
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses ist ein richtiges Buch, in größerem Format, mit schwerem Deckel, gebunden, auf hochwertigem Papier gedruckt, und für die damalige Zeit sehr modern aufgemacht. Wie in einem Magazin ist der Text dreispaltig gedruckt, wobei die äußeren Spalten einzelne Sätze des Textes hervorheben. Der Anhang bietet ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis.
Auf dem Vorderumschlag ist Fred Rai in einer weiten Mittelgebirgslandschaft abgebildet. Er sitzt auf einem Westernsattel und hält das "Bändele", das "Knotenhalfter ohne Knoten" mit Zügel, leicht in der Hand. Das Frontispiz zeigt Fred Rai auf demselben Pferd mit demselben Sattel und derselben Satteldecke, diesmal aber ohne Bändele, mit verschränkten Armen, auf einer Wiese vor einem Wald, der Rappe in starkem Schritt.
So mag man sich das ja noch gefallen lassen, eine Aufnahme für den Fotografen, im Hintergrund eine Absperrung, damit nichts passiert, weitab von jeder Irritation - aber weit gefehlt! Inzwischen habe ich es schon mehrfach erwähnt: Genau so, ohne jegliches Zaumzeug, mit verschränkten Armen, bin ich Fred Rai einmal begegnet, mitten im Lärm und Gewühl einer Pferdemesse, zwischen zwei Messehallen, freundlich lächelnd, die Arme verschränkt. Damals hatte ich mich noch nie mit Fred Rai beschäftigt, ich wußte gar nicht, wer er war und was er wollte, aber irgendwie war mir dieses Bild schon einmal begegnet und ich platzte ohne nachzudenken heraus: "Sie müssen Fred Rai sein!" Worauf dieser freundlich lächelnd nickte und vorüberritt.
Es lächelt aber nicht nur der Reiter, sondern auch das Pferd, sofern Pferde lächeln können, und ich würde behaupten, daß sie das tun. Den berühmten Spruch "Glückliche Milch von glücklichen Kühen" möchte ich abwandeln zu "Glückliche Reiter auf glücklichen Pferden". Das Glück der Reiter und Pferde liegt Fred Rai am Herzen, aber auch er mußte einen langen Weg zurücklegen und hat dabei Schuld auf sich geladen, die er mit seiner Arbeit und diesem Buch abtragen möchte. Er hat nämlich Pferde zunächst ganz konventionell gesehen und behandelt und dann erfahren, daß Pferde ganz anders sind.
Wie sind Pferde? Zunächst können Pferde keinen Schmerzlaut von sich geben. Diese Einsicht veränderte das Leben von Fred Rai. Man denke nur vergleichsweise an das Geschrei, das Hunde und Katzen von sich geben, wenn man ihnen versehentlich auf die Pfote tritt, und vergleiche das mit einem Pferd, das mittels Sporen, Peitsche, Gebiß traktiert wird. Man denkt gar nicht darüber nach, aber es gilt als normal, Pferde zu schlagen. Jockeys müssen lernen, die Pferde effektiv zu schlagen, damit diese gewinnen.
Fred Rai ist nicht gegen den Sport. Mit den Worten "Leistung - Ja, Quälen - Nein" faßt er seine Haltung zusammen (Seite 12). Aber er wettert unerbittlich gegen die unerträglichen Zustände im Sport:
| Jährlich zu Tausenden durchgeführte Nervenschnitte an den Hufgelenken sprechen eine deutliche Sprache. Pferde, die durch Überforderung im Sport und beim Springen die sogenannte Hufrollenerkrankung erleiden, werden mit dem Durchtrennen der Nerven nicht geheilt, sondern lediglich schmerzfrei gestellt, um sie dann mit tauben Gelenken weiter beanspruchen zu können.
Hier gilt es, mit ganzen Einsatz Aufklärungsarbeit zu leisten, um die Reiter zu sensibilisieren und aufzuwecken, denn viele wissen nicht, was sie tun. Welche Fernsehanstalt würde noch das "Grand National" oder das Hindernisrennen in Pardubice in Tschechien übertragen, wenn Pferde mit gebrochenen Beinen ihren unmenschlichen Schmerz und ihre Todesangst lauthals hinausschreien könnten.[...]
