
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist bei Amazon positiv rezensiert worden; lediglich der Preis wurde bemängelt. Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Das Buch ist sehr umfangreich, hervorragend ausgestattet, wunderbar illustriert (die Fotos stammen von der Autorin selbst, die sich damit auch als begabte Fotografin beweist) und enthält eine solche Fülle von Wissen und Erfahrung, daß der Preis mehr als gerechtfertigt erscheint.
Wer sich ernsthaft mit dem Westernreitsport auseinandersetzen will, sollte dieses Buch gründlich studieren, am besten, bevor man die erste Reitstunde nimmt oder gar ein Pferd kauft. Umfassender und gründlicher kann man sich in diese Materie nicht einführen lassen. Aber auch für fortgeschrittene Westernreiter finden sich naturgemäß viele wertvolle Hinweise, gerade weil die Westernszene nicht minder kompliziert und zersplittert ist wie der Rest der Pferdewelt.
Man kann dieses Phänomen natürlich auch Spezialisierung nennen. Die Spezialisierung geht im Westernbereich bis zur Zucht, genau wie im Bereich der Warmblüter oder der sonstigen Spezialrassen. Wer im Springsport Erfolg haben will, braucht zunächst das richtige Pferd, und genauso ist es im Westernsport. Wer in der Reining vorne mitmischen will, braucht nicht irgendein Pferd, sondern eines der richtigen Blutlinien. Auch in dieser Hinsicht leistet das Buch ganze Arbeit und bietet Informationen, die man anderswo nicht findet:
| - Hunter Horses: In Deutschland sind diese Pferde kaum verbreitet, werden aber insbesondere für die Englischklassen (Hunter under Saddle) gern eingesetzt, da sie über raumgreifende Gänge verfügen. Hunter Horses sind recht groß und können diesbezüglich gut und gerne mit einem Deutschen Warmblut konkurrieren. Allerdings sind die feiner gebaut und ähneln auch sonst den Pleasure Horses. Der Vollbluteinfluß ist nicht zu leugnen, in den USA gibt es Hunter Horses, die fast reine Vollblüter sind.
- Reining und Cutting Horses: Insbesondere Cutting Horses sind im Vergleich oft recht klein, da sie sehr wendig sein müssen. Allerdings sind diese Pferde recht kompakt, haben eine ausgesprochen stark bemuskelte Kruppe Sliding Stops auszuführen. Sie sind deshalb für Manöver prädestiniert, bei denen sich das Pferd auf die Hinterhand setzen muß. Die meisten Training Horses stammen von Pferden der Cowhorselinie ab, die auch einen ausgeprägten Cow Sense mitbringen. Es gibt viele Vertreter für diesen Quarter-Horse Typ; sehr bekannt sind unter anderem die Gründerhengste King, Leo und Doc Bar. Zu den unzähligen weiteren Vertretern und Nachkommen dieser Linien gehören Hollywood Gold, Joe Cody, Hollywood Jac 86, Hollywood Dun It, Mr Gunsmoke, Mr San Peppy, Peppy San Badger,Cutter Bill, Smart Little Lena, Freckles Playboy, Bueno Chex, Be Aech Enterprise, Colonel Freckles, Sugar Bars, Doc Tari und viele mehr.
- Racing Horses: In den USA sind die Quarter-Horse-Rennen entstanden und nach wie vor populär. Die Racing Horses schlagen über eine Kurzstrecke sogar das englische Vollblutpferd, das war ausdauernder, aber nicht so antrittsschnell ist. Die Rennszene findet in Deutschland nur wenige Anhänger. Vertreter von Racing Horses sind beispielsweise Dash for Cash und Easy Jet.
Erbkrankheiten
Im Rahmen der Spezialisierung der Quarter Horses auf bestimmte Disziplinen mit dem Ziel, möglichst schnell Spitzenpferde zu züchten, stellen sich immer mehr Zuchtprobleme in Form von vererbbaren Krankheiten ein. Je mehr in Zucht in einer Rasse betrieben wird, wobei nahe Verwandte miteinander gepaart werden, desto größer ist zum einen zwar die Wahrscheinlichkeit, daß sich wünschenswerte Eigenschaften fest im Erbgut verankern, d. h. dominant werden. Äquivalent dazu vergrößert sich zum einen aber auch die Wahrscheinlichkeit von Gendefekten und Erbfehlern. Mißbildungen und Erbkrankheiten entstehen insbesondere durch Inzucht, so daß dieses Zuchtverfahren sehr umstritten ist.
