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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Landung
Von   Werner Popken

In der Rezension dieser Woche (Voltigieren) wurde gezeigt, wie die Autorin ganz konkrete Anweisungen gibt für einzelne Übungen und besondere Probleme und Fehler hervorhebt. Dabei ging es um Schwünge; ein normaler Reiter wird damit wenig anfangen können. Das Kapitel "Landetechnik" bietet aber Anregungen, die über das Voltigieren hinaus interessant sein könnten.

Die Abgänge sind wesentlicher Bestandteil der Übungen; es gibt eine große Bandbreite, von einfachen Abgänge bis hin zu extrem komplizierten. Allen gemeinsam ist jedoch, daß die Bewegung des Pferdes berücksichtigt werden muß (S. 81):

Da das Pferd den Voltigierern Schwung nach vorn mitgibt, führen Landungen quer oder gegen die Bewegungsrichtung schnell zu Verdrehungen von Fuß- und Kniegelenken sowie den Bändern.

Reiter sollten im Normalfall keinen Abgang in der Bewegung machen - wenn sie nicht gerade so waghalsig sind wie Lajos Kassai, der selbstverständlich den Abgang vom galoppierenden Pferd geübt hat (siehe Rezension Bogenschießen vom Pferd) - aber auch erst, nachdem er unfreiwillig das Pferd verlassen mußte.

Was also, wenn der Reiter aus irgendeinem Grund einen unplanmäßigen Abgang machen muß? Sollte man sich darauf nicht vorbereiten? Wir wollen ja nicht hoffen, daß der Fall einmal eintritt; wenn es aber doch dazu kommen sollte, wäre es mit Sicherheit gut, wenn man nicht unvorbereitet wäre.

Man kann ja im Stand beginnen. Natürlich sitzt der Reiter normalerweise ordnungsgemäß ab, wie er das in der Reitschule gelernt hat, FN-zertifiziert sozusagen. Was sagt das Pferd, wenn er diese Regel durchbricht? Zum Beispiel, indem er sich mit beiden Beinen aus den Steigbügeln löst, ein Bein vorwärts über den Hals schwingt und einfach zu Boden gleitet?

In der Bewegung wäre das falsch, wie wir soeben gelernt haben, weil die Bewegung des Pferdes dafür sorgen würden, daß wir am Boden sofort das Gleichgewicht verlieren, möglicherweise uns sogar verletzen würden. Besser also eine Technik entwickeln, bei der wir richtig landen (S. 81):

Unabhängig davon, von welcher Ausgangsposition der Abgang erfolgt: Der Voltigierer muß vorwärts, möglichst weit weg vom Pferd, herunterkommen und mit nach vorn gewandtem, leicht vorgebeugtem Oberkörper auf beiden Füßen gleichzeitig landen. Bei der Landung sind die Füße und Knie leicht geöffnet und zeigen gerade nach vorn und niemals nach innen.

Bei der Landung den Schwung durch das Beugen der Hüfte sowie der Knie- und Fußgelenke federnd abfangen. Dabei die Knie etwas nach vorn schieben. Der Winkel im Kniegelenk darf nicht kleiner als 90° sein. Achtung: Reithallenböden sind oft uneben und im Winter kalt und hart!

Füße vom Ballen zur Ferse hin abrollen und sofort durch schnellkräftiges Anspannen der Beinmuskeln mit den Füßen erneut nach oben vom Boden abdrücken, also "wieder aus dem Boden" nach oben herausspringen.

Den Schwung der Landung direkt in eine Laufbewegung nach vorn umwandeln, dabei den Oberkörper aufrichten und in die Bewegungsrichtung des Pferdes gerade nach vorn auslaufen.

Lande- und Sturzschulung

Zur Vermeidung von Verletzungen ist schnelles und richtiges Reagieren bei Stürzen notwendig. Deshalb ist es dringend erforderlich, im Unterricht ein spezielles Sturztraining mit Reaktions- und Landeübungen sowohl am Übungspferd als auch vom Pferd durchzuführen! Die korrekte Landetechnik muß, wie oben beschrieben, regelmäßig geübt sowie das Auflösen von Übungen bei Gleichgewichtsverlusten gezielt geschult werden. Dann gelingt es besser, im "Notfall" bei Stürzen automatisch richtig zu reagieren.

