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Buch-Rezension · Der Takt der Neuzeit
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Hörisch, Jochen

Der Takt der Neuzeit
Die Schwellenjahre der Geschichte

128 Seiten, gebunden
Stuttgart, Mai 2009 · omega verlag Siegfried Reusch e. K.
ISBN 978-3-933722-30-0


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Der Verlag sagt über das Buch:



Rückentext

Alle zwanzig Jahre eine Neuorientierung − ist das individuell und auch kollektiv zu leisten?

Geschichtsphilosophie hat heute einen zweifelhaften Ruf. Denn die Geschichte scheint sich allen Zugriffen zu entziehen, die in ihr einen Sinn und ein Ziel entdecken wollen. Doch sie gibt ein Ordnungsmuster zu erkennen: Sie bewegt sich im 20-Jahre-Takt. Das Jahr 2009 ist (wie 1989, 1969, 1949 … 1789) ein Schwellenjahr, so lautet die überraschende Leitthese des gegenwartsdiagnostischen Geschichtsbuchs von Jochen Hörisch, das einer geschichtsvergessenen Zeit Paroli bietet.



Autor

http://www.derblauereiter.de/omegaverlag/buecher/buch08/buch08_aut.html

 
» Jochen Hörisch
 
 
Jochen Hörisch

1951 in Bad Oldesloe geboren
1970-1976 Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in Düsseldorf, Paris und Heidelberg
1976 Promotion, 1982 Habilitation
1982-1988 Privatdozent und Professor an der Universität Düsseldorf
seit 1988 Professor für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim

Jochen Hörisch hatte zahlreiche Gastprofessuren im In- und Ausland inne.

1988 erhielt er den Heynen-Preis der Stadt Düsseldorf und
1999 den Reimers-Preis der Aby-Warburg-Stiftung Hamburg,
2006 wurde ihm ein zweijähriges Forschungsstipendium "Pro Geisteswissenschaften" der Volkswagen Stiftung zugesprochen.

Publikationen

Unter anderem veröffentlichte er neben zahlreichen Aufsätzen folgende Bücher: » Materialien zur Sprachlosigkeit des Kaspar Hauser (Suhrkamp Verlag, 1979); » Gott, Geld und Glück (Suhrkamp Verlag, 1983); » Das Tier, das es nicht gibt (Greno, 1986); » Die Wut des Verstehens − Zur Kritik der Hermeneutik (Suhrkamp Verlag, 1988); » Die andere Goethezeit (Fink Verlag, 1992); » Brot und Wein − Die Poesie des Abendmahls (Suhrkamp Verlag, 1992); » Kopf oder Zahl − Die Poesie des Geldes (Suhrkamp Verlag, 1996); » Das Ende der Vorstellung − Die Poesie der Medien (Suhrkamp Verlag, 1999); » Der Sinn und die Sinne − Eine Geschichte der Medien (Die Andere Bibliothek, Eichborn, 2001); » Es gibt (k)ein richtiges Leben im falschen (Suhrkamp Verlag, 2003); » Gott, Geld, Medien (Suhrkamp Verlag, 2004); » Theorie-Apotheke (Die Andere Bibliothek, Eichborn, 2004); » Die ungeliebte Universität − Rettet die Alma mater! (Hanser Verlag, 2006); » Das Wissen der Literatur (Fink Verlag, 2007); » Vorletzte Fragen (omega verlag, 2007).



Verlag

» omega verlag Siegfried Reusch e. K. » Leseprobe » Pressestimmen





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

In dieser Woche einmal eine Überraschung: Statt eines der unzähligen Bücher über Pferdekrankheiten, Pferdeausbildung, Pferdetherapie, Pferderassen und Pferdesport vorzustellen, präsentiere ich Ihnen ein Buch, in dem Pferde überhaupt gar nicht vorkommen. Das ist neu.

Zwar habe ich an dieser Stelle bereits mehrere unkonventionelle Bücher aus anderen als den einschlägigen Pferdeverlagen vorgestellt (beispielsweise  Farasi,  Eduard F. Pulvermann,  Verschwiegenes TierLeid,  Die Urpferde der Morgenröte,  Der letzte Tscherkesse,  Ich war Kamerad Pferd,  Timberwolf Yukon & Co.,  Weihnachten im Stall), aber immer gab es doch einen Bezug zu Pferden.

