
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Jahrgang 1924 - die Autorin hat das Buch also im Alter von 82 Jahren herausgebracht. Donnerwetter! So etwas sollte einem vergönnt sein! Im Buch wird über die Autorin weiter ausgeführt:
| Sie selbst wurde reiterlich vor allem von Wilhelm Köster, dem letzten Stallmeister des Königs von Württemberg, gefördert [...] Später lebte und arbeitete sie 14 Jahre auf dem Gestüt ihrer Verwandten, dem Vollblutgestüt Röttgen in Köln.
In den fünfziger Jahren begann Gudrun Schultz-Mehl, hauptberuflich medizinisch-technische Assistentin, Artikel für die Zeitschriften St. Georg und Reiter Revue zu schreiben.
Ab 1958 besaß Gudrun Schultz-Mehl immer ein eigenes Pferd - natürlich Vollblüter, die aus dem Rennsport oder aus der Zucht des Gestüts Röttgen herausgenommen worden waren. Mehrere dieser Pferde bildete Gudrun Schultz-Mehl zu zuverlässigen Dressurpferden mit Erfolgen bis zur Klasse M aus.
Gudrun Schultz-Mehl lebt heute in Uetze in der Nähe von Hannover und widmet sich nach wie vor der Ausbildung von Schülern und ihren Pferden nach den Grundsätzen der klassischen Dressur. a.a.O., Seite 6 | | |
Im Vorwort verweist die Autorin auf ihre über siebzigjährige Praxis im Sattel - wer kann das schon von sich sagen? Die Beantwortung vieler Fragen hatte sie schriftlich festgehalten und weitergegeben, und aus diesen Aufzeichnungen sind Merkblätter geworden, die dann alphabetisch geordnet und zu einem Buch vervollständigt wurden.
| Wenn wir unsere Pferde nicht zu Elementen unserer Spaßgesellschaft degradieren wollen, dann ist es Pflicht für einen jeden, der Pferde in irgendeiner Weise für sich nutzt, so viel wie möglich über deren psychische und physiologische Möglichkeiten zu wissen und seine Ansprüche an das Pferd sowie seinen Ehrgeiz seinem eigenen Können anzupassen. Dieses Lexikon könnte für den einen oder anderen der Anfang dazu sein.
Ich widme dieses Buch all jenen Reitern, die sich der Verantwortung bewußt sind, die sie gegenüber einem Lebewesen auf sich nehmen, für dessen Schicksal sie mitbestimmend sein werden. Ich schrieb es im Gedenken an meinen Vater und an alle meine großartigen Lehrmeister rund ums Pferd. Sie sorgten dafür, daß ich meine Pferde beherrschen lernte, ohne über sie zu herrschen. Ich schrieb es auch im Gedenken an all die vielen Pferde, die mich durch ein langes Leben begleiteten und glücklich machten. Ihnen einfach nur "Danke" zu sagen ist zu wenig. Die Arbeit für dieses Buch soll ein Teil meines Dankes an sie sein und an alle Pferde, die auf das Wissen und das Verständnis ihrer Reiter angewiesen sind. a.a.O., Seite 7 | | |
Aus diesen Worten lese ich die Sorge, vielleicht sogar das Entsetzen eines Pferdeliebhabers über den Mißbrauch der Pferde für die Egobedürfnisse ihrer Besitzer. Wie oft habe ich schon gehört: "Warum kauft der sich kein Motorrad?" Schön, aber soll sie sich auch ein Motorrad kaufen? Nein, es ist wunderbar, daß er oder sie sich ein Pferd kaufen, aber dann müssen sie sich auch den Konsequenzen dieser Handlung stellen und begreifen, daß ein Pferd wesentlich mehr Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert als alle toten Gegenstände, die möglicherweise ebenfalls das Ego pflegen und Spaß versprechen.
Wenn der Umgang mit Pferden nur Spaß macht, ist es vermutlich auch zu wenig. Pferde können glücklich machen, und ich bezweifle, daß man dieses Glücksgefühl mit einem Motorrad ebenso erfahren kann. Der unvergleichlich größere Aufwand lohnt sich also, und deshalb sollten Menschen, die mit Pferden liebäugeln, durchaus ermutigt werden, freilich nach entsprechender eindringlicher Warnung.
Das Lexikon der Reitersprache kann in diesem Sinne eingesetzt werden. Als Lexikon wird man es kaum von vorne bis hinten lesen, sondern vielmehr stichprobenartig. Auf Seite 62 wird zum Beispiel der Buchstabe K behandelt, in diesem Fall die Begriffe
- Kauen
- Kehrtvolte/Kehrtwendung
- Klappen mit dem Gesäß
- Klasse
- Klassische Ausbildung/Klassische Dressur
- Kleben am Sattel
- Kleber
- Knebeltrense
Rechts unten findet sich eine Illustration zum letzten Begriff, links oben eine Illustration zum Begriff Karpalgelenk, der auf der vorherigen Seite angefangen wurde. Der Text zum Begriff "Kleben am Sattel" ist extrem kurz, nämlich nur ein Querverweis zum Begriff "Am Sattel kleben". Der längste Eintrag auf dieser Seite ist der zur Klassischen Ausbildung, der Eintrag mit den meisten Querverweisen der zum Begriff "Kauen":
| Kauen Ein leises Kauen auf dem Gebißstück mit geschlossenem Maul ist das Zeichen, daß dem Pferd die → Anlehnung an die Reiterhand angenehm ist und auch Anzeichen für seine → Losgelassenheit. Der unerwünschte Gegensatz ist ein → totes Maul ohne jede kauende Bewegung, die Hilfen nicht beantwortet, sondern blockiert.