Vergessen wir nicht: Das Tier fühlt genau wie der Mensch, ist ihm aber durch seine geistige Unterlegenheit ausgeliefert. Das Pferd ist auf das Wohlwollen und das Verständnis seines Herrn angewiesen. Durch den fehlenden Schmerzlaut bedarf es der besonderen Obhut und Sorgfaltspflicht seines Besitzers. a.a.O., Seite 13 | | |
Zur Versammlung:
| Tatsache ist, daß kein Pferd, am langen Zügel geritten, sich ohne die Einflußnahme des Menschen versammeln würde. Ein Pferd wird immer - läßt man seinem Instinkt freien Lauf - die angenehmste Haltung einnehmen. Somit ist eindeutig festzustellen: Die Versammlung ist eine unnatürliche Körperstellung. Sie kann mit Tanzfiguren im menschlichen Ballett verglichen werden.
Gegen das Reiten in dieser Art ist nichts einzuwenden, wenn sich Pferde zur Versammlung anbieten. Treibende Hilfen dürfen dabei nur fordern und nicht schmerzend eingesetzt werden. Ebenso soll die Verbindung der Zügel mit dem Pferdemaul so leicht wie mit einem Bindfaden sein - wie es große Reitlehrer der Vergangenheit fordern.
Doch nur ein Teil der Pferde bietet sich ohne Zwang zur Versammlung an. Trotzdem wird versucht, mit Hilfen eine künstliche Versammlung zu erreichen. Sägende Hände, Ausbinde-, Stoß- und Schlaufzügel sind schlimme und leider übliche Hilfsmittel, den Hals des Pferdes nach unten zu zwingen. Dabei wird selbstverständlich niemals eine echte Versammlung erreicht. [...] a.a.O., Seite 42 | | |
Zum Westernreiten:
| Auf der Suche nach verlorengegangenen Rindern waren unwegsamen, wilde Landschaften und steile Uferböschungen zu überwinden. Dies alles mit einhändiger Zügelführung! Die zweite Hand wurde zur Arbeit mit Lasso und Peitsche benötigt. Die Rinder mußten gefangen und oft 1.000 Meilen weit getrieben werden.
Dazu benötigte das Pferd seine volle Bewegungsfreiheit - vor allem aber seinen freien Hals. Ihn braucht das Pferd, wie der Mensch seine Arme, um den Körper beim Gehen oder Laufen auszubalancieren. Der freie Hals des Pferdes ist auch die Voraussetzung, daß der Reiter nicht ständig treiben muß. Es ist eine alte Binsenweisheit: Was ich vorne nicht halte, brauche ich hinten nicht zu treiben.
Dem Cowboypferd wird extreme Leistung abgefordert. Hohe Belastungen für Muskulatur und Sehnen stellen bei der Arbeit mit Rindern die plötzlichen Stops, engste Wendungen, Spurts aus dem Stand und das Hin- und Herspringen auf der Hinterhand dar.
Da Extrembelastungen, also Figuren, die über das natürliche Verhalten der Pferde hinausgehen, in keinem Reitstil ohne Schmerzeinwirkung herauszureiten sind, werden auch beim Western-Reiten Hilfsmittel verwendet, mit denen Cowboys ihren Pferden nicht unerhebliche Schmerzen zufügen können. Scharfe spitze Sporen, gezackte Sporenräder und blanke Kandaren werden häufig verwendet. Die Methode der früheren Cowboys waren also weder pferdeschonend noch pferdefreundlich.. Es blieb keine Zeit, junge Pferde behutsam einzureiten. Die Pferde wurden "eingebrochen". Ein Pferdeleben hatte keinen großen finanziellen Wert. Mitgefühl konnte man sich nicht leisten. Sättel waren teurer als die Tiere, für die sie gemacht wurden. [...] a.a.O., Seite 42/43 | | |
Zum Westernsport:
| Kurze Zeit sah es so aus, als würde die sprichwörtliche Treue und Zuverlässigkeit des Quarterhorses durch seine Verwendung als Freizeitpferd tatsächlich belohnt. Die schwere, oft harte und mit Extrembelastungen verbundene Arbeit beim Rindergeschäft wurde durch das Freizeitreiten ersetzt. Doch das Glück dauerte nur kurze Zeit. Mittlerweile hat sich der Leistungs- und Turniersport auch im Western-Reiten etabliert und erfreut sich ständig wachsenden Zulaufs. Wieder einmal hat der Mensch eine Sportart entdeckt, mit der man seinen eigenen Ehrgeiz auf Kosten eines Tieres befriedigen kann. Hier werden zum Vergnügen der Menschen - sicher nicht zum Vergnügen der unschuldigen und duldsamen Pferde - unter Wettbewerbsbedingungen immer extremere Leistungen gefordert. [...]
