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Buch-Rezension · Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe
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Rashid, Mark

Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe


gebunden, 23,4 x 17,4 x 2,8 cm, 208 Seiten
Bernau, Juni 2006 · Animal Learn Verlag
ISBN 9783936188271


24,-  EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:



Rückentext

Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe


Mark Rashid arbeitet seit über 30 Jahren mit Pferden und ist durch seine besondere Art des Trainings weit über die Grenzen der USA hinaus bekanntgeworden. Als Junge erhielt er von einem alten Mann ein Geschenk, das er nun mit seinen Lesern teilt: Das Geschenk, Pferde wirklich zu verstehen, die Welt ein Stück weit aus ihrer Sicht wahrzunehmen und ihr Wesen und Handeln dadurch besser zu begreifen.

In seinem Buch schreibt er über das Leben und Arbeiten mit diesen wundervollen Tieren, über unterschiedliche Rassen wie Araber, Quarter Horse und Appaloosa und über die Art und Weise, ein Pferd zuzureiten oder ihm andere Dinge beizubringen.

Er erzählt Geschichten, die zum Nachdenken anregen und tief bewegen. Anrührend beschreibt er, wie die kleine Stute Sunny von Buzz, der Aushilfskraft auf der Ranch, mißhandelt wird, bis der alte Mann sie schließlich befreit. Er bringt seine Leser darüber zum Lächeln, daß ein Pferd als "Frauenhasser" gilt, obwohl es eigentlich nur kein Parfüm mag, und er berichtet humorvoll von seinem ersten, kläglich gescheiterten Versuch, auf einer Auktion das beste Pferd auszusuchen.

Durch Wils Geschichte läßt er uns verstehen, weshalb ein gutes Pferd niemals die falsche Farbe haben kann, denn Wil entsprach keinem gängigen Schönheitsideal, galt sogar als das häßlichste Pferd, das man je gesehen hatte - und entwickelte sich zum verläßlichsten Arbeitspartner und besten Freund, den man sich nur wünschen konnte.

Wenn Sie lesen, wie Mark Rashid Pferde betrachtet, sehen Sie Ihr Pferd vielleicht auch mit ganz anderen Augen...





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Mark Rashid erzählt Geschichten. Er hat keine Theorie, von der aus er alle seine Handlungen und Ideen ableitet, er beobachtet und versucht, daraus seine Schlüsse zu ziehen. Merkwürdigerweise erzählt er weniger von sich als vielmehr vom namenlosen alten Mann, für den er als Zwölfjähriger arbeitete. Entsprechend behauptet er in der Einleitung, daß dies gar nicht sein Buch sei, sondern das Buch eines anderen, das er lediglich zu Papier gebracht habe.

Ich meine mich zu erinnern, daß ich schon anläßlich der Lektüre des Buches  denn Pferde lügen nicht den Eindruck hatte, es handele sich um einen literarischen Kunstgriff. Geschichten kann nicht jeder erzählen, und viele meinen auch, daß Geschichten in Sachbüchern fehl am Platz sind. Handelt es sich hier also um Literatur? Eigentlich auch nicht, denn es geht dem Autor schon um die Vermittlung von ganz konkreten Anliegen. Er möchte, daß wir alle besser mit Pferden umgehen.