[...]
Klassische Ausbildung/ Klassische Dressur Die Definition der klassischen Ausbildung des Pferdes bzw. der klassischen Dressur durch die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) lautet (gekürzt): "Das Ziel der Dressur ist die harmonische Entwicklung der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten des Pferdes. Sie bezweckt gleichermaßen ein ruhiges, gehorsames und schwungvolles Pferd und damit eine vollkommene Einheit mit seinem Reiter." Die Definition der klassischen Ausbildung durch Gustav Steinbrecht (1808-1885) in seinem Buch ("Das Gymnasium des Pferdes" (Cadmos Verlag, 1998) lautet unter anderem: "Die richtige Dressur ist eine naturgemäße Gymnastizierung für das Pferd, durch welche seine Kräfte gestählt, seine Glieder gelenk gemacht werden. Durch dieselbe werden die kräftigeren Theile zugunsten der schwächeren zu größerer Thätigkeit angehalten, die letzteren durch allmähliche Übung gestärkt und verborgene Kräfte, die aus natürlichen Hang zur Bequemlichkeit vom Pferde zurückgehalten werden, hervorgerufen, wodurch endlich eine vollkommene Harmonie in der Zusammenwirkung der einzelnen Glieder mit ihren Kräften entsteht, die das Pferd befähigt, auf die leisesten Hilfen seines Reiters solche geregelten und schönen Bewegungen andauernd und zwanglos auszuführen, die es aus eigenem Antriebe nur in Momenten der Aufregung flüchtig zeigt."
Die klassische Ausbildung hat allein die Weiterausbildung der natürlichen Anlagen des Pferdes und die Erhaltung seiner Gesundheit zum Ziel, um es für alle Sparten der Reiterei zu fördern; ausgenommen sind wenige Pferdesportarten wie zum Beispiel der Rennsport oder Rodeo. Sie soll das Pferd leistungsfähig und gesund erhalten, seine Kooperationsbereitschaft mit dem Reiter sichern und seine Empfindungen gegenüber der Umwelt unter die Dominanz seines Reiters stellen, solange dieser bereit und in der Lage ist, sein Einwirken auf das Pferd ebenfalls auf die Regeln der klassischen Reitkunst zu beschränken.
Reitweisen und Ausbildungsmethoden, die sich nicht oder nur teilweise an der klassischen Methode orientieren, sollen hier nicht als falsch bewertet werden, ihre Ziele sind aber andere, weniger das Pferd berücksichtigende, sondern mehr das Pferd als Diener des Menschen sehende Ziele, wie zum Beispiel das - ebenfalls fast schon klassische zu nennende - Westernreiten (oder das Reiten im Westernstil), daß für die frühere Vieh Treiber war in den vereinigten Staaten wichtig war, das aber nicht in gleichem Maße auf die Gesundheit des Pferdes ausgerichtet ist, wie es bei der klassischen Ausbildung gefordert wird. Aus humanistischer Einstellung entstand die klassische Reitweise, aus pragmatischem Denken entstanden die anderen Reitweisen - sie alle können jedoch nicht verhindern, daß Auswüchse reiterlichen Verhaltens, sei es aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschöpf Pferd, in jeder Sparten der Reiterei auftreten. a.a.O., Seite 62/63 | | |
Um Ihnen eine Kostprobe davon zu geben, wie das Lexikon als Reitschule wirkt, noch ein weiteres Zitat:
| Gespannte Tritte Das Pferd zeigt gespannte Tritte, wenn es sich wieder losgelassen bewegt noch durchlässig ist und dadurch die Reiterhilfen nicht mehr annimmt. Der Raumgriff im Schritt und im Trab ist vermindert, im Trab kann das Pferd → Schwebetritte zeigen.
Ursache können verschiedenste äußere Einflüsse sein, zum Beispiel Angst, aber auch körperliche Beschwerden. Meist ist es jedoch eine Überforderung durch den Reiter, der das Pferd nicht entsprechen kann. Abhilfe kann nur ein Zurückkehren zur Ruhe schaffen, Schritt reiten → am langen Zügel, lösendes Reiten und ein Reduzieren der Anforderungen. Gespannte Tritte sollten besser als "verspannte" Tritte bezeichnet werden. Häufig werden gespannte Tritte mit kadenzierten, ausdrucksvollen Tritten verwechselt. → Kadenz → Lösen → Spannung a.a.O., Seite 48 | | |
Zu diesem Text gibt es wieder ein sehr eindrucksvolles Bild. Im Anhang finden sich Bildtafeln zum Skelett des Pferdes, zu den wichtigsten oberflächlichen und tiefen Muskeln sowie zur Fußfolge der Gangarten und den wichtigsten Hufschlagfiguren und Hindernissen. Naturgemäß illustrieren die meisten Abbildungen Fehler und selten einmal kommt zum Ausdruck, daß das Ziel des Reitens das Glück von Pferd und Reiter sein soll. Bis dahin ist es offenbar für beide vorwiegend harte Arbeit. Aber das macht das Erreichen des Ziels dann desto wertvoller.
Das Buch ist, wie immer beim Cadmos Verlag, hervorragend ausgestattet. Die feinen senkrechten Linien, die die beiden Spalten auf jeder Seite optisch voneinander trennen, haben mich ein wenig irritiert, aber das muß man wohl inzwischen als Designzugeständnis hinnehmen. Alle Seiten sind vollflächig farbig hinterlegt, lediglich der dünne Streifen zeigt die natürlichen Farbe des Papiers. Die moderne Drucktechnik macht es möglich.
erschienen 20.05.07
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