Aus diesem Grund muß das Wanderreiten als Alternative populärer gemacht werden. Wanderwege sind einzurichten, Wanderführer mit Übernachtungs- und Rastmöglichkeiten für Reiter und Pferd müssen erarbeitet und veröffentlicht werden.
Und noch etwas: Zum Wanderreiten sind Hilfen, mit denen man Pferden Schmerzen verursachen kann, nicht erforderlich. Es ist höchste Zeit, daß wir Reiter endlich aufwachen und verstehen, daß das duldsame Pferd bereit ist, den Menschen willig bis zur Erschöpfung zu tragen. Danken wir es doch diesen treuen Tieren, indem wir nur noch faire Leistungen von ihm fordern.
Weiß wirklich jeder Reiter, was er diesen Geschöpfen antut? a.a.O., Seite 45 | | |
Das nächste große Thema ist die Erziehung. Hunde werden mit Belohnungen gezogen, Pferde mit Strafen. Wie widersinnig! Fred Rai arbeitet ausschließlich mit Belohnungen. Die beiden Abbildungen, mit denen das Kapitel "Verhaltensweise und Psyche der Pferde" eingeleitet wird, zeigen deutlich, worauf es ankommt und was erreicht werden kann.
Auf den ersten Bild sieht man eine Frau, die nach Rai-Manier mit dem Bändele an einem Straßenrand reitet und gerade von hinten von einem VW-Bulli überholt wird. Das Pferd geht so gelassen, als wäre das Auto gar nicht da. Man könnte es in Gedanken wegretuschieren und es würde nicht fehlen. Das andere Bild zeigt Fred Rai bäuchlings mitten unter seinem Pferd, das grast. Bildunterschrift: "Pferde, die keine Angst vor den Menschen haben und seine Dominanz anerkennen, sind berechenbar ungefährlich."
| [...] Tiere können nicht falsch sein!
Ein Tier kann nur so reagieren, wie es seine Triebe und seine Veranlagungen von ihm verlangen. Mit der Kenntnis seiner Psyche und Verhaltensweise ist ein Tier also absolut berechenbar.
Man kann einen Hund beispielsweise nicht als falsch bezeichnen, der einen, wenn man ihn streichen will, in die Hand beißt. Der Hund, als fleischfressendes, vom Wolf abstammendendes Angriffstier, muß beißen, wenn er, aus welchem Grund auch immer, vor der ihn anfassenden Hand Angst hat. Eine Maus wird bei dem gleichen Vorhaben nicht beißen, sondern als ängstliches Tier sein Heil in der Flucht suchen. Ist es aber in die Ecke gedrängt, drohen schmerzhafte Erfahrungen mit diesem Nager. Das Wehrverhalten ist jedem Fluchtier angeboren.
Als typisches Fluchtier hat auch das Pferd ein ausgeprägtes Wehrverhalten. Dies zeigt sich im Beißen, Steigen, Buckeln, Ausschlagen und Durchgehen. a.a.O., Seite 49/50 | | |
Zur Dominanz:
| Tiere können nur so reagieren, wie sie veranlagt sind. Ein Pferd ist entweder bereit zu dienen und die gestellten Forderungen gehorsamst zu erfüllen, oder zu herrschen und bei Nichtgehorsam mit Bissen oder Tritten seinen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Beide Verhaltensweise gehören also zum normalen Repertoire eines Pferdes, damit die Gemeinschaft einer Herde funktionieren kann.
Für den Menschen bedeutet das: Hat er die Dominanz über sein Pferd, ist dieses absolut bereit, ihm bedingungslos zu dienen und zu gehorchen. Hat das Pferd dagegen die Dominanz, erwartet es vom Menschen Gehorsam. Jede Anordnung des Reiters muß dann tatsächlich die echte Wut des Pferdes auslösen - die Folgen kennen wir alle. Deshalb ist also die Dominanz des Reiters unabdingbare Voraussetzung, ein Pferd führen zu können. a.a.O., Seite 70/71 | | |
Zur Anatomie:
| Der Rücken des Pferdes ist weit mehr als der andere Tiere in der Lage, schwere Lasten zu tragen. Das hat seine Ursache in der Brückenkonstruktion der Wirbelsäule, bei der die Gliedmaßen als Brückenpfeiler dienen. [...] Ein Pferd benötigt deshalb, im Gegensatz zum Menschen, keine Kraft, um den Kopf zu heben. So kann auch der Kopf der im Stehen schlafenden Pferde niemals nach unten fallen - was dagegen schon manchen Menschen wieder unsanft geweckt hat.
