
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch dürfte es eigentlich gar nicht geben. Die Autorin hat es dem FN-Verlag angeboten und dieser hat es abgelehnt; die Meinungen innerhalb des Verlages waren allerdings geteilt. Irgendwie hat die Autorin einen (Kunst-)Verlag in Hamburg gefunden, der zwar auch kein Risiko übernehmen wollte, das Buch aber immerhin bei BoD produzieren ließ und dafür das Layout gestaltet hat. Allerdings führt er es nicht in seinem Bestand.
Der Autorin ist sehr daran gelegen, das dieses Buch seine Leser findet; deshalb hat sie es erneut dem FN-Verlag zum Vertrieb angeboten und dieser hat es auf der Equitana ausgestellt. Dort fand es überraschend viel Interesse. In gewisser Weise wundert es mich, denn auf den ersten Blick sieht man dem Buch an, daß es selbstgemacht ist. Die Qualitäten des Buches werden beim Lesen schnell deutlich; die Frage ist, ob man auf einer Messe genug Zeit hat, um sich einen so deutlichen Eindruck zu verschaffen.
Da ein professioneller Verlag für das Layout verantwortlich ist, darf man schließen, daß es gar nicht so einfach ist, ein überzeugendes Layout zu erstellen. Ich könnte nicht leicht erklären, warum das Buch in der Aufmachung so unprofessionell wirkt. Leider strotzt auch der Text von Fehlern, die leicht vermeidbar gewesen wären, wenn jemand sorgfältig Korrektur gelesen hätte. Denn was dem Leser auffällt, müßte auch dem Korrektor auffallen.
Das sind aber nur leichte Schönheitsfehler. Es kommt ja im Grunde auf den Inhalt an, die schöne Verpackung ist eine Zugabe. Denn was nützt die schönste Verpackung, wenn der Inhalt zu wünschen übrig läßt? Da zieht man es doch vor, wenn das Verhältnis umgekehrt ist.
Üblicherweise wird der Autor kurz vorgestellt; nicht so in diesem Buch. Weder der Rückentext noch eine Zusatzbemerkung klärt einen auf. Im Vorwort stellt sich die Autorin selbst vor, und ich tue gut daran, das ganze Vorwort zu zitieren, denn so kann ich Ihnen am besten deutlich machen, warum dieses Buch für jeden Menschen Pflichtlektüre sein sollte, der mit Pferden umgeht, und natürlich auch für diejenigen, die die Hilfe der Pferde benötigen, auch wenn sie es vielleicht noch nicht wissen. Mir fiel gleich jemand ein, der in großen Schwierigkeiten ist und möglicherweise durch die Arbeit mit einem Pferd die entscheidende Hilfe bekommen könnte; allerdings hat diese Person mit Pferden bisher noch nichts zu tun und würde vermutlich auch ein solches Ansinnen empört ablehnen, ist doch die Arbeit mit Pferden immer noch nicht offiziell anerkannt. Das ist schade. Dieses Buch trägt bestimmt dazu bei, diesen Zustand zu ändern. Auch deshalb wünscht man sich viele Leser.
| Warum suchen Menschen den Kontakt zu einem Pferd? Was zieht sie so magisch in den Sattel, auch wenn sie dort möglicherweise viele Ängste ausstehen müssen? Wieso sind sie nach einem harmonischen Ritt ausgeglichener als vorher? Weshalb sind manche Reiter ohne zu zögern bereit, auf Vieles zu verzichten, jedoch niemals auf ihr Pferd? Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich ein Pferd habe und ich habe das Glück, in meiner Arbeit als Reittherapeutin überzeugende Antworten zu finden. Seit neunzehn Jahren arbeite ich mit psychisch erkrankten Menschen und zwei Therapiepferden in einer Einrichtung des betreuten Wohnens in Köln. Dort konnte ich Begegnungen zwischen Pferd und Mensch beobachten, die mich die heilsamen Auswirkungen der Pferde auf die Psyche der Menschen verstehen ließen. Ich bin heute davon überzeugt, dass Pferde heilsam für die Psyche der Menschen sein können. Sie verfügen über ein hohes therapeutisch wirksames Potential, und sie stellen es uns zur Verfügung, einfach so, jeden Tag!