Lajos Kassai zeigt, daß diese Übungen für jeden Reiter wichtig sind und gibt auch gute Anregungen, wie man üben kann (S. 40):

Der eigenen Reitstil ist gut, wenn er natürlich ist, und wir können Natürlichkeit nur dann entwickeln, wenn wir soviel Zeit wie möglich in der Natur verbringen. Auf meinen Austritten lege ich großen Wert darauf, in möglichst risikoreiche Situationen zu geraten und fiel als Resultat oft vom Pferd, dadurch lernte ich, daß nur eine Sache noch wichtiger ist als eine gute Reittechnik: eine gute Falltechnik.

Betrunkene und kleine Kinder sind die besten Beispiele, aus der einfachen Tatsache heraus, daß sie ihrer selbst nicht bewußt sind. Ihre Handlungen werden nicht von inneren Zwängen bestimmt, sie handeln unbewußt, was ihr Überlebenspotential beträchtlich vergrößert. [...] Wenn ein Mensch Angst vor dem Pferd hat, ist er emotional angespannt, und wenn die Seele angespannt ist, ist der Körper angespannt und starr, und alles, das starr, hart und unflexibel ist, zerbricht leicht. Pferde können die menschlichen Natur nur allzu gut einschätzen, und das Erste, was sie an ihren Reitern bemerken, ist deren Angst und Unsicherheit, die sie dann gnadenlos ausnutzen.

Unter Berücksichtigung dieser Erfahrungen müssen wir einige Zeit unserer Reitübungen damit verbringen, fallen zu lernen. Der beste Ort dafür ist eine Sandgrube. Das Pferd wird geführt, und der Reiter versucht auf verschiedene Arten und Weisen rechts und links vom Pferd herunterzuspringen, erst im Schritt-Tempo, dann im Trab, schließlich im Galopp. Unsere Übungen sind dann gut aufgebaut, wenn sie realistische Situationen simulieren, so daß das, was wir lernen, uns auf dem Feld dienlich sein kann.

Diese allgemeinen Übungen bereiten uns aber nur vor; was passiert, wenn eine gefährliche Situation wirklich eintritt? Ich habe eine solche Situation erlebt; sie ist unvergeßlich. Lajos Kassai beschreibt das Geschehen sehr gut (Seite 115):

Der Augenblick der plötzlichen Gefahr, in dem das Ego abgeschaltet und ein perfekter, klarer Geisteszustand hergestellt wird, ist die erste Phase. Die Essenz dieser Phase ist, daß alles Wissen, das im Unterbewußtsein abgespeichert wurde, mit der Kraft des Überlebensinstinktes zu sofortigen Handlungen herangezogen werden kann, unbeeinträchtigt von Überlegungen. Ich habe etwas sehr Wichtiges entdeckt. Das System funktioniert nur, wenn in der Tiefe auch nützliches Wissen vorhanden ist. Wenn kein nützliches Wissen vorhanden ist, ist es wie ein Fahrstuhl, der ohne Passagiere bis in den zehnten Stock fährt, die Türen gehen auf, aber niemand verläßt den Fahrstuhl, da die Kabine vollkommen leer ist. In so einer Situation bringt uns der Streß, dessen Aufgabe es eigentlich ist, einen klaren Geisteszustand herzustellen, in den gegenteiligen Zustand, und produziert totales Chaos, was uns in heillose Verwirrung oder versteinerte Unbeweglichkeit stürzt.

In Bezug auf unser Thema heißt das: wenn wir den Absprung vom Pferd vielfältig geübt haben, steht er uns in Gefahrensituationen jeglicher Art zur Verfügung.

Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich hinzusetzen, daß sich die Zeit extrem dehnen kann; es fühlt sich an wie eine starke Zeitlupe im Film. Es gibt keine Angst, es ist vielmehr eine nüchterne Beobachtung der Situation. Das Handeln erfolgt automatisch und kaltblütig. Erst Sekunden nach der erfolgreichen Überwindung der Gefahr läuft die Zeit schlagartig wieder normal, und dann dauert es noch einmal mehrere Sekunden, bis die Reflexion über das Erleben einsetzt.



erschienen 02.02.2003





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