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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Führen
Von   Werner Popken

In der Rezension dieser Woche (Longieren) habe ich versucht deutlich zu machen, daß der Autor sehr umsichtig und detailliert an die beim Longieren auftretenden Probleme herangeht. So beschäftigt er sich auf Seite 85 mit dem Führen. Da zeigt es sich für mich, daß die Pferdewelt langsam umdenkt.

Von den klassisch ausgebildeten Reitern ist man gewöhnt, daß der Kopf des Pferdes vor dem Reiter ist; er nimmt nämlich mit angewinkeltem Arm den Führstrick oder die Zügel hinter dem Maul zusammen, und dadurch geht er etwa auf Schulterhöhe des Pferdes.

Sogenannte Pferdegurus wie Klaus Ferdinand Hempfling oder Monty Roberts haben darauf aufmerksam gemacht, daß Pferde ein ausgeprägtes Sozialempfinden haben und die Ordnung durch Positionierung ausdrücken: wer vorne geht, hat das Sagen. Daraus konnte unschwer abgeleitet werden, daß durch diese Führordnung das angestrebte Verhältnis zwischen Mensch und Pferd unterminiert und das Pferd deshalb verwirrt wurde. Der Mensch muß vorne gehen, das Pferd folgen.

Genau so beschreibt der Autor Rainer Hilbt den Sachverhalt, ist aber in seiner Ausdrucksweise immer noch etwas unklar. Zunächst einmal betont er die Wichtigkeit des korrekten Führens in Bezug auf das Longieren:

Diesem korrekten Führen messe ich große Bedeutung bei, da es eine Vorstufe des Longierens ist [...] muß sich vor allen Dingen den Menschen unterordnen. Bei eventuellen Machtkämpfen sind Sie dichter am Pferd und können so die Rangfolge einfacher klären.

Diese Erläuterung widerspricht nicht dem üblichen Führen, im Gegenteil: da ist der Führer extrem dicht am Pferd, viel dichter, als wenn der Führer vorausgeht und das Pferd ihm locker folgt, wie auf dem Bild demonstriert. Das ist betitelt mit "Das Pferd auf Abstand halten"; es handelt sich aber mehr um einen seitlichen Abstand; das Pferd geht höchstens einen halben Schritt hinter dem Menschen.

Der Text entspricht dem Bild:

Binden Sie das Pferd lang aus und nehmen Sie eine lange Gerte mit. Dann gehen Sie ungefähr in Kopfhöhe mit Ihrem Pferd an einer Begrenzung entlang, an der sich nicht wegdrehen kann. Die Longe wird aber so gehalten, daß Sie sie jederzeit problemlos herauslassen können. Mit dem rechten Arm halten Sie das Pferd auf Abstand, damit es Ihnen nicht in die Hacken springen kann.

Das Pferd soll unabhängig und fleißig neben Ihnen hergehen. Ziehen Sie das Pferd also nicht hinterher, es darf Sie aber auch nicht überholen.

Alles klar? Ich fürchte nicht. Pferde haben ihr eigenes Kommunikationssystem, und das muß der Mensch lernen und konsequent anwenden. So machen es die Pferde auch. Eigentlich sollte der Autor das wissen, denn er argumentiert weiter:

Das "Gehen und Stehen" ist zum Schulen von Respekt und Gehorsam besonders geeignet. In der freien Wildbahn darf kein Pferd das Leittier überholen. Es würde sofort durch Beißen oder Schlagen gestraft. Dieses Verhaltensmuster machen wir uns beim Führen zunutze. Wenn Sie stehen, muß auch das Pferd stehen.

In dem Moment, in dem Sie stehenbleiben, nehmen Sie die Peitsche vor dem Kopf des Pferdes hoch, geben eine Hilfe an der Longe und sagen deutlich "Steh". Darauf soll das Pferd neben Ihnen anhalten. Es darf nicht einen Schritt an Ihnen vorbeilaufen. Andernfalls wird es dafür sanktioniert, in dem Sie es einige Schritte rückwärts gehen lassen. Loben Sie das Pferd aber für eine gute Reaktion. [...]

Dieses "Gehen und Stehen" hat eine sehr gute disziplinierenden Wirkung. Man erzielt mit minimalem Aufwand und ohne Kampf viele kleine Siege, bevor die eigentliche Arbeit überhaupt beginnt. Es hilft auch sehr gut, die Quengelei von schlecht erzogenen Pferden maßgeblich zu reduzieren.

Im Prinzip richtig, im Einzelnen unklar und teilweise sogar falsch. Ich fürchte, Pferde werden durch diese Art Unklarheit im Kopf mit entsprechender Unklarheit im Verhalten eher verwirrt als erzogen. Ich hatte das Glück, nicht durch die Schule von Ausbildern gehen zu müssen, denen grundsätzliche Einsichten nie gekommen sind. Die Ausführungen von Klaus Ferdinand Hempfling in dessen erstem Buch "Mit Pferden tanzen" haben mir sofort eingeleuchtet, und viel wichtiger: diese Grundsätze haben in der Praxis einwandfrei funktioniert.

Das ranghöhere Pferd geht deutlich voraus, das untergeordnete Pferd geht etwa in Schulterhöhe, also mit eindeutigem Abstand. Wenn der Führer stehenbleibt, hat das nachfolgende Pferd eine Chance, selber auch stehenzubleiben: es braucht schließlich auch seine "Schrecksekunde" und hat seinen "Bremsweg". Hempfling hat zudem sehr deutlich gemacht, wie das Körpersignal des Stehenbleibens auszusehen hat: entschlossen, abrupt und eindeutig.

Die Dominanz des Menschen ergibt sich nicht von ungefähr. Sie ist das Resultat einer permanenten Kommunikation. Die Pferde können gar nicht anders als unsere Botschaften in ihrem System zu interpretieren. Wir müssen deshalb ihr System lernen und sauber und konsequent anwenden.

Das ist übrigens mit Menschen auch nicht anders: wenn Sie sich in einer fremden Kultur bewegen, können Sie sich sehr schnell in extreme Schwierigkeiten bringen, wenn Sie die dortigen Konventionen mißverstehen und die falschen Signale senden. Wenn Ihre Signale verwirrend sind, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man Sie infolgedessen nicht ernst nimmt.

Mein Tipp: wenn Sie Probleme mit dem Führen haben, lesen Sie doch einmal bei Hempfling nach, was es eigentlich mit dem Führen auf sich hat. Der hat es begriffen und kann es auch vermitteln. Monty Roberts natürlich auch, aber soweit ich weiß, hat der es mehr mit dem Treiben als mit dem Führen. Das Führen ist die Aufgabe der Leitstute, das Treiben die Aufgabe des Hengstes. Beides hat seinen Platz.



erschienen 19.01.2003





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