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Heidi Keppel
 
 
Zucht mit Freizeitpferden
Teil 11
Von   Heidi Keppel

Eigentlich habe ich mittlerweile schon alle wichtigen Punkte rund um die Haltung und den Umgang mit einer trächtigen Stute besprochen, doch möchte ich mich diese Woche nochmals mit dem Thema ‚optimale Bewegung für die hochträchtige Stute' näher befassen, weil es hierzu auch unter Fachleuten sehr unterschiedliche Meinungen gibt, die alle irgendwo ihre Berechtigung haben, aber eben nicht alle auf jedes Pferd anwendbar sind.

So vertreten manche die Ansicht, dass eine hochträchtige Stute überhaupt nicht mehr gearbeitet werden, sondern sich ihr notwendiges Maß an Bewegung freilaufend auf der Weide oder einer weitläufigen Koppel holen sollte, während andere behaupten, dass es der Stute (und dem Fohlen) auch dann nicht schadet, wenn sie bis kurz vor der Geburt geritten oder gefahren wird. Meist wird allerdings empfohlen, die Stute zumindest im letzten Monat nicht mehr oder nur noch sehr schonend zu arbeiten.

Auch meine persönlichen Erfahrungen diesbezüglich sind sehr unterschiedlicher Natur. So kann ich mich noch gut an eine Stute erinnern, mit der ich in meiner Jugendzeit zu tun hatte. Sie war eines der vielen Schulpferde jenes großen Reitbetriebes, wo ich seinerzeit das Englischreiten erlernte. Dass die Stute trächtig war, wusste damals niemand, denn es handelte sich um einen so genannten Weideunfall, bei dem ein Junghengst einen unbeobachteten Augenblick genutzt hatte, um seine Beschälerqualitäten unter Beweis zu stellen.

Da dieser Deckakt niemandem aufgefallen war, wurde die Stute auch ganz normal geritten, ohne dass irgendjemand auf ihren Zustand Rücksicht genommen hätte. Als sie mit der Zeit immer runder und auch ein wenig träger wurde, wurde ihr anfangs sogar die Futterration gekürzt und sie bekam Extrareitstunden zugeteilt, weil man der Meinung war, sie wäre einfach zu fett geworden. Erst als auch ihr Euter immer praller wurde, wurde den Reitstallbesitzern klar, dass die Stute trächtig war. Nun bekam sie zwar mehr Futter, aber arbeitsmäßig besonders geschont wurde sie noch nicht, da man annahm, dass es bis zur Geburt noch ein Weilchen dauern würde.

So war ich mehr als erstaunt, als ich eines Tages bei einer meiner Reitstunden beiläufig erfuhr, dass die Stute am Vortag ihr Fohlen bekommen hatte. Drei Tage zuvor hatte sie noch ganz brav die Reitschüler durch die Gegend getragen! Als ich die beiden dann später im Stall besuchte, erwartete mich gleich die nächste Überraschung. So ein großes, kräftiges und schon richtig muskulöses Fohlen hatte ich überhaupt noch nie gesehen!

Der kleine Hengst, der mit frechem Blick bereits quietschvergnügt in der Box umhersprang, sah aus als wäre er bereits ein Monat und nicht erst einen Tag alt. Offenbar war er bei den Reitstunden seiner Mutter gleich ordentlich mittrainiert worden. Wie man mir berichtete, war es aber trotz seiner kräftigen Statur eine einfache und schnelle Geburt gewesen, was man der Mutter auch deutlich an ihrem keineswegs angestrengten, sondern sehr zufriedenen Gesichtsausdruck ansehen konnte.

Dieses Erlebnis und viele Berichte aus früherer Zeit, die besagen, dass Reit- und Arbeitspferde ebenfalls nur sehr selten während ihrer Trächtigkeit geschont wurden, lassen die Vermutung aufkommen, dass es offenbar auch hochträchtigen Stuten nicht schadet, geritten oder gefahren zu werden. Doch - wie ich ebenfalls aus eigener Erfahrung weiß - lassen sich auch solche Erkenntnisse keinesfalls verallgemeinern.

Zumindest konnte ich dies gleich bei meinem ersten selbstgezogenen Fohlen feststellen, denn die Trächtigkeit meiner Lieblingsstute verlief nur im vierten bis neunten Monat unproblematisch, in der Anfangs- und Endphase der Trächtigkeit hingegen hatte sie spürbare Schwierigkeiten mit dem Reiten. Sie zeigte sich dabei - trotz optimaler Fütterung - entweder total matt oder hochgradig nervös, und im zehnten Trächtigkeitsmonat stellten sich sogar wehenartige Bauchkrämpfe ein, sodass ich beschloss, sie lieber nicht mehr zu reiten.

Und daran habe ich sicher gut getan, denn wie ich bei einem befreundeten Araberzüchter miterleben konnte, neigten Stuten, die ähnliche Probleme während der Trächtigkeit aufwiesen und nicht geschont wurden, zu Frühgeburten oder anderen Geburtsschwierigkeiten, die meist den Tod des Fohlens zur Folge hatten. Dieses Los blieb meiner Stute und ihrem Stutfohlen erspart.

Davon vorsichtig geworden, entschied ich mich auch bei meinen anderen Stuten dazu, sie in den letzten beiden Monaten ihrer Trächtigkeit nicht mehr zu reiten. Das Ergebnis waren unproblematische Geburten und gesunde, kräftige Fohlen. Möglicherweise hätte diesen Stuten ja auch die Arbeit nicht geschadet, aber jedenfalls hatte ihnen das mangelnde Training auch nicht gefehlt.

Ich würde also jedem Hobbyzüchter empfehlen, hier auf die individuellen Eigenheiten der Stute und deren jeweilige Trächtigkeit einzugehen und nicht nach einem bestimmten Schema vorzugehen. Zeigt die Stute beim oder nach dem Reiten bzw. Fahren ein verändertes Verhalten und/oder Anzeichen von Unwohlsein oder Schmerzen, sollte die Arbeit zumindest vorübergehend stark reduziert oder ganz gestrichen werden. Auch bei Koliksymptomen sollte man daran denken, dass nicht nur die Ernährung der Auslöser sein kann. Auch Überanstrengungen oder Stresssituationen können die Ursache dafür sein und für Stute sowie Fohlen fatale Folgen haben.

Mehr zum Thema ‚Stressvermeidung' und über gesundheitliche Maßnahmen während der Trächtigkeit erfahren Sie dann im nächsten Tipp von mir.



erschienen 05.03.2006




Siehe auch   Autoren-Messeseite




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