"Warum benutzen Leute Sporen?" fragte er plötzlich.
"Äh", begann ich, "um Ihr Pferd schneller zu machen?"
"Genau", sagte er. "Jetzt will ich dich etwas fragen. Haben die Indianer bei ihren Pferden Sporen verwendet?"
Ich mußte einen Moment innehalten und nachdenken. Ich erinnerte mich an Gemälde und Fotografien von Kriegern, die auf Pferden saßen, aber auf keinem der Bilder trug einer von ihnen Sporen.
"Nein."
"Richtig", sagte er und schüttelte den Kopf. "Einige der weltbesten Kriegspferde wurden von Prairieindianern geritten. Sie konnten an jedem beliebigen Tag schneller rennen, engere Wendungen gehen, kürzere Stopps machen und größerer Distanzen zurücklegen als die Pferde der amerikanischen Kavallerie. Die Jungs von der Kavallerie hatten Sättel, Decken, Zaumzeug mit Gebiß und Sporen an ihren Stiefeln. Die Indianer ritten normalerweise ohne Sattel, und um ihre Pferde anzuhalten oder zu wenden, verwendeten sie nur ein einfaches Lederband, das um den Nacken oder den Unterkiefer des Pferdes gebunden war. Sie erreichten mit weniger mehr." Er machte einen Moment Pause und bemerkte, daß es aufgehört hatte zu regnen.
"Man kann ein Pferd nicht zwingen, so zu sein", fuhr er fort, erhob sich von seinem Sessel und ging zur Tür. "Sie müssen so sein wollen. Es muß wichtig für sie sein, damit sie diese Dinge tun wollen, und die Indianer wußten, wie man das erreichen konnte."
Er hielt seine Hand mit der Handflächen nach oben aus der Tür, um zu kontrollieren, ob wirklich keine Regentropfen mehr fielen. "Während sie mit weniger mehr erreichten", sagte er, zog seinen Arm zurück und betrachtete seine Hand, "erreichten wir mit mehr weniger und dachten auch noch, wir wären deshalb etwas Besonderes."
Er drehte sich um und sah mir direkt in die Augen.
"Pferde sind gute Tiere. Sie verdienen etwas Besseres."
a.a.O., Seite 19

Dabei hat Mark Rashid im Laufe seines weiteren Lebens so viel erlebt, daß er auch daraus unzählige Geschichten formen kann, die genauso spannend sind wie die von dem alten Mann. Vor allen Dingen fehlt bei diesen Geschichten der ständige Hinweis darauf, daß der alte Mann sich eine Zigarette anzündet, eine Zigarette raucht, eine Zigarette ausdrückt oder sich eine neue Zigarette angelt.

Natürlich geht es bei den ewigen Erwähnungen der Zigaretten nicht um das Rauchen an sich, sondern es handelt sich wiederum um einen literarischen Kunstgriff, weil dadurch eine ganz dichte Atmosphäre geschaffen wird. Gleichermaßen berücksichtigt der Autor das Wetter oder sonstige Einzelheiten der Umgebung, die für die eigentliche Botschaft eigentlich überflüssig sind, wie man an dem ersten Zitat schon sehr gut beobachten kann.

Wenn man alle diese Einschübe weggelassen würde, bliebe der reine Dialog übrig, und Dialoge sind ziemlich unerfreulich zu lesen. Die Bücher von Mark Rashid lesen sich hingegen sehr gut, und das liegt an der literarischen Qualität. Der Autor beobachtet einfach sehr treffend. Die ständige Rückkopplung an seine Jugenderlebnisse mit dem alten Mann erscheinen auf den ersten Blick unmotiviert. Seine neueren Geschichten sind genauso spannend:

"Ein kleines Problem hat er allerdings", sagte sie ein wenig verlegen. "Erscheint Frauen zu hassen."
"Er haßt Frauen?", fragte ich. "War er immer schon so?"
"Ich glaube nicht", antwortete sie. "Er ist erst im letzten Jahr so geworden."

Ich erinnere mich, wie ich dachte, daß sich das gar nicht gut anhört. Es gibt immer einen Grund dafür, wenn sich Pferde gegenüber einer bestimmten Art von Person schlecht benehmen, und meist ist es sich die Schuld der Person. Wie dem auch sei, ich stimmte zu, mir das Pferd anzusehen.

Das Anwesen lag in einer erst kürzlich neu erschlossenen Gegend versteckt in einem überwiegend bewaldeten Gebiet. Als ich durch das Tor fuhr, kam mir der Gedanke, daß die Leute, denn dieses Anwesen gehörte, ziemlich wohlhabend sein müßten. Vor dem Haus, das wohl eine halbe Million Dollar gekostet hatte, stand ein nagelneuer großer Pickup mit Doppelreifen. Daneben stand ein weiterer kleinerer Pickup, der ebenso neu zu sein schien, und in einer der vier Garagen, die offenstanden, war einer dieser neumodischen Sportwagen mit einem unaussprechliche Namen zu sehen. In einer der anderen Garagen war ein roter Cadillac mit Faltdach geparkt. An der Seite des Hauses stand ein neuer Transporter für sechs Pferdeunternehmern neun meterlanges Wohnmobil, an dessen hinterer Stoßstange ein Jeep mit einer Abschleppstange befestigt war. [...]