Es muß auch endlich mit der falsche Behauptung aufgeräumt werden, daß ein Pferd das Gewicht des Reiters nur in der Versammlung durch die verstärkte Wölbung des Rückens tragen könnte. Tatsache ist jedoch, daß die Wirbelsäule eines Pferdes von Natur her bereits eine äußerst tragfähige Rückenkonstruktion darstellt.
Steigt die Gewichtsbelastung, wird das Pferd ohne den Einfluß des Menschen instinktiv die Haltung einnehmen, mit der es die Mehrbelastung im Gleichgewicht am angenehmsten tragen kann. Versuche haben ergeben, daß Pferde bei geringer Belastung, wie der eines Kindes, eine andere Haltung einnehmen, als bei der Belastung durch einen Zwei-Zentner-Mann. Sie senken dabei den Hebelarm Hals, um über die "Umlenkrolle" Widerrist das an der Wirbelsäule befestigte Nackenband zu spannen. Die Tragfähigkeit des Rückens wird so erhöht. [...]
Warum dürfen auch Pferde nicht endlich in der für sie, ihren individuellen anatomischen Voraussetzungen entsprechenden und angenehmsten Haltung den Reiter tragen? Dies ist die für das Pferd schonendste Art. Davon kann sich jeder bei der Besichtigung meiner Pferde überzeugen. Bub, unser Rentner, ist mit 35 Jahren noch kerngesund, obwohl er nach zwölfjährigem Trabrennstreß bis zu seinem 30. Lebensjahr als Schulpferd viele Menschen das Reiten auf natürliche Art lehrte. Amigo, unser Araber: 28 Jahre korrekter Rücken und noch nie Beinprobleme; Lady, das bayerische Warmblut ist mit 26 Jahren durch ihre weichen Gänge das Lieblingspferd aller und ist kerngesund. Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Dies - nicht unbeweisbare Behauptungen - sind schlagende und unumstößliche Beweise für die Richtigkeit dieser Thesen. a.a.O., Seite 98/99 | | |
Ich habe auch dieses Buch von Fred Rai von vorne bis hinten mit großem Interesse und Vergnügen durchgelesen und viele kleine Zettel eingelegt. Diese Zitate müssen aber jetzt reichen, um Haltung, Stil und Inhalte des Autors deutlich werden zu lassen. Auf Seite 120 plädiert er für Hufeisen, aber als Notlösung. Anscheinend weiß Fred Rai nicht, daß man Kontinente durchqueren kann, ohne Eisen benutzen zu müssen.
Fred Rai ist ein ganz praktischer Mensch. Deshalb findet sich in diesem Buch auch ein Abschnitt zum Verladen. Fred Rai muß als fahrender Sänger seine Pferde oft genug verladen und hat eine ganz besondere Methode - von der ich noch nie gehört hatte, die aber sehr einleuchtet. Ich werde sie Ihnen hier nicht verraten.
Fred Rai ist auch ein streitbarer Mensch. Er scheut sich nicht, Menschen auszugrenzen und dies auch noch als Randbemerkung herauszustellen: "Übergewichtige und ungelenke Reiter haben auf einem Pferderücken nichts verloren. Reiten soll für Reiter und Pferd eine faire Leistung darstellen."
Der Sitz nach Fred Rai sieht auf den ersten Blick merkwürdig aus, ist aber nach seinem Dafürhalten der einzige, der dem Pferd angemessen ist, und das Pferd ist für ihn das Maß aller Dinge: "In allen Gangarten gibt es nur einen richtigen Sitz auf dem Pferd, nämlich den Sitz im Gleichgewicht."