Mit diesem Wissen sehe ich meine Pferde mit anderen Augen. Ich weiß, wie sie Menschen unterstützen und ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln. Es ist mir ein Anliegen, diese Erfahrungen weiterzugeben, denn der vermehrte Einsatz von Pferden als Co-Therapeuten in der Psychiatrie liegt mir sehr am Herzen. Dennoch soll dieses Buch nicht ausschließlich ein Fachbuch für ein spezielles Publikum sein. Im Gegenteil, dies ist ein Buch für alle Menschen, die sich mit Pferden befassen möchten. Denn in ihrem psychischen Grundbedürfnissen sind alle Menschen gleich. Sie brauchen stabile Bindungen, wollen verstanden und wertgeschätzt werden und möchten sich zudem als autonomes Individuum verwirklichen. Im Umgang mit Pferden können Menschen die Erfüllung dieser elementaren Grundbedürfnisse erfahren. Dies ist besonders heilsam für diejenigen, die dies nicht bei anderen Menschen finden können. Die Fallbeschreibungen in diesem Buch erzählen davon. Aber Pferde sind auch heilsam fernab von jeder Therapie, und wenn Sie, lieber Leser, nach der Lektüre dieses Buches, das therapeutische Potential der Pferde noch intensiver genießen können, würde mich dies sehr freuen.
a.a.O., Seite 5, 6 | | |
Die Autorin drückt sich sehr klar und präzise aus und bringt alle Dinge schnell auf den Punkt; die Einleitung kann in dieser Beziehung als Kostprobe gelten. Zügig wird der Leser in die Erfahrungen und Gedankengänge der Autorin eingeführt und erlebt auch ihre eigene Entwicklung mit. Es wird also nicht eine fertige Theorie präsentiert, die im nachhinein mit Fallbeispielen illustriert wird, sondern eine authentische Geschichte erzählt, die es dem Leser ermöglicht, sich einzufühlen und die Eigenarten der Pferde, der Menschen, der Klienten und der Therapeuten, nicht zuletzt auch die der Autorin nachzuvollziehen.
Dadurch wird die Einzigartigkeit des Erlebnisberichts sehr stark betont; man kann aus diesen Ergebnissen natürlich allgemeine Schlußfolgerungen ziehen, mit denen die Autorin die einzelnen Kapitel beginnt, und in der Regel werden die behaupteten Sachverhalte durch sehr anschauliche und instruktive Fallbeispiele belegt.
So ergibt sich ein Geben und Nehmen zwischen Menschen und Pferden, Therapeuten und Klienten, wobei diese sich jeweils wechselseitig herausfordern, indem neue Probleme auftauchen, unbekanntes Terrain betreten und kreativ auf anscheinend unlösbaren Situationen reagiert werden muß. Selbstverständlich sind die Fallbeispiele anonymisiert; ob sie sich tatsächlich genau so zugetragen haben, ist natürlich schwer zu beurteilen, aber mir als Laien erscheinen sie durchaus glaubhaft.
Das Buch hat mich von der ersten Seite an in den Bann geschlagen und dazu verführt, viele Merkzettel als Gedächtnisstütze für die Rezension einzukleben. Für normale Menschen interessant sind natürlich die Passagen, die sich auf die allgemeine Befindlichkeit des Menschen beziehen, und es scheint mir sinnvoll, Ihnen auch daraus einige Passagen zu zitieren. So lautet die Überschrift von Kapitel zwei: "Wie Menschen mit Pferden nachholen können, was ihnen in ihrer Kindheit gefehlt hat". Dazu erörtert die Autorin zunächst die "Überlebensmechanismen aus der frühen Kindheit", um sodann aufzuzeigen, "Wie Pferde Menschen in die frühe Kindheit zurück versetzen können". Dabei spielt vor allen Dingen das "Getragen werden" eine große Rolle (Zeichensetzung und Rechtschreibung wie im Original):
| Viele Menschen haben eine positive Erinnerung an das Getragen werden in der Kindheit in ihrem Unterbewusstsein gespeichert. Vermutlich alle Menschen verfügen über positive gespeicherte Erinnerungen an die Zeit im Körper ihrer Mutter, wo sie ebenfalls getragen wurden. Auf dem Rücken eines Pferdes können diese Erinnerungen wieder lebendig werden. Ich glaube, dies ist eine Erklärung dafür, warum sich bei vielen Reitern, wenn sie auf dem Rücken ihres Pferdes sitzen, ein Gefühl von Zufriedenheit mit sich und der Welt einstellt.
Es ist vor allem das passive sich Tragen lassen, durch das Menschen, wieder vermehrt Zugang zu den Bedürfnissen und Gefühlen ihrer Kindheit bekommen können. Der Wunsch nach Körperkontakt und Nähe ist ein psychisches Grundbedürfnis des Menschen. Probieren Sie es doch einmal aus und erfahren Sie ganz bewußt die stabilisierende Wirkung eines Pferdes auf ihre Psyche.
a.a.O., Seite 22 | | |
Der nächste wichtige Punkt in diesem Kapitel ist die "Empathie".
| Das Verhalten eines Säuglings zu deuten erfordert Einfühlung. Die Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann haben in Langzeitstudien belegt, dass die Fähigkeit der Eltern, sich in ihren Säugling einzufühlen, der Grundstein für die gesunde psychische Entwicklung und spätere Bindungsfähigkeit des Kindes ist (vergleiche, Seite 99-130).
