
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Als erstes interessierte mich die Einleitung, deren Untertitel "Über Sinn und Unsinn der Round-Pen-Arbeit" betitelt ist. Unsinn?
Zunächst führt sie aus, wie der Round Pen hierzulande von sogenannten Pferdeflüsterern bekanntgemacht wurde und welche Rolle dieser in deren Herkunftsland spielt, wo viele Pferde tatsächlich halbwild leben. Von daher stellt sich ihr die Frage, ob man mit unseren Pferden überhaupt vernünftig im Round Pen arbeiten kann.
Sie beantwortet diese Frage nicht abstrakt, sondern über die Schilderung problematischer Übungssituationen, aus der sich der Unsinn geradezu ergibt:
| Oft sieht man eher, wie ein Reiter versucht, mit seinem Pferd im Raum Pen das nachzustellen, was er auf der letzten großen Show des Gurus oder im Fernsehen gesehen hat. Die entsprechenden Utensilien wie eine spezielle Wurfleine, Knotenhalfter und überteuerte harte Gerten mit einer Schnur daran hat er sich gleich im Komplettset mit dem Buch des Gurus gekauft. Nach fleißigem Heimstudium steht er nun [aber] im Round Pen, doch [und] sein Pferd zeigt sich alles andere als kooperativ. Die im Buch beschriebenen Unterwerfungsgesten zeigt es nicht - statt dessen versucht es immer wieder hereinzukommen! Also schickt man es weg, Runde um Runde - es muß doch mal nachgeben, man muß schließlich die "Dominanzfrage" klären.
Ich würde das Wort "Dominanzfrage" gern als Unwort des Jahres nominieren, denn allzu oft wird Dominanz mit der absoluten Unterwerfung verwechselt. Dabei stammt das Wort vom lateinischen "Domus", was schlicht und ergreifend Haus bedeutet. Der Hausherr beherrscht seine Untergebenen und seine Familie aber nicht wie ein Tyrann (sonst würde es heute die "Tyrannenfrage" heißen), sondern sorgt sich um deren Wohlergehen. Und er sorgt für Ordnung, die für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben aller Bewohner des Hauses notwendig ist.
Manche Round-Pen-Enthusiasten kommen mir aber nicht wie ein altgriechisches Familienoberhaupt, sondern viel eher wie ein römischer Imperator vor, wobei jedoch selbst bei den schlimmsten Imperatoren noch ein Hauch von Demokratie durch das römische Reich wehte!
Davon können manche Pferde, die im Round Pen schweißgebadet und verängstigt ihre Runden drehen, nur träumen, denn während ihre Besitzer verzweifelt auf eine Szene der Unterwerfung warten, die im Lehrbuch oft absolut übertrieben dargestellt wird, bietet das Pferd fünf Gesten der Unterwerfung an, die eben nicht in diesem Buch stehen. Oder es hat schon dreimal versucht zu kooperieren, aber das leise Signal wurde vom Besitzer einfach übersehen.
Das Ende solch einer Round-Pen-Session ist im besten Fall ein verwirrtes Pferd, das es seinem Besitzer aber nicht allzu übernimmt. Schließlich kann dieser seltsame Zweibeiner eh nicht reden, was sollte man da auch schon erwarten.
Im schlimmsten Fall könnte das Pferd neben erheblichen seelischen Schäden auch körperliche Schäden davontragen. Zwei Stunden im Kreis zu galoppieren, und das womöglich in einem Round Pen, dessen Boden hart und dessen Hufschlag schon ausgehöhlt ist wie eine Bobbahn, das belastet die Beine immens.
Auch macht auf Dauer das Rennen im Kreis das Fluchttier Pferd geradezu wahnsinnig. Als Fluchttier weiß es Distanzen recht gut einzuschätzen. Normalerweise rennt es bei Gefahr maximal zwei oder drei Kilometer und verharrt dann, um zu sehen, ob immer noch Gefahr im Verzug ist. Ein Kreis jedoch hat keinen Anfang und kein Ende, und somit hat das Pferd hier nicht einmal die Möglichkeit zu fliehen. Besonders sensible Pferde können im Round Pen geradezu hysterisch werden, und es wird problematisch, sie dann wieder anzuhalten.
Ist der Round Pen also wirklich das Allheilmittel, als das die Gurus uns ihn samt Methode verkaufen wollen? Um es kurz zu machen: nein! Falsch benutzt kann der Round Pen bestehende Probleme sogar noch verstärken.