Habe ich Ihnen, liebe Leser, damit nicht unrecht getan? Habe ich Sie auf diese Weise nicht reduziert auf Ihre Pferdeliebe? Habe ich mich nicht darauf beschränkt, Sie als eindimensionalen Pferdemenschen zu sehen? Habe ich die Pferde nicht lediglich als Feigenblatt benutzt, um Ihnen auch einmal andere Themen ans Herz zu legen?

Ja und nein. Von einem Pferdemagazin dürfen Sie grundsätzlich erwarten, daß die Artikel sich in irgendeiner Weise um Pferde drehen, daß irgend ein Bezug zu Pferden vorhanden ist. Insofern habe ich mich diesen Erwartungen gefügt und sprenge sie ausdrücklich mit dieser Buchvorstellung. Dabei kann ich allerdings an meine häufigen Bemühungen anknüpfen, Ihnen nicht nur die Welt der Pferde durch die Erforschung der Vergangenheit besser zu erschließen, sondern auch Ihr eigenes Leben durch Herstellung vielfältiger Bezüge begreifbar zu machen und Ihnen zu helfen, es vielleicht besser zu bewältigen. Insofern habe ich immer wieder ganz ausdrücklich über den Tellerrand geschaut. Sie haben in der Pferdezeitung regelmäßig Beiträge zu lesen bekommen, die in den anderen Pferdemagazin dieses Landes oder auch weltweit keine Chance gehabt hätten. Das eben ist eins der besonderen Kennzeichen der Pferdezeitung: Themen, die anderswo immer wieder durchgekaut werden, sind hier eher nicht zu finden.

Nehmen wir beispielsweise die überraschende » Finanzkrise, die zwar zunächst nichts mit Pferden zu tun, aber zweifellos auch Auswirkungen auf Sie als Pferdehalter hat, möglicherweise sogar ganz gravierende. Offensichtlich fragen sich nicht nur Menschen wie Sie und ich, sondern auch Experten aller Disziplinen, Politiker aller Parteien und aller Länder, insbesondere auch die Akteure dieses Debakels, wie denn das alles geschehen konnte, wie es zu verstehen ist und welche Auswirkungen das für die Zukunft haben wird. Schließlich müssen wir alle ständig Entscheidungen fällen, die unsere Zukunft betreffen, und versuchen diese möglichst gut abzusichern, indem wir unsere Vergangenheit und Gegenwart befragen.

Was die Pferdewelt betrifft, so betone ich ja immer wieder, daß man sich selbst und seine Welt nicht versteht, wenn man nicht die Vergangenheit kennt und die Gegenwart beobachtet, wobei mich persönlich gerade der in unserer Lebenszeit deutlich erkennbare Wandel im Verhältnis des Menschen zum Pferd fasziniert; wir sind aber nicht nur Beobachter, sondern auch Teilnehmer am "Experiment Welt", und können insofern ganz konkret Einfluß nehmen, indem wir uns nämlich so oder so verhalten. Warum wir uns so verhalten, uns die eine Haltung mehr beeindruckt als die andere, warum wir beispielsweise Olympiasiegern nacheifern wollen oder lieber Außenseitern, werden wir vielleicht selber nicht ganz verstehen können. Daß wir uns aber verhalten und verhalten müssen, ist nicht zu leugnen.

Wenn man so will, beschäftigt sich das vorliegende Buch genau mit diesen Fragen. Wie kann man die Welt verstehen? Die Welt entwickelt sich weiter, und die Menschen versuchen und versuchten, der eine mehr, der andere weniger, auf den Gang der Dinge in ihrem Sinne Einfluß zu nehmen. Daß dieses in der Regel misslingt, liegt auf der Hand und entspricht der Erfahrung; dabei interessieren in diesem Buch natürlich weniger die persönlichen Erfahrungen als vielmehr die großen Ereignisse der Weltgeschichte, die trotzdem großen Einfluß auf jede einzelne persönliche Lebensgeschichte haben.

