
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Das Buch ist im Verlag Poesel Press erschienen; es ist das erste Buch dieses Verlages. Der Autor hat den Verlag anscheinend speziell für die Herausgabe dieses Buches ins Leben gerufen: Die Adresse des Verlags ist identisch mit der Adresse des Autors.
Diese wiederum liegt ganz in der Nähe des Hamburger Derbyplatzes. Das Hamburger Derby wurde von » Eduard Pulvermann gegründet.
| Als ich vor 50 Jahren zum ersten Mal auf dem Derbyplatz in Klein Flottbek stand, wußte ich nichts über die Geschichte des Deutschen Springderbys und den Namensgeber für das bekannteste Hindernis des Parcours: Pulvermanns Grab. Erst in jüngster Zeit habe ich mich für den Gründer dieses Wettbewerbs interessiert, dem einem Bronzetafel auf dem Turnierplatz gewidmet ist. Meinem Vorschlag folgend wurde der Wanderweg, der vom Bahnhof Klein Flottbek am Derbyplatz entlang zum Quellental führt, anläßlich seines 60. Todestages nach Pulvermann benannt. Zur 125. Wiederkehr des Geburtstages von Eduard F. Pulvermann am 2. September 2007 sollen diese biographischen Notizen an ihn erinnern. a.a.O., Seite 11 | | |
Der Autor hat einen gewaltigen Aufwand getrieben. Es ist kaum vorstellbar, daß irgend jemand eine solche Biographie in Auftrag geben und bezahlen würde - nicht einmal die Angehörigen, nicht die Hamburger Reiter, nicht die Turnierveranstalter und schon gar nicht die FN. Es ist also ein Werk der Liebe, vielleicht auch ein Versuch zur Vergangenheitsbewältigung. Leider läßt der Autor uns über seine Motivation im Unklaren. Die Kieler Nachrichten haben am 20.10.2006 einen Vorbericht über diese Untersuchungen gebracht:
| Intensiv mit dem Leben Pulvermanns beschäftigt sich Joachim Winkelmann aus Hamburg. Der Arzt im Ruhestand will nächstes Jahr ein Buch über den bekannten Springreiter veröffentlichen. Er fand auch die näheren Umstände seines Todes heraus. Eduard F. Pulvermann starb am 9. April 1944 im Konzentrationslager Neuengamme. "Das Landgericht Hamburg verurteilte ihn wegen Volksverrats und Devisenvergehens. Pulvermann besaß erhebliche finanzielle Mittel im Ausland. Bei diesem Prozess wird Pulvermann erstmals als Halbjude bezeichnet", berichtet Winkelmann. Obwohl das Gericht Freiheits- und Geldstrafe als verbüßt ansah, wurde Pulvermann nicht freigesprochen, sondern von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager gesperrt. Pulvermanns Großvater war Jude [sachlich falsch; korrekt: Vater]. Er selbst, obwohl 1882 in Hamburg geboren, war Amerikaner und auch Christ. 1903 übernahm er die deutsche Staatsbürgerschaft, um als Einjährig-Freiwilliger beim Husarenregiment in Schleswig zu dienen.