Einfühlung ist auch der Schlüssel zur Verständigung mit Pferden. Denn Pferde interpretieren die Körpersprache mehr als das sie Worte deuten können. Das führt Menschen zurück in eine Zeit, in der sie überwiegend die Sprache ihres Körpers zur Verfügung hatten. Empathie ist zum Beispiel Bedingung für ein von Harmonie geprägtes Reiterlebnis, denn kein Pferd mag grobes Einwirken. Der Reiter entwickelt hierbei ein Gespür für die innere Befindlichkeit seines Pferdes. So spürt er die muskulären Verspannungen des Pferdes, wenn es Angst hat. Gleiches gilt für das Pferd. Es kann ebenfalls die psychische Verfassung seines Reiters erspüren. Der enge Körperkontakt ermöglicht auch ihm die Interpretation der muskulösen Körpersprache seines Reiters. Da die Körpersprache ein "Sprachrohr des Unbewussten" ist, reagieren Pferde auf den Menschen so, wie er wirklich ist.
Ist es Ihnen aufgefallen, wie schnell Sie beim Reiten unwillkürlich Muskelregionen anspannen oder festhalten? Auch wenn Sie es selbst nicht merken, Ihr Pferd erspürt genau, ob Sie mit dem, was Sie auf seinem Rücken gerade tun, im Einklang sind oder nicht. Diese sensible Einfühlung ist eine weitere Parallele zur frühen Kindheit, in der ein Kind auf die Einfühlung seiner Eltern angewiesen ist. Möglicherweise findet sich hier auch die Erklärung dafür, warum sich so viele Reiter lieber in Harmonie mit ihrem Pferd bewegen wollen, als auf Teufel komm raus Lektionen zu schinden. Die Sehnsucht nach einer Beziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und Einfühlung basiert, ist bei allen Menschen vorhanden.
a.a.O., Seite 25, 26 | | |
Zwei weitere Abschnitte beschäftigen sich mit den Gefühlen "Hilflosigkeit" und "Vertrauen" in ihrer Wichtigkeit für den Menschen und der heilsamen Wirkung der Interaktion mit dem Pferd auf den Reiter. Die Fallbeschreibungen zu diesem Kapitel ist überschrieben mit: "So wie Du bist, bist Du richtig und gut!" Der Held der Fallbeschreibung ist ein Kind, das mit einer alleinerziehenden psychischkranken Mutter zusammenlebt, die seine Bedürfnisse nicht erfüllen kann, wodurch er selbst wiederum starke Schäden davonträgt. Die Schilderung macht deutlich, daß die Therapie mit dem Pferd keine Wunder vollbringt und die Therapeuten auf eine harte Probe stellen kann, daß die Arbeit mit dem Pferd aber in relativ kurzer Zeit zu erstaunlichen Wandlungen führt, ohne daß diese direkt bewirkt wären. Gerade die Ratlosigkeit der Therapeuten, wie denn diese harte Nuss zu knacken wäre, zeigt die interessanten Aspekte der therapeutischen Arbeit, wobei durchaus auch Fehler gemacht werden, aus denen gelernt werden kann.
Um die schwierige Situation des Kindes zu erläutern, zitiere ich noch einmal:
| Kinder, deren Mütter an einer Borderlinestörung erkrankt sind, leiden oft unter deren extremen Stimmungsschwankungen. Auch bezogen auf die emotionale Beziehung zum Kind kann das Verhalten der Mutter, für das Kind nicht einschätzt, von Zuwendung in aggressive Ablehnung kippen und umgekehrt. Die Verunsicherung und Verwirrung der Kinder von psychisch kranken Elternteilen kann dementsprechend groß sein. Besonders in akuten Krisen ist das Verhalten der Mutter oder des Vaters für ein Kind nicht zu durchschauen. Zusätzlich fühlen sich viele Kinder mitschuldig, da sie die kranken Reaktionen als Folge ihres eigenen Ver haltens verstehen, was noch mehr zur Verunsicherung führt. Beim heilpädagogischen Voltigieren erlebe ich, dass sogar sehr kleine Kinder auffallend zurückhaltend mit Gefühlsäußerungen jeglicher Art sind, als fürchteten sie die Reaktion ihres Gegenübers.
