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Buch-Rezension · Über die Biegung und Versammlung des Pferdes
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Kotzab, Erich

Über die Biegung und Versammlung des Pferdes


17 cm x 24 cm gebunden, farb. Abb., 144 Seiten
Brunsbeck, Oktober 2006 · Cadmos Verlag
ISBN 97838612743610


29,90 EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:

"Will er nicht oder kann er nicht?" Tatsächlich kann der Partner Pferd oftmals wirklich nicht!
Völlig neuartig und sachlich wird an seit langem mystifizierte, jedoch fundamentale Probleme der Reiterei herangegangen, die die Grundlage jeder fortgeschrittenen Reiterei bilden. Altvertraute Begriffe des reiterlichen Alltags wie Biegung und Versammlung des Pferdes, Schulterherein und die Kreuzhilfe werden aus einer bisher nicht da gewesenen Perspektive beleuchtet und dem Leser mit Hilfe physikalischer Gesetzmäßigkeiten anhand zahlreicher Abbildungen leicht verständlich vor Augen geführt.

Die Einbeziehung physiologischer Bedürfnisse der Pferde, wie beispielsweise die Wirbelsäulenmechanik, eröffnet dem Pferdefreund eine unerwartete Sicht auf altbekannte Phänomene und bietet Erklärungen und Lösungen, die zum einen die Werke der alten und zeitgenössischen Reitmeister untermauern zum anderen seit langem institutionalisierte Interpretationen von Grund auf revolutionieren und verändern.

Das Wissen um bewegungsphysiologische Vorgänge mit den daraus resultierenden Bedürfnissen von Pferden im Sport wird von aktiven Reitern ebenso wie von Turnierrichtern, Reitlehrern, Trainern und interessierten Zuschauern bitter benötigt. Trainingsmethoden, Ratschläge und richterliche Urteile werden auf Basis dieses Buches pferdefreundlicher, zielführender, gewichtiger und verständlicher.

Das Buch ist ein unverzichtbares Werkzeug für ein effizientes Training, für die Lehre und Ausbildung, für sachgerechtes Richtverfahren und schließlich einfach für die Freude am und mit dem Pferd.

Aus dem Inhalt:
· Was ist Versammlung?
· Die Biegung als Grundlage der Versammlung
· Die Blockade der Wirbelsäule
· Eine wenig beachtete Konsequenz der Biegung für die Rippen
· Das Phänomen mit den Schultern
· Biegung und fliegender Galoppwechsel
· Über den Sinn der Halsgymnastik
· Die Beugung der Hanken
· Was ergibt sich aus der Versammlung für das Pferd und für den Reiter?
· Die Hilfengebung
· Das Experiment Versammlung
· Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Geraderichten
· Der Schlüssel zur Versammlung
· Gesundheitsprobleme des Pferdes, die eine Versammlungsarbeit behindern
· Auswirkungen des Wissens auf das tägliche Training
· Das Pferd macht nicht mit - eine ergänzende Diagnosemöglichkeit



Rückentext

Über die Biegung und Versammlung des Pferdes


"Will er nicht oder kann er nicht?" Tatsächlich kann der Partner Pferd oftmals wirklich nicht und wenige Reiter wissen warum!

Dieses Buch führt den Leser auf völlig neuartigen, sachlichen und leicht verständlichen Wegen in einer bis dato unbekannte Pferdewelt. Häufig wiederkehrende Verständnisprobleme zwischen Reitern und Pferden werden anhand ihrer bewegungsphysiologischen Grundlagen aufgeklärt. Eine revolutionäre Brücke des Reiters zum Pferd über den Tierarzt!

Über Jahrhunderte entwickelten und erweiterten Reitmeister, wie zum Beispiel auch Philippe Karl, anhand ihrer praktischen Erfahrungen eine klassische Reitlehre, die den körperlichen und seelischen Bedürfnissen des Pferdes gerecht wird. In diesem Buch gibt Dr. Erich Kotzab erstmals eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage, warum die klassische Reitkunst "funktioniert" und welche ihre anatomische und physiologische Basis ist. Fehlmeinungen werden korrigiert und ihre Auswirkungen auf den modernen Dressursport beleuchtet.

