
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Aus dem Titel geht es nicht direkt hervor, aber der Rückentext sagt es deutlich: Dies ist kein systematisches, theoretisches Buch, sondern eine Sammlung von Erzählungen, Fallgeschichten, die aus der Praxis der Autorin und ihres Teams stammen und dadurch Gelegenheit geben, nicht nur das Spektrum der Probleme rund um das Pferd aufzuzeigen, sondern auch die Möglichkeiten zu demonstrieren, die dieser Menge an Fachleuten zur Verfügung stehen. Das Inhaltsverzeichnis ist in diesem Sinne erhellend, weil es anzudeuten vermag, worum es bei diesen Fällen geht:
- Sensai - Lahm durch schiefe Zähne
- Gargamel - Soll wegen Hufkrebs eingeschläfert werden
- Elias alias Zwuckel - Ein Trauma aus der Fohlenzeit
- Wanda Dee - Fast hätte ein Unfall das Aus bedeutet
- Quibus - Trotz Täuschung beim Kauf hält seine Besitzerin zu ihm
- Lukas - Soll mit nur 7 Jahren schon in Rente
- Lorbas, Kurze, Skeggi - Augenprobleme durch Blockaden im Schädelbereich
- Candy - "Sauer" im wahrsten Sinne des Wortes
- Pelegrina - Mit einem Sport- und einem Stöckelschuh durchs Leben
- Leonardo, Cortéz - Ein Fohlen mit ungleich langen Beinen
- Anni - Unfälle im Fohlenalter haben einseitig das Wachstum gebremst
- Rocko - Voller Angst, mißverstanden und zum "Verbrecher" abgestempelt
- Monty - Völlig aus der Balance geraten
- Wind - Boxenhaft im Winter stellt Besitzer vor unlösbare Probleme
- Polarmöve - Vor dem Schlachter gerettet
- Stichwortverzeichnis
| Im Vorwort betont die Autorin, daß sie keine der Berufsgruppen angreifen möchte, die sich mit Pferden beschäftigen und oftmals keinerlei Ausweg sehen. Wenn die von diesen Experten als austherapiert abgeschobenen Pferde dann bei ihr landen, sind es ja die gleichen Berufsgruppen, die herangezogen werden. Der Unterschied ist lediglich, daß hier jeder seine Kompetenz je nach Bedarf und Natur des Problems mit einbringt, so daß am Ende den Pferden wirklich geholfen werden kann.
80% aller Reitpferde in unserem Lande, so die Autorin, haben im Laufe ihres Lebens Rückenprobleme. Die Ursachen dafür können äußerst vielfältig sein; Symptome dienen bei Mensch und Pferd dazu, auf Probleme aufmerksam zu machen, bezeichnen aber nicht unbedingt die Ursache. Die Autorin spricht von der Spitze eines Eisbergs, die sichtbar wird, von Notsignalen, die nicht unbedingt die Ursache anzeigen. Aber nur, wenn man diese beseitigt, wird man zu einer dauerhaften Linderung kommen.
Die detektivische Zusammenarbeit der vielen Experten steht neben den einzelnen Schicksalen der Pferde im Mittelpunkt dieses Buches. Es liegt auf der Hand, daß das Team um die Autorin nicht sämtliche Pferde unseres Landes behandeln kann. Wenn der eine oder andere Leser sich in seiner Not nach Walsrode wenden wird, ist das sicher nicht unwillkommen, aber diese Wirkung ist bestimmt nicht die Hauptabsicht des Buches. Wie die Rezension bei Amazon zeigt, kann dieses Buch nicht nur bei geplagten Besitzern, sondern auch bei den angesprochenen Fachleuten Wunder wirken. Wer weiß, vielleicht gründen sich demnächst überall Kollektive nach diesem Muster, denn es leuchtet ein, daß ein Versagen auch für Experten sehr unangenehm ist.
Das Expertenteam » Equo Vadis besteht aus einer Physiotherapeutin für Pferde, einer Tierheilpraktikerin, einem Fachtierarzt, einem Pferdewirtschaftsmeister und Pferdedentalpraktiker, einer Tierärztin mit Schwerpunkt Chiropraktik und Akupunktur, einer Physiotherapeutin für Pferde und Menschen mit Schwerpunkt Akupunkturmassage nach Penzel und einem Vertrauenstrainer sowie der Autorin, deren Kompetenz schon im Rückentext erläutert wurde.
Das Buch ist - für den Olms Verlag ungewöhnlich - magazinmäßig aufgemacht, also vollfarbig gedruckt, mit farbig hinterlegten Kästen, einem farbigen Kopfbereich und farbigen Zwischenüberschriften, aber bis auf die Gestaltung der Seitenzahlen hält sich die modische Aufmachung in akzeptablen Grenzen. Selbstverständlich werden alle vorgestellte Fälle vorbildlich diagnostiziert und therapiert - es handelt sich also eine Sammlung von spannenden Problemgeschichten mit Happy-End.