Der Round Pen ist ein großartiges Hilfsmittel, wenn man sein Pferd noch nicht lange hat und mit ihm auf ruhige und verständliche Weise die "Wer führt wen?"-Frage klären will. Im Round Pen hat das Pferd keine Möglichkeit, uns die kalte Schulter zu zeigen, da es keine Ecken gibt, in die es sich stellen könnte. Daher eignet sich der Round Pen gerade zu Beginn einer Pferd-Mensch-Partnerschaft für den Menschen sehr gut, gegenüber dem Pferd Rangordnungspunkte zu sammeln und sich mit gewissen Übungen den Respekt und auch das Vertrauen des Pferdes zu erarbeiten. a.a.O., Seite 9, 10 | | |
Erkennen Sie sich oder jemand anderes wieder? Die Vision, die Karin Tillisch anschließend dem Leser unterbreitet, sieht ganz anders aus, nämlich mit dem eigenen Pferd so umzugehen, wie es die ganz großen Showstars auf den Abendveranstaltungen zeigen. Und sie winkt auch gleich mit der Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit zu produzieren und damit sogar Geld zu verdienen. Es geht also nicht nur um die Arbeit im Round Pen, sondern diese ist die Vorbereitung für die Freiheitsdressur. Natürlich muß dazu auch der Mensch, also der Leser, verändert werden, um die gewünschten Reaktionen des Pferdes hervorzurufen:
| Vielleicht stehen am Ende dieses Weges dann in Zukunft auch Ihre Pferde schon erwartungsvoll am Weidetor, wenn Sie mit dem Halter kommen! a.a.O., Seite 13 | | |
Karin Tillisch weiß, wovon sie redet, denn sie hat mit ihren Pferden genau den Weg zurückgelegt, den sie dem Leser empfiehlt. Die Illustrationen sind denn auch durchgängig mit ihren Pferden gemacht. Sehr viele Detailfotos versuchen, dem Leser das zu verdeutlichen, was man mit Worten schwer ausdrücken kann. Da der Mensch das Pferd durch Körpersprache bewegt und diese für Menschen relativ schwer zu erlernen ist, sind die Fotos (Christiane Slawik) absolut unverzichtbar. Man sieht förmlich, wie sie mit ihrem Pferd "tanzt", sie schreibt viel von Körperspannung, und damit sind wir gleich beim Hauptproblem. Es fällt vielen Menschen schon schwer, Körpersprache bei anderen Menschen zu erkennen und zu interpretieren, aber diese Körpersprache selbst zu sprechen, ist wieder ein ganz anderes Ding. Wie bringt man Spannung in seinen Körper, wie drückt man etwas körperlich aus?
Das letzte Drittel des Buches überträgt dann die im Round Pen gelernten Prinzipien auf die Arbeit auf dem Platz. Dabei benutzt die Autorin zunächst eine Longe, die sie an einer Halskordel befestigt. Schließlich kommt der "Moment der Wahrheit": das Pferd kann sich frei auf dem Platz bewegen. Jetzt zeigt sich, ob es mit den Menschen arbeiten möchte. Das Schlußwort greift die zentralen Probleme noch einmal auf:
| Viele Menschen, die tagtäglich von ihrem Pferd umgerannt, hinterhergeschleift oder auf den Fuß getreten werden, sehen es zuerst fast als Magie an, was im Round Pen oder gar in der Freiheitsdressur alles möglich ist. Da geistert dann schnell wieder das Wort "Pferdeflüsterer" durch die Luft, obwohl das Ganze mit Flüstern wenig zu tun hat, sondern viel eher mit genauer und kalkulierter Körpersprache.
Aber in welchem konventionellen Reitstall können Sie diese Körpersprache denn erlernen? Welcher Reitstall bietet Round-Pen- und Pferdesprache-Stunden an?
Gerade beim Unterricht von Kindern und Jugendlichen ist es in den meisten Ställen doch eher so, daß diese das bereits fertig gerichtete (und oft mit Hilfszügeln verschnürte) Pferd von den Reitern der vorherigen Stunde in Empfang nehmen und dann nach dem sogenannten Unterricht wieder an die nächste Gruppe abgeben. Wer hier mal in den Genuß kommt, ein Pferd putzen oder absatteln oder in noch selteneren Fällen auf die Weide führen zu dürfen, der kann sich schon glücklich schätzen.
Vor allem Letzteres kommt in solchen Reitställen so gut wie nie vor - nicht zuletzt weil diese Pferde dann beim Anblick der Koppel ihre kleinen Führmenschen einfach über den Haufen rennen oder einem Fähnchen gleich hinter sich herziehen. a.a.O., Seite 77 | | |
Nun möchte sie die Reitlehrer und Reitställe nicht pauschal verteufeln - auch die reagieren nur auf die Zwänge des Marktes. Eltern wollen nun mal nicht in Bodenarbeit investieren. Wenn dann später ein eigenes Pferd angeschafft wird, treten die Probleme auf, die oft so unlösbar erscheinen. Dabei ist doch alles so einfach, wie die Autorin beteuert, wenn man es richtig macht. Und wie man es richtig macht, hat sie in diesem Buch beschrieben.
| Ich werde oft in Interviews gefragt, wie es mir gelungen ist, den Widerspenstigen zu zähmen, da andere Trainer zuvor reihenweise an Shadow gescheitert sind. Ich verrate Ihnen mein Geheimnis: Ich habe nie versucht Shadow zu zähmen oder zu unterwerfen. Ich habe versucht einen Freund zu gewinnen, der mit mir und für mich durchs Feuer geht. Und ich denke, das ist mir recht gut gelungen!
Dieses Buch hat Ihnen gezeigt, wie leicht es ist, etwas in Freundschaft von Ihrem Pferd zu erbitten. Und Sie werden bald schon selbst erleben, mit welcher Freude es dann erbracht wird! a.a.O., Seite 78 | | |
Ein Motto am Schluß:
"Was man in Freundschaft erbittet, wird in Liebe und Freude gegeben. Was man im Kampf erzwingt, wird in Wut und Angst erbracht."
Die Autorin hat drei Webseiten: » www.Pegasus-System.com » www.Shadow-Show-Team.com » www.Blue-Starlight.com
erschienen 01.07.07
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 293, Tillisch, Karin: › Harmonie - Pferd und Mensch, Neue Wege zur vertrauensvollen Partnerschaft Ausgabe 396, Tillisch, Karin: › Reiten ohne Sattel und Zaumzeug, Über Trauen und Vertrauen, Harmonie zwischen Pferd und Reiter
| |