"Er ist ein großartiges Pferd", sagte er und streichelte ihn sanft an der Schulter. "Ich würde ihn so gerne behalten und das täte ich auch, wenn da nicht die Sache mit seinem Haß auf Frauen wäre."
"Mein lieber Mann", sagte ich und schüttelte den Kopf. "Es fällt mir schwer zu glauben, daß dieses Pferd irgend jemanden hassen könnte."
"Ich weiß." Er zuckte mit den Schultern. Aber es ist trotzdem so. Sie werden es gleich sehen, wenn meine Frau herunterkommt."

Eine leichte Brise wehte vom Haus herüber, und wir hatten gerade unser Gespräch beendet, als ich einen wirklich interessanten Geruch bemerkte. Ich glaube, das Pferd hatte den Geruch auch bemerkt, denn es begann unruhig zu werden. Es schlug ein paarmal mit dem Kopf, scharrte mit den Hufen, schnaubte, drehte dann ab und lief zum anderen Ende des Paddocks, wo es weiter mit dem Kopf schlug und schnaubte. Mir fiel auf, daß auch die anderen Pferde zu schnauben begannen, wenn auch nicht annähernd so oft und so lang.

Kurze Zeit später erschien Mrs. Calender auf dem Weg, der vom Haus zur Scheune führte. Sie war eine sehr attraktive Frau, vielleicht Mitte oder Ende 40. Sie trug eine leuchtend pinkfarbene Bluse, Designerjeans, 300-Dollar-Cowboystiefel und Schmuck im Wert von vielleicht 10.000 Dollar. Als sie näherkam, bemerkte ich, daß der Geruch stärker wurde, und Whisper schien sich immer mehr aufzuregen.

Sie ging durch das Tor und begrüßte jedes Pferd wie eine Mutter ihr kleines Kind, indem sie den Namen rief, jedes Tier am Kopf streichelte und das Fell rubbelte dann drehte sie sich um, machte einen kleinen Hüpfer und lief auf uns zu. Mr. Calender empfing sie am Zaun. Sie beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuß auf den Mund, bevor sie schließlich zu mir kam und sich vorstellte. Es war nicht schwer festzustellen, woher der Geruch, den ich wahrgenommen hatte, kam. Er kam von ihr. Verstehen Sie mich nicht falsch, sie roch keineswegs wie jemand, der ein oder zwei Jahre kein Bad gesehen hatte, obwohl ich mir nicht sicher war, was besser gewesen wäre. Statt dessen roch sie nach einem sehr teuren Parfüm, eines, das ein bißchen sparsamer verwendet im Duft sicher sehr angenehm gewesen wäre. Leider war das hier nicht der Fall. Sie roch, als hätte sie sich mit Hilfe eines Feuerwehrschlauchs ein gesprüht. Tatsächlich hatte sie so viel davon benutzt, daß es buchstäblich in der Nase, in diesem kleinen Bereich zwischen den Augen, weh tat, sich in ihrer direkten Nähe aufzuhalten. Durch die Stärke des Geruchs mußte ich sogar zweimal niesen, und als ich mich dafür entschuldigte, wünschten mir beide gleichzeitig Gesundheit.

"
Nun, was meinen Sie zu unserem Whisper?", fragte sie, während sie sich gegen den Zaun lehnte und zu dem Pferd sah, das seine Meinung inzwischen auf der anderen Seite des Paddocks ziemlich eindeutig ausdrückte.
"
Ein ganz nettes Pferd", kommentierte ich und bemühte mich dabei sehr, mit ihr zu sprechen, ohne den Geruch einzuatmen.
"
Sicher ist er das", lächelte sie. "Ich wünschte mir nur, daß er mich nicht so hassen würde. Artie kommt sehr gut mit ihm zurecht, aber jedesmal, wenn ich komme, benimmt er sich so. Er reagiert sogar auf diese Weise, wenn Artie ihn reitet und ich auf einem anderen Pferd sitze. Ich nehme an, es ist wohl eine Frage seines Charakters." Sie hielt kurz inne und blickte zu ihrem Mann, der den Boden anstarrte. "Wir trennen uns nur sehr ungern von ihm", setzte sie fort, aber wir können ihn einfach nicht behalten, wenn er sich so benimmt."