Durch seine Recherchen räumt Winkelmann mit einer Legende auf. Die Nationalsozialisten in Westensee verbreiteten nach seinem Tod das Gerücht, ihn habe die gerechte Strafe getroffen. Vom Turm des Herrenhauses aus soll Pulvermann mit einer Lampe feindliche Flugzeuge nach Kiel gelenkt haben. "Völliger Unsinn. Das glaubte damals noch nicht mal die Gestapo", betont Winkelmann. » Er baute "Pulvermanns Grab" | | |
Im Buch formuliert Winkelmann sehr viel vorsichtiger:
| Nicht nur in der Umgebung des Gutes Westensee hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, Pulvermann sei festgenommen worden, weil er vom Turm seines Gutshauses englischen Flugzeugen Lichtsignale gegeben habe, die dem Feind den Weg nach Kiel weisen sollten. Es mag sein, daß eine derartige Anzeige erfolgt ist, in den Anklagen vor dem Hanseatischen Sondergericht und dem Hamburger Landgericht werden derartige Beschuldigung jedoch nicht erhoben; Pulvermann wird nicht wegen Spionage angeklagt. Wie Rechtsanwalt Stumme 1950 schreibt, waren die Angriffe so unwahrscheinlich, daß selbst die Gestapo sie nicht aufgegriffen hat. Auf einem Antragsformular der Witwe Sibylla Pulvermann vom Februar 1946 zur Anerkennung Eduard Pulvermanns als Opfer des Nationalsozialismus befindet sich ein handschriftlicher Vermerk mit drei Namen, die mit den Zusätzen "betreffs Berichte" und "Gartenhaus am Westensee, V-Mann" versehen sind. Es handelt sich wohl um die Namen der Informanten, doch geht aus der Notiz nicht hervor, ob ihren Denunziationen nachgegangen wurde. a.a.O., Seite 103 | | |
Dieser Passus charakterisiert die Arbeitsweise des Autors sehr gut; zwei Anmerkungen belegen die Darstellung. Die Formulierung des Journalisten ist sehr viel griffiger und einleuchtender, aber wesentlich weniger greifbar. "Die Nationalsozialisten" hört sich immer so nach dem "die Bösen - wir Guten"-Prinzip an, während sich aus der Darstellung Winkelmanns schließen läßt, daß Pulvermann in seinem eigenen Dorf und möglicherweise unter seinen eigenen Mitarbeitern Neider und Feinde gehabt hat.
In diesem Sinne muß man das Buch mit sehr viel Phantasie lesen und alles das ergänzen, was der Autor, vermutlich ganz bewußt, nicht formuliert. Pulvermann lebte auf großem Fuß. Dem Journalisten hat Winkelmann wohl erzählt, daß Pulvermann das Gestüt Westensee 1921 für 5 Millionen RM erworben hat - diese konkrete Angabe kommt im Buch nicht vor. Dabei waren seine finanziellen Verhältnisse zum Kriegsende keineswegs einfach; auch hier erfahren wir wenig Einzelheiten. Immerhin soll die amerikanische Regierung Pulvermanns Anteile an der Mutterfirma in New York eingezogen und zwangsversteigert haben.
Wenn Winkelmann aus einem Brief Pulvermanns an die Ehefrau zitiert, wird der Anspruch des Kaufmanns sehr deutlich. Für die Einrichtung des neu erworbenen Herrenhauses ist nur das Beste gut genug. Pulvermann läßt in München, Paris und London arbeiten. Geld scheint keine Rolle zu spielen, Geld hat man, und man zeigt es auch. Selbstverständlich fährt man ein Luxusauto, und selbstverständlich kauft man nach Belieben Pferde und verkauft sie auch wieder. Mit dem Gut war die Patronatsrolle für die Kirchengemeinde verbunden. Pulvermann kann allerdings nur selten an den Zusammenkünften der Gemeindevorsteher teilnehmen, weil er viel auf Geschäftsreisen ist. England, Norwegen, Nord- und Südamerika werden ausdrücklich mehrfach erwähnt. Selbstverständlich reist Pulvermann auf Luxusschiffen in der Luxusklasse.
Die Arbeit auf dem Gut, die Zucht mit Pferden, Rindern und Schweinen, werden einfache Leute erledigt haben, und denen blieb der Lebensstil der Pulvermanns natürlich nicht verborgen. Nur durch einen Satz deutet der Autor die sozialen Spannungen an, wenn er nämlich erwähnt, in der mündlichen Dorfchronik sei vermerkt worden, daß das herrschaftliche Auto ein Huhn überfahren hat. Das war für den Besitzer des Huhns vermutlich ein herber Verlust. Nicht vermerkt ist, ob dieser Verlust großzügig entschädigt wurde. Anzunehmen ist, daß dies versäumt wurde, denn sonst wäre der Vorfall wohl heute nicht mehr präsent. So schafft man sich Feinde.