Mit "Über die Biegung und Versammlung des Pferdes" erhält jeder Pferdefreund ein unverzichtbares Werkzeug für effizientes Training, Lehre, Ausbildung, Richtverfahren und Freude am und mit dem Pferd.

Dr. vet. Erich Kotzab hatte seit frühester Jugendkontakt zu Sportpferden und bildete sie selbst aus. Studium der Veterinärmedizin in Wien, abgeschlossenes Studium der Akupunktur und der chinesischen Kräutermedizin bei der IVAS. Er betreibt eine tierärztliche Praxis mit Schwerpunkt Pferd und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit sogenannten "Problempferden".




» Cadmos Verlag





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Biegung und Versammlung - man sollte doch meinen, daß im Laufe der viel tausendjährigen Entwicklung der Reitkunst über solche Begriffe Klarheit und Einigkeit herrscht. Der Autor insbesondere müßte es eigentlich wissen, da er auf einem Reiterhof aufgewachsen ist. In der Einleitung beklagt er jedoch, daß üblicherweise Schlagworte eingesetzt werden, um Unwissenheit und fehlendes Verständnis zu kaschieren:

Immer dieselben Phrasen, die diverse Reitlehrer, Trainer und Reitbegeisterte, die das Phänomen der Versammlung mehr oder weniger verstanden haben, zu passenden und unpassenden Gelegenheiten verlauten lassen. Auf Fragen gibt es meist ähnliche, sehr allgemein gehaltene Antworten, aber nichts Exaktes, Verständliches, nichts wirklich Brauchbares.

Für viele Pferdebegeisterte ist dieser Zustand sehr unbefriedigend. Sollte man bei seinem Wissensmangel je ertappt werden, was irgendwann zwangsläufig passiert, heißt es dann nicht: "Der hat die Komplexität der Versammlung nicht verstanden", sondern: "Der hat kein Gefühl für die Reiterei bzw. kein Talent zum Reiten."
a.a.O., Seite 15

Das ist ja wie bei der Kunst oder bei der Mathematik! Entweder man kann es oder man kann es nicht! Was auch in diesen beiden Disziplinen ein Mißverständnis ist. Und nun endlich hat sich jemand aufgemacht, diesem Übel der Reitkunst ein Ende zu bereiten. Aber nicht nur aus akademischem Interesse, sondern im Interesse der Pferde:

Wenn die Pferde nicht mitmachen, stimmt etwas nicht, dann haben sie ein Problem. Nur verstehen wir ihre diesbezüglichen Ausdrucksformen noch zu wenig. [...] wenn Pferde nicht wollen, können sie wirklich nicht! Pferde versuchen immer, so gut es geht, ihren Dienst zu verrichten. Manchmal sogar gegen ihre eigenen natürlichen Bewegungsabläufe. Zu viele beißen sogar im wahrsten Sinne des Wortes ihre Zähne zusammen und arbeiten noch unter Schmerzen.
a.a.O., Seite 11

Hier könnte eine fundamentale Kritik am modernen Dressursport ansetzen (Stichwort Rollkur), aber der Autor ist nicht streitsüchtig und seine Ambitionen zur Weltverbesserung halten sich in Grenzen. Er will aufklären und hofft, daß seine Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt.

An wen richtet sich das Buch?

Dieses Buch ist nicht als reiterliche Grundlektüre gedacht, es setzt ein fundamentales Basiswissen voraus. Vielmehr richtete sich primär an jene Pferdeleute, die sich bereits intensiver oder sogar aus beruflichen Gründen mit dem Phänomen Pferd vertraut gemacht haben. Es beinhaltet für Reiter, Trainer, Reitlehrer, Turnierrichter und Tierärzte Gedankengut, das sie möglicherweise noch nicht bedacht haben. Aber selbst für den noch nicht so versierten Pferdefreund sollte etwas dabei sein, das geeignet ist, seine aufkeimenden reiterlichen Intentionen, auch wenn es nicht sofort versteht, in eine andere Richtung zu lenken.
a.a.O., Seite 15

So gesehen richtet sich das Buch natürlich an jeden Pferdefreund. Aber kann es auch jeder verstehen? Es geht sehr anschaulich los:

"Knie vorschieben, tiefer gehen!" Das sehr anschauliche Beispiel der Skifahrens bringt uns sofort zum Kern. Die "alpine Grundhaltung" ist nichts anderes als eine Form der Versammlung. Lehrt doch jeder Skilehrer seinen Schüler zuallererst diese alpine Grundhaltung, ohne die alles andere zum Scheitern verurteilt ist.