» Willy Brandt soll gesagt haben, niemand könne so kompliziert denken, wie es dann nachher komme; der Autor zitiert aus » Bert Brechts » Dreigroschenoper:

Ja, mach nur einen Plan
Sei nur ein großes Licht.
Und macht dann noch 'nen zweiten Plan,
Geh'n tun sie beide nicht.
a.a.O., Seite 10

So ist es wohl, wenn die harten Fakten der Realität einander stoßen. Wenn es so einfach wäre, die Welt nach eigenen Ideen umzumodeln und zu beherrschen, hätte » Alexander ein Weltreich errichtet, » Napoleon Europa unterdrückt, » Hitler Eurasien unterjocht, » Lenin (oder » Mao) den Kommunismus eingeführt usw. Möchtegern-Weltherrscher hat die Welt genug gesehen, und man kann sicher sein, daß es sie in Zukunft genauso reichlich davon geben wird, und zwar nicht nur Politiker oder Militärs, sondern auch Unternehmen wie etwa » Monsanto (siehe dazu auch das interessante Interview » KRITIK AN KONSUMWAHN: "Die Bestohlenen werden sich erheben"), und zwar nicht erst seit gestern: schon kolonialistische Handelsgesellschaften wie die » Niederländische Ostindien-Kompanie oder die » Hudson's Bay Company haben die Welt ebenso verändert.

Der Wille und die Macht alleine reichen aber nicht. Gerade die überraschenden Wendungen in der Weltgeschichte, auf die beispielsweise auch » Götz Werner bei der Frage nach dem Zeitpunkt der Einführung des » bedingungslosen Grundeinkommens anspielt ("Wer hätte am Abend des 09.11.1989 gedacht, daß die Mauer fällt?"), sind nicht zu übersehen. So brach auch die Finanzkrise Mitte/Ende 2008 ziemlich überraschend und vor allen Dingen völlig unvorhergesehen aus und stellte sich als weitaus gravierender heraus, als alle Kommentatoren beschönigend beteuern. Noch hat niemand das Ausmaß und die Konsequenzen dieses Zusammenbruchs überschaut.

Der Kern des vorliegenden Buches ist aber nicht die These, daß es erstens immer anders kommt, als zweitens wie man denkt, was ja nachgerade eine Binsenweisheit ist, sondern die Beobachtung, daß seit hunderten von Jahren in schöner Regelmäßigkeit alle 20 Jahre gewissermaßen die Welt auf ein neues Gleis gesetzt wird. Die Jahre 2009 und 1989 haben wir schon erwähnt; die Jahreszahl 1969, 1949, 1929 sind ebenfalls in guter Erinnerung.

Das Jahr 1929 ist im Zusammenhang mit der Finanzkrise neuerdings immer wieder Thema der Nachrichten und Kommentare, das Jahr 1949 ist gerade am 23.05.2009 gefeiert worden, nämlich als 60. Geburtstag unseres » Grundgesetzes, das Jahr 1969 fällt etwas aus dem Rahmen, weil es die » 68er-Generation ist, die in die Geschichte eingegangen ist. Der Autor ist dafür nicht zu zeihen; im Gegenteil erkennt er die Tatsache an, daß dieses Gesetz eine Schwankungsbreite von plus/minus einem oder vielleicht zwei Jahren hat - man denke! Ist das nicht eine steile These?

Ziemlich genau alle 20 Jahre eine neue Weltsicht, ein neuer Aufbruch, ein Paradigmenwechsel, gewissermaßen ein Meteoreinschlag, der die Karten neu mischt, die Richtung neu bestimmt, neue Energien freigesetzt, neue Menschen produziert! Merkwürdig, daß beispielsweise auch der 9. November in der deutschen Geschichte mehrfach eine Rolle gespielt hat, etwa in den Jahren 1919 (Novemberrevolution), 1923 (Hitler-Putsch), 1938 (Reichskristallnacht).

An diesen Zahlen wird schon deutlich, daß auch zwischendrin mal was passiert; es ist also eine Frage der Perspektive, ob man dem Autor folgen will. Natürlich findet man alle 20 Jahre irgendwo auf der Welt bedeutsame Ereignisse, die man als grundlegend bewerten kann; wenn schon im eigenen Lande nichts passiert, dann eben anderswo.