Fred Rai ist leidenschaftlicher Wanderreiter, und seine Vision und Forderung nimmt allmählich Gestalt an. Vor mir liegt die ganze Zeit eine Einladung in die Altmark, die mit 1600 Kilometern ausgeschilderten Routen und zahlreichen Reiter- und Ferienhöfen das größte zusammenhängende Reitwegenetz Europas besitzt. Überall im Lande, überall in Europa werden Reitwege eingerichtet und ausgebaut. Die Reiter müssen nur zugreifen.
Rai-Reiten ist gewaltloses Reiten, das Mensch und Pferd Freude bereiten soll. Voraussetzung dafür ist, daß der Mensch das Pferd versteht. Es geht nicht darum, das Pferd zu manipulieren, sondern seinem Wesen gerecht zu werden. Dieses Wesen der Pferde ist merkwürdigerweise jahrtausendelang unerkannt geblieben und mißverstanden worden. Ende des 20. Jahrhunderts jedoch meldeten sich überall Menschen wie Fred Rai, die eine neue Sicht des Pferdes anboten. Gewaltfreiheit ist oft Bestandteil dieser neuen Sicht, bis hin zum Verzicht auf jegliches Eisen.
Fred Rai ist ein Reiter und Lehrer, der unter allen Umständen beweisen kann, daß er Recht hat. Und er ist ehrlich genug, auch von Schwierigkeiten zu berichten. Zwei Beispiele dazu, die er als Illustration in einem Kasten bringt:
| [...] Mehr als 300 Englisch-Reiter waren gekommen. Man Pferd ging wie im Traum. Die leichteste Drehung meines Körpers setzte es in Volten und Schlangenlinien um. Man sah keine Hilfe beim Angaloppieren, die Parade zum Stehen erfolgte mit zwei Fingern über mein dünnes Schnurhalfter: das "Bändele". Doch erst als ich das Halfter meines Pferdes entfernte und alle Figuren in allen Ganggarten ohne jegliches Zäumung vorstellte, bemerkte ich beeindruckte Gesichter. "Ja, aber andere Pferde kann man ohne Gebiß in dieser Art nicht reiten.", wurde ich von einer Gruppe von Reitern belehrt. "Bringt mir ein Pferd.", war meine Antwort und ich wußte, daß es wie immer ein Problempferd sein würde. Das aufgeregte Gemurmel bestätigte mir dies, und schon wurde es hereingeführt. Ein großer, schöner, schwarzer Wallach. Über seine Untugenden, die er mit Sicherheit hatte, brauchte ich mir nicht lange Gedanken zu machen. Er war noch nicht einmal in der Bahn, da hatte er sich schon losgerissen und jagte durch die Halle. Ich fing ihn ein und legte ihm mein Schnurhalfter an. Den Belohnungston lernte er in zwei Minuten. Ich setzte mich auf seinen Rücken und zeigte ihm, daß kein Peiniger ihn bestiegen, sondern eine "große gelbe Rübe" auf ihm Platz genommen hatte. Sie galt es vorsichtig zu tragen, wollte man nicht die Quelle der Leckereien versiegen lassen. Er begann nach dem "Zankapfel" Trense oder Kandare zu suchen. Doch so sehr er sich auch streckte, er konnte keinen "Feind" im Pferdemaul entdecken, gegen den es sich zu wehren galt. Zusehends wurde er ruhiger. Hätte ich jetzt die Zügel angenommen, wäre er mir sicherlich durchgegangen - was er perfekt beherrschte. Doch Pferde rennen nur bei Zwang, denn Druck erzeugt Gegendruck. Am langen Zügel machte er eine ruhige Runde und nahm eine Zwei-Finger-Parade an, als wäre er auf eine unsichtbare Mauer gelaufen. "Hoho" kam die Belohnung. Drei weitere Paraden mit Belohnung und er gehörte mir. Ich ritt ihn mit zwei Fingern in allen Ganggarten und Bewegungen. Er ging, als hätte er nie einen anderen Reitstil kennengelernt. Am Schluß Parade zum Stand aus dem Galopp. Das Pferd stand wie angewurzelt. Dann kam der Beifall.
