst ständig hart an die Pferderippen, bei anderen wird vorsätzlich mit energischem Ferseneinsatz gearbeitet, um den ‚faulen Gaul’ in Bewegung zu bringen.

Bei den Zügelhilfen sieht es meist ebenfalls nicht besser aus, denn nur wenige Freizeitreiter wissen damit korrekt umzugehen. Was nützen dann die pferdefreundlichsten Zäumungen, wenn die schwere Reiterhand ständig an den Zügeln zieht oder wenn sie in kritischen Situationen gar heftig daran reißt? Und wenn das arme Pferd dann durch ‚Widersetzlichkeit’ seine Meinung dazu kundtut, wird es natürlich bestraft, sehr oft sogar durch noch härtere Aktionen mit dem Zügel, denn dies ist keineswegs ein Privileg der Sportreiter.

Ein weiterer Missstand, der vor allem bei Freizeitreitern anzutreffen ist, ist das mangelnde Konditionieren ihrer Pferde mit gleichzeitiger etappenweiser Überforderung. Da gibt es meist weder einen langsamen Konditionsaufbau nach der Winterpause noch ein regelmäßiges Training während der Reitsaison. Vielmehr wird das Pferd ganz einfach immer dann geholt, wenn man Zeit und Lust zum Reiten hat. Da liegen dann oft nicht nur Tage, sondern sogar viele Wochen zwischen den einzelnen Ausritten oder Trainingseinheiten, die aber keineswegs dem körperlichen, geistigen und seelischen Trainingszustand des Pferdes angepasst werden.

Selbstverständlich gibt es auch rücksichtsvolle und vernünftige Freizeitreiter, aber ich habe leider auch schon viel zu oft das Gegenteil gesehen. Da wird eben einfach geritten, wann und wie lange man will, ohne dass näher darauf geachtet wird, wie sich das Pferd dabei und vor allem danach fühlt. Ob ihm sämtliche Muskeln, Sehnen und Gelenke schmerzen, ist meist Nebensache und spielt in vielen Fällen auch keine gravierende Rolle, weil das Pferd dann ja eh einige Tage oder Wochen Zeit zur ‚Erholung’ hat.

Dass solcherart gerittene Tiere nicht gerade begeistert von der ihnen zugedachten Rolle sind, ist eigentlich nicht verwunderlich, genauso wenig wie der Umstand, dass viele Freizeitpferde dadurch ebenfalls schon in jungen Jahren diverse Verschleißerscheinungen und gesundheitliche Probleme oder auch Verhaltensstörungen zeigen, ohne dass jemals irgendwelche sportlichen Höchstleistungen von ihnen verlangt werden.

Mängel gibt es natürlich überall und fehlerfrei ist niemand, aber ich würde mir wünschen, dass das generelle Umdenken nicht nur in eine Richtung gehen möge und dass nicht jeder nur beim anderen das Negative sieht, sondern auch vor der eigenen Türe kehrt. Und ich würde mir wünschen, dass die wenigen, die sich auf dem richtigen Weg befinden, nicht von anderen verunsichern lassen.

Mein dieswöchiger Tipp an Sie: Seien Sie Ihrem Pferd ein wirklich guter Freund, lieben und respektieren Sie es, verstehen Sie seine Eigenheiten und Bedürfnisse und nehmen Sie darauf Rücksicht, dann gewinnen Sie dafür ein großes Herz, welches immer bedingungslos für Sie da sein wird!



erschienen 27.04.2008




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