Auch die politischen Einlassungen des Helden bleiben im wesentlichen im Dunkeln. Vermutlich hat der Autor hier nicht den gnädigen Vorhang des Vergessens ausbreiten wollen, sondern einfach mehr nicht in Erfahrung bringen können. In einem gesonderten Abschnitt, Würdigung überschrieben, faßt Winkelmann seinen Eindruck von Pulvermann auf anderthalb Seiten zusammen:
| [...] Sichtbarer Ausdruck seiner Lebensfreude und Vitalität war seine Leidenschaft für den Reitsport, zu dessen großen Persönlichkeiten er durch die Gründung des Deutschen Springderbys und seiner reiterlichen Erfolge in der 1920er Jahren gehörte. Die Verbundenheit mit den Pferden und die Freundschaft mit den Reitern waren ihm ebenso wichtig wie der Sieg auf dem Turnierplatz [...]
Politisch war er dem konservativen Lager zuzurechnen. Seine Ablehnung des internationalen Sozialismus formulierte er früh, den wahren Charakter und die Gefahr des Nationalsozialismus erkannte er erst später. [...] a.a.O., Seite 134 | | |
Diese Würdigung wird begleitet von einem Kopfporträt, das Pulvermann als feinen hanseatischen Typ zeigt, als mächtigen Herrenmenschen, der gewohnt ist, sich durchzusetzen.
Die eigentliche Tragödie dieses Mannes kann vermutlich ebenfalls nicht aufgeklärt werden. Zweifellos kann Pulvermann die Gefahr, die ihm persönlich durch die Rassengesetze drohte, nicht übersehen haben. Darauf geht der Autor allerdings mit keinem Wort ein. Nach dessen Darstellung muß man den Eindruck haben, daß Pulvermann von der Perfidie des nationalsozialistischen Apparats überrascht worden ist. Das kann man von einem Mann dieses Kalibers allerdings nicht annehmen.
Wie dem weltgewandten Lebemann der Fehler unterlaufen konnte, eine flapsige Bemerkung an seinen Cousin in New York über die Lebensmittelversorgung als Schluß eines Geschäftsbriefes zu wählen, der immerhin in einem Rosenstrauß versteckt an Bord eines Schiffes geschmuggelt und von einem Kurier in die USA befördert werden mußte, diesen Fehler sogar zu verdoppeln, indem eine Abschrift dieses Briefes im Geschäftstresor in Norwegen deponiert wurde, wird man vermutlich nicht aufklären können. Die Frage hätte man aber stellen müssen. Als die Nazis Norwegen überfielen, wurde der Banktresor untersucht und der Brief gefunden. Damit war sein Schicksal besiegelt, die Nazis hatten ihn im Visier und ließen nicht los.
Die vieljährigen Prozesse sind nur insofern interessant, als man die Methoden studieren kann, mit denen brutale Unrechtssysteme sich der Menschen als ausführende Organe bemächtigen und unschuldige Menschen vernichten. Immerhin haben die Gerichte einen Großteil der herbeigezogenen Vorwürfe fallenlassen, trotzdem aber Pulvermann wegen Nichtigkeiten, etwa der ewähnten Bemerkung über die Versorgungslage, verurteilt. Den Nazis ging es aber vermutlich gar nicht um den Mann und auch nicht um sein Halbjudentum, sondern um sein Vermögen. Immerhin mußten sie einen teuren Krieg finanzieren. Deshalb wurde Pulvermann nie freigelassen, sondern gleich wieder in "Schutzhaft" genommen. Mit rechtsstaatlichen Mitteln kann man einem Unrechtsstaat nicht beikommen. Natürlich haben die Nazis bekommen, was sie wollten. Seine Frau mußte stellvertretend einen seiner Betriebe verkaufen. Einige Jahre nach dem Krieg wurde immerhin vom Erwerber eine angemessene Entschädigungssumme gezahlt.