"Da bin ich ganz Ihrer Meinung", sagte ich zu ihr und versuchte mir eine angenehmere Stelle im Wind zu suchen, ohne daß sie es bemerkte. "Aber die Redaktion, die er Ihnen gegenüber zeigt, könnte auch etwas anderes sein als eine Charaktersache."
"Wirklich?", fragte sie und setzte ihren linken Fuß auf die untere Stange des Zauns. "Welche andere Erklärung könnte es dafür geben?"
"Nun", sagte ich und ging zur anderen Seite des Paddocks, als wollte ich versuchen, einen Eindruck von der Konstitution des Pferdes zu bekommen. "Mir fiel auf, daß Sie ein wenig Parfüm zu verschwenden scheinen."
"Parfüm?", fragte sie. "Nun, ja, ich habe etwas Parfüm benutzt, bevor ich herunterkam. Aber das kann doch sicher nicht die Ursache für sein Benehmen sein, oder doch?"
"Tja, manchmal ist es tatsächlich so", sagte ich, wobei ich versuchte, so diplomatisch wie möglich zu sein.

Ich fuhr fort und erklärte, daß Pferde über ein sehr gut entwickelten Geruchssinn verfügen und daß sie so etwas wie Parfüm stark irritieren kann. Eine Möglichkeit herauszufinden, ob das hier der Fall sei, wäre, die Nasenlöcher des Pferdes mit einer kleinen Mengen einer mentholhaltigen Salbe einzureiben. Dann könnten wir sehen, ob Whisper immer noch auf die gleiche Art und Weise reagiere, wenn Mrs. Calender in seine Nähe komme. Die Salbe würde den Geruch des Parfüms überdecken und so wären wir in der Lage zu erkennen, ob das Pferd auf das Parfüm oder die Person reagiert. [...]

"Ist das nicht wunderbar?", staunte sie, während sie ihn am Hals streichelte. "Ich hätte nie gedacht, das etwas, was ich benutze, die Ursache des Problems sein könnte. Ich habe immer geglaubt, es liegt daran, daß er mich einfach nicht mag." Sie küßte den Hals des Pferdes und sprach mit ihm. Nun, ich schätze, wir wissen, was wir jetzt tun müssen: Artie geht zuerst zu dir hinunter und schmiert dir dieses Zeug auf die Nase, und dann komme ich."
"
Ich nehme an, das wäre eine Möglichkeit", sagte ich zu ihr. "Eine andere Möglichkeit wäre, kein Parfüm zu benutzen, wenn Sie in seine Nähe sind. Es könnte ihn sehr irritieren, wenn Sie dieses Zeug immer benutzen würden."
"
Ich glaube, Sie haben recht", sagte sie und lachte. "Ich habe wohl nicht richtig nachgedacht."

Eine halbe Stunde später war ich auf dem Weg nach Hause und dachte darüber nach, wie wahr dieser letzte Satz war. Nicht nur für Mrs. Calender , sondern für uns alle, die wir Pferde besitzen oder mit ihnen arbeiten. Wie oft haben wir etwas mit unseren Pferden gemacht, ohne daß wir uns Gedanken darüber gemacht haben, welche Auswirkungen dies auf das Tier haben könnte? Dinge, die Pferde so stark stören könnten, daß sie reizbar, ängstlich oder aggressiv und im Umgang schwieriger werden, einfach deshalb, weil sie eine andere Art von Tier sind. Bei wir das Pferd als Tier nicht richtig verstehen, meinen wir dann, die einzige Möglichkeit, dem Problem beizukommen, wäre, Gewalt oder körperliche Bestrafungen einzusetzen, was normalerweise nur dazu führt, die Dinge weiter zu verschlechtern.
a.a.O., Seite 49 ff.

Diese Geschichte wirkt vielleicht etwas übertrieben, aber sie zeigt sehr gut die kritische Beobachtungsgabe des Autors und auch seine Höflichkeit und sein pädagogisches Talent, die es ihm ermöglichen, den takt- und geschmacklosen Neureichen die richtige Einsicht zu verkaufen, ohne sie zu kränken oder bloßzustellen. Und gleich danach verkauft er dem Leser seine Botschaft, die er in diese Geschichte verpackt hat, indem er sich selbst mit einbezieht und sich selbst der Verfehlung bezichtigt, die er bei anderen Leuten zweifellos viel häufiger beobachtet als bei sich selbst.

