
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Die Autoren haben in diesem Frühjahr zwei weitere Bücher ihrer Serie herausgebracht; als erstes im März das Buch "Ausbildung & Korrektur".
Vorangegangen sind die Bände
erschienen im März 2006 und in der Pferdezeitung vorgestellt am 23.4.2006, und
erschienen im Oktober 2006.
Im Vorwort aus dem November 2006 beschreibt Friedhelm das Anliegen dieses Buches:
| Das ist das dritte Praxishandbuch aus der Reihe "Das Pferdisch Prinzip". Nach den Praxishandbüchern Pferdisch Bodenarbeit und Pferdisch Reiten nun das Praxishandbuch für die Jungpferdeausbildung und Pferdekorrektur. Wir sind uns unserer Verantwortung bewußt, wenn wir hier quasi eine Bedienungsanleitung für die Ausbildung, vielleicht auch Umstellung oder Korrektur von Pferden darstellen, obwohl wir genau wissen, daß die überwiegende Anzahl der Pferdeliebhaber nicht in der Lage sein wird, diese nach der Lektüre des Buches in die Praxis umzusetzen. Dieser Anspruch war auch nicht unser Ziel beim Schreiben dieses Buches.
Wir möchten aufklären, sensibel machen, Zusammenhänge verständlich darstellen, Fehlermöglichkeiten aufzeigen und den Leser dieses Buches dann in seiner Eigenverantwortlichkeit belassen.
Jeder Pferdebesitzer wird nach der Lektüre verstanden haben, daß ein sehr solides Wissen und ein sehr sicheres Können die Voraussetzung ist, um ein Pferd oder einen Menschen beschulen zu können, will man dem Schüler nicht Schaden zufügen. a.a.O., Seite 9 | | |
Nun, nicht jedes Buch verfolgt die Absicht, den Leser in die Lage zu versetzen, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Das beliebte Beispiel der Fahrschule zeigt ganz deutlich, daß die Lektüre eines Buches, auch wenn sie noch so intensiv sein mag, meistens nicht hinreichend ist, die gewünschten Fähigkeiten zu vermitteln. Aber bei der Fahrschule geht es ja noch darum, daß man selber fahren lernt. Wenn ich ein Buch über psychologische oder medizinische oder technische Fragen lese, habe ich keineswegs den Anspruch, irgendwann selber Psychologe, Mediziner oder Techniker sein zu wollen. Ich möchte nur mehr von der Sache verstehen, damit ich die Fachleute besser beurteilen kann, in deren Hände ich mich begebe.
Und so wollen die Pohls den dritten Band ihrer Reihe wohl verstanden wissen. Die Ausbildung eines jungen Pferdes ist zu verantwortungsvoll, als daß der Laie sich das selber zutrauen sollte, und die Korrektur eines verdorbenen Pferdes sollte nicht von dem vorgenommen werden, der das Pferd verdorben hat oder der es zwar besitzt, aber keine Ahnung davon hat, wie man ein Pferd korrigiert. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil: Da die Einsicht in die mangelnde eigene Kompetenz in den meisten Fällen durchaus vorliegen mag, tut es dringend Not, den Auftraggeber zu befähigen, die zu beauftragenden Fachleute beurteilen zu können.
Hier kommt nun natürlich die persönliche Vorliebe der Autoren ins Spiel. Es geht nicht um eine wie immer geartete objektive Beurteilung dieses Sachverhalts, was schlechterdings gar nicht möglich ist, sondern eigentlich um die Darstellung der eigene Kompetenz, die als Meßlatte zu dienen hat. Und diese ist natürlich im Laufe der Zeit gewachsen und gereift, unter anderem dadurch, daß Fehler gemacht worden sind. Auch das ist im Grunde selbstverständlich und könnte gar nicht anders sein. Bemerkenswert ist, daß die Autoren offen und bewußt von ihren Fehlern und Irrtümern sprechen.
