
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Es gibt wahnsinnig viele Ansätze, das Reiten zu erlernen. Dafür sorgen schon die unterschiedlichen Reitweise. Das Titelbild macht es gleich deutlich: Walter Tschaikowski steht für die klassische Reitkunst oder für den modernen Turniersport. Auf seiner Internetpräsenz » Alexander-Technik und Reiten wird klargestellt:
| Unter Alexander-Technik & Reiten verstehen wir das Erarbeiten der Inhalte der klassischen Reitweise mit den Mitteln der Alexander-Technik. Die klassische Reitweise steht nach unserem Verständnis für die Ideale, die namentlich der deutschen Reitkunst auf der ganzen Welt Anerkennung verschafft haben und die heute in Gefahr sind, in den Hintergrund gedrängt zu werden. Diese sind eine Vertrauensbasis zwischen Pferd und Reiter und eine fundierte Ausbildung gemäß der Skala: Los Gelassenheit - Geraderichten - Versammlung. a.a.O. | | |
Damit ist klar, daß dieses Buch nicht für Turnierreiter gedacht ist, sondern für Menschen, die sich an den Idealen der klassischen Reitweise orientieren und sich womöglich bisher vergeblich abgemüht haben, ohne zu erkennen, warum die erwünschten Fortschritte nicht eintreten. Reitlehrer gibt es ja reichlich, und manche ambitionierten Reiter haben auch Zeit und Geld genug, um sich den Reitlehrer leisten zu können, der sie ihrem Ziele näherbringt. Was nun, wenn keiner dieser herausragenden Reitlehrer Erfolg hat? Könnte es sein, daß etwas ganz Wesentliches übersehen wird? Grundlegende Einsichten, auf die dieses Buch aufmerksam macht?
Das Vorwort stimmt in das Thema ein:
| Der Schlüssel liegt beim Reiter
Das Interesse am Reiten wächst. Es gibt immer mehr Pferde, immer mehr Reitställe, Reiterläden, Reitlehrer, Pferdezeitschriften, Pferdefilme, Pferdebücher. Hier nun ein weiteres. Was hat dieses Buch an Neuem zu bieten?
Das vorliegende Buch basiert auf zwei Grundannahmen:
- Damit Reiten gelingen kann, muß der Reiter körperliche und geistige Voraussetzungen erfüllen.
- Diese Voraussetzungen lassen sich systematische erwerben durch einen Entwicklungsweg, dessen Stufen Losgelassenheit, Balance und Stabilität heißen.
Die meisten Reiter sind sich einig, daß sich das Pferd durch Schulung entwickeln soll. Der Ausbildungsweg führt vom Lösen über das Gerade richten zur Versammlung.
Aber was ist mit dem Reiter? Gibt es Richtlinien für die Korrektur von Fehlern in der Bewegungssteuerung des Reiters? Wird der Ausbildung des Reiters in Bezug auf seine Selbststeuerung eben solche Beachtung geschenkt wie bezüglich der Lenkung des Pferdes? Wohl kaum. Warum eigentlich nicht?
Das Instrument unserer fühlenden Wahrnehmung auf dem Pferd ist unser Körper. Ist dieser unausbalanciert, so ist auch die Wahrnehmung ungenau. Ein Mensch, der zum Beispiel rechtslastig sitzt, sei es auch nur ein wenig, kann nicht genau spüren, wann sein Pferd ausbalanciert ist. Darüber hinaus gibt er seinen Pferd ständig falsche Signale (ungewollte "Hilfen"). [...]
Der ausbalancierte Reiter ist durchlässig für die Bewegung des Pferdes, kann sich anpassen und dabei die eigene Stabilität behalten. Er kann das Pferd durchgehend spüren und infolgedessen harmonisch lenken. Lernt der Reiter seine Bewegungen zu optimieren, so erschließt sich die Reitkunst von innen heraus. Sie muß immer noch erlernt werden, was seine Zeit braucht, der Reitschüler "tappt aber nicht mehr im Dunkeln" und ist den Anweisungen seines Lehrers nicht hilflos ausgeliefert. Eine gute Bewegungs- und Spannungssteuerung gibt dem Reiter innere Richtlinien für einen sinnvollen Umgang mit seinem Pferd. Viele Umwege und Enttäuschungen können hierdurch vermieden werden. [...]