Make Rashid reiht aber nicht nur Geschichten aneinander; diese Geschichte besetzten einen Gedankengang fort, der mit der Schilderung eines Erlebnisses begann, das natürlich mit dem alten Mann zu tun hatte. Ein Pferd, um das er sich zu kümmern hatte, ging bei einem Ausritt aus nichtigem Anlaß durch. Es war lebensgefährlich für Pferd und Reiter, aber beide haben es überlebt. Anschließend wollte der Junge wissen, warum das Pferd so reagiert hat, und der alte Mann erteilte ihm eine Lektion.

Das war das Besondere an ihm, was den Jungen sehr irritierte. Der alte Mann dozierte nicht, sondern verhalf zu Einsichten. In diesem Fall wollte er deutlich machen, daß das Pferd das Kaninchen, dessen unscheinbare Bewegung die Panikreaktion ausgelöst hatte, völlig anders wahrgenommen hatte als der Reiter, und daß sowohl die Wahrnehmung als auch die Reaktion auf die Natur des Pferdes zurückzuführen war, die eben sehr unterschiedlich ist von unserer. Um das zu beweisen, holte der alte Mann einen Eimer voller Wasser und stellte den neben dem Pferd auf. Es passierte natürlich nichts. Er hatte allerdings eine Schnur am Eimer befestigt und begann dann, an dieser Schnur zu ziehen, so daß der Eimer kippelte. Daraufhin reagierte das Pferd erschreckt.

Das wiederum verstand der Junge nicht, und der alte Mann fügte keinerlei Erklärung hinzu, sondern forderte ihn einfach auf, dieses Rätsel selbst zu lösen. Dazu war der Junge aber nicht in der Lage; entsprechend wütend war er. Erst viele Jahre später ging ihm die Lösung auf. Dazu erzählt der Autor wieder eine Geschichte am Rande eines Rodeos, die ihm endlich die nötige Einsicht verschaffte. Der Eimer flößte dem Pferd keinerlei unangenehme Empfindungen ein, weder wenn er da stand noch wenn er von einem Menschen bewegt wurde. Ein Eimer jedoch, der sich von alleine bewegt, löste die höchste Alarmstufe aus. Das fressende Kaninchen als solches war nicht das Problem, sondern die plötzliche Bewegung, die beim Pferd sofort den Fluchtreflex auslöste und das Analysieren und Nachdenken vorübergehend vollkommen aussetzte. Diese Mechanismen haben der Spezies Pferde ermöglicht, bis heute zu überleben.

In diesem Sinne verlangt der Autor auch vom Leser, seine eigenen Einsichten aus den Geschichten abzuleiten. Mit Hilfe der Geschichten indiziert er gewissermaßen ein Erleben, dessen gefühlsmäßige Energie die Einsicht induzieren soll. Das ist vermutlich das Problem. Man kann intellektuell ziemlich viel einsehen, ohne daß sich das in irgendeiner Weise auf das eigene Verhalten auswirkt. Aber genau darauf kommt es dem Autor ja an.

Die Pferde, so zeigt er immer wieder, sind immer gut und vollkommen und willig, aber die Menschen machen so viele Fehler und sind so schrecklich, meistens ohne es zu wissen, daß die Pferde überwiegend furchtbar leiden müssen. Der alte Mann war anders als die anderen, weil er selbst das Glück gehabt hatte, als Junge von einem erfahrenen Indianer lernen zu können. Einmal nahm ihn der alte Mann zu Pferdeleuten mit, die ihre Pferde auf herkömmliche Weise behandelten. Ähnlich wie bei den reichen Leuten schildert der Autor die Wirklichkeit knapp, treffend und unbarmherzig, und sie ist so grausam, daß man es kaum aushält. Der alte Mann urteilt nicht und enthält sich auch eines Kommentars. Er kauft diesen Pferdequälern ein junges Pferd ab, das nicht allzu verdorben ist und mit nicht allzugroßem Aufwand wieder rehabilitiert werden kann. Für den Jungen ist es eine Offenbarung. Er kann jetzt das Verhalten des Alten mit dem der anderen in Verbindung bringen und dadurch würdigen.

