
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Sie verblüffen und faszinieren auf jeder Abendshow: Die stillen Meister, die ihre Pferde ohne alles dirigieren. Sie kommen aus Frankreich und sind aus dem Showbusiness nicht mehr wegzudenken: » Lorenzo und » Jean Marc Imbert zum Beispiel.
Auch hierzulande gibt es Showstars, die zeigen, daß Kommunikation zwischen Pferd und Mensch auch ohne Hilfsmittel möglich ist - Karin Tillisch hat sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht einen Namen gemacht. Sie ist zwar noch nicht so berühmt wie ihre französischen Kollegen, sie scheint es auch nicht darauf anzulegen, ein Abendpublikum beeindrucken zu wollen, aber dafür hat sie eine pädagogische Ader. Und davon können Sie profitieren.
Wie so oft, entwickeln sich Schicksale mit einer gewissen Folgerichtigkeit. Schon mit drei Jahren wurde Karin Tillisch von Ihrem Opa auf ein Pony gesetzt, und dieser Opa wußte: "Wenn du Kraft brauchst, machst du was falsch." Der Opa war eines Tages nicht mehr und die Eltern trösteten mit konventionellem Reitunterricht. Das Kontrastprogramm hätte schlimmer nicht sein können und endete mit einer ernsthaften Verletzung, deren Folgen für das ganze Leben reichten. Kein Wunder, daß Pferde und Reiten für ein paar Jahre kein Thema mehr waren.
Die Begegnung mit einem einfühlsamen Westerntrainer half ihr wieder aufs Pferd. Wie dieser jedoch auf die Idee kam, ihr einen als gefährlich verschrieenen Wallach unbestimmter Herkunft anzubieten, und warum sie begeistert zugriff, muß jedoch wieder als schicksalhaft gelten. Ebenso die allergische Reaktion des Wallachs auf einen Bienenstich in der Sattellage, der zusammen mit der durch die Lokalität bedingten Unmöglichkeit des Weidegangs zur Notwendigkeit führte, das Pferd zu beschäftigen.
So entwickeln sich Legenden. Kennen Sie die Geschichte des Hundes, der TV-Star bei Gottschalk wurde, weil er fast 100 Begriffe gelernt hatte? Mittlerweile ist dieser Hund auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden und kennt fast 300 Begriffe. Wer hätte das gedacht? Auch dieser Hund war krank und mußte beschäftigt werden. Seine Besitzerin hatte sich aus Not Spiele ausgedacht, die auf wissenschaftliches Neuland führten.
Karin Tillisch hat mit ihrem Wallach Shadow zunächst Übungen absolviert, die mittlerweile als zirzensisch bekannt sind, ist damit öffentlich aufgetreten und hat schließlich auch Kurse angeboten. Da sie für längere Zeit keinen Sattel benutzen konnte, begann sie ohne Sattel zu reiten und stellte später fest, daß sie sich ohne Sattel wohler fühlte. Inzwischen hat sie ein System entwickelt, wie man ohne Sattel und ohne Zaumzeug reiten kann, und stellt dieses System in diesem Buch vor.
Es ist natürlich reichhaltig bebildert; nur ganz wenige Fotos zeigen die Autorin auf dem Boden. Hier geht es also nicht um Bodenarbeit, obwohl Bodenarbeit natürlich die Grundlage für jegliche Vertrauen zur Arbeit legt. Und um Vertrauen geht es natürlich auch, Vertrauen von Seiten des Pferdes und des Menschen, es geht aber auch um das Trauen, denn Karin Tillisch hat, nicht zuletzt durch ihre traumatischen Erlebnisse in der Jugend, durchaus Angst.
Selbstverständlich lehnen Verlag und Autorin und "andere an diesem Buch direkt oder indirekt beteiligte Personen" jegliche Verantwortung und Haftung für Unfälle oder Schäden jeder Art ab, die aus den in diesem Buch dargestellten Übungen entstehen können. Die Fotos, die vollkommene Freiheit in der weiten Natur signalisieren, sind selbstverständlich unter sicheren Umständen aufgenommen worden. In der sicheren Umzäunung einer Reithalle oder eines Reitplatzes sollen diese Übungen aber für fast jeden Menschen und fast jedes Pferd möglich sein - entsprechende Vorbereitung vorausgesetzt, die durchaus Jahre dauern mag.
