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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Mehlsack
Von   Werner Popken

In dieser Woche habe ich das Buch Just fun vorgestellt, ein Reitkurs für Erwachsene. Der Untertitel lautet: "Schon der Anfang ist leicht!"

Hat dieses Buch auch etwas für diejenigen zu bieten, die keine Reitanfänger sind? Ich denke schon. Dazu möchte ich Ihnen aus der Mitte des Buches etwas vorstellen: die Übung Mehlsack. Ich denke, diese Übung kann jeder machen. Man wird damit bestimmt keine Lorbeeren ernten, man wird sich vielleicht bei manchen Leuten lächerlich machen, aber die wissen ja nicht, was ihnen entgeht (S. 69).

Der Mehlsack

  • Diese Übung ist keine Verunglimpfung des erwachsenen Reitanfängers, sondern wird in der Turnsprache so genannt, weil sie auch so aussieht.
  • Legen Sie sich bäuchlings quer über den Pferderücken, so wie in den Westernfilmen die Cowboys immer die Viehdiebe transportieren. Um in diese Position zu kommen, benötigen Sie wahrscheinlich die Mithilfe Ihrer Teamkollegen. Lassen Sie sich Zeit zum ausbalancieren!
  • Sobald Sie sich sicher fühlen, lassen Sie Beine, Arme und den Kopf ganz entspannt nach unten hängen. Das ist eine wunderbare Übung zur Durchblutung des ganzen Hirns. Nach einer kleinen Weile wieder hochkommen, aber langsam, sonst kann es Ihnen schwindelig werden. Setzen Sie sich aufrecht hin, dann seitlich auf das Pferd und dann rutschen Sie ganz einfach von oben runter. Für jede Landung auf dem Boden gilt ebenfalls, weich abfedern. Das tun Sie Ihren Gelenken zuliebe.

Das ist sicherlich nicht schwer. Warum sollte man das tun? Weil man etwas Besonderes erlebt. Und das beschreibt die Autorin ganz detailliert und plastisch (S. 67):

 
   
 
Wenn Sie nun oben sitzen, orientieren Sie sich erst einmal in Ruhe. Begrüßen Sie Ihr Pferd. Streicheln Sie seinen Hals, kraulen Sie seinen Mähnenkamm und fühlen Sie sich einfach wohl.

Nun beugen Sie sich nach vorn über den Hals des Pferdes (siehe Bild). Lassen Sie beide Arme seitlich an seinen Schultern herunterhängen und verweilen Sie so. Pferdehaut riecht sehr gut.

Legen Sie Ihr Gesicht seitlich an den Hals und schmusen Sie ruhig ein bißchen mit dem Tier. Nun richten Sie sich langsam wieder auf und setzen sich locker hin. Das Pferd weiß jetzt, mit wem es da zu tun hat, und Sie auch.

[...]

Legen Sie sich jetzt ganz flach mit ihrem Oberkörper auf Rücken und Kruppe des Pferdes. Ihr Kopf liegt auf der Seite. Ihre Beine und ihre Arme hängen locker und entspannt am Pferd herunter. Wunderbar gemütlich und jetzt schließen Sie die Augen und denken eine Weile an gar nichts.

Fühlen Sie bloß. Wenn Sie die flachen Handinnenseiten an den Bauch des Pferdes legen, können Sie seine Atmung spüren. Der Körper ist warm und weich und ab und zu schaukelt es ein wenig, wenn sich das Pferd leicht bewegt oder mal den einen, mal den anderen Hinterfuß schont.

Können Sie sich vorstellen, wie gut das tut? Als ich das Foto sah, mußte ich an ein Foto denken, das ich beim heilpädagogischen Reiten gemacht habe. Am besten zitiere ich aus meiner damaligen Reportage:

Heilpädagogisches Reiten

 
 Heilpädagogisches Reiten
 
 
Ich durfte eine Stunde begleiten, die sie für eine Gruppe behinderter Erwachsener gab, zwei Männer und zwei Frauen. Es war faszinierend zu sehen, wie sie sich auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten einstellte. Die Gruppe kommt seit einem Jahr regelmäßig einmal in der Woche. In dieser Zeit haben alle Mitglieder enorme Fortschritte erzielt.

Das war mir natürlich nicht bewußt. Erst hinterher habe ich erfahren, in welchem Zustand die ältere der beiden Frauen sich vor einem Jahr befand. Vor diesem Hintergrund beeindruckte mich ihr Verhalten noch mehr. Damals war sie absolut unzugänglich und autoaggressiv, schlug sich z. B. ständig vor den Mund. Nun drehte sie Runde um Runde mit dem Haflinger und hielt sich am Longiergurt fest.

Sie konnte sich sprachlich nicht artikulieren, war aber ansprechbar, verstand also. Als sie selber ritt, konnte ich zunächst ihre Reaktionen nicht richtig deuten. Irgendwann legte sie sich auf den Hals des Pferdes und stieß unartikulierte Heullaute aus. Ich war irritiert, bis ich merkte, daß das ihre Art war, ihr Entzücken auszudrücken. Sie liebte dieses Pferd!

Der junge Mann geriet angesichts eines kleinen Hundes in absolute Panik - auf dem Pferd war er der King schlechthin! Der Spastiker, der sich nur sehr schlecht bewegen konnte, machte auf dem Pferd eine gute Figur. Ich erfuhr später, daß er vor einem Jahr sich kaum halten und koordinieren konnte. Davon war nicht mehr die Rede. Er saß auf dem Pferd wie ein Alter.

Mit anderen Worten: Beim heilpädagogischen Reiten wirkt das Pferd äußerst positiv, ohne daß der Mensch irgend etwas erreichen will: Ambitionen und Leistungsdruck sind weg. Das Pferd als Heilmittel.

Warum sollte man sich das nicht schon gönnen, bevor man es nötig hat? Einfach einmal die Seele baumeln lassen und Kraft tanken. Sehr bemerkenswert finde ich übrigens auch den Ausdruck des Pferdes auf der Buchillustration. Wenn das Pferd ein Mensch wäre, würde ich sagen: Es ist mit einem Ernst, mit einer Konzentration, mit einer Präsenz dabei, die sich kaum noch steigern läßt.

Vielleicht erklärt sich die Faszination, die von Tieren ausgeht, durch die Ausschließlichkeit des Lebens im Hier und Jetzt, die uns Menschen so leicht abgeht. Wir lernen also mit und durch das Pferd, und in diesem Falle durch reine Passivität. Mein Tipp für diese Woche: Lassen Sie doch mal die Seele baumeln auf dem Rücken Ihres Pferdes. Wetten, daß es Ihnen guttut?



erschienen 16.03.2003





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