In der Befolgung dieses Kommandos liegt das Hauptinteresse unseres Skilehrers, die Steifheit unserer Extremitäten abzubauen: Er will, daß wir locker lassen, loslassen. Der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel (aus hippologischer Sicht die Hanken) wird verkleinert, das Kniegelenk also wird gebeugt (Flexion). Natürlich werden auch unsere Hüft- und Fußgelenke (aus hippologischer Sicht das Sprunggelenk) mitgebeugt, infolgedessen werden wir kleiner! Unser Schwerpunkt nähert sich dadurch dem Erdboden, wird also tiefer eingerichtet.

Das bringt einerseits ein höheres Maß an Stabilität, wir stürzen nicht mehr so leicht. Andererseits begünstigt diese lockere, losgelassene Beugung aber auch eine erhöhte Bereitschaft, Stöße in den Beinen weicher abzufangen. Damit werden wir als Skiläufer auch auf einer buckeligen Piste leichter Balance halten können, weil wir auf ein Nachgeben und Durchstrecken der Beine bereits vorbereitet sind.

Beide Muskelgruppen, sowohl die der Flexoren (Beuger) als auch die der Extensoren (Strecker), sind in einer Vorspannung und somit sofort bereit, auf etwaige Unebenheiten und Stöße der Piste mit der entsprechenden Beugung und Streckung derart zu reagieren, daß sich in der Gesamtheit ein harmonischer Bewegungsablauf entwickeln kann. Während die Flexoren nahezu passiv bleiben können, leisten die Extensoren die Hauptarbeit.

"Rücken leicht nach hinten krümmen, leichten Buckel machen!" Die Dorsalflexion der Wirbelsäule erlaubt uns, einerseits unseren Schwerpunkt stabiler über den gebeugten Beinen zu konzentrieren, andererseits ist damit unser Stoßdämpfer Wirbelsäule ebenfalls sofort bereit, Stöße weicher abzufedern. Dadurch sind wir geschickter und damit auch weniger verletzungsanfällig. Diese Haltung unterstützt und maximiert zusätzlich die obengenannten Vorteile der Versammlung.

Um uns die Vorteile der alpinen Grundhaltung zu vergegenwärtigen, übertragen wir sie in ein anderes praktisches Beispiel. Nehmen wir an, es stehen sich zwei Basketballspieler gegenüber. Einer steht und tippt den Ball in einer angriffsbereiten Bereitschaftshaltung (oder sollten wir besser sagen "Versammlung"?) mit tiefem Schwerpunkt, ganz ähnlich unserer alpinen Grundhaltung. Der ihm gegenüber wartende Abwehrspieler hingegen steht aufrecht mit nahezu gestreckten Beinen und somit höherem Schwerpunkt. Jeder sollte bereit sein, spontan schnell wegzulaufen und eventuell auch abhängig von der Situation einen flotten Richtungswechsel bewerkstelligen zu können.

Es ist deutlich nachzuvollziehen, daß der Angriffsspieler den Abwehrspieler mit Leichtigkeit passieren wird. Viel zu lange dauert es, bis der Abwehrspieler reagieren kann, in dieser Haltung ist er nicht entsprechend vorbereitet, dadurch ungeschickter und träger. Bis er seine Beine entsprechend abbeugt, den Schwerpunkt in eine tiefere, neutralere Position bringt, um ihn dann in die erforderliche Richtung durch Strecken der Beine wieder zu beschleunigen, ist zu viel Zeit vergangen. Der Angriffsspieler ist längst an ihm vorbei.

Der Angriffsspieler ist in seiner vorbereiteten Haltung deutlich geschickter, effizienter, schneller, auch harmonischer und ausdrucksvoller in seiner Bewegung. Vorhandene Kraft wird zielgerichteter eingesetzt. Sein Körper ist unmittelbar auf eine Bewegung vorbereitet und deshalb besser vor Verletzungen, Traumata der Muskeln, Gelenke, Sehnen und Bänder geschützt. Diese Körperhaltung erlaubt uns ganz einfach, Bewegungsmuster feiner, subtiler, spontaner, geschickter und zielgerichteter auszuführen. Viele Bewegungsabläufe werden durch diese Körperhaltung erst möglich!