Pulvermann hatte sich als Amerikaner freiwillig naturalisieren lassen, um als Kavallerist in die deutsche Armee eintreten zu können. Bekanntlich hat sich der Pferdesport vornehmlich aus der Militärreiterei entwickelt. Die zivilen bäuerlichen Reitervereine, die nach dem Zweiten Weltkrieg überall gegründet wurden, sind nach der Machtergreifung sehr schnell komplett in die SA übernommen worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen die Reiter ebenso schnell pauschal einen Persilschein. Diese Verstrickungen werden von Winkelmann nicht einmal erwähnt. Ich vermute, daß er zum Pferdesport keine tiefere Beziehung hat.
So ist dieses Buch, wie der Titel ja auch schon andeutet, in erster Linie kein Buch für Reiter, sondern für Zeitgenossen, die sich für die Geschichte interessieren - und weil Pulvermann in der Geschichte des Reitsports eine bedeutende Rolle spielt und jeder Reiter auch ein politischer Bürger ist oder sein sollte, wünsche ich diesem Buch auch viele Leser aus Reiterkreisen, auch wenn die Pferde und die Reiterei nur am Rande eine Rolle spielen. Man kann die Gegenwart nicht verstehen, wenn man die Vergangenheit nicht kennt. Vielleicht nimmt jemand anders diesen Stab auf und schreibt eine weitere Monographie über einen prominenten Reiter, der im Dritten Reich eine rühmliche oder unrühmliche Rolle gespielt, der von den Verhältnissen profitiert hat oder von diesen vernichtet worden ist.
Erstmals las ich von den sogenannten » Stolpersteinen; am 30. September 2005 hat der Spiegel über die Aktion berichtet, wie ich durch Google schnell herausfand:
| Im CDU-regierten Hamburg, der Hauptstadt der Stolpersteine, stellt sich zwar Bürgermeister Ole von Beust demonstrativ hinter die Aktion. Sie erinnere daran, dass "wir durch Duckmäuserei dem Terror den Weg geebnet haben", so von Beust. Doch in den feinen hanseatischen Clubs etwa, dem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, schweigt man auch heute noch lieber über den Verbleib der ermordeten jüdischen Mitglieder. [...]
Einen Schritt weiter ist immerhin der Norddeutsche und Flottbeker Reiterverein gegangen. Sein prominentes Mitglied der dreißiger Jahre, Eduard Pulvermann, nach dem das Sprung-Hindernis benannt ist, wurde am 2. Februar 1944 in Neuengamme ermordet. Erst auf Anfrage von Hess entschied sich der Club, einen Stolperstein zu stiften. Ende August wurde der Stein eingeweiht, die Töchter und Enkel Pulvermanns waren zugegen, es gab Tee bei Familie Bardehle, den neuen Eigentümern, die alten Damen erzählten von früher. Vom Club kam auf die Einladung zur Einweihung nicht einmal eine Absage. » Stein oder nicht Stein? | | |
Auch der Spiegel spricht davon, daß Pulvermann ermordet worden sei, wie es der Künstler auf der Plakette vermerkt hat. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht; Pulvermann ist an den Folgen der Haft gestorben, und somit kann man natürlich formalistisch konstruieren, daß er durch die Haft "ermordet" worden sei - aber ich fürchte, der Begriff "Mord" ist juristisch einwandfrei definiert und trifft auf Pulvermann definitiv nicht zu. Wie es geschehen konnte, daß wider besseres Wissen diese Plakette mit diesem Text und dem besseren Wissen aller Beteiligten, etwa der Angehörigen, im Pflaster versenkt wurde, klärt der Autor ebenfalls nicht. Statt dessen verwendet er bzw. seine beauftragten Gestalter die Plakette zweimal prominent im Buch, ohne auf diese meines Erachtens nicht unwichtige Einzelheit einzugehen. Im Nachwort bedankt sich der Autor bei vielen Institutionen und Privatpersonen, die ihm bei der Recherche geholfen haben. Indirekt bedankt er sich auch bei vielen anonymen Helfern:
| Wesentliche Informationen habe ich durch Recherchen im Worldwide Web erhalten, an die ich ohne dieses Medium nicht gekommen wäre. Nutzen konnte ich das Internet nur Dank der Unterstützung durch meinen Schwiegersohn Dr. Thomas Leineweber, Lübeck. a.a.O., Seite 152 | | |
Schade - ich stelle mir vor, daß gerade die Recherche im Internet besonders viel Spaß gemacht hätte. Immer wieder erlebe ich, daß Menschen sich zu alt fühlen für neue Techniken. (Manche dieser Menschen sind noch nicht mal dreißig.) Meine älteste Freundin im Internet war 84 und hatte mit 72 ihren ersten Computer bekommen. Man ist nie zu alt.