Karin Tillisch hat mit Shadow selbst Jahre gebraucht und arbeitet immer weiter an sich, ihrem Pferd und ihrer Beziehung. Dabei läßt sie sich von den Gegebenheiten leiten, etwa von der Bekanntschaft mit der Westernreiterin Sita Stepper, Deutsche Meisterin Superhorse und All Around, die sich auf Turniere vorbereitet und ihre Übungen übernimmt, während sie ihr Pferd mit den Westernübungen vertraut macht, und zwar ohne Sattel und Zaumzeug.
Das geht, und im Grunde darf es nicht verwundern. Schon in der Antike waren kriegerische Afrikaner berühmt für ihre Fähigkeit, die Pferde mit nur einem Stöckchen zu lenken. Elefanten werden bis heute mit einem Stöckchen dirigiert, und auch Jean Marc Imbert setzt ein Stöckchen ein. Es geht eben nur um die Signale, um die Kommunikation, und warum man dafür den Pferden Eisen ins Maul gelegt hat, wird sich vielleicht nicht aufklären lassen. Man hat auch Hunde, Ziegen und viele andere Tiere vor den Wagen gespannt, ohne Gebisse zu verwenden.
Kommunikation setzt voraus, daß die kommunizierenden Parteien sich vertrauen und verstehen und miteinander kommunizieren wollen. Karin Tillisch ist es sehr wichtig, daß ihr Pferd mitarbeiten möchte, daß es Spaß hat an der Arbeit und am Spiel, und deshalb bedankt sie sich auch bei allen Pferden, die ihr Gelegenheit gegeben haben, etwas zu lernen, und sie ist sich sicher, daß sie mit jedem neuen Pferd noch weiter lernen wird.
Selbst wenn Sie nicht lernen wollen, wie man ohne Sattel und Zaumzeug reiten kann, sollten Sie dieses Buch sorgfältig lesen, denn Sie können nur gewinnen, wenn Sie die Erfahrungen und Einsichten von Karin Tillisch studieren. Da dieses Buch auch noch sehr preiswert ist, sollte es in keiner Pferdebibliothek fehlen.
Aus der » Homepage von Karin Tillisch:
| 10.11.2006, 18.30 terranove "Planet Pferd" Am 10.11.2006 ist es endlich soweit - der Sender "terranova" strahlt in seiner Sendung "Planet Pferd" ein 22 minütiges Special über die Mocha Oak Ranch, Shadow, Karin, Starlight und Sita aus! | | |
Mit diesem Buch bewegen wir uns weiter in eine aufregende Zukunft, die die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd grundlegend verändern wird. Die Reitlehre, wie sie Karin Tillisch in ihrer Jugend genossen hat, wird vielleicht bald der Vergangenheit angehören. Es hat zweifellos immer wieder Menschen und Pferde gegeben, die auf eine Weise miteinander kommuniziert haben, wie das die Fernsehserie » Fury in den fünfziger Jahren thematisiert hat. Möglicherweise wird eine solche Kommunikation zwischen Mensch und Pferd einmal Gemeingut werden, unser heutiger Umgang hingegen als barbarisch gelten. Bis dahin wird aber noch einige Zeit ins Land gehen. Bücher wie dieses, Menschen wie Karin Tillisch und Pferde wie Shadow bringen uns auf diesem Weg voran.
erschienen 29.10.06
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 293, Tillisch, Karin: › Harmonie - Pferd und Mensch, Neue Wege zur vertrauensvollen Partnerschaft Ausgabe 431, Tillisch, Karin: › Vom Round Pen zur Freiheitsdressur, Bodenarbeit mal anders, Cadmos Reiterpraxis
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