Denn es geht ja um die Menschen, die mit den Pferden umgehen. Die Pferde sind auch ohne uns ganz glücklich und brauchen uns im Grunde nicht. Sobald sie aber in der Obhut des Menschen leben, sind sie von diesem abhängig. Und alle Probleme, die die Pferde bekommen können, sind letzten Endes im Menschen begründet. Deshalb geht es immer nur darum, dem Menschen, also hier dem Leser, verständlich zu machen, was Pferde sind, wie Pferde funktionieren und was Pferde brauchen.
Ein gewissermaßen pädagogischer Trick besteht auch darin, immer wieder auf die persönliche Erfahrung des Lesers zurückzugreifen, um ihm dadurch die Welt des Pferdes besser verständlich zu machen. Da die Autoren den Leser nicht kennen, greifen sie auf ihre eigene Erfahrung zurück, was einen sehr starken Effekt hat, nicht nur, weil es sehr ungewöhnlich ist - normalerweise läßt der Autor sein Privatleben vor der Tür und spricht von der Kanzel herab als unfehlbarer Fachmann - sondern weil dadurch die Kompetenz und Integrität der Autoren nachdrücklich unterstrichen wird.
| Friedhelm hat sich vor einigen Jahren einmal auf eine Bergtour in den Anden in Venezuela vorbereitet, indem er mit vollem Gepäck in einem deutschen Mittelgebirge über eine Zeit von fünf Tagen gewandert ist. Sein Rucksack war 14 Kilogramm schwer, hinzu kamen die schweren Bergschuhe an den Füßen. Obwohl er sportlich durchtrainiert war, hat das zusätzliche Gewicht auf seinen Schultern und an seinen Füßen seinen Körper derart beansprucht, das er nach drei Tagen kaum noch eine Treppe hoch- und runtergehen konnte, ohne vor Schmerzen zu stöhnen. Gegen Ende der Trainingsphase wurde die Belastung wahrlich zur Tortur. Gelenke, Sehnen und die Muskulatur waren einfach überfordert, um sich während der kurzen Trainingsphase der Belastung anpassen zu können. Von Spaß an der Bewegung war da wirklich nicht mehr die Rede. a.a.O., Seite 71 | | |
Dieses Beispiel dient natürlich dazu, die Belastung des Pferdes beim Anreiten anschaulich werden zu lassen. Das Bild und die damit vermittelte Erfahrung ist so stark, daß man die Situation selber nachfühlen kann und deshalb auch ein Verständnis für die Situation des Pferdes bekommt. Das Zitat selbst ist hierfür noch zu kurz; die Maße werden mit denen verglichen, die im Falle des Pferdes anzuwenden sind, und Strategien werden aufgezeigt, die es dem Körper des Pferdes oder Menschen ermöglichen, mit solchen Belastungen fertigzuwerden.
Obwohl die Autoren immer wieder betonen, daß sie selber ständig dazulernen und zwar durch Fehler und durch neue, unbekannte Situationen, lassen sie jedoch keinen Zweifel daran, daß sie selbst ihre Kompetenz als extrem hoch einschätzen. Dabei geht es nicht nur um rein sachliche Fragen, sondern auch um charakterliche und ethische Anforderungen. Das ist ungewöhnlich und wird bereits im Vorwort angesprochen:
| Die Voraussetzung, um Pferde verantwortungsbewußt trainieren zu können, ist eine solide Ausbildung in der Bodenarbeit, eine gute Reitausbildung und eine Persönlichkeit, die klar, ehrlich und gelassen ist (in sich ruht). Bei der Pferdeausbildung dürfen weder Ehrgeiz noch finanzielle Interessen eine Rolle spielen, sonst handelt es sich nicht um eine Ausbildung, sondern um eine Abrichtung.
Nun mag mancher Leser vielleicht bemerken, daß es in allen Sparten der Pferdewelt in der Praxis meistens ganz anders aussieht. Das sehen wir auch. Aber wenn das nicht so wäre, wofür wäre dann der Pferdisch Weg von Nutzen?
