
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Crafty scheint nur in Frankreich ein Begriff zu sein. Das dürfte sich durch diese Publikation ändern. Auf dem französischen Markt werden Bücher von Crafty, etwa das zweibändige "Paris à cheval" von 1883 in der zweiten Auflage von 1884 antiquarisch für mehrere hundert EUR gehandelt (z. B. » LIVRES ANCIENS ET MODERNES). Andres Furger hat aus der Fülle seines Schaffens exemplarische Werke ausgewählt, gruppiert und auf Grundlage der Texte Craftys kommentiert.
Eine kleine Einführung stimmt in die Pariser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein, von der wir uns heute kaum noch eine Vorstellung machen können. Paris war der Nabel der Welt, aber seinerseits vollständig von London beeinflußt. Die sozialen Gegensätze dieser Zeit sind für uns heute fast unvorstellbar.
Die Reichen stellten notgedrungen ihren Reichtum offen zur Schau, wenn sie mit ihren Equipagen ausfuhren, und sie fuhren offenbar gerne aus, um sich zur Schau zu stellen. Der Begriff Kutschenkorso hat sich bis heute erhalten und ist immer noch eine gute Gelegenheit, sein Gespann und seine Kutsche stilgerecht zu präsentieren. Kann man sich vorstellen, daß die feine Gesellschaft ausfuhr, um bewundert zu werden und Kontakte zu knüpfen, immer rund um den Platz oder, wie in Paris, hinein in den Bois du Boulogne und wieder zurück? Kann man sich vorstellen, welche Aufläufe es gegeben hat, welche Unfälle? Mit Hilfe der Karikaturen Craftys ist das möglich, allerdings gebrochen durch die Brille der Ironie, des Witzes, des Spotts und der Sozialkritik.
Nicht daß Crafty irgend etwas für die Dienstboten, Bauern, Arbeiter oder den Mittelstand übrig gehabt hätte. Die beiden letzten Klassen kommen in seinen Arbeiten überhaupt nicht vor, wenn man einmal von den Pferdehändlern und den Polizisten absieht. Sein Herz schlägt für die Reichen, aber nur für diejenigen unter ihnen, die sich zu benehmen wissen, die Geschmack haben, die in jeder Hinsicht gesegnet sind, körperlich, geistig, seelisch. Alle anderen werden von ihm gnadenlos bloßgestellt, und das sind natürlich fast alle. Besonders die Neureichen und die Ausländer werden geprügelt, aber auch der alten Adel, der es nicht verstanden hat, mit der Zeit zu gehen.
Das Buch ist konsequent zweisprachig gehalten. Abgesehen von der Einführung, der Bibliographie und der Zusammenfassung gruppiert der Autor die Zeichnungen in folgende Kapitel:
- Die gute alte Zeit
- Paris wacht auf
- Reges Treiben im Bois du Boulogne
- Die Faszination der Pferderennen
- Die Reise aufs Land
- Coaching und Hunting in der Provinz
- Unfälle und Stürze
- Der Nachmittag und Abend in Paris und im Part
Von wegen die "Gute Alte Zeit" - durch alle karikaturistischen Verkürzungen, Überzeichnungen und Übertreibungen hinweg kann man erahnen, wie mühsam das Leben damals selbst für die Reichen war. Wir setzen uns heute ins Auto und fahren irgendwohin. Wenn es weiter weg ist, benutzen wir die Eisenbahn oder den Flieger. In den großen Städten sind U-Bahnen und moderne Buslinien selbstverständlich und unverzichtbar. Wir nehmen das alles für gegeben und denken selten darüber nach, wie weit der Weg tatsächlich war.
In einigen Zeichnungen tauchen Hochräder auf, dann Fahrräder mit Gummireifen, schließlich sogar die ersten Automobile, die ganz wie eine Kutsche aussehen, selbstverständlich ohne Verdeck - hoffentlich regnet es nicht! Selbstredend verachtet Crafty diese modernen Entwicklungen inklusive Eisenbahnen, schon allein deshalb, weil ihnen die Tendenz zur Masse innewohnt. Die Angst der Pferde vor den Stahlrössern, die sich möglicherweise durch besonderen Lärm auch noch einen Spaß daraus machten, Reiter und Fahrer in Panik zu versetzen, belustigt den Zeichner ebenso wie diverse Unfälle, die damals glücklicherweise wegen der geringen Geschwindigkeiten selten tödlich ausgingen. Das Publikum kann sich dann bei Reitunfällen anläßlich von Pferderennen, Hetzjagden oder sonstigen Querfeldeinrennen an den schweren Unfällen ergötzen, wie das auch heute nach der Fall ist. Eine besondere Freude bereitet es dem Zeichner, die Pferdehändler und deren naive Kunden durch den Kakao zu ziehen. Nein, man möchte damals nicht gelebt haben, weder als Pferd noch als Mensch.
Der besondere Schick, auf den der Zeichner immer wieder hinweist, soll in der heutigen Zeit wiederbelebt werden. Der moderne Turniersport legt ja schon seit jeher großen Wert auf korrekte Anspannung, Bekleidung, Benehmen, obwohl die rein ästhetische Bewertung inzwischen wegen der unvermeidlichen Subjektivität entfallen ist. Dafür sollen wohl Veranstaltungen und vielleicht auch Wettbewerbe treten, die sich eher am Kutschenkorso des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientieren, wie er sich namentlich in Paris ausgestaltet hat. In dieser Hinsicht dürfte das vorliegende Buch das Auge schärfen und das entsprechende Bewußtsein entwickeln, freilich gefiltert durch die Brille des Karikaturisten.
Die Edition Furger wird demnächst weitere Bücher herausbringen, die diese versunkene Kultur wieder zum Leben erwecken und in die heutige Zeit hinüberretten soll. Wegen seiner fachlichen Vorbelastung und als Präsident der » Schweizerischen Gesellschaft für Fahrkultur ist der Autor für diese Aufgabe bestens gerüstet. Die Ziele des Vereins stellt er wie folgt dar:
| | Die Gesellschaft für Fahrkultur orientiert sich am alten, von England auf dem europäischen Kontinent im 19. Jahrhundert eingeführten "pleasure driving". Dieses erlebte in der Schweiz um 1900 eine Hochblüte, zusammen mit vor allem auf dem Land gepflegten Variationen. In der Gesellschaft für Fahrkultur sind ländliche Gespann vor einem schönen Break oder einer hübschen Chaise ebenso willkommen wie noble Equipagen, etwa grosse Jagdwagen oder elegante Mylords. Die Schweiz hatte ja als Alpenland auch eine grosse Tradition bei Postwagen und Fahrzeugen von Fuhrhaltereien. Weil unsere Motto "lebendige Geschichte" heisst pflegen wir auch diese Aspekte unserer Geschichte. | | |
Wer sich davon angesprochen fühlt, wird dieses Buch besitzen wollen. Der große Erfolg seines Standardwerks "Kutschen Europas des 19. und 20. Jahrhunderts" (› Band 1, › Band 2) beweist, daß es viel mehr Freunde der alten Kutschenkunst gibt, als man gedacht hatte.
erschienen 21.10.07
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