Dieses Beispiel ist extrem und sicher nicht typisch für die europäischen Kultur, wie vieles, was der Autor beschreibt. Erst vor wenigen Jahren wurde ihm klar, daß die Aufteilung, die er für sich selbst vorgenommene hatte, in Gewalt-Ausbilder und vernünftige Pferdeleute wie der alte Mann und er selbst nicht richtig ist. Das wurde ihm anhand einer Situation klar, wie sie hierzulande sicher häufig vorkommt; erst deshalb bringe ich diese Geschichte ebenfalls in voller Länge:

Ich lehnte mich gegen die Einzäunung eines im Freien gelegenen Reitplatzes, nippte an einem Whiskey und sprach mit einem Kunden, mit dessen Pferd wir gerade fertig gewordenen waren, als ein kleines Mädchen seinen alten Wallach durch das Tor führte und aufsaß. Eine kleine, dunkelhaarige Frau, etwa Mitte zwanzig, folgte dicht dahinter und ging langsam um das Pferd herum, anscheinend, um das Sattelzeug zu kontrollieren. Als die Frau sicher war, daß alles richtig eingestellt war, sah sie zu dem Mädchen und sagte mit einem Lächeln, daß es mit dem Pferd zum Geländer gehen und dort im Schritt reiten solle. Das kleine Mädchen, das auch lächelte, führte die Anweisung sofort aus.

Während der nächsten fünf Minuten gab die Frau, die, wie sich herausstellte, die Reitlehrerin des Mädchens war, sehr einfache Kommandos. Jedesmal reagierte das kleine Mädchen prompt und tat, was ihm gesagt wurde. Die Kommandos, die die Frau dem Pferd und seiner jungen Reiterin gab, waren, vorwärts zu gehen, stehen zu bleiben, ein paar Schritte rückwärts zu gehen und dann das Gleiche in die andere Richtung zu tun. Als das gut klappte, bat die Ausbilderin. das Mädchen darum, anzutraben, und auch das gelang dem Mädchen tadellos. Das kleine Mädchen, das Schwierigkeiten zu haben schien, ein Lächeln zurückzuhalten, reagierte auf all die Befehle, so schnell es konnte, und strengte sich dabei sehr an, die richtige Körperposition beizubehalten - Rücken gerade, die Fersen tief und die Schultern im rechten Winkel. Es war offensichtlich etwas, das sie geübt hatte, denn ihr Gesichtsausdruck verriet, daß sie sicher war, alles richtig zu machen.

"
Sehr gut, Annie", rief die Frau in einem vergnügten Ton. "Sind wir bereit, es mit einem Galopp zu versuchen?"
Das Mädchen, den Blick konzentriert nach vorne gerichtet, zeigte noch immer ein breites Lächeln und nickte.
"
Gut", sagte die Ausbilderin und stemmte ihre Hände in die Hüfte.
"
Gib ihm einen leichten Druck mit den Fersen."

Von dort, wo ich stand, konnte ich sehen, wie sich die Beine des Mädchens näher an die Seiten des Pferdes bewegten, aber das Pferd reagierte nicht.
"
Versuch es noch mal", rief die Frau. Wieder reagierte das Pferd nicht.
"
Okay, Annie", rief die Frau, dieses Mal mit leicht angespanntem Ton. "Gib ihm einen Tritt."
Das Pferd reagierte auf den Tritt, indem es ein paar Galoppsprünge machte und dann in den Trab zurückfiel.
"
Tritt ihn noch mal, Annie. Dieses Mal wirklich fest."
Das war, fürchte ich, der Anfang vom Ende. Während der nächsten halben Stunde glich die Reitstunde wegen der Weigerung des Pferdes zu galoppieren mehr einer Straßenschlacht zwischen Tier und Mensch. Die Reitlehrerin stand in der Mitte des Platzes und brüllte die ganze Zeit, das Mädchen solle das Pferd so fest für möglich schlagen und treten.
"
Du darfst ihm das nicht durchgehen lassen", schrie sie mit so lauter Stimme, daß es mich wirklich überraschte. "Wenn du es nicht dazu bringen kannst, das zu tun, was du willst, kannst du ebenso gut gleich absteigen."