Die Definition des hippologischen Begriffs "Versammlung" beschreibt also einen allgemeingültigen, auf physikalischen Gesetzen beruhenden Zustand. Das heißt, daß diese Definition für alle Individuen gilt!
a.a.O., Seite 17,18

Versammlung ist also nichts Exotisches, sondern im Grunde selbstverständlich. Merkwürdig, daß es sich im Pferdesport noch nicht so herumgesprochen hat. Irgendwo müssen noch ganz grundlegende Probleme verborgen sein, die einem allgemeinen Verständnis entgegenstehen.

Gleich bei diesem ersten Abschnitt über den Ski- und Basketballsport gibt der Autor eine erste Kostprobe seiner Zeichenkunst. Einfache Strichmännchen bringen die Argumentation auf den Punkt - schon da wunderte ich mich, wie präzise ein Tierarzt seine Gedanken durch eine Zeichnung zum Ausdruck bringen kann.

Auf Seite 25 geht er über die Strichmännchen hinaus und erweist sich als Karikaturist, hier allerdings im Dienste der Illustration. Dabei bedient er sich bei Loriot, dessen Vorbild in der Ausgangszeichnung noch so gut zu erkennen ist, daß man einer Verwechslung aufsitzen könnte. Die Varianten zeigen dann aber, daß der Zeichner mit dem Autor identisch sein muß, wie auch das Impressum ausweist.

Auf Seite 54 führt er erstmals ein gebogenes Brett ein, das im weiteren Verlauf ganz wesentlich zur Veranschaulichung der Bewegungen der Wirbelsäule eingesetzt wird. Diese Zeichnungen muten nun wieder mehr technisch an, aber trotzdem verblüfft die Virtuosität, mit der der Autor sich im Bild ausdrücken kann. Immer wieder zieht er andere Register seines Könnens, um etwas zu verdeutlichen, was Fotos und Sprache nicht vermitteln können.

Als Beispiel für die schon im Klappentext angekündigten Mißverständnisse der herkömmlichen Lehre dient die in vielen Büchern abgebildete Schemazeichnung der Biegung des Pferdes im Zirkel aus der Vogelperspektive, bei der die Vorderschulter grundsätzlich falsch dargestellt wird:

Das Phänomen mit den Schultern

Durch die zuvor beschriebene Ausbauchung des Brustkorbs nach innen wird klar, daß sich dabei die innere Schulter vor und weg vom Körper schieben muß. Dadurch folgt, daß im Rechtsgalopp (Stellung rechts) die rechte Schulter weiter vorgesetzt wird, im Linksgalopp (Stellung links) jedoch die linke weiter vorgesetzt wird.

Dies ist auch die Erklärung, wieso im Handgalopp die innere Schulter, im Außengalopp die äußere weiter vorgesetzt wird und jeweils zuletzt auffußt.

Das ist mit den gängigen Reitlehren nicht in Einklang zu bringen. Ausgehend davon, wie sich ein Mensch auf vier Beinen in der Wirbelsäule biegen würde, übertrugen wir diese Situation auf das Pferd - und das ist nicht korrekt!

Erinnern wir uns an die alten Abbildungen von gebogenen Pferden: Ein gebogenes Pferd auf einem Kreissegment, mit Linien, die Radien darstellten. Sie gingen vom Mittelpunkt des Kreises zur vermeintlichen Schulterachse und zum Becken bzw. der Beckenachse.

Es müßte also die äußere Schulter vor-, die innere zurückgehalten werden. Bei den traversartigen Seitengängen sollte das äußere Vorderbein weiter vor und einwärts als das innere kommen. Das ist jedoch nicht der Fall. Aufgrund der vorangegangenen Ausführungen tritt genau das Gegenteil ein. Das nach innen verschobene Brustbein läßt die innere Vorhand weiter und erhaben hervortreten. Der nach innen versetzte, ein wenig vermehrt ausgebauchte Brustkorb schiebt sie dorthin.
a.a.O., Seite 50-52

Zur Veranschaulichung der Stellungen und Biegungen werden natürlich auch Schemazeichnungen des Skelettes benutzt, die jedoch für das Verständnis nicht ausreichend sind und durch die verblüffende Erfindung der Biegung eines Brettes ergänzt werden.