Pferdisch ist absolut unabhängig, niemandem verpflichtet, keinem Verband, keinem Regelwerk, keinem scheinheiligen Ehrenkodex - nur den Pferden. a.a.O., Seite 9 | | |
Pferdisch - das ist die Botschaft der Pohls, Pferdisch wie Englisch oder Französisch, eine Kommunikationsart mit Lebewesen, die unsere Sprache nicht lernen, uns aber gleichwohl sehr gut lesen können. Pferdisch ist aber noch mehr, Pferdisch ist ein Anspruch auf ein besseres Menschsein. Wer Pferdisch lernt und anwenden will, wird an sich selbst arbeiten. In diesem Sinne kann nicht jeder Pferde ausbilden oder korrigieren. Pferdisch ist also auch unbequem, gleichzeitig aber auch eine ungeheuere Versprechung. Indem wir versuchen, angemessen mit Pferden umzugehen, müssen wir selbst zu besseren Menschen werden, da die Pferde uns nämlich spiegeln.
| Wir sind schon mehrfach auf die so verbreiteten "Leckerli" eingegangen. In allen Schulungen und in unseren Basis Seminaren findet dieses Thema immer einen großen Raum. Warum geben wir Menschen unseren Tieren, Pferden und Hunden so gerne "Leckerli"? Könnte es sein, damit sie uns "liebhaben"? Damit sie sich freuen, wenn wir kommen? Damit sie positive Gefühle mit uns verbinden? Damit sie sich uns gegenüber als dankbar erweisen? Oder geben wir sie als wohlgemeinten Futterzusatz? Im letzteren Falle könnten wir sie ja auch mit in die übliche Futterration geben? Warum tun wir das denn nicht einfach? Also wollen wir wohl doch geliebt werden? Wir möchten den Leser bitten, sich einmal kritisch mit seiner inneren Haltung auseinanderzusetzen. Geschenke, Bakschisch, materielle Zuwendungen, gar Bestechungen schaffen Abhängigkeiten. Das Pferd wird diese Zuwendungen schätzen, nicht aber uns. Ganz im Gegenteil. Wir werten uns selber damit derartig gegenüber dem Pferd ab, daß dieses uns weder respektieren noch uns vertrauen kann. Wir machen uns definitiv rangniederer, was es unserem Pferd unmöglich macht, uns zu respektieren. Und wenn kein Respekt da ist, schwindet auch das Vertrauen. Das ist eine fatale Folge der "Leckerli". Schlimme Unfälle sind nicht selten die Folge.
Eltern eines jungen Mädchens hatten Kontakt zu uns aufgenommen, weil das Pferd ihres Kindes ein bedrohliches Verhalten an den Tag legte. Wir haben damals einen Termin für eine Problemanalyse vereinbart, um der Sache auf den Grund gehen zu können. Ferndiagnosen sind in solchen Fällen nach unserer Auffassung unseriös. Wenige Tage vor dem vereinbarten Termin erhielten wir eine E-Mail von den Eltern, daß die Analyse sich erübrigen würde. Bei dem Versuch, dem Pferd ein "Leckerli" zu geben, hatte dieses dem Mädchen zwei Finger der rechten Hand abgebissen. Das Pferd wurde daraufhin verkauft. a.a.O., Seite 77-78 | | |
Könnte man diese Lektion drastischer verpacken? Haben Sie bemerkt, wie das harmlose Thema Leckerli mit Persönlichkeitsfragen verknüpft worden ist? Sie können Ihr Pferd nicht täuschen. Das können die Autoren auch nicht, und deshalb schätzen sie die Pferde so sehr, nämlich als Trainer für sich selbst, als Coach, wie man heute gerne sagt.
Ich muß Sie also warnen. Wer sich auf Friedhelm und Christine Pohl einläßt, läuft Gefahr, seine Persönlichkeit zu verändern. Natürlich nur im guten Sinne, aber wer will das schon? Im Grunde wollen wir doch alle so bleiben, wie wir sind. Nur die anderen sollen sich ändern, die Menschen und die Pferde. Wir selbst sind nämlich per Definition perfekt.