Es dauerte nicht lange, und die Ausbilderin ging zur Scheune und kam mit einer Reitpeitsche zurück, die sie Annie gab. Damit sollte sie fest auf das Pferd einschlagen, falls es immer noch nicht reagieren sollte. Die einzige Reaktion des Pferdes bestand darin, etwas schneller zu traben und ein bißchen halbherzig zu bocken. Das war mehr, als die Reitlehrerin ertragen konnte. Sie ging hinüber und zog Annie vom Pferd. Dann stieg sie selbst auf und fuhr fort, das Pferd zu schlagen, zu treten, an den Zügeln zu reißen und es zu verfluchen, bis es schließlich in einem Galopp fiel. Nachdem sie ein oder zwei Runden galoppiert waren, gab sie dem kleinen Mädchen das Pferd zurück. Das Problem war aber, daß es genauso weiterging, wie es aufgehört hatte. Annie versuchte, das Pferd mit aller Kraft zu schlagen und zu treten, und das Pferd hielt mit ebenso viel Energie dagegen und verweigerte ihr Kommando.

Es folgten noch weitere 15 Minuten mit vergeblichen Versuchen, bevor die Reitlehrerin Annie schließlich erlaubte aufzuhören. Das Gesicht des kleinen Mädchens hatte sich, als es den Platz jetzt verließ, völlig verändert. Ihr strahlendes Lächeln war verschwunden, sie tat mir ein wenig leid, als sie ihr Pferd langsam an der Stelle vorbeiführte, wo ich stand. Sie sah aus wie ein Kind, das auf der ganzen Linie besiegt worden war. Eine Erfahrung, mit der kein Kind, ganz gleich unter welchen Umständen, konfrontiert werden sollte, und schon gar nicht, wenn es den Umgang mit einem Pferd erlernt.

Es war offensichtlich, daß Annie den Platz mit zweierlei Gedanken verließ. Das erste war, daß das Pferd sie besiegt hatte. Es hatte die Oberhand behalten, und es war ihr nicht gelungen, es dazu zu bringen, das zu tun, was sie wollte. Diese Einstellung war deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen. Der zweite Gedanken war etwas, das ihr Gesicht zeigte, als sie noch auf dem Platz war. Es war das, was sie dachte, als sie sah, wie sich ihre Reitlehrerin verhielt, als sie im Sattel saß. Die Ausbilderin behandelte das Pferd sowohl körperlich wie verbal schlecht, und in den Augen des Mädchens hatte es zwar böse ausgesehen und geklungen, aber es hatte funktioniert. Ich fragte mich, welche Lehre das kleine Mädchen wohl aus diesem Vorfall ziehen würde. Wenn Annie in Zukunft mit einem ähnlichen Problem konfrontiert würde, die würde sie sich dann verhalten? Was ist als Verhalten noch akzeptabel? Wurde sie ermutigt, den Versuch zu machen, herauszufinden, warum das Pferd so reagiert, und eine Lösung für dieses Problem zu finden? Oder hatte sie gelernt, daß, egal um welches Problem es sich bei dem Pferd handelt, Gewalt die Lösung ist?
a.a.O., Seite 91 ff.

Es ist klar, wo Mark Rashid steht, und es ist klar, wo der Leser stehen sollte. Es geht aber nicht nur um Ethik, sondern auch um Effizienz; er fährt fort:

Ich hatte das große Glück, die Gelegenheit zu haben, im Lauf der Jahre einer ganzen Reihe von guten Pferdetrainern und Reitlehrern zusehen zu können, und nachdem ich die wirklich guten beobachtet hatte, kam ich zu der Überzeugung, daß sie alle eines gemeinsam haben. Obwohl ihre Methoden und Stile unterschiedlich sein können, scheint sie alle ein echtes Mitgefühl für das Pferd zu haben, und sie zeigen die Bereitschaft, mit dem Tier zu arbeiten, statt gegen es. Sie sind die Trainer, die offenbar immer einen Weg finden, zum Pferd durchzudringen und es dazu zu bringen, das Gewünschte zu tun, weil auch das Pferd es will und nicht, weil es muß. Es sind diejenigen, die viel mehr auf ihre Fähigkeit, mit dem Tier zu kommunizieren, setzen, als auf die Möglichkeit, das Tier zu zwingen, und sie sehen Zwang, selbst in schwierigsten Situationen, nur als absolut letzten Ausweg an.
a.a.O., Seite 93