So führt der Autor schon im Vorwort die » Revolution von 1689 in England und die von » 1789 in Frankreich an, die genau 100 Jahre auseinander liegen, wobei das Jahr 1889 leider keine Revolution vorweisen kann, aber immerhin die » Pariser Weltausstellung mit dem Bau des » Eiffelturms und der (sich über viele Jahre erstreckenden) Einführung des neuen Sozial- und Rentenversicherungssystems in Deutschland (dessen periodischer Niedergang auch 100 Jahre später wieder einmal zu beklagen war, was vielleicht schließlich nach diesem Muster - im Jahre 2089 ? - zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens führt; Jahrestag Wikipedia 24. Mai 1889: "Der deutsche Reichstag beschließt das Gesetz zur » Alters- und Invaliditätsversicherung, die Basis der heutigen gesetzlichen Rentenversicherung"). Funktioniert die Weltgeschichte so?

Zunächst muß man dem Autor zugestehen, daß er seine These untermauert. Dazu läßt er die infragestehenden Jahre von 1989 bis 1789 amüsant und plastisch in umgekehrter Reihenfolge Revue passieren. Zum Schluß betrachtet er "Einwände gegen die These vom 20-Jahre-Takt der Neuzeit" und "Das Schwellenjahr 2008/09". Ein Anhang bringt Anmerkungen, die Betrachtung "Ver-Wandlungen von Glaube, Geld und Daten" und eine kurze Anmerkung zum Autor sowie Werbung für weitere Titel aus dem Verlag und dessen Zeitschrift "der blaue reiter".

Das Jahr 1989 wird recht knapp abgehandelt und ist natürlich bestimmt durch den spektakulären Zusammenbruch des Ostblocks. Das Jahr 1969 prägt meine eigene Jugend; wiederholt habe ich meinen jüngeren Lesern deutlich zu machen versucht, wie es damals aussah und wieviel sich verändert hat, was heute kaum nachvollziehbar erscheint, etwa in Bezug auf die Frauenemanzipation oder die » sexuelle Revolution. Mit großem Interesse und Vergnügen habe ich die Sichtweise und Darstellung des Autors, der ja kaum jünger ist als ich, verschlungen. Er hat diese Zeit also ähnlich erlebt und bewertet, ich finde meine Vorurteile bestätigt.

Am Beispiel der sexuellen Revolution verdeutlicht er, worin sich eine solche nach seinem Verständnis auszeichnet, nämlich in der Verfestigung geänderter Verhältnisse im Recht. So wie die französische Revolution durch den » Code civil geltendes Recht setzte, so wurden die schlimmsten Ungerechtigkeiten und Willkürmaßnahmen in Bezug auf Sexualverhalten und Geschlechterrollen aus dem deutschen bürgerlichen und strafrechtlichen Gesetz getilgt.

1969 soll auch » Moore's Gesetz formuliert worden sein, demzufolge sich die Anzahl der Schaltungen auf einem Chip alle zwei Jahre verdoppelt; diese erstaunliche Prophezeiung hat sich bis heute mehr oder weniger bewahrheitet und soll sogar bis 2029 gelten (die Wikipedia weiß es genau: 1965 wurde eine entsprechende Vermutung von Moore veröffentlicht und 1970 von » Carver Mead so bezeichnet). Damals hat sich natürlich niemand darum gekümmert; der Autor ist sich vermutlich dessen bewußt, daß man solche Perlen in jedem Jahr finden kann, und führt dieses Beispiel vor allem dafür an, daß manche Ereignissen sich erst viel später als bedeutsam und zukunftsbestimmend herausstellen, während Zeitgenossen gar nicht in der Lage gewesen wären, ihre Zukunftsrolle wahrzunehmen - was natürlich wieder für noch gegen seine These spricht. Was mag alles in diesem Jahr passieren, was sich 40 Jahre später als wesentlich herausstellen wird, was ist entsprechend vor ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs etc. Jahren passiert?

1949 erweist sich mehr noch als 1969 als Musterbeispiel für die These des Autors - viele Institutionen werden gegründet, die jahrzehntelang bestanden haben und teilweise heute noch bestehen, sofern sie nicht, wie etwa der Warschauer Pakt, durch die Zeitläufte erledigt wurden. Die Lektüre dieses Essays war für mich fast immer spannend und leicht, aber auf Seite 34 oben stutzte ich. Der Satz "Grenzziehungen aber auch." wollte auch im Zusammenhang keinen Sinn machen. Mitten auf der Seite fand sich ein Hinweis auf drei akademische Außenseiter (» Eric Voegelin, » Leo Strauss und » Jacob Taubes), die die einzigen gewesen sein sollen, die damals schon erkannt haben, daß die politischen Verhältnisse durch religiös-kulturelle Orientierungsmuster bestimmt werden, ein Phänomen, mit dem wir heute wohlvertraut sind.