Die Halsbiegung in beigezäumter, versammelter Kopfhaltung

Der nächste Abschnitt kommt nun zum Kern der Sache, dem Verhalten der Wirbelsäule im versammelten, beigezäumten Pferd, so wie es die klassische Dressur verlangt.

Bis auf einen kleinen Abschnitt von vier Rebellen (Halswirbel sieben und Brustwirbel 1, 2 und 3, die immer in konkaver Stellung stehen) wird die Wirbelsäule konvex gebogen. Daß dies für einen Großteil der Reiter von außen schwer zu erkennen ist, läßt sich einfach erklären: Der erste tastbare Brustwirbel ist der vierte! Es handelt sich also um eine Passage der Wirbelsäule, die von uns nicht so gut zu beobachten ist.

Wird nun ein Pferd in Versammlungshaltung seitlich gebogen, kommen auf die Verbindungsstellen von sechstem und siebtem Halswirbel sowie drittem und viertem Brustwirbel gegenteilige Rotationskräfte (Torque) zu wirken, ebenso, wie wir ein nasses Tuch auswringen: Eine Faust dreht vorwärts, die andere entgegengesetzt, rückläufig. Je deutlicher die Stellung, desto stärker ist die Torquierung in diesen Grenzabschnitten.

Zusätzlich zur Innenrotation der Dornfortsätze in diesem Abschnitt der Wirbelsäule kommt noch die Ausbauchung des Brustkorbs wie zuvor beschrieben nach innen. Jetzt wird es eng: Bei extremer Stellung kann es dadurch sogar zu einer Blockade eines oder mehrerer Wirbel dieser Wirbelsäulenpassage kommen.

Man sollte annehmen, die Pferde machen nicht so weit mit, aber es passiert doch häufig genug. Als Paradebeispiel, das leider nur allzu oft auf den Reitplätzen zu beobachten ist, sei die halbe Traversale in zu starker Stellung angeführt. Turnierrichter, die um dieses Phänomen nicht oder zu wenig Bescheid wissen, "belohnen" diese Stellungen mit zu hoher Benotung.
a.a.O., Seite 55,56

Man sieht, der Autor spricht auch als Tierarzt, der mit den Konsequenzen der Mißverständnisse konfrontiert wird. Das Buch ist im Grunde ein Zufall:

Eigentlich hatte ich vor, einen Artikel zum besseren Verständnis des Funktionsmodus der Hinterhand des Pferdes zu schreiben. Beim Schreiben gesellten sich jedoch von Abschnitt zur Abschnitt stets noch zusätzliche Gesichtspunkte dazu, die auch erklärt werden mußten, bis letztendlich das vorliegende Buch entstand. Gleich nach der Fertigstellung hatte ich das Gefühl, dieses und jenes hätte auch noch Erwähnung finden müssen. Aber bei einem Buch, das sich mit Pferden auf diese Art auseinandersetzt, findet man kein Ende. Auf diesem Gebiet kann man nicht auslernen.

So habe ich das Gefühl und bin auch ein wenig stolz darauf, ein Buch fertiggestellt zu haben, das es in seiner Art noch nicht gibt. Dem Tierarzt in mir fühle ich mich verpflichtet, meine Erfahrungen über die feineren physiologischen Bedürfnisse der Pferde mit der Reitlehre zu verknüpfen. Pferd, Reiter und Veterinär, das gehört ganz einfach zusammen. Ich hoffe, ich habe mich dabei klar und verständlich ausgedrückt, nicht zu medizinisch!
a.a.O., Seite 139

Ich finde, dem Autor ist es gelungen, seine Vorstellungen verständlich auszudrücken; allerdings ist es durchaus schwierige Lektüre, für die man sich Zeit nehmen muß, und vermutlich wird man einzelne Abschnitte oder auch das ganze Buch mehrfach lesen wollen.

