
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Linda Weritz beklagt im "Meine Motivation" betitelten Vorwort, daß sich in den 6000 Jahren gemeinsamer Geschichte von Pferd und Mensch wenig geändert hat. Sie behauptet, daß die meisten Menschen und Pferde nicht in einer wirklich glücklichen Beziehung miteinander leben. Sie möchte Sie mit diesem Buch anregen, die Welt zu verbessern:
| Sie und ich haben es in der Hand, und es ist unsere Entscheidung als für uns selbst verantwortliche Menschen, ob wir auch mürrisch und frustriert mit unseren Pferden sind oder Spaß und Freude mit ihnen haben. [...] Indem Sie mit gutem Beispiel vorangehen, Ihr Pferd konsequent gewaltfrei und mit viel wirkungsvollem Lob trainieren und sich möglicherweise auch gegen übliche Normen in Ihrem Stall auflehnen, machen Sie einen erheblichen Unterschied. Sie bieten anderen Menschen eine echte Orientierungshilfe und verbessern nicht nur die Lebensqualität Ihres eigenen Pferdes, sondern möglicherweise auch das Leben anderer Pferde.
Wir alle wünschen und sensibel, fein zu Reiten de, gut gymnastizieren der Pferde, die möglichst unempfindlich auf Streßfaktoren reagieren und stets willig und freudig mit uns bei der Arbeit sind. Ich verspreche Ihnen, daß dieses Buch Ihnen einen klaren Weg auf Zeit, um diesem Ziel deutlich näher zu kommen! a.a.O., Seite 11 | | |
Um dieses Ziel zu erreichen, widmet sich die Autorin zunächst sehr ausführlich dem Sozialverhalten des Pferdes. Dazu untersucht sie das Leben in der Herde, insbesondere die Rollen von Hengst, Stute und Nachwuchs. Anschließend beschäftigt sie sich mit der Rangordnung, die sich aus der sozialen Organisation der Herde ergibt, und verdeutlicht sie, indem sie das Herdeverhalten der Pferde mit dem unterschiedlichen Programmen der Esel und einer bestimmten Sorte Zebras vergleicht, woraus deutlich wird, daß die Notwendigkeit, ständig auf der Wanderung nach guter Nahrung zu sein, zur Ausbildung des Herdenverhaltens geführt hat, das der Art und dem Individuum. Die besten Überlebensmöglichkeiten bietet. Anschließend nutzt sie diese Erkenntnisse, um die soziale Organisation bei Pferden in menschlicher Obhut zu untersuchen. Die Rolle des Hengstes bildet dabei einen Spezialfall, der die meisten Leser nicht sonderlich interessieren wird, das Elend der heutigen Pferdehaltung jedoch besonders beleuchtet.
Nach diesen Grundlagen kann sie sich der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Pferd widmen:
| Es ist nützlich, sich zu vergegenwärtigen, daß Pferde erst seit ca. 6000 Jahren in unserer Obhut sind und trotz ihrer enormen Adaptionsfähigkeit immer noch jederzeit verwildern könnten. Dank ihrer feinen Sinne und ihrer Instinktsicherheit hätten sie auch absolut aktuelle Überlebenschancen.
Ich plädiere dafür, diese enorme Instinktsicherheit anzuerkennen und sie dem Pferd positiv zuzubilligen, anstatt sich darüber zu ärgern, daß ein Pferd zuweilen scheut oder erschrickt. Wenn Sie sich vorstellen, wie viele Pferde es gibt, die außer ihrer Box, der Stallgasse und der Reithalle nichts kennen, und diese Pferde könnten, wenn sie freigelassen würden, draußen zu ihrem ursprünglichen Leben zurückfinden und es meistern - was für eine Leistung!
Das Pferd sorgt also aktiv um sein Überleben, und seine gut entwickelten Sinne helfen ihm dabei. [...] Die Entscheidung über das Verhalten der gesamten Gruppe wird einem oder einigen wenigen Individuen überlassen, die die notwendige Lebenserfahrung und Routine mitbringen und diese zumeist durch ihr Lebensalter und ihre daraus gewonnene selbstsichere Lebenseinstellung und -haltung erfolgreich zum Ausdruck bringen.
Hinzu kommt: Pferde werden von anderen Pferden nicht überredet, beschwichtigt oder ermahnt, doch "bitte ruhig und vernünftig" zu bleiben. Sicherheit erfährt die Herde durch die Souveränität und Handlungskompetenz der ranghohen Tiere, die sie mittels "Stimmungsübertragung" weitergeben.
An einem ganz normalen Abend in einer x-beliebigen Reithalle drängt sich allerdings ein anderer Eindruck auf. Pferdebesitzer, die zum Teil von Jugend an Reiterfahrung gesammelt haben, versuchen ihren Pferden auf "Intellektuelle" Art und Weise zu vermitteln, daß sie sich nicht zu fürchten brauchen. Durch ihre vermeintlich wohlwollende Art verstärken sie allerdings eher das Verhalten des Pferdes.