Bis auf Strauss waren mir die Namen unbekannt, also konsultierte ich flugs die Wikipedia und machte wichtige Entdeckungen; zunächst war ein "Erich Vogelin" unbekannt, aber ich fand schnell heraus, daß damit Erich Hermann Wilhelm Vögelin gemeint war, der dort unter seinem anglisierten Namen Eric Voegelin geführt wird. Bei diesem Namen sind also gleich zwei Tippfehler zu beklagen, wenn es sich denn um solche handelt. Aber das macht nichts, denn der Hinweis auf diese Autoren ist für mich höchst interessant; ich werde mich mit diesen später noch weiter beschäftigen und habe mir für eine andere Arbeit schon ein Zitat Voegelins kopiert und mir drei Proben seiner Vorträge angehört (soeben erschienen: » Immer gleich weit entfernt von Gott, sehr zu empfehlen!).

Hier aber nutzt der Autor den Hinweis, um aus dem Rückblick von 1949 auf den unerklärlichen, entsetzlichen » Bürgerkrieg in Jugoslawien hinzuweisen (die nicht ganz in sein Raster passen), was ihm aber trotzdem wieder Gelegenheit gibt, auf seine These hinzuweisen:

Wir sind römisch-katholisch und gehören schon deshalb ins Zentrum Europas, argumentieren Kroaten, an unserer Grenze beginnt Nicht-Europa; wir haben das christliche Europa seit der legendären Schlacht auf dem Amselfeld im Jahre 1389 (!) opferreich gegen den Islam verteidigt, sagen die Serben, nach uns kommt das Balkan-Chaos; wir sind und waren die auf- und abgeklärten europäischen Muslime, die den Wahnsinn des Fundamentalismus nicht mitmachen, sagen die Bosnier, hinter unserer Grenze, die die Grenze eines vielfältig dynamischen Europa ist, beginnt die islamische Umma. Die strukturelle Übereinstimmung in den jeweiligen Selbstbeschreibungen wird aber eben 1989 nicht als Gemeinsamkeit, sondern als Differenz gebucht, die einen Bürgerkrieg wert ist. 1949 war das anders: Ein Blockdenken greift um sich, indem sich Selbst- und Fremdbeschreibung treffen. Wir gehören zum Westblock, wir gehören zum Ostblock. Ja, da habt ihr Recht, so soll es sein.
a.a.O., Seite 35

Hier greife ich schon wieder zur Wikipedia, weil mir der Begriff » Umma unbekannt ist; schon bin ich schlauer. (Eine Lektüre ohne Wikipedia ist nur das halbe Vergnügen! Wenn ich mal auf das Internet verzichten muß, wird mir der Verlust schmerzlich bewußt.) Die Befindlichkeit im Jahre 1949 führt der Autor nun zurück auf die Geschehnisse im Jahre 1929, die angesichts der aktuellen Finanzkrise ganz allgemein wieder ins Blickfeld gerückt sind. 1929, kein Zweifel, liefert genügend Munition für sein Thema, aber das Kapitel über das Jahr 1909 muß der Autor mit einer allgemeinen Betrachtung beginnen, denn auf den ersten Blick scheint sich dieses Jahr überhaupt nicht für den Beleg zu eignen. Aber dann kommt's:

Prosperierende Friedenszeichen wie die in Europa um 1909 können sich exzentrisch scheinende Künste, Theorien und Selbstinfragestellungen aller Art leisten. Und eben dies ist um 1909 in frappierender Intensität der Fall. [...] Im Februar 1909 steht auf der ersten Seite der französischen Tageszeitung Le Figaro Seltsames zu lesen - keine Nachricht aus dem Reich der Politik, der Wirtschaft der Naturkatastrophen, sondern ein "Futuristisches Manifest". [...]