Es wäre interessant zu erfahren, ob der Autor Experten wie Philippe Karl, der auch mit einem Photo präsent ist, etwas Neues zu sagen hat, und ob diese seine Erkenntnisse und Erklärungsmethoden in ihre eigene Lehrpraxis übernehmen wollen.

An einigen wenigen Stellen ist mir aufgefallen, daß das Buch etwas sorgfältiger hätte Korrektur gelesen werden sollen. So wird in der Einleitung Harry Boldt zitiert, und ganz unvermittelt endet die Schlußbetrachtung mit den beiden Worten: Boldt, Harry - ich fürchte, der Leser ist verwirrt, ich jedenfalls war es.

Ansonsten ist das Buch in der hervorragenden Cadmos-Qualität produziert, wobei auch dieser Verlag dem Trend zur "Magazinisierung" nicht widerstehen kann. Bücher sehen also immer mehr wie Zeitschriften aus, was meines Erachtens schade ist. Die Ästhetik des Buches hat ihre eigene Würde, die auf diese Art und Weise beschädigt wird.

Mehrere Rezensionen bei Amazon haben die Auswahl der Fotos bemängelt. Dem kann ich nicht zustimmen. Zwar sind, wie schon bei einigen anderen Büchern, Fotos eingestreut, die nicht unmittelbar auf den Text bezogen sind, aber das empfand ich nicht als störend, im Gegenteil: Einige Fotos illustrierten den Text sehr passend. Allerdings: Es gehört zum Phänomen der durchgängigen Magazin-Ästhetik dazu, überall Fotos einzustreuen, auch wenn sich das nicht unmittelbar aus dem Kontext ergibt. Ich glaube nicht, daß der Autor diese Fotos ausgesucht hat. Die Verantwortung wird bei der Werbeagentur liegen, die für Gestaltung und Satz verantwortlich ist. Wenn der Autor damit leben kann, finde ich eine solche "Erweiterung" akzeptabel.

Bei uns wird dem promovierten Tierarzt der Titel "Dr. med. vet." verliehen. Erich Kotzab kommt aus Österreich, und auf dem Umschlag und der Rückseite wird er mit "Dr. vet." betitelt. Das mag eine österreichische Variante sein, aber im Impressum und im Titelblatt wird er als "Dr. med. vet." bezeichnet. Insofern frage ich mich, wer da geschlampt hat. Die Österreicher selbst geben keine Auskunft, in einschlägigen Listen wurde der Autor "nur" als "Dr." bezeichnet. Bei dieser Recherche erfuhr ich, daß es in Österreich einen "Diplomtierarzt" gibt. Gibt es das bei uns auch?

Da der Autor sein Buch selbst illustriert hat, blieb für  Maria Mähler nur das Titelbild, das freilich einen besonderen Genuß darstellt. Eine solche Arbeit würde vermutlich die Fähigkeiten des Autors doch übersteigen.

Wie konnte es zu den falschen Vorstellungen kommen, die der Autor anprangert? Er erklärt es so, daß wir Menschen uns zum Muster genommen und nicht bedacht haben, daß Pferde anders gebaut sind:

Wir sind mit unserer derzeit gültigen traditionellen Biegevorstellung in der Praxis bisher nicht so schlecht gefahren, obwohl die alten Meister ein Biegemodell kreiert hatten, das sich an der menschlichen Anatomie und Bewegungsphysiologie orientierte. Es hat sich im täglichen Gebrauch in der Regel bewährt, und so soll es auch bleiben. Die Hilfen geben kann sich muß sich nicht ändern, lediglich unser Bewußtsein über die tatsächlichen Biegevorgänge im Pferd. Dieses neue Bewußtsein kann dazu beitragen, Probleme zu erkennen, zu verstehen und dadurch auch bereits im Ansatz lösen zu können.
a.a.O., Seite 82

Wir Menschen sind also gefordert, nämlich Sie als Leser - natürlich, denn die Pferde sind ja im Prinzip von Haus aus perfekt.


erschienen 03.06.07




Kotzab, Erich

Über die Biegung und Versammlung des Pferdes


17 cm x 24 cm gebunden, farb. Abb., 144 Seiten
Brunsbeck, Oktober 2006 · Cadmos Verlag
ISBN 97838612743610


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