An dieser Stelle wunderte ich mich. Hatte nicht die Reitlehrerin von Annie auch den Zwang nur als absolut letzten Ausweg eingesetzt? Ist nicht der Einsatz von Gewalt immer ein Zeichen von Schwäche, ein Eingeständnis von Ratlosigkeit? Ist unter solchen Gesichtspunkten Gewalt nicht immer gerechtfertigt, nämlich von denen, die sonst nicht mehr weiter wissen? Möglicherweise ist diese Formulierung eine Schwäche der Übersetzung und das Original sehr viel eindeutiger. Auf jeden Fall geht es gleich eindeutig weiter mit der nächsten Geschichte, die ein Pferd in einer Tierklinik vorstellt, das sich absolut nicht verladen lassen wollte und schon panisch reagierte, wenn es auf zehn Meter an den Anhänger herangeführt wurde. Daraufhin wurde ein Trainer geholt und Mark Rashid vermutete, daß dieser viel Zeit brauchen würde, wenn es ihm überhaupt gelingen würde, das Pferd in den Anhänger zu bringen.

Der Trainer machte sich jedoch unverzagt an die Arbeit und wirkte, als wäre das alles ein geruhsamer Spaziergang durch den Park. Innerhalb von 30 Minuten hatte er erreicht, das das Pferd ruhig an der Tür stand. Nach eineinviertel Stunden hatte er das Pferd so weit, daß es selbständig in den Anhänger ging und wieder heraus. Nach anderthalb Stunden ging der Trainer zu dem Pickup, der den Pferdeanhänger ziehen sollte, und setzte sich auf den Fahrersitz. Das Pferd stand an einem 20 Meter langen Seil neben ihm, als er die Fahrertür schloß. Dann schickte er das Pferd allein zur Rückseite des Anhängers. Das Pferd machte einen großen Bogen auf dem Weg zur Laderampe und stieg dann ganz allein in den Anhänger und verlud sich selbst, während der Trainer im Wagen saß. Nicht einmal wurde der Trainer bei der Arbeit laut oder erhob die Hand gegen das Pferd. Ich finde, dieses Beispiel machte deutlich, daß Kommunikation besser ist als Gewalt.
a.a.O., Seite 94

Wer ist dieser Trainer, der das Wunder vollbracht hat? Ist es Mark Rashid? Wenn ja, warum sagt er es nicht? Wenn nein: Hätte Mark Rashid dieser Aufgabe ebenso bravourös bewältigen können? Kann er dem Leser vermitteln, wie man das hinbekommt?

Mark Rashid ist dem Pferd verpflichtet, und das verlangt er auch von den Trainern und den Besitzern. Damit Trainer und Besitzer gut mit den Pferden umgehen können, müssen sie natürlich wissen, was Pferde sind.

Ohne dieses Einsehen, so scheint es, ist das Pferd für die Besitzer oft nicht mehr als ein weiteres Werkzeug - ein Werkzeug, das man leicht wegwerfen kann, weil es nie richtig funktioniert hat, und das, obwohl für das richtige Funktionieren nicht mehr nötig gewesen wäre, als die Bedienungsanleitung zu lesen.
a.a.O., Seite 100

Als eine solche Bedienungsanleitung, versteckt zwischen vielen Geschichten, könnte dieses Buch verstanden werden. Wer dieses Buch liest, wird sehr bereichert. Er lernt viel über Pferde und Menschen und bildet sein Gefühl und sein Gewissen. Dieses Buch ist außerdem unterhaltsam und liest sich gut. Allerdings verging mir nach etwa der Hälfte des Buches die Lust, weiterzulesen. Vielleicht reicht es doch nicht, gute Geschichten zu erzählen. Etwa zeitgleich hat der Kosmos-Verlag ebenfalls ein Buch von Mark Rashid herausgebracht: » Der auf die Pferde hört. Erfahrungen eines Horseman aus Colorado. Auf dem Umschlag dieses Buches steht: "
Der wahre Horseman flüstert nicht - er lauscht den Pferden ..." Das ist eine griffige Vermarktungsstrategie. Es ist die Frage, ob dieser Anspruch eingelöst werden kann. Wie lauscht man den Pferden? Und was bewirkt man dadurch?

erschienen 17.06.07




Siehe auch die folgende Rezension:
Ausgabe 239, Rashid, Mark:  denn Pferde lügen nicht, Neue Wege zu einer vertrauten Pferde-Mensch-Beziehung




Rashid, Mark

Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe


gebunden, 23,4 x 17,4 x 2,8 cm, 208 Seiten
Bernau, Juni 2006 · Animal Learn Verlag
ISBN 9783936188271


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