"Wir wollen den Krieg verherrlichen, einzige Hygiene der Welt, den Militarismus, Patriotismus, den Befreiungsgestus der Freigeister, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung der Frau."
a.a.O., Seite 43-44

Wenn der Autor diese Äußerungen auch als geplante Provokation einstuft (was sie zweifellos sind; ich bin mir nur nicht sicher, ob sie nicht zugleich sehr ernst gemeint waren, ob die Aussagen unbedingt ironisch zu interpretieren sind und die gefeierten Künstler in Wirklichkeit das Gegenteil gemeint hätten, im Sinne der humanistischen Emanzipation - gerade die weitere Karriere des hauptsächlichen Urhebers als Mitläufer, wenn nicht kräftigen Unterstützers des italienischen Faschismus und seines Diktators Mussolini legt das nahe), so sieht er sie trotzdem als Symptom für seine These der allgemeinen, gerade in diesem Jahr auf die Spitze getriebenen Gärung und fördert eine beeindruckende Liste von Namen und Daten, die alle belegen, daß um das Jahr 1909 die Welt aus den Fugen geriet: » Einstein, » Freud, » Schönberg, » Picasso, » Loos, » Ford, » Maggi. Im einzelnen wirken die Zuordnungen dann manchmal doch etwas bemüht, wenn man sich etwas genauer informiert; so gründete Henry Ford seine Fabrik bereits 1903 und die Fließbandproduktion wurde erst 1913 eingeführt, aber tatsächlich wurde das » Ford Modell T erstmals im Jahr 1908 gebaut. Aber gut, der Autor hat sich elegant aus der Affäre gezogen und doch noch eine Menge Punkte gemacht, wo ich es nicht erwartet hätte. Das Jahr 1909 paßt ebenfalls.

Nun habe ich Ihnen die erste Hälfte des Buches knapp skizziert; Sie werden mir glauben, daß der Autor dieses Tempo, seinen Witz und die Spannung bis zum Schluß durchhält. Ich will Ihnen noch kurz verraten, was der Autor selbst an Einwänden vorbringt: nichts Wesentliches, was ich nicht schon vorgetragen hatte. Zum Schluß bemüht er noch Goethe über vier Seiten, um - ja was eigentlich? - diesen als Kronzeuge für eine verbreitete Übung anzuführen, nämlich Zeit als Verdichtung von Geschichten zu kennzeichnen. Diese Passagen empfand ich als absolut entbehrlich und eher mühsam zu lesen, genauso wie den nachgeschalteten Abschnitt "Impulse für den 20-Jahre-Takt".

Es bleibt der letzte Abschnitt: "Das Schwellenjahr 2008/09", der wieder ausgesprochen vergnüglich zu lesen war und zudem noch Einzelheiten und Einsichten beisteuerte, die mir bisher entgangen waren. Dies alles geschrieben im Dezember 2008, wohlgemerkt!

Vor 20 Jahren implodierte ein politisches Macht- und Wirtschaftssystem, das sich extrem rationalistisch als Verwirklichung der unumstößlichen wissenschaftlichen Einsichten des Marxismus-Leninismus verstand und das doch zugleich erkennbar auf militante Glaubensbereitschaft angewiesen war. Wer an den siegreichen Sozialismus/Kommunismus glaubte, stand 1989 einigermaßen enttäuscht bis düpiert dar. Als triumphal siegreiche, weil antiideologisch auf- und abgeklärte Alternative verstand sich damals ein neoliberal mobilgemachter Marktkapitalismus. Dass auch er zu weit reichenden Falschrechnungen führt und dass auch er auf massiven Glaubensannahmen beruht, stellt sich genau 20 Jahre später schlagend heraus.

Zu den eigentümlichsten Umständen der gegenwärtigen Finanz- und Bankenkrise gehört ihre kryptoreligiöse Dimension. Die "invisible hand" des Marktes, die unsichtbare Hand, wie alles so herrlich regelt und für Gleichgewichtszustände sorgt, hat einen immensen Beglaubigungsverlust erlitten. Sie wird als das kenntlich, was sie war und ist: etwas, das schlicht deshalb unsichtbar ist, weil es dieses etwas nicht gibt, wohl aber den teilweise fanatischen Glauben an dieses etwas. Es gibt erstaunlich viel Exotisches, das marktrelevant ist: Millionenabfindungen für gescheiterte Manager, Fehleinschätzungen von Rating-Agenturen, Preisabsprachen in der Zement- wie in der Ölindustrie, Gebührenordnungen für Notare, Bestechungszahlungen von international tätigen Konzernen, im Internet lancierte Gerüchte über zukünftige Börsenkurse, Besoldungstabellen für Beamte, Prämienzahlungen für die Akquisition überflüssiger Versicherungsverträge, ungedeckte Schecks und dergleichen mehr. All dies gibt es zweifellos, nicht aber die unsichtbare Hand, die dafür sorgt, dass all diese Faktoren neutralisiert werden und es trotz ihrer Macht auf den Markt segensreich zugeht. [...]