Doch mein größtes Lob kam von dem alten Pferdemann, Andreas Maurus, über das ich mich besonders freute. Er nahm mir das Mikrofon ab und sagte zu seinen Gästen, dieser geradlinige und urige Allgäuer: "Jetzt hend Ihr denkt, Ihr könntet meinen Freund Fred reinlegen, jetzt hat er Euch zeigt, was Reita hoißt." a.a.O., Seite 133 | | |
Aber nicht immer geht es so glimpflich ab:
| Mein schwierigster Fall war ein Pferd, welches das Steigen zu einer derartigen Perfektion entwickelt hatte, daß es ohne Gefahr nicht mehr zu führen war. Dieser Wallach überrannte alles und jeden. Beim kleinsten Ruck des Zügels stieg er senkrecht in die Luft und hieb mit den Vorderhufen Richtung Mensch. Ich gestehe, daß es für mich eine harte Prüfung war, auch hier meine bis dahin schon hundertfach bewährte Methode zu beweisen. Ich stehe dazu, daß ich ein flaues Gefühl im Magen hatte, als ich die Zügel aufnahm, und alle, die zusahen, hatten ebenfalls Angst. Klappte es wirklich - auch in diesem extremen Fall? In gewohnter Manier wollte er an mir vorbeistürmen. Aus den Augenwinkeln sah ich den Pferdekörper kommen und ich sprang ihn mit eisernen Willen rückwärts an. Meine Hinterseite prallte an seine Brust, er stand. Würde er steigen? Ich durfte mich nicht umdrehen. In diesem Moment war jede Angst verschwunden. Ich schob ihn mit aller Energie einen Schritt zurück - er wich mir aus. Mit langen Zügel schritt ich wieder vorwärts. Er ging willig mit. Ich stoppte ruckartig, er blieb einen Meter hinter mir stehen. Nochmals entschieden rückwärts auf ihn zu, er wich mir aus. Ich hatte gewonnen, meine Beobachtungen waren richtig. Selbst in diesem kritischen Fall wurde dies bestätigt. Fünf weitere Übungen machten aus ihm ein gesittetes Pferd. Er lief mit durchhängendem langen Zügel hinter mir und ließ sich ruhig in seine Box führen, in die er sonst immer hineinstürmte. a.a.O., Seite 138 | | |
Dieses Buch ist zugleich eine Einführung in die Pferdehaltung, in die Geschichte der Pferde, in die Geschichte der Reiterei, und sie endet mit dem Kapitel "Pferdekauf, Rechts- und Haltungsfragen". Wer nichts von Pferden versteht und sich zum ersten Mal informieren möchte, sollte dieses Buch kaufen. Alle anderen natürlich auch. Ich habe ziemlich viele Pferdebücher gelesen und dieses mit ganz besonderem Interesse. Es spielt keine Rolle, daß das Buch schon zehn Jahre alt ist. Es wird noch lange aktuell bleiben.
Ein Rezensent bei Amazon fand, daß Fred Rai sich wiederhole. Das kann ich nicht bestätigen. Wenn dem so sein sollte, kann es nicht schaden. Wer die ethischen Ansprüche, die für Fred Rai unabdingbar sind, nicht erfüllen will oder kann, wird ihn freilich verteufeln müssen. Wer seine Pferde quälen muß, kann Fred Rai nicht gut finden. Wer seine Pferde zur Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt, wird an den Methoden und Forderungen von Fred Rai keine Freude haben. Er muß andere Erfahrungen machen, möglicherweise genau die, die Fred Rai zur Umkehr bewegten, die ihn aufwachen ließen, die ihm zeigten, was ein Pferd wirklich ist.
Aber vielleicht muß es gar nicht so weit kommen, vielleicht reicht schon die Lektüre dieses Buches, um dem Leser die Augen zu öffnen und ihm neue Perspektiven zu geben, ihm neue Erfahrungen zu ermöglichen. Selbstverständlich ist ein Buch nicht alles, die praktische Umsetzung, die Vorführung gehören dazu. Vielleicht wird man nach der Lektüre einen Rai-Lehrer suchen. Fred Rai selbst unterrichtet, und manchmal auch auf seiner Ranch in den USA. Im Sommer ist er allerdings in Dasing verpflichtet, als Bösewicht in seinen Karl-May-Festspielen. Horst Janson spielt in diesem Jahr den Old Shatterhand. Der ist ja auch blond und Fred Rai ist schwarz. Dabei ist er doch gar kein Bösewicht!
erschienen 07.05.06
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 363, Rai, Fred: › Ohne Peitsche - Ohne Sporen, Der neue Weg zum gewaltlosen Freizeitreiten, Mit einem Vorwort von Andreas Grasmüller Ausgabe 376, Rai, Fred: › Auch wir haben Gefühle, Das emotionale Verhalten der Pferde
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