Ob Pferd oder Mensch: Nur wer gelöst ist, kann Balance finden. Anstrengung im Sinne von körperliche Festigkeit verhindert eine gute Selbsthaltung. Stockender Atem, fixierter Blick, angespannte Extremitäten - zieht sich der Mensch zusammen, so behinderte seine natürliche auf Richtung. Freie Beweglichkeit und lebendige Aufmerksamkeit gehen verloren. Erst aus der Losgelassenheit heraus kann Balance entstehen, und aus dieser wiederum entwickelt sich die Stabilität. a.a.O., Seite 9 | | |
Die meisten Reitlehrer sind sich einig, daß nicht das Pferd, sondern der Reiter das Problem ist. Nun wollen die Reiter im allgemeinen das Reiten lernen, aber sich sonst eigentlich nicht verändern. Insbesondere möchten sie den Reitunterricht nicht mit einer Persönlichkeitsschulung oder Therapie verwechselt sehen.
Die Alexander-Technik ist in gewissem Sinne eine Therapie, allerdings ist diese nicht weltanschaulich gebunden. Man will keine besseren Menschen erziehen, sondern lediglich körperliche Spannungen abbauen:
| Die Alexander-Technik basiert auf der Überzeugung Frederick Matthias Alexanders, daß der Mensch ein Organismus ist, in dem alle geistigen, seelischen und körperlichen Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind.
Alexander nannte die Art des Umgangs mit dem Organismus in allen Aktivitäten des alltäglichen Lebens den Gebrauch des Selbst.
In unserem Leben gibt es zahlreiche Faktoren, die ein harmonisches Funktionieren des Organismus störend beeinflussen. Das zeigt sich in ungünstigen Bewegungs- und Verhaltensmustern, die in stereotyper Weise ablaufen. Jeder Mensch entwickelt Gewohnheiten, die sich für ihn vertraut und deshalb richtig anfühlen, ihn in seiner Freiheit jedoch einschränken. Die Alexander-Technik bietet Möglichkeiten, diese Gewohnheiten und Muster zu erkennen und zu lösen.
Bewußtes Innehalten ermöglicht auf einen inneren oder äußeren Reiz nicht in der gewohnten Art und Weise zu reagieren. Dies gibt die Freiheit, zwischen verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten bewußt zu wählen.
Mit Hilfe mentaler Anweisungen werden neue, noch unbekannte Bewegungsabläufe eröffnet. Hierbei beziehen sich die zentralen Anweisungen auf das Zusammenspiel von Kopf, Hals und Rumpf. Alexander nannte dieses zentrale Zusammenwirken die Primärsteuerung. » Die F.M. Alexander-Technik | | |
Es geht also in erster Linie um körperlichen Ausdruck, was beim Reiten absolut angemessen erscheint. Der Schöpfer der Alexander-Technik war Schauspieler, der diese für sich selbst entwickelt hatte:
| Nachdem er als junger Rezitator und Bühnenschauspieler hartnäckige Stimmprobleme bekam und kein Arzt ihm helfen konnte, entwickelte Alexander zwischen 1888 und 1898 eine Methode zur ganzheitlichen Neuschulung. Die offensichtliche Wirksamkeit seiner Methode weckte das Interesse seiner Zeitgenossen und bestärkte ihn in dem Wunsch, seine Technik an andere weiterzugeben. » Frederick Matthias Alexander | | |
Freilich ist die Methode niemals wissenschaftlich untersucht worden, was aber kein Einwand bedeutet. Wenn es funktioniert, muß man es nicht beweisen. In diesem Sinne liegt es nahe, eine Technik, die für körperlich tätige Künstler wie Schauspieler und Musiker wirksam ist, auch auf die Reiterei zu übertragen. Die ursprünglichen Ziele werden inzwischen allerdings weiter gefaßt:
| Letztlich versteht sich die Alexander-Technik als grundlegende Lebenskunst, die Menschen ihren innersten Zielen näherbringen will: Gesundheit und Glück in Form eines erfüllten Daseins in dem Wissen um den Sinn des eigenen Lebens. a.a.O., Seite 16 | | |
Na bitte: Reiten lernen ist offenbar doch nicht genug. Aber keine Angst, es geht wirklich vornehmlich um körperliche Arbeit bzw. Entspannung. Wenn man Unterricht nehmen will (der Autor wohnt ganz in der Nähe von Hamburg), wird eine Teilung zwischen der Arbeit mit und ohne Pferd empfohlen. Ab Seite 35, nachdem bereits fünf Seiten lang Schritt-Reiten behandelt wurde, wird die Körperlichkeit des Reiters näher betrachtet: "Analyse der persönlichen Rechts-Links-Belastung". Dazu werden sehr anschauliche Illustrationen und Zeichnungen gebracht, nicht etwa vom Pferd, sondern vom Menschen. Und erst acht Seiten später ist wieder vom Pferd die Rede, das natürlich ebenfalls asymmetrisch gebaut ist und sich entsprechend hält.