Wie in den intellektuell, mental und ästhetisch ungemein produktiven, aber von fundamentalistischen Dröhnen begleiteten Jahren 1809 und 1909 kommt es 2009 darauf an zu erkennen, dass wir immer noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der überfälligen Aufklärung leben. Sonst spricht viel dafür, daß dem noch seinen Frieden genießenden Krisenjahr 2009 wieder vergleichsweise entspannten Jahren 1809 und 1909 Schreckensjahre wie 1813-15 beziehungsweise 1914-18 folgen werden. Gute Prophezeiungen sind fast immer solche, die verhindern wollen, dass sie Recht behalten.
a.a.O., Seite 103-104

Gute Aussichten! Aber wir wissen ja: Es kommt anders, als man denkt, sogar anders als man überhaupt denken kann. Die abschließende Betrachtung "Ver-Wandlungen von Glaube, Geld und Daten" fand ich wiederum zäh und wenig ergiebig, geradezu bemüht und verwirrend. Was wollte der Autor damit sagen? Es stellt sich doch die Frage: "Wozu das Ganze?"

Nun haben wir also eine Übersicht über den Takt der Neuzeit, haben uns mitreißen und überzeugen lassen von der regelmäßig wiederkehrenden Neuorientierung der (westlichen, europäischen) Welt, und wollen wissen, was uns das nützt. Die im Rückentext gestellte Frage, ob das individuell oder kollektiv zu leisten sei, wird im Buch nicht gestreift, muß aber unbedingt positiv beantwortet werden. Selbstverständlich leisten wir das, mit Leichtigkeit. Wo aber liegt der Sinn und das Ziel der geschichtlichen Entwicklung? Worauf läuft das alles hinaus? Was sollen wir damit anfangen? Warum sind wir hier, was sollen wir tun, was ist unser Ziel? Diese Fragen werden nicht einmal gestellt.

So gesehen ist das Buch vergnügliche, aber nicht notwendige Lektüre, ein schönes Mitbringsel, ein willkommenes Geschenk, das sich auch zum Weiterschenken eignet, das Stoff für eine leichte Konversation bietet, aber leider nichts, was den Leser fundamental bereichert, was seine Lebensfragen auch nur annähernd beantworten könnte. Wesentliche Fragestellungen, Fakten und Einsichten kommen in diesem Buch gar nicht vor. Im Vergleich mit Autoren wie Götz Werner oder » Raymond Smullyan, die ja nun kaum unterschiedlicher sein können, wird dieser Mangel drastisch deutlich (beispielsweise Werner: » Einkommen für alle oder Smullyan: » Is God a Taoist?, von mir zusammengefaßt in  Dialog) .

So wird erwähnt, daß das "Recht auf Arbeit" in einem dieser Schwellenjahre Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals fixiert wurde, aber kein Wort wird darüber verloren, daß die Menschheit inzwischen erstmals keinen Mangel mehr leidet, sondern im Gegenteil Produkte in Hülle und Fülle zur Verfügung stellen kann, während es gerade an Arbeitsplätzen mangelt, die aber, so ist inzwischen überdeutlich geworden, gar keinen Wert an sich darstellen, sondern lediglich Einkommensplätze sind, also das eigentlich zugrundeliegende Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung und Behausung überformen und im Grunde überflüssig sind. Nicht Arbeit, sondern Einkommen sind wichtig. Der Mensch kann erstmals (teilweise und prinzipiell) von Arbeit befreit werden! Die unvermeidliche und fortschreitende Automatisierung wird diesen Prozeß beschleunigen, sofern wir nicht etwas ganz Dummes tun und etwa die Zivilisation zerstören. Nicht nur wenige, sondern viele und zunehmend mehr Menschen müßten ihre Zeit nicht mehr auf unsinnige Weise verbringen, wodurch ungeheure Freiräume geschaffen würden; was könnte dadurch entstehen?