Das Dumme ist nur, daß man sich mit dieser Haltung permanent Beulen holt. Die Realität läßt sich nicht einfach durch magisches Denken verändern. Und wer sich genügend Beulen geholt hat, der schaut vielleicht doch einmal hin und entdeckt, daß die Wand nicht weichen wird, auch wenn ich noch so oft mit dem Schädel dagegenrenne. Wenn Sie genug Beulen haben, sind Sie vielleicht reif für Pferdisch.
Das Buch ist vollständig mit eigenen Fotos illustriert. Auch dort herrscht absolute Perfektion. Perfekte Reithallen, perfekte Boxen, perfektes Equipment, perfekte Fotos, perfektes Design. Und natürlich besitzt dieses Buch auch ein perfektes Schlußwort:
| Reiten ist Charakterschulung - So, oder so!
Wir, die Autoren, haben traditionelle Reitausbildungen unterschiedlicher Reitstile genossen, und zwar bei den besten Lehrern, die wir finden konnten. Es handelte sich um eine Schulung, die viele Jahre dauerte und mit erheblichem Aufwand verbunden war. Wir haben dabei gelernt, das Pferd zu unterdrücken. Es hatte unserem Druck zu weichen und sich dabei unserem Willen unterzuordnen. Jedes Fehlverhalten war zu sanktionieren und die Regeln der jeweils zuständigen Verbände, die Regelwerke von FN (Deutsche Reiterlichen Vereinigung), EWU (Erste Westernreiterunion) oder NRHA (National Reining Horse Association) waren Bibeln, die weder hinterfragt wurden, noch in geringster Weise individuell ausgelegt werden durften. Über viele Jahre machten wir die Erfahrung, wie es sich anfühlt, ein Unterdrücker zu sein, der gnadenlos seinen Willen einfordert, selbst wenn das definitiv zum Schaden des Pferdes war.
Charakterschulung bedeutet aber, daß diese Verhaltensweisen auch in anderen Lebensbereichen greifen werden. Friedhelm war 29 Jahre lang Kriminalbeamter, zunächst aus Passion, zuletzt immer mehr wegen der materiellen Versorgung. Auch dabei hat er das gleiche Lebensmuster gelebt, wie im Umgang mit den Pferden: Der Stärkere, der Gute - unterdrückte den "Schlechten", Schwächeren. Wer der Schlechte war, definierte ein Regelwerk, ähnlich den Regelwerken der Pferdeverbände. So, wie es die Neuen Ethische Grundsätze des Pferdefreundes der FN von 1994 und darauf aufbauend die Regelwerke gibt, so gibt es als Pendant das Deutsche Grundgesetz und darauf aufbauend viele Fachgesetze für die Regelung eines Miteinanders für uns Menschen.
Eine jahrzehntelange Praxis hat gezeigt, daß dabei das Grundgesetz durch die praktizierenden Menschen ebenso ad absurdum geführt wird, wie die Ethikgrundsätze durch die praktizierenden Reiter. [...]
Wir, Christine und Friedhelm, sind die gleichen Menschen wie vorher. Es fühlt sich nur sehr anders an, ob wir als Unterdrücker oder Unterdrückte leben und wirken oder als Partner. Wir leben heute zufrieden und in Balance. Wir sind gesund und leistungsfähig. Wir stehen morgens motiviert auf und freuen uns auf unsere Arbeit, und wir gehen abends zufrieden ins Bett. Wir können kreativ sein und unser Potential ausleben. [...]
Wir wünschen Ihnen eine klare Positionsbestimmung, den Mut und die Kraft, der/die zu sein, der/die Sie sein wollen. Reiten ist Charakterschulung.
So - oder so! a.a.O., Seite 169 | | |
erschienen 22.04.07
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 227, Pohl, Christine und Friedhelm: › Das Pferdisch Prinzip, Neue Wege im Umgang mit Pferden und Menschen Ausgabe 369, Pohl, Christine und Friedhelm: › Das Pferdisch Prinzip - Bodenarbeit, Respekt - Vertrauen - Balance Ausgabe 422, Pohl, Christine und Friedhelm: › Das Pferdisch Prinzip, Neue Wege im Umgang mit Pferden und Menschen
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