Die zweite, häufig zu beobachtende Variante: Das Pferd wird für sein Scheuen oder Erschrecken körperlich bestraft. Hier tritt ein noch größerer Verstärkungsprozeß des Verhaltens auf, da das Pferd nun in seiner Furcht vor Schmerz bestätigt wurde und folglich eine generell erhöhte Anspannung entwickelt. Zudem ist dies ein für das Pferd absolut nicht nachvollziehbare Akt: Nachdem es die Verantwortung für "seine" Zweierherdeübernommen hat, wird es nun bestraft, wenn es seiner Verantwortung nachkommt. Hier wird klar, daß solche Handlungen die Freundschafts- und Vertrauensbeziehung zu unserem Pferd wohl kaum fördern. Das Pferd mag zwar durch gewalttätige Akte einschüchtert sein, aber Anerkennung als weiser, ranghöherer Herdenführer und Freund erlangen wir durch körperliche Bestrafung nicht. a.a.O., Seite 45 ff. | | |
Durch dieses Zitat wollte ich den lebendigen, eindrücklichen und nachvollziehbaren Gedankengang der Autorin vorstellen. Nicht zeigen konnte ich Ihnen die zahlreichen verdeutlichenden Illustrationen, die im wesentlichen von Christiane Slawik und Julia Wentscher beigesteuert wurden. Außerdem wollte ich verdeutlichen, daß Linda Weritz eigene Argumentationsketten entwickelt und sich ganz offensichtlich von ihren Lehrern emanzipiert hat. Inzwischen hat sie - freiwillig oder nicht - auch auf ihrer Internetpräsenz » www.lindaweritz.de den Bezug zu ihrem Lehrer Monty Roberts ersatzlos gestrichen und präsentiert ihren Ansatz als "Intelligent Horsemanship Netzwerk" - eine merkwürdige Schöpfung aus Englisch und Deutsch, die aber signalisiert, daß Linda Weritz sich trotz aller Erfahrung oder vielleicht sogar im Gegenteil aus diesem Grunde sehr viele Gedanken über die Probleme heutiger Pferdebesitzer macht. Pferdebesitzer in unserem Lande, die üblicherweise ganz andere Probleme haben als die anderswo. Bekanntlich hat Linda Weritz auch lange bei Monty Roberts in den USA gearbeitet. Das läßt sie alles außen vor, um sich auf die Probleme ihrer Leser zu konzentrieren:
| Einige Pferdegurus versprechen uns, daß wir durch die Anwendung ihrer Methoden eine "partnerschaftliche" Beziehung zum Pferd etablieren können - eine Idee, die uns friedfertigen Menschen sehr gefällt. In der anderen Ecke stehen jene Reitschulen und Ausbilder, die vom Pferd stets eine Art automatisierten Gehorsam verlangen und auch kein Problem mit dem Versuch haben, diesen durch Gewalt einzufordern.
Als intelligenter Mensch mit offenem Geist und dem steten Willen dazuzulernen, steht man in der heutigen Zeit relativer wird zwischen diversen extremen Fronten und fragt sich möglicherweise zu Recht, ob man das Pferd nun eher per Rollkur oder mittels Telepathie durchlässig bekommt.
Gesunder Pferdeverstand für Menschen gebietet, stets seinen eigenen Verstand wach zu halten und niemals ungeprüft Meinungen oder Methoden zu adaptieren. Dazu gehören die Fragen: Kann man überhaupt in einer gleichberechtigten Partnerschaft mit dem Pferd leben, und wenn ja, wie sieht diese aus? Was bedeutet es für Mensch und Pferd, Partner zu werden, und was haben wir uns gegenseitig in dieser Partnerschaft zu bieten? Wie kann der Mensch das Beste in der Beziehung einbringen und dem Gegenüber "das Beste" hervorbringen?
Wenn wir möchten, daß unser Pferd ein williger Partner wird, ist es unsere Aufgabe herauszufinden, die wir unsererseits ein positiver und unterstützender Freund unseres Pferdes werden - nicht nur in Situationen, in denen alles gut läuft, sondern auch bei anstehenden Schwierigkeiten.
Meine persönliche Auffassung ist, daß man in großer Harmonie mit Pferden arbeiten und seine Freizeit verbringen kann. Eine Beziehung, charakterisiert durch gegenseitigen Respekt und Gefühle der Freundschaft, ist trotz des erheblichen intellektuellen Unterschieds - meistens müssen wir die Entscheidung für unser Pferd treffen - möglich und erstrebenswert. a.a.O., Seite 59 | | |
Nachdem solcherart die Grundlagen gelegt sind und der Mensch als Führer der Zweierherde herausgestellt ist, ergibt sich für die Autorin das Grundproblem jeglicher Pferdeausbildung: Die Pferde sind im Grunde perfekt, der Mensch muß lernen. Wie wird man ein Führer? Indem man zunächst einmal ehrlich zu sich selbst ist.
| Bevor wir zu den Pferden zurückkehren, widmen wir uns zunächst ganz uns selbst und versuchen zu ergründen, wie wir auf andere wirken und welche momentanen Eigenschaften am besten auf uns zutreffen. Ein Charakter ist relativ feststehend, Verhalten oder Verhaltensmuster sowie körperliche Fitneß und Ausstrahlung lassen sich allerdings verändern. Hilfreich für die Selbsterkenntnis sind die folgenden Stichpunkte: [...]