Die Wurzeln unserer Kultur im antiken Griechenland sind bekanntlich in einer Sklavenhaltergesellschaft gelegt worden, in Städten, die man heute als lächerliche Kleinstädte bezeichnen würde, von einigen wenigen Begüterten, die sich nicht auf den Feldern abrackern mußten und im Gegensatz zu Müßiggängern in feudalen Gesellschaften ihre Zeit nicht mit sinnlosen Ritualen verbrachten. Die waren im Prinzip auch nicht klüger als wir, wußte aber wesentlich weniger und hatten nur entsetzlich primitive Produktionsmittel zur Verfügung. Unsere Gesellschaft könnte vergleichsweise Gigantisches leisten, wenn sie es denn wollte. Nachdem sich für alle überdeutlich sichtbar herausgestellt hat, daß die reine Anhäufung von Geld und Macht weder sinnvoll noch nützlich noch erstrebenswert ist, ergibt sich jetzt die Möglichkeit eines grundlegenden Wandels, einer wirklichen Revolution, wie sie noch nie da gewesen ist, ohne Blutvergießen und Unterdrückung. Man muß es nur erkennen und wollen. So gesehen ist der Schluß des Buches ausgesprochen dürftig und enttäuschend.

Übrigens ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens keineswegs neu, sondern früh im 19. Jahrhundert während des betrachteten Zeitraums entstanden; die Sozialgeschichte dieser Idee wäre natürlich ebenfalls sehr interessant, aber vermutlich zu unergiebig für ein Buch, und die Frage, ob dadurch die Grundthese dieses Buches gestützt würde, erweist sich als doch recht nebensächlich. Was wäre denn damit gewonnen? Nichts.

Der Mensch lebt zweitens nicht vom Brot allein, wie schon die Bibel weiß, und auch die zunehmende und durchaus kurz angesprochene Problematik des Religiösen ist dem Autor anscheinend im Grunde fremd. Daß sich hierin und auch in den unübersehbaren säkulären Strömungen der zeitgenössischen Sinnsuche eine wesentliche Existenzbedingung des Menschen äußert, die die Entwicklung der Neuzeit nicht nur nicht berücksichtigt, sondern sogar vergewaltigt hat, wird nicht diskutiert. Stattdessen wird in einem Nebensatz Nietzsche gefeiert, der sich nach meinem Dafürhalten in allen seinen Schriften so gründlich blamiert hat, daß die Faszination durch ihn für mich unbedingt ein zweifelhaftes Licht auf den Faszinierten wirft.

Selbst wenn die vorgetragene These sich als ebenso tragfähig erweisen würde wie Moore's Gesetz, wäre sie doch erst einmal nicht viel mehr als eine interessante und unterhaltsame Anekdote wie viele andere esoterische Zahlenspielereien auch, von denen es übrigens Unmengen gibt (Leute, die daran glauben, ebenfalls - die » Anthroposophen erwähnt der Autor ausdrücklich), während Letzteres immerhin dazu taugt, Geschäftspläne aufzustellen. Der Essay ist also nicht mehr als, aber immerhin doch gutes Feuilleton, leichte Kost, für den sofortigen Verbrauch bestimmt, als solche durchaus genießbar und über weite Strecken ausgesprochen bekömmlich. Kein Wunder, daß die Idee dazu auf einer Party geboren wurde.


erschienen 24.05.09




Hörisch, Jochen

Der Takt der Neuzeit
Die Schwellenjahre der Geschichte

128 Seiten, gebunden
Stuttgart, Mai 2009 · omega verlag Siegfried Reusch e. K.
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Westphalen

 

  Rechtsanwalt Eduard Graf v. Westphalen

 
 
 

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  Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.

 
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  Aus Ausgabe 573 unseres Wochenmagazins: Angebot der Woche 10-12
z.B.   Reiterhotel/10-12: Angebot Liebe Eltern! Sie würden gern ein Pferd oder Pony für Ihr Kind ...

  Olewo · Olewo Karottenpellets
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