Die meisten Züchter bedienen sich zwar der sogenannten Linienzucht, bei der keine Verwandten erster Linie, sondern entfernter verwandte Tiere miteinander gepaart werden, dennoch kann man das Risiko von Erbkrankheiten auch hier nie ganz ausschließen. Und obwohl es bei vielen Pferderassen bestimmte Gendefekten in Form von Mißbildungen oder anderen Krankheiten gibt, häufen sich doch gerade Quarter Horse derartige Probleme.
Zunächst kennt man beim Quarter Horse die Muskelkrankhei HYPP (Hyperkalemic Periodic Paralysis Disease). Pferde mit dieser Erbkrankheit können plötzliches Muskelzittern bekommen oder auch von schlimmen Lähmungsattacken befallen werden. In extremen Fällen können diese Attacken aufgrund von Atem- und Herzstillstand zum Tod des Tieres führen. Die Symptome können recht unterschiedlich sein. Streß und ein erhöhter Kaliumionenspiegel können die Symptome verstärken.
Manche Pferde tragen die Krankheit in sich, ohne daß sie ausbricht, können diesen Gendefekten aber an die Nachkommen weitervererben. Es gibt Experten, die bei HYPP von einem Gendefekten sprechen, der durch Inzucht entstanden ist, andere widersprechen dieser These und meinen, daß es sich um eine Mutation handelt.
Sicher scheint jedoch zu sein, daß dieser Erbkrankheit von dem Hengst Impressive ausgeht, denn HYPP wurde nur bei Nachkommen dieses Hengstes festgestellt. Insgesamt tragen vier Prozent aller Quarter Horses diesen Erbdefekt in sich. Impressive wurde auf den Vollblüter Three Bars gezogen und hat den Defekt in seiner Zuchtkarriere an jedes zweite Fohlen weitergegeben.
Durch einen Gentest kann man feststellen, ob das jeweilige Pferd das HYPP-Gen in sich trägt. Bei Pferden, die von beiden Elterntieren das Gen vererbt bekommen haben - sogenannte Doppelgenträger - sind die Symptome meist besonders schlimm. Diese Pferde werden von der AQHA (American Quarter Horse Association) nicht registriert. HYPP-Einzelgenträger sollen nur sehr limitiert, am besten aber gar nicht zur Zucht eingesetzt werden, um die Erbkrankheit nicht weiter zu verbreiten.
Eine sehr seltene Erkrankung, die [...] a.a.O., Seite 74 | | |
Diese sorgfältige Arbeit zieht sich durch das ganze Buch. Beispielsweise behandelt die Autorin das Thema "Zäumungen und Gebisse" auf neun Seiten und stellt dabei über zwanzig verschiedene Gebisse vor. Ein Auszug:
| Die Art des Mundstücks bestimmt auch die Wirkungsweise im Maul des Pferdes. Gemeinsam haben alle Snaffle-Bit-Formen, daß der von der Reiterhand ausgehende Druck direkt auf das Maul des Pferdes übertragen wird. Das Pferd spürt die Einwirkung insbesondere auf den Laden und in den Maulwinkeln. Bei ungebrochenen Snaffle-Bit-Arten drückt das Gebisse auch auf die Zunge. Je größer jedoch die Zungefreiheit, desto mehr Druck wird auf die Laden umgelenkt. Die meist gebräuchlichen einfach gebrochenen Trensengebisse knicken in der Mitte ab und üben somit weniger Druck auf die Zunge aus, zwängen dafür aber den Unterkiefer stark ein. Dies nennt man den "Nußknackereffekt". Einfach gebrochene Snaffle Bits können mit dem hochgestellten Mittelstück auch auf den Gaumen drücken.