Sämtliche Fakten und Darstellungen sind mit entsprechenden Anmerkungen versehen. Das macht die Lektüre etwas umständlich; eigentlich handelt es sich um Fußnoten, die bekanntlich auf derselben Seite stehen und deshalb den Lesefluß nicht allzu sehr unterbrechen. Statt dessen sind die Fußnoten hier am Ende zusammengefaßt, was formal absolut in Ordnung ist, wodurch die Lektüre aber erheblich erschwert wird. Immerhin ist der Umschlag ein Klappendeckel und die Klappen ließen sich als Lesezeichen mißbrauchen.
Die Pferdezeitung hat in der Serie über die Geschichte der FN ebenfalls über Pulvermanns Ende berichtet, und zwar als Zitat aus dem Jubiläumsband › 100 Jahre FN:
| Nicht in den Gaskammern der Vernichtungslager, sondern in Konzentrationslagern geht das Leben der prominentesten Juden im Pferdesport zu Ende. Der Hamburger Kaufmann Eduard F. Pulvermann, Schöpfer des Deutschen Spring-Derbys, wird 62jährig zu Tode erschöpfte ins Gefängnislazarett Langenhorn gebracht, wo er am 9. April 1944 stirbt. Zuvor war er unter dem konstruierten Verdacht der Spionage verhaftet worden und über längere Zeit dem Terror, den Mißhandlungen und Entbehrungen im Konzentrationslager Neuengamme am Rande von Hamburg ausgesetzt. Pulvermann, ein England-Freund und Sohn einer Amerikanerin - seine Eltern führten einige Jahre in New York ein Im- und Exportunternehmen - verabscheute die Nazis zutiefst und hatte sich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Pferdesport wie dem öffentlichen Leben fast völlig zurückgezogen. › Judenverfolgung | | |
Nach der Lektüre des Buches bin ich mir nicht mehr so sicher, ob man die Formulierung "verabscheute die Nazis zutiefst" wirklich halten kann. Richtig ist wohl, daß er sich zurückgezogen hatte, aber über die Gründe berichtet Winkelmann nichts, und schon gar nichts über einen angeblichen Nazihaß. Übrigens liegt auch hier ein sachliche Fehler vor: Beide Eltern waren Amerikaner, allerdings erst seit kurzer Zeit; der Vater war aus Posen nach Amerika ausgewandert, die Eltern der Mutter aus Österreich. Der Vater war Teilhaber des New Yorker Unternehmens seines Schwiegervaters und in Hamburg Repräsentant für Europa und Asien. Aber das wußte die Autorin wohl nicht besser. Der Jubiläumsband verzichtet weitgehend auf Einzelnachweise, wurde aber unter Ausnutzung der Bibliothek des Deutschen Pferdemuseums geschrieben..
Pulvermann wird auf allen Fotos dieses Buches als Reiter mit Zylinder dargestellt, nur nicht in der Pferdezeitung. Das machte den Autor neugierig. Er ist nach wie vor interessiert an weiteren Einzelheiten und bittet die Leser, ihn zu informieren, falls diese mehr wissen ( › poesel-press@hamburg.de). Dieses Foto war es, das den Autor dazu bewog, mir einen Brief und ein Rezensionsexemplar zu schicken.