Natürlich bekommt der Leser auch die lebensphilosophischen und weltanschaulichen Hintergründe aufgetischt, denn diese sind untrennbar mit den diagnostischen und therapeutischen Ansätzen verbunden. Ein Beispiel:
| Wege der Lebensenergie
Alles Leben besteht aus Materie und Energie. Neben der Lebensenergie, die einem neugeborenen Wesen von seinen Eltern mitgegeben wird (Konstitution und Erbanlagen) gehört die Energie aus den Kosmos zu den wichtigsten Energiequellen. Auf dem Weg durch den Körper fließt die Energie in bestimmten Bahnen, den Meridianen. [...]
a.a.O., Seite 106 | | |
Die Autorin fühlt wohl an dieser Stelle, daß die ganze Angelegenheit nicht so offensichtlich ist, wie sie das gerne darstellen möchte. Ich bezweifle, daß die Leser hier zustimmend mit dem Kopf nicken werden, weil sie entweder unmittelbar oder durch unser Bildungssystem mit dieser kosmischen Energie längst Bekanntschaft gemacht haben. Wenn man behauptet, daß etwas offensichtlich ist, was offensichtlich nicht offensichtlich ist, ist es eine bewährte Strategie, auf die vermeintliche Offensichtlichkeit hinzuweisen und diese ausdrücklich als undiskutierbar hinzustellen. Im Zusammenhang mit Energie, Medizin, Technik und überhaupt allen anderen ungreifbaren Sachverhalten empfiehlt es sich, die Autorität der Wissenschaft in Anspruch zu nehmen.
Damit der Trick nicht allzu sehr auffällt, wird etwas als wissenschaftlich erwiesen hingestellt, was möglicherweise tatsächlich in der einen oder anderen Hinsicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann, aber mit dem behaupteten Sachverhalt gar nicht in Zusammenhang steht. So etwas nennt man einen literarischen Taschenspielertrick. Beim Lesen fällt einem das dann gar nicht auf; so fährt die Autorin in folgender Weise fort:
| | Ihr Verlauf ist wissenschaftlich belegt. | | |
Damit ist nur allenfalls eine Aussage über die sogenannten Meridiane gemacht, nicht jedoch über die kosmische Energie, die angeblich in diesen Meridianen fließen soll. Daran schließt sich an:
| | Die Energielehre ist Basis der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Danach wird die Lebensenergie durch das Zusammenspiel der Gegenpole Yin und Yang aufrechterhalten. Sie stehen zueinander im Gegensatz, hängen gleichzeitig aber voneinander ab. Man könnte sie als Minus- und Plusenergie oder -ladung bezeichnen. Durchflutet die Yin- und Yang-Energie den Körper im richtigen Verhältnis, fühlt sich das Tier oder der Mensch wohl, ist ausgeglichen und gesund. Der Fluß der Lebensenergie ist allem organischen Geschehen übergeordnet. | | |
Schade nur, daß alles das mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Die Wikipedia schreibt:
| Die Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin über Meridiane und Energieflüsse sind bis heute ohne jeden Beleg geblieben.[
» Meridian (TCM) | | |
Aber das ist für die Anhänger solcher Gedankengänge völlig unerheblich, denn: Wer heilt, hat recht. Die Wissenschaft kann ja auch nicht behaupten, das Leben und seine Probleme wirklich verstanden zu haben. Insofern dürfte es ziemlich egal sein, wie man sich alles zusammenreimt, Hauptsache, es kommt das gewünschte Ergebnis dabei heraus. Und das kann die Autorin ja im einzelnen beweisen.
Wer ein gesundes Pferd besitzt, das keine Schwierigkeiten bereitet, wird sich für dieses Buch vermutlich nicht interessieren oder höchstens dann, wenn entsprechende Fälle im Bekanntenkreis vorhanden sind, für die er sich verantwortlich fühlt. Wer aber mit einem Pferd geschlagen ist, das wenig Freude bereitet, aber viel Geld verschlungen hat und nun als austherapiert abgestempelt worden ist, wird als letztes Mittel zu diesem Buch greifen wollen, denn es macht Hoffnung. Die Dienste eines Expertenteams sind sicher auch nicht gerade billig, aber solange man es sich leisten kann, tut man ja alles, was möglich ist.
Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Pferd anzuschaffen, sollte dieses Buch lieber nicht lesen, wenn er seinen Traum in diesem Leben unbedingt verwirklichen möchte, denn die Lektüre könnte ihn davon abhalten. Man möchte ja nicht wissen, was alles Schlimmes auf einen zukommen kann. Aber vielleicht muß der Leidensweg ja auch nicht gar so schlimm sein, wenn man sich alle Umwege erspart und gleich auf interdisziplinäre Zusammenarbeit setzt.
Denn so abschreckend auch die Krankengeschichten sind, all diesen Pferden konnte geholfen werden. Und das bringt mich nochmal wieder zu der zweiten Lesergruppe, den Experten, die jeder für sich auf ihrem Gebiet sehr gut sind, aber nicht über ihren Tellerrand schauen können. Kranke Pferde sind für diese Leser Alltag, damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt, und jedes Pferd, das sie nicht heilen können, ist eine Niederlage und bringt schlechtes Renommee für die Zukunft. Karin Kattwinkel hat Ihr Unternehmen von Anfang an interdisziplinär ausgerichtet und damit enorm viel Erfolg gehabt. Das müßte eigentlich überzeugen.
erschienen 09.12.07
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 362, Kattwinkel, Karin: › Ein Fohlen von der eigenen Stute, Eine Anleitung für Hobbyzüchter
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