| Die Alexander-Technik geht von einer zentralen Annahme aus: Der heutige zivilisierte Mensch ist in der Regel verspannt. Frederick Matthias Alexander erklärte dies durch die rasante technische Entwicklung und die überstrapazierte Anpassungsfähigkeit des Menschen an die veränderten Lebensumstände. Einer weiteren Faktor sah er in der überzogenen Zielorientiertheit der Gesellschaft. Alexander plädierte für eine ganzheitliche Pädagoge, die den Menschen wieder im klaren Kontakt mit seiner Wahrnehmung bringen und die menschliche Gesellschaft grundlegend verwandeln würde. Alexander arbeitete für eine Qualität des menschlichen Miteinanders, durch die Krankheit und Kriminalität langsam verschwinden würden. a.a.O., Seite 52 ff. | | |
Tja, so ist das, es reicht nicht, Spannungen abzubauen, man muß gleich die ganze Menschheit retten. Bei diesem Buch aber besteht diese Gefahr nicht. Es findet nach solchen Höhenflügen schnell wieder zum Boden der Tatsachen zurück und beschäftigt sich mit dem eigentlichen Anliegen, dem "richtigen" Reiten.
Die Übungen betreffen gemäß dem Anspruch des Buches vor allen Dingen den Reiter, und viele Übungen werden ohne Pferd gemacht. Ab Seite 108 wird das siebenminütige Training entwickelt, das sich ausschließlich auf den Menschen bezieht. Viele der 21 Übungen werden mit reiterlichen Begriffen bezeichnet und beziehen sich direkt auf die entsprechende Verhaltensweise im Sattel. Genau das soll ja bezweckt werden: Bewegungsabläufe, die sich für den Menschen richtig anfühlen, aber falsch sind und zu den entsprechenden Problemen führen, sollen durch bessere Bewegungsabläufe ersetzt werden. Diese bewußte Umerziehung soll dann wahre Wunder wirken.
Bei Künstlern hat die Methode zuerst eingeschlagen - kein Wunder, denn wenn ein Kollege sich selbst heilen kann, wollen andere, die unter ähnlichen Problemen leiden, selbstverständlich teilhaben. So hat sich die Alexander-Technik ganz natürlich verbreitet, von Kollege zu Kollege, von Betroffenem zu Betroffenem. Die Wissenschaft hat keinen Anlaß gehabt, sich damit zu beschäftigen. Deshalb löste der Nobelpreisträger Nikolaas Tinbergen anläßlich der Dankesrede zur Verleihung einen Skandal aus, als er nicht, wie üblich, eine Zusammenfassung seines Fachgebietes gab, sondern über die Alexander-Technik referierte und diese empfahl, obwohl die Wirksamkeit wissenschaftlich weder untersucht noch bewiesen war.
Tinbergen wußte allerdings, wovon er sprach, denn eine seiner Töchter ist Cellistin und litt unter Schmerzen im Nackenbereich und konnte sich dank dieser Technik davon befreien (» Nikolaas Tinbergen). Der Erfolg gibt allemal recht. Wenn Walter Tschaikowski einen Spitzensportler, den seine Verspannung aus der Bahn geworfen hat, wieder flottgemacht hat, werden alle davon profitieren wollen. Fraglich ist nur, ob Tschaikowski sich mit einem Spitzensportler abgeben will, denn deren Reitweise entspricht ja nicht seinen Vorstellungen vom richtigen Reiten. Wenn Sie auch so reiten wollen wie er und aus ungeklärter Ursache keine Fortschritte erzielen, sollten Sie sich einmal mit seiner Methode vertraut machen.
Tschaikowski stellt sich als Ausbildungsleiter einer Schule für Alexander-Technik vor, seine Frau Sarah Mrozek wird als klassisch ausgebildete Sängerin, FN Reittrainerin B und Lehrerin der F. M. Alexander-Technik und gefragte Ausbilderin und Bereiterin in der klassischen Reitweise vorgestellt. Das Buch ist vielleicht die erste Stufe, die zweite dann der persönliche Unterricht bei Walter Tschaikowski oder Sarah Mrozek.
erschienen 27.05.07
| |