Ich muß ihn leider enttäuschen; das Foto habe ich aus dem erwähnten Jubiläumsband übernommen, der sein Bildmaterial zum überwiegenden Teil aus dem Archiv Menzendorf hat, das wiederum mittlerweile Bestandteil des Deutschen Pferdemuseums in Verden ist. Es ist natürlich merkwürdig, daß im Jubiläumsband ausgerechnet ein für Pulvermann untypisches Foto ausgesucht worden ist. Wie das wohl wieder zu erklären ist?
Winkelmann bringt übrigens ebenfalls Bilder von Menzendorf - dieser war ja auf Pferde spezialisiert und hat selbstverständlich auch Pulvermann fotografiert. Im Deutschen Pferdemuseum scheint der Autor nicht recherchiert zu haben; ich nehme an, daß Pulvermann immer wieder in der St. Georg erwähnt wurde. Immerhin hat er 1927 in Den Haag die Mannschafts-Goldmedaille im Springreiten gewonnen. Das ist umso merkwürdiger, als Winkelmann sich beim Aachen-Laurensberger Rennverein, beim Reiterverein Bad Kissingen und dem Gestüt Harzburg umgetan hat, natürlich auch bei den norddeutschen Reitervereinen. Verden liegt ja eigentlich vor der Haustür. Zeigt das, daß auch Reitervereine das Museum und seine Schtze nicht kennen?
Die Ausstattung des Buches ist vorzüglich. Da waren Fachleute am Werk, die sich allerdings auch ein bißchen von ihrer Kreativität haben mitreißen lassen. Das Buch hat ein sehr ernstes Thema. Es geht weniger um Pferde, mehr um das tragische Schicksal eines nicht unbedeutenden Mannes. In diesem Zusammenhang konnte ich launigen Einfällen wie der spiegelverkehrten Wiederholung von Motiven auf der Vorder- und Rückseite, die mir zuerst am Klappendeckel aufgefallen ist, sich aber durchgängig auch in den zwischengeschossenen Kapiteltrennseiten findet, wenig abgewinnen. Ansonsten ist die Gestaltung professionell, großzügig, gediegen, angenehm. Der Autor und sein Verlag haben sich da nicht lumpen lassen.
Hinten eingeklebt sind zwei Errata, Fehlschreibungen von unwesentlichen Eigennamen. Das Buch ist also herkömmlich produziert. Vermutlich liegen mehrere 1000 Stück auf Lager und alle Exemplare haben diese Druckfehler oder besser Satzfehler. Jedes einzelne Buch ist mit diesem Fehlerzettel versehen worden. Welch ein Aufwand! Selbstverständlich besitzt das Buch eine ISBN und wird auch bei Amazon gelistet - allerdings ohne Preis, und kaufen kann man es auch nicht. Amazon wird es vermutlich nie führen wollen.
Ein Autor möchte nicht nur, daß sein Buch gedruckt wird, es soll auch gekauft und gelesen werden. Ein Verlag lebt davon, daß Bücher produziert und verkauft werden und ist in diesem Sinne auch eine Marketingmaschine. Genauso, wie ich die Frage nach einem Auftraggeber verneinen mußte, muß man wohl annehmen, daß kein Pferdeverlag dieses Buch hätte verlegen wollen, nicht einmal der FN-Verlag, der sich vielleicht durch seine Eigentümer der Geschichte mehr verpflichtet fühlen könnte. Mit einem solchen Buch kann man vermutlich kein Geld verdienen.
Außerdem geht es ja eigentlich gar nicht um Pferde. Es geht um das Schicksal eines Hamburger Kaufmanns, der unter die Räder eines teuflischen Regimes geraten ist. Davon möchte doch niemand etwas wissen, am allerwenigsten die Reiter und deren Organisationen. Soweit es um Pferde geht, hat sich der Autor auf einen einzigen Aufsatz bezogen, und woher der Autor dieses Aufsatzes seine Kenntnisse hatte, bleibt verborgen.