Es kommt häufig vor, daß Kinder die Verantwortung für ihre erkrankten Eltern übernehmen wollen, womit sie überfordert sind. Die Kinder erleben das instabilen Verhalten der kranken Mütter oder Väter als mangelnde Zuverlässigkeit in der Beziehung, was sich später als mangelhafte Bindungserfahrung manifestieren kann.
a.a.O., Seite 31, 32 | | |
Damit will ich es gut sein lassen; für einen Überblick gebe ich Ihnen nun noch das Inhaltsverzeichnis:
- Vorwort
- Einleitung
- Die Köln-Ring GmbH
- Die Entwicklung des Reitbereiches in der Köln-Ring GmbH
- Warum Pferde besonders geeignete Co-Therapeuten für psychisch kranke Menschen sind
- Wie Menschen mit Pferden nachholen können, was ihnen in ihrer Kindheit gefehlt hat
- Überlebensmechanismen aus der frühen Kindheit
- Wie Pferde Menschen in ihre frühen Kindheit zurückführen können
- Das Getragen werden
- Die Empathie
- Die Hilflosigkeit
- Das Vertrauen
- Fallbeschreibung: So wie Du bist, bist Du richtig und gut!
- Warum Menschen durch Pferde selbstbewusster werden können
- Angst und Reiten
- Einer Angst, die man erkennt, kann man sich leichter stellen
- Fallbeschreibung: Eine Frage des Vertrauens!
- Warum Menschen mit Hilfe von Pferden ihre Persönlichkeit festigen können
- Eindeutigkeit als Herausforderung der menschlichen Kommunikation
- Wie Pferde doppeldeutige Situationen aufdecken können
- Fallbeschreibung: Sag mir, wie soll ich sein, damit Du mich verstehst!
- Wie Menschen von Pferden lernen können, Beziehungen und Bindungen aufzubauen
- Die Beziehungsmuster aus der Kindheit
- Warum die Bindung zu einem Pferd so heilsam ist
- Fallbeschreibung: Zwischen Macht und Ohnmacht liegt das Miteinander!
- Wie Pferde Menschen helfen können, ihre unbewussten Lebenskonflikte zu lösen
- Fallbeschreibung: Zwischen Himmel und Erde liegt der Rücken der Pferde
- Wenn Pferde Therapeuten werden
- Literaturhinweise und Adressen
Das vorletzte Kapitel ist der Autorin selbst gewidmet. Es ist sicher nicht überraschend zu erfahren, daß jemand, der sich für die psychische Schwierigkeiten anderer Leute interessiert, selber solche Schwierigkeiten durchlebt und bewältigt hat. Die Autorin schreibt deshalb so klar und ergreifend, weil sie selbst eine sehr schwierige Kindheit durchlebt hat, die sie schließlich mit Hilfe eines Pferdes positiv bewältigen konnte. Ihre eigenen Schwierigkeiten waren auch die ihres Pferdes, und gemeinsam fanden sie den Weg hinaus in das Leben. Diese Erfahrung führte letzten Endes zur Berufswahl der Autorin. Der Titel ihrer eigenen Fallbeschreibung ist auch der Titel des Buches.
| Wenn Pferde Therapeuten werden, begegnen sie uns Menschen mit einer geheimnisvollen Sensibilität und einem tiefgreifenden Einfühlungsvermögen. Im Kontakt mit ihnen erfahren wir, daß es Wesen gibt, die uns zu verstehen scheinen, über die Grenzen von Sprache und Schrift hinaus. Hier können wir die Möglichkeiten von Verständigung unvoreingenommen und neu erforschen. Wir lernen erstaunliches über uns selbst, denn es scheint, als wüßte das Pferd ganz genau, was wir tief in unserem Inneren brauchen, selbst wenn uns dies noch nicht bewußt ist. Verstecken können wir uns also nicht vor einem Pferd, aber das brauchen wir auch nicht, denn es wertet nicht. Getreu seines Herdenverhaltens, fragt es nach unserem Rang und damit zugleich nach der Beschaffenheit unserer Persönlichkeit. Indem wir uns dem Pferd gegenüber definieren müssen, können wir uns selbst neu erfahren und Schwächen, aber auch nie gekannte Fähigkeiten entdecken.
a.a.O., Seite 105 | | |
Nach alldem werden Sie nicht überrascht sein, daß ich Ihnen das Buch sehr ans Herz lege. Wegen der etwas komplizierten Produktionsweise können Sie es ausnahmsweise nicht über uns beziehen; wir verweisen Sie stattdessen auf Amazon.
erschienen 26.04.09
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