Den Nußknackereffekt kann man völlig ausschalten, wenn man sich für eine doppelt gebrochenes Snaffle Bit entscheidet. Hier ist der Druck auf den Gaumen ebenfalls kein Thema mehr. Somit hat man mit der doppelt gebrochenen Trense die mildeste Wirkung aller Snaffle-Bit-Arten. Das doppelt gebrochene Snaffle Bild kommt deshalb auch häufig bei jungen Pferden zum Einsatz.
Weil man in der Westernreitweise auch die Verwendung eines Reithalfters verzichtet, kann das Pferd jederzeit das Maul öffnen, um einen starken Druck im Maul abzumildern. Hierdurch jedoch besteht die Gefahr, daß der Reiter dem Pferd das Gebiß durch das Maul zieht. Darum ist es auf Turnieren Vorschrift und in der Freizeit aus Sicherheitsgründen unerläßlich, daß ein Kinnriemen eingeschnallt wird. Dieser Lederriemen sollte eine Mindestbreite von 1,25 Zentimetern (auf dem Turnier ist diese Mindestbreite zwingend) haben und locker verschnallt werden. Kinnketten sind für diese Zwecke zwar auch möglich, auf dem Turnier bei Verwendung eines Snaffle Bits jedoch nicht erlaubt (siehe Fußnote auf Seite 24).
Das Snaffle Bit wird mit einem Stirnriemenzaum am Pferdekopf fixiert. Die Ein- oder Zweiohr-Kopfstücke werden nur in Verbindung mit einer Hebelarmzäumung, die auf dem Turnier einhändig geführt wird, verwendet. Ein- oder Zweiohr-Kopfstücken fehlt meist der Kehlriemen dies kann insbesondere fürs Geländereiten problematisch sein, weil das Pferd sich das Kopfstück ohne große Mühe abstreiten könnte. Deshalb sollte man nur mit einem Stirnriemenzaum, der für gewöhnlich mit ein Kehlriemen ausgestattet ist, ins Gelände reiten. a.a.O., Seite 99-101 | | |
Selbstverständlich behandelt das Buch auch die Ausbildung des Pferdes und des Reiters. Freilich kann man von einem Buch nicht verlangen, den Unterricht zu ersetzen. So dient dieses Buch auch jeden erster Linie der Vermittlung von Wissen, das anschließend durch einen kleinen Test abgefragt wird, z. B.:
| - Wie wünscht man sich die Gänge eines Westernpferdes?
- Erklären Sie den Unterschied zwischen Schritten und Tritten.
- Wodurch unterscheidet sich die Gangart Walk von den Gangarten Jog und Lope?
- Beschreiben Sie die Fußfolge im Linksgalopp.
- Soll man ein Westernpferd leichttraben?
Warum? - Worin unterscheidet sich der Jog eines Westernpferdes vom Trab eines englisch gerittenen Dressurpferdes?
- Wonach richtet sich die Wertigkeit bestimmter Lektionen und Ausbildungsschritte im Westernreiten? [...]
44. Aus welcher Vorübung heraus kann der Spin entwickelt werden? 45. Welchen Sinn hat das Reiten im Außengalopp? a.a.O., Seite 174, 175 | | |
Man sieht spätestens an diesem Beispiel, daß es sich tatsächlich um ein Lehrbuch handelt, das sorgfältig studiert werden will. Als Westernreiter wird man es sich kaum leisten können, dieses Buch zu ignorieren. Und wer erst mit dem Westernreitsport liebäugelt, kann nichts besseres tun, als sich mit Hilfe dieses Buches gründlich in die Materie einzuarbeiten. Dann weiß man wirklich, was einen erwartet.
Allerdings mache ich mir keine Illusionen - so wird man selten zum Pferdesport gelangen. Im allgemeinen ist es umgekehrt - die Faszination ist da, man hat mit einer oder zwei Reitstunden reingeschnuppert, sich gleich ein Pferd gekauft und steht nun da, mit allen Konsequenzen. Spätestens dann sollte man sich gründlich informieren, im eigenen Interesse und im Interesse des Pferdes. Dieses Buch ist dann vermutlich die beste Wahl, wenn sich irgendwie damit die Silbe "Western" verbindet.
erschienen 15.07.07
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 314, Ettl, Renate: › Basispass Pferdekunde
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