Die derzeitige Diskussion um rechtsradikale Ausschreitungen zeigt, daß dieses Thema in unserer Gesellschaft noch keineswegs gegessen ist, im Gegenteil - die latente Juden-/Ausländerfeindlichkeit wurde auch in dem erwähnten Spiegel-Artikel sehr deutlich. Insofern ist dieses Buch ein außerordentlich notwendiges Buch und es ist ihm zu wünschen, daß es eine große Leserschaft und viele Auflagen erleben möge.
Es hat bei mir einen großen Eindruck hinterlassen, vielleicht gerade weil es eine Unmenge von Fragen aufwirft und unsere heutige Zeit in einem neuen Licht erscheinen läßt. Auch damals war es offenbar möglich, in kürzester Zeit ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. Die sozialen Verhältnisse und Ereignisse in Pulvermanns Jugend werden sehr plastisch geschildert. Dieser beziehungsweise sein Vater gehörte zu den Glücklichen, und er baute den Erfolg weiter aus, soweit es die Zeitumstände zuließen, bis diese ihn zermalmten.
Ein Tip für Joachim Winkelmann und andere Autoren, die sich das Risiko eines eigenen Verlages nicht leisten können: Es gibt inzwischen Book on Demand. Die Firma » Lightning Source arbeitet überwiegend für Verlage, die damit die risikoreichen Produktionen abdecken, also unbekannte Autoren, unbekannte Bücher, vergriffene Bücher, bei denen sich eine Neuauflage nicht lohnt oder zu risikoreich erscheint. Die drucken mittlerweile eine Million Bücher im Monat, wobei jeder Titel durchschnittlich nur 1,8 mal gedruckt wird (siehe dort ein sehr interessantes Video über das Produktionsverfahren). Ob es sich für einen unbekannten Autor lohnt, mit dieser Firma ins Geschäft zu kommen, kann ich nicht beurteilen, aber die Zahlen sprechen für sich - wenn alteingesessene Verlage sich der neuen Methoden bedienen, können diese nicht falsch sein.
Die Firma » BoD in Hamburg, Pionier dieser Technik in Deutschland und Tochter des Grossisten Libri, hat ist hierzulande der Platzhirsch, kostet aber mittlerweile mehrere Hundert Euro Eintritt und montaliche Gebühren. Seit Sommer 2006 gibt es eine Alternative, die ich sehr empfehlen kann: › Lulu.com; allerdings scheinen die Ergebnisse vom gewählten Format abzuhängen - mit Taschenbüchern habe ich keine Erfahrungen, mit gebundenen Vollfarb-Großformaten sehr gute. Da es dort aber nichts kostet, ein Buch zu verlegen, ist die Investition in ein Probeexemplar allemal den Versuch wert (bei 160 Seiten in diesem Format 4,70 EUR zuzüglich 1,99 EUR Versandkosten: » Druckkosten). Damit hat man allerdings lediglich die Druckkosten im Griff. Die Vermarktungsprobleme werden so nicht gelöst.
Der erwähnte Journalist der Kieler Nachrichten erzählt eine Geschichte über die Namensgebung von "Pulvermanns Grab", die von Joachim Winkelmann ganz anders wiedergegeben wird. Hat er 2006 dem Journalisten die andere Geschichte erzählt und ist später eines Besseren belehrt worden oder hat dieser selber recherchiert und wurde falsch informiert? Noch eine Frage, die nicht beantwortet wird.
Vor der Gründung des Hamburger Derbys hat Pulvermann nämlich in Travemünde einen Parcours ausgerichtet und dort erstmals dieses spezielle Hindernis gebaut. So wie er auch in Hamburg immer als erster gestartet ist, um zu beweisen, daß die Schwierigkeiten bewältigt werden können (auch wenn er selber das Derby und speziell diesen Sprung nie fehlerfrei geritten ist), hat er auch das Hindernis in Travemünde ausprobiert und ist dabei in den Graben gefallen.