Seien Sie ehrlich zu sich selbst und identifizieren Sie Ihre Schwächen, um daraus Stärken zu entwickeln. Vertrauen Sie grundsätzlich keiner Ihrer inneren Stimmen, die nicht liebevoll mit Ihnen spricht, aber haben Sie den Mut, sich selbst eigene Schwächen einzugestehen. Bleiben Sie sachlich, positiv und verzeihen und, wie es gute Trainer und Führungsspitze nicht Pferden sind. Überlegen Sie auch, wie Ihr Pferd Sie einschätzen würde, wenn es die intellektuellen Fähigkeiten dazu hätte.
Ich selbst bin ein sehr ungeduldiger Mensch und geriet früher schnell in einen Zustand der hektischen Verzweiflung, wenn etwas nicht sofort klappte. Deshalb habe ich spezielle Situationen auferlegt bekommen, um mich in Geduld zu üben. Seien Sie bereit, wenn Ihr Meister erscheint. a.a.O., Seite 65 | | |
Anschließend beschreibt sie sehr plastisch eine Erfahrung mit Mustangs, die ihr eine Transformation des eigenen Wesens abverlangten. In diesem Sinne erscheinen die Pferde als ihre Meister.
| Mit einem gewissen Maß an Selbstdisziplin, gutem Willen und gesteigerter Frustration Toleranz kann man nicht nur beim Pferd Erfolge erzielen, sondern auch bei sich selbst wichtige, positive Eigenschaften erarbeiten. Zielorientiertes und strategisches Vorgehen sowie eine eingehende "Ist"- und "Soll"-Analyse helfen dabei, die eigene individuelle "Marschroute" festzulegenden und zu erreichen. Zu der Überwachung der positiven Veränderungen gehört ebenso die rechtzeitige und angemessene Belohnung erreichter Teilziele.
Um es auf den Punkt zu bringen: Je mehr Selbstdisziplin Sie in die Ausbildung und Beziehung einfließen lassen, desto größer werden Ihre Erfolge sein. a.a.O., Seite 67 | | |
Das Buch wimmelt von Aufnahmen, die problematische Situationen zeigen und damit direkt aus dem Leben gegriffen sind. Selbstverständlich werden nach diesen Vorbereitungen jede Menge Übungen und Tips vermittelt, die bei der Umsetzung der Erkenntnisse helfen. Großen Wert legt die Autorin auf Longenarbeit und setzt gerne die Doppellonge ein. Immer wieder aber macht sie deutlich, daß der Mensch an sich arbeiten muß und dafür Disziplin und Zielstrebigkeit aufzubringen hat.
| Meine persönlichen Erkenntnisse, daß aktives, positives Leadership der Schlüssel zu einer harmonischen Beziehung mit unseren Pferden ist, habe ich mit Ihnen, soweit dies durch ein Buch möglich ist, geteilt. Selbstdisziplin und persönliche Weiterentwicklung sind für mich selbstverständlich und Ausdruck von Selbstvertrauen und Stärke.
Meines Erachtens genügt es nicht, rein technisches Wissen zu vermitteln, denn eine erfolgreiche Beziehung zum Pferd beginnt mit und in uns selbst und beinhaltet, daß wir uns möglichst umfassende Kenntnisse über die Sozial- und Gefühlswelt des Pferdes aneignen. Dieses Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag, und Sie werden immer wieder aus den hier zusammengefaßten Erkenntnissen schöpfen können, wenn Sie den Pferden offen und mit allen Sinnen begegnen und stets daran arbeiten, die Welt aus den Augen der Pferde zu betrachten. a.a.O., Seite 126 ff. | | |
Sie werden nach der Lektüre dieses Buches viele Szenen mit Pferden anders beurteilen. Manche Reiter werden Ihnen keinen Eindruck mehr machen, sondern Ihnen eher leid tun. Die abstoßenden Illustrationen sind leider keine Ausnahmen, sondern vielmehr die Regel. Eingangs empfiehlt die Autorin, zum Ausklang des Tages die Pferde zu beobachten, Pferde auf der Weide, Pferde im Stall, Pferde in der Reithalle, Pferde auf dem Reitplatz. Sie verspricht dem Leser, daß er viele Entdeckungen machen und Erkenntnisse gewinnen wird. Auch so kann man lernen. Und in diesem Sinne wird die Lektüre des Buches Ihnen viele Entdeckungen und Erkenntnisse bescheren, die Sie verwandeln und zu einem besseren Pferdemenschen machen werden.
erschienen 13.05.07
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