Darüber soll sich ein Mitreiter köstlich amüsiert und die Szene mit "Pulvermanns Grab" charakterisiert und damit diese Bezeichnung geprägt haben. Ganz so lustig ist das nicht, denn nach wie vor kommen an solchen Hindernissen Reiter zu Tode - in diesem Jahr hat es in Deutschland zwei junge Frauen erwischt. Pulvermann war jedenfalls von diesem Hindernis so angetan, daß er es auch auf seinem Gut hat nachbauen lassen, wo es bis heute steht.
Die Wikipedia schreibt:
| Als eines der bedeutendsten Derbys im Springreiten gilt das Hamburger Springderby im Jenisch-Park in Klein Flottbek. Das Hamburger Springderby wird in Fachkreisen auch als das schwierigste Derby weltweit bezeichnet. Das besondere am Hamburger Derby ist der 1230 m lange Parcours, der vom passionierten Jagdreiter Eduard Pulvermann gestaltet und seit 1920 weder in seiner Linienführung noch in seinen Hindernissen verändert wurde. Lediglich die Höhe der Sprünge und vor allem die Tiefe der Stangenauflagen wurden über die Jahrzehnte sukzessive dem Leistungsniveau angepaßt, zuletzt in 2007, um den Schwiegigkeitsgrad trotz des verbesserten Bodens zu erhalten. Unter den weltberühmten Naturhindernissen, die der holsteinischen Landschaft entnommen sind, ist wohl das bedeutendste bzw. das attraktionsreichste Hindernis der Große Wall. Ein weiteres bekanntes Hindernis ist Pulvermanns Grab. Der Parcours weist eine für heutige Verhältnisse ungewöhnliche Länge auf. Er fordert also neben einem gewissen Springvermögen in besonderem Maße Mut, Vertrauen und Kondition von Pferd und Reiter. Seit in internationalen Prüfungen schon der zweite Ungehorsam des Pferdes zum Ausschluss führt, hat die Zahl der Ausschlüsse trotz hochkarätiger Starterfelder im Springderby deutlich zugenommen.
Das Derby wird jedes Jahr von ca. 25.000 Zuschauern besucht. Das Preisgeld betrug 2004 insgesamt 550.000 €, wovon dem Sieger des Derbys 250.000 € zustehen. » Hamburger Springderby | | |
Diesen Text hätte ich gern auch im Buch gelesen. Der Autor hat mehrfach aus der Wikipedia zitiert; diese Informationen würden dem Nicht-Reiter die Dimension dessen vor Augen geführt haben, was Pulvermann seinerzeit initiiert hat. Zu spät. Übrigens noch ein Vorteil des Book on Demand: Man kann jederzeit den Inhalt auf Vordermann bringen. Allerdings nur, wenn man keine ISBN-Nummer hat - sonst ist es eine zweite Auflage, die eine neue ISBN-Nummer braucht. Auch das wäre kein Beinbruch. Man kann die im Paket kaufen - für einen Verlag ein selbstverständlicher Vorgang.
Aber eine ISBN-Nummer nützt auch nichts, wenn man bei Amazon und sonstwo kein Bein an den Boden kriegt. Für Bibliotheken könnte die ISBN-Nummer allerdings Voraussetzung sein - informiert habe ich mich aber noch nicht. Dissertation und Diplomarbeiten besitzen üblicherweise auch keine ISBN-Nummer und werden trotzdem in Bibliotheken geführt - aber das kann man ja klären. Bei Lulu gibt es ISBN-Nummer und Vermarktungspaket (Amazon etc.) für 50 EUR pro Buch.
Zur Klarstellung: Dies ist meine persönliche Meinung, die auf meiner Erfahrung basiert. Ich bin mit der Firma Lulu in keiner Weise verbunden und erhalte keinerlei Vergütung für die Publikation meiner Ansicht. Als interessierter Zeitgenosse beobachte ich, wie sich die Buchproduktion revolutioniert. Man hat schon behauptet, daß diese Entwicklung eine ähnliche Bedeutung für unsere Kultur haben wird wie die Erfindung des beweglichen Letternsatzes durch Gutenberg. Da könnte was dran